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                           PLOTS

Zum freien Gebrauch für Romanciers oder Drehbuchautoren unterschiedlichen Talentes und wechselnden Charakters bestimmt von

summacumlaude

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Praeklinische und klinische Protokolle

Im Folgenden erzähle ich einige praeklinische und klinische Geschichten, die so mancher auktorialer Öde aus Leipzig den dringend benötigten dialektischen Drive geben könnten. Sie sind als haupt- oder nebenmotivliche Grundlage zu verstehen und denjenigen Kollegen gewidmet, denen zwar ein Schreibzwang innewohnt, denen aber aktuell alle inhaltlichen Grundlagen fehlen.

Ob ein stimmiger Plot allerdings hinreicht, aus weitgereister Langeweile große Literatur zu kochen, bleibt sicherlich abzuwarten. Denn die Ödnis ist wahrscheinlich mehr als nur ein Themenmangel und deren Kompensation durch weltläufige Behauptung. Ist sie möglicherweise ein Themenüberfluß? Nun, ein Versuch sollte drin sein: Deswegen dem Leipziger Allerlei ein bös-triadisches Ständchen aus Praeklinik und Klinik:

Praeklinische Protokolle oder die Tragik

1. Protokoll

Der erste Alarm gegen 13:30 sprach von einer hilflosen Person an einem Bahndamm. Der Zugverkehr war bereits eingestellt worden, so dass die Selbstgefährdung der hilflosen Person zumindest diesen grausamen Weg nicht mehr gehen konnte. Für weitere Selbstmordaktivitäten fehlten dem verwirrten, ca. 70 Jahre alten Mann dann jegliche körperliche Vorraussetzungen, er konnte ein paar Meter noch laufen, wankend, offenbar medikamentös beeinträchtigt – und kataton lallen: „Ich bin ein großer Sünder, ich bin ein großer Sünder.“ Die bei ihm gefundenen Papiere wiesen ihn als Einheimischen, bisher eintragslosen Rentner aus. Großer Sünder? Na dann: Psychiatrie.

Diagnose 1: Akute Psychose (Versündigungswahn)

2. Protokoll

Sodann kam es gegen 14:15 zu einem weiteren Alarm; da der erstdiensthabende Notarzt den Verwirrten noch zu behandeln, genauer in die Psychiatrie zu transportieren hatte, wurde ein zweiter Notarzt hinausgeschickt. Kurioserweise war die Einsatzadresse genau der Wohnort des verwirrten Rentners. Alarmierungsstichwort war schwerverletzte Person.

Bei Eintreffen des zweiten Notarztes zeigte sich eine getötete alte Frau, die Axt noch im gespaltenen Schädel steckend, die Hände umklammerten die Urlaubskarten der einzigen Tochter aus Tunesien.

So war der Bahndammmensch mit Selbsttötungsabsicht also doch ein großer Sünder.

Diagnose 2: Mit dem Leben nicht vereinbare Verletzung.

Bemerkung: Revision der Diagnose 1 notwendig.

3. Protokoll

Einsatzstichwort war u.a.Bewußtseinsstörung, ein offenkundig jenseits der Kontrolle sich befindender Patient, dessen Bändigung die betroffene Familie überforderte. Sachbeschädigungen waren bereits zu verzeichnen, bei Eintreffen des Rettungsdienstes wähnte sich der Patient im schweren Abwehrgefecht gegen „die Russen“. Das geschah im Oderbruch in der Nähe zu den Seelower Höhen, so dass der Wahn dieses Patienten seine durchaus in der Wirklichkeit verankerte Komponente hatte. Was tun? Erst einmal das übliche Spiel: Herr … Sie werden auf jeden Fall mit uns mitkommen, es liegt nur an ihnen, ob mit oder ohne Polizei, also mit Zwang oder freiwillig!

Aber der Patient kämpfte ja nun und mitten im Kampf abbrechen? Nicht mit ihm! Das war er seinen Kameraden schuldig.

Da der rettende Einfall

Herr … Station P4 war zwischenzeitlich russisch, ist aber wieder zurück erobert. Wollen wir mal nachschauen, ob die Station immer noch in deutscher Hand ist Herr …?

Und das wollte er natürlich wissen. P4 verloren? Das wollen wir doch einmal sehen. Er kramte seine Waffen, die gar nicht da waren, zusammen und kam freiwillig mit.

In der Psychiatrie angekommen schloß sich elektrischgeräuschlos die Panzerglastür der geschlossenen Abteilung hinter ihm. P4 – sie war in deutscher Hand.

Diagnose: Qualitative und quantitative Bewußseinsstörung; akute Psychose.

Sektionsprotokoll oder die Tragikkomik

Der Nekrophile

Jedesmal wenn der an Angina pectoris leidende Sektionsassistent an eine Leiche trat, veränderte sich dieser freie und katholische Mann ins Unschöne, ins Groteske. Nicht ein Lächeln sondern eine Fratze legte die Zähne bloß. Die blauen Gemütsaugen versteckten sich hinter Lidschlitzen und die großen aber schönen Hände krallten und fausteten das Sektionsbesteck. Es entwickelte sich die dumpfe Triebhaftigkeit, die sich immer dann einstellt, wenn der Fetischliebhaber sein Begehr greifbar nah vor sich zu liegen hat; jene agonale Lüsternheit mit final weichen Knieen und schlaffem Tonus,

…und dann nach dem y-förmigen Kragenschnitt brach die Sektion los anders kann man es nicht nennen. Die an eine Geflügelschere erinnernde Knochenschere zerteilte den Brustkorb entlang der Knorpel-Knochen-Grenze und sodann fingerten und wühlten die schönen, großen Hände in dem Brustraum herum, um das Herz-Lungen-Paket zu fassen und dieses Organpaket zunächst stumpf entlang der Wirbelsäule bis zum Hals zu lösen, worauf ein fachgerecht durchgeführter Schnitt um den inneren Kinnbogen und im Bereich des weichen Gaumens die Luftröhre samt Kehlkopf sowie die Speiseröhre freigab. Diese Entnahme der Brustorgane geschah beim Sektionsassistenten in höchster Erregung, mit dem schon erwähnten grotesken Gesichtsausdruck, mit glühender Gesichtsröte, zitternden Händen und einer Wölbung im Schritt, die zu beenden er im Verlauf der Sektion die Toilette aufsuchte. Nach diesem erleichternden Abschluß der Situation übergab er die Sektion einem Schüler und fortan wanderte er zwischen den Sektiontischen umher, die schönen Hände auf dem Rücken verschränkt um einem etwaigen erneuten Zittern Einhalt zu gebieten….

Später setzte er sich in sein Büro, sprach zunächst mit seinem Papagei namens Bernd und las dann katholische Pilgerberichte aus dem 19. Jhd. , die Seiten mit zitternden, schönen Händen umblätternd…

In solch gelöster Stimmung setzte ich mich gerne zu ihm.

Zigarette?

Ach ja eine Herr Finkeldey!

Und wir rauchten und schwiegen.

Nun begann sein Thema: Gott und die Kirche! Und wie die Kirche lebt und leben muß über und gegen die Bedürfnisse der Gläubigen hinaus.

Was wollen wir, was dürfen wir in SEINER Gegenwart? Nichts!

Cura, die Sorge, Herr Finkeldey! Das Weiterleben des WERKES, dagegen sind wir….Staub von Anbeginn!

Asche und nächste Zigarette und nach einigen freundlichen Worten zu Bernd dann:

Die Kardinäle Herr Finkeldey! 24 Stunden Gespräch mit IHM! Das sind GEZÜCHTETE GEHIRNE!

-und währenddessen formten seine schönen, großen Hände in der Luft zwei gegenläufige Kreise, worauf diese Hände nach Vollendung dieser Geste zu zittern begannen…

Sein Ende erfuhr ich sehr viel später beiläufig in der U-Bahn. Einer seiner damaligen Schüler erkannte mich wieder und informierte mich über seinen Tod an den Fischräucherbuden am Treptower Park: Die letzte geschnorrte Zigarette, ein letztes Zittern; die ewig drückende Brust, die blauen Augen schauten nichts mehr.

ER hat einen großen Diener heimgeholt.

Stationsprotokolle oder die Komödie

Gegen drei Uhr wurde der diensthabende Assistenzarzt mittels Funk-Pieper geweckt. Eine Patientin „dreht durch“, war die unschöne aber treffende Beschreibung des Verhaltens der Frau G.. „Wir können nichts mehr tun….“

Also hin. Der Arzt stürzte auf die Station und bevor er sah, hörte er das Malleur: „Ich will die Wahrheit, endlich die Wahrheit!“

schrie Frau G. In alle Richtungen, den Rollator mit beiden Händen hin und her schleudernd, wobei einmal der Essenwagen, einmal der Verbandwagen scheppernd für Lärm und Mißmut sorgte. Zweifellos, es war ihr Ernst mit der Wahrheit, aber nachts um drei… wer erträgt nachts um drei schon die Wahrheit? Überdies ließ Frau G.s Blick durchaus Raum für Zweifel, ob die Befriedigung des Wahrheitwunsches auch wirklich zur Ruhe führen wird. So die schlüssigen, übernächtigten Gedanken des Assistenzarztes. Weiterhin rechnete er nach: Um sieben Uhr ist Übergabe, wenn er es schaffte, diese verrückte Alte bis halb vier zu bändigen, hätte er noch – na – drei und eine halbe Stunde Schlaf. Die Chance auf diese dreieinhalb Stunden gab ihm fünf mg Haloperidol subcutan also in die Bauchhaut gespritzt, ein hoch potentes Neuroleptikum, das schon so mancher Nachtschicht die benötigte Ruhe sicherte. Standardspruch: Wer Hallo ruft, muß Halo kriegen! Na dann: her damit!

Doch Frau G.s Wahrheit sah anders aus; eine Spritze in die Bachhaut?, aber nicht mit mir. Und statt dessen gab es erneutes Geheule, erneutes Schleudern des Rollators gegen Tisch und Bänke, ein überwildes, vormenschliches Gebrüll; ein Wüten gegen die Welt, die warzunehmen Frau G. doch kaum noch in der Lage war. „Was will der, was will der?“ und zeigte auf den Assistenzarzt. Ja, was wollte er eigentlich noch außer SEINER Ruhe, außer endlich die pharmakologisch gesicherte Kontrolle einer sonst unkontrollierbaren Situation. Wer hier noch therapeutischen Ehrgeiz entwickelt gar ursächliche Ansätze sucht ist verloren.

Aber Frau G. wehrte sich mit allen Gliedmaßen, die ihr zur Verfügung standen, gegen das Einbringen des rettenden Haloperidols. Sie nestelte, zog an dem am Hals hängenden Stetoskop, packte den nun seinerseits fuchtelnden Doktor am Kragen und in der Tat: Im Kampf war ein Unterschied zwischen den Kombatanten nicht mehr auszumachen. Wer zog hier wen? Wer machte was? Wer drehte durch?

Da ging Schwester Jenny dazwischen, bisher stumme und amüsierte Beobachterin des erbitterten Ringens:

Doc, so geht das nicht. Warte mal!“

Und nun stellte sich die Nachtschwester vor Frau G. schnippte in Nasenhöhe einmal mit den Fingern und intonierte mantraartig langsam:

Schneeeeeeeeeee!“ wozu sie den rechten Zeigefinger vor Frau G. Augen pendeln ließ.

Darauf Frau G.: „Schnee? Wieso Schnee?“ und gab für eine Sekunde jeden Widerstand auf, der Schwester und ihrer pendelnden Beschwörung der weißen Pracht mit den Augen folgend.

Diese Spanne reichte: 5 mg Haloperidol subcutan. Dreieinhalb Stunden Ruhe.

Soviel Wahrheit muß sein.

Brandenburger Alleen als sachlicher Einschub

Es existiert als rohes Gerücht, ohne dass irgendetwas Konkreteres faßbar wäre, und dennoch: Könnte es sein, dass es vor 1989 einen devisenbringenden Organhandel von Ost nach West gegeben hat? Jürgen Fuchs deutete in „Magdalena“ seinerzeit etwas an. Und wenn Häftlinge und pharmakologische Probanden aus der DDR zur Devisenbeschaffung gut waren, warum dann nicht auch ostdeutsche Organe? Organmangel gab es damals so wie heute, somit ist die Grundvorraussetzung gegeben: Eine Mangelsituation, die zu beheben dem Lieferanten ersehntes Mana gibt.

Lediglich die noch nicht ausgereifte intensivmedizinische Versorgung in der DDR setzt diesem verführerischen Gedankenexperiment seine Grenzen.

Aufgrund der beiderseitigen Verstrickungen ist auch ewiges Verschweigen garantiert. Kein Westdeutscher könnte auf den bösen Medizinbetrieb der DDR zeigen, denn die Organe winkten alle zurück…

Wenn ich mich so in das Thema schreibe, bin ich mir fast schon sicher, dass es einen Organhandel über Grenzen hinweg gegeben hat. Vor 1989 schlugen bereits manche Ost-Herzen im Westtakt. Dass dieses Denken allemal da war – die DDR als billiges Menschenrohstoffland – beweisen zwingend im Knast verfertigte IKEA-Regale, die schon erwähnten Pharmaversuche an der Charité für Westfirmen und der Häftlingsfreikauf. Viel Raum für Drehbuchautoren: Ein leicht schockiger Mittwochabendfilm sollte drin sein.

(2008 – 2013)

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Zwillingsforschung

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In einem abgelegenen Brandenburger Dorf, das durch Rückübertragungsansprüche arg gebeutelt worden war, geschah nicht lange nach dem Zuzug einer reichen, rückübertragenen Erbtante – so nannte sie sich selbst – ein Mord, und zwar an eben dieser „Erbtante“. Verständlicherweise führten die Ermittlungen zunächst einmal zu den Erben und dann, nachdem unfassbarerweise ein Erbe nicht zu finden gewesen war, zu einem etwas dubiosen Verein namens „Gegen revanchistische Westlerei e.V.“, einem Verein also, der im Grunde den Stammtisch der ehemaligen Partei- und LPG-Größen darstellte.

Zugleich fanden sich jedoch bei der Spurensuche am Tatort Reste von männlicher DNA unter den Fingernägeln der „Erbtante“ – offenbar Folgen eines Kampfes – und so lag es nahe, alle männlichen Bewohner des Dorfes genetisch zu erfassen. Diese Reihenuntersuchung brachte die entscheidende Wende. Denn die Probe eines 35-jährigen, alibilosen weil einsamen Lyrikers stimmte in allen untersuchten genetischen Teilaspekten mit den Tatortspuren überein. Mit dem oben beschriebenen Verein hatte er nichts zu schaffen, eine Erbschaft war für ihn nie zu hoffen, ein echtes Motiv nicht zu kombinieren; aber die Gene waren stärker: Polizei und Staatsanwaltschaft waren überzeugt, den Täter in den Händen zu halten.

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Der Angeklagte leugnete trotz schier erdrückender Beweise alles, kämpfte mittels wilder Spekulationen, erfand Erklärungen und verstrickte sich dann, weil er nicht bei der Wahrheit blieb, in Widersprüche…

-also gut. Es gab einen Kampf…

-um was?

-weiß ich nicht mehr. Einen Kampf, aber eben keinen Mord. Ich habe nicht gemordet!

-soso, es gab einen Kampf aber keinen Mord. So behaupten Sie heute. Gestern wollen Sie das Opfer aber noch niemals in ihrem Leben gesehen haben. Und nun – nachdem wir Ihnen den genetischen Beweis präsentiert haben – haben Sie mit der nie Gesehenen zwar gekämpft, aber ohne zu wissen warum, wahrscheinlich auch ohne sie zu sehen und natürlich auch ohne sie zu ermorden. Erklären Sie das mal einem Richter.

(Gelächter im Vernehmungsraum, Gefühl des sicheren Sieges)

Der Überführte versank in die stumme Verzweiflung des Besiegten. Denn wer glaubt schon einem arbeitslosen Lyriker: Alles Erinnern ist nutzlos, wenn die Gene ihre Sprache sprechen.

Soweit war die Lage den Ermittlern – und bald auch ihm – klar.

Unklar blieb aber weiterhin das Motiv. So versuchte dann eine interne Arbeitsgruppe aus den Schriften das Angeklagten – verdächtigerweise ja Lyrik – ein Tatmotiv herzuleiten. Aber der Versuch blieb stecken. Zwar waren die Schriften voller Zweideutigkeiten und Todesnähe und – vor allen Dingen – voller Schamgefühl; das ließe sich alles verwenden – so die Staatsanwaltschaft – aber ein handfestes Motiv ergab sich aus dem Material nicht. Somit wurde die Motivfindung auf den Prozess vertagt.

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Der Anwalt des Überführten sah in eben dieser Motivlosigkeit die Chance auf Entlastung; sollte das Gericht hier nicht fündig werden, so wäre nur eine Verurteilung aufgrund technischer Beweise möglich und diese technischen Beweise ließen sich interpretieren.

-Haben Sie einen eineiigen Zwillingsbruder?

-Wie bitte?

-Einen eineiigen Zwillingsbruder? Hätten Sie einen, ergäbe das möglicherweise eine Erklärung für den genetischen Befund:

Der Angeklagte gab an, dass er das nicht wissen könne, da er Vollwaise sei und seit dem Beginn seiner Erinnerung – aha, trügerisch – in Heimen gelebt habe, und möglicherweise noch lebe.

Die letzte Bemerkung verstand der Anwalt nicht, aber in de Tat: Ein unbekannter Zwillingsbruder erklärte den bisher unverständlichen Verlauf des Geschehens vollständig.

Somit war klar, dass der Überführte selbst auf Spurensuche gehen musste.

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Die Suche nach dem Zwillingsbruder begann.

Hierzu wäre selbstredend die Flucht des Angeklagten aus der Untersuchungshaft notwendig. Ich kann das nicht schildern, begabtere Kollegen mögen das übernehmen. Sie müsste gelingen, sodann wäre die Flucht eine Flucht in die nicht erinnerte, schuldlose Vergangenheit.

Ein Heim nach dem anderen wäre nach dem Unschuldsbeweis zu durchsuchen.

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Temperament und Talent des übernehmenden Kollegen bestimmen nun den Fortgang der Geschichte. Der langsame Neo-Existentialist mag den Überführten über die Weiten (?) der Mark Brandenburg führen, immer verwahrloster, immer hoffnungsloser, je weiter er dem Zwillingsbruder entfernt ist. Ost-West-Dimensionen einbauen?

Der flotte Thrillerautor mag den Fall zum Anlass wilder Turbulenzen im weitläufigen Europa nehmen und den Showdown mit dem Bruder – ist er es? – auf der Brücke über den Bosporus ansiedeln.

Der breite Epiker schließlich hängt an dem genetischen Beweis eine Familien- nein eine ganze Volkssaga mit zweifacher, gedoppelter Schuld auf, gewissermaßen der Zwillingsschuld und auch noch vererbt durch die „Erbtante“. Hierbei noch ein Tipp: Die reiche „Erbtante“ könnte mit ihrem Tod wiederum eine Schuld aus der Vergangenheit gesühnt haben. So könnte ihr Reichtum z. B. mit der Tatsache der Heimunterbringung des vollwaisen Lyrikers aufs engste zusammenhängen.

Nun ja, das sind Nebensachen.

Denn ob es sich um den Beginn einer psychotischen Verwirrung, um einen furiosen Verfolgungsthriller oder um einen Bildungsschmöker mit doppelt-dreifacher Brechung der Schuld – also der Erinnerung – handelt, all das ist unerheblich.

Selbst wenn es nur zur Vorabendserie reicht: Immer sucht der Angeklagte den Zwillingsbruder und findet sich im Bruder gespiegelt wieder. Wer von den Beiden der Täter ist, ist hierbei egal. Und: Es ist das Schamgefühl, das den Angeklagten schuldig sprechen wird, ob er es nun juristisch ist oder nicht, da in einer materialistischen Welt das existentielle Gefühl einer Scham einem Schuldeingeständnis gleichkommt.

Wenn je einer sich dieses Stoffes annimmt, so möge er dies bedenken.

Epilog

Neuere Entwicklungen in der Molekularbiologie implizieren neue Plots. Die Entdeckung der Veränderung der Gene im Laufe des Lebens durch Umwelteinflüsse lassen folgende Zwillingsgeschichte möglich werden: Eine Genspur eines Verbrechens vor ca. dreißig Jahren führt zu einem eineiigen Zwillingspaar. Die Spur passt mit den beiden Verdächtigen nicht in allen genetischen Abschnitten auf der DNA überein, stammt aber sicherlich von einem der Beiden. Die molekularbiologischen Unterschiede betreffen DNA-Abschnitte, die sich im Laufe eines Lebens ändern können. Da beide sich nach 30 Jahren notwendigerweise verändert haben, müsste man nun herausfinden, von wem die alte Spur stammt. Es wäre also zu ergründen, auf wessen Entwicklung die 30 Jahre alte, genetische Spur besser passt: Ist in ihr der spätere Auswanderer angelegt (Amerika, Australien?) oder der Daheimbleiber und Bausparkassenspießer? Oder waren damals vor 30 Jahren die DNA der Beiden noch identisch? Dann muß der klassische Kommissar ran: Was ist die bessere Tarnung für einen Mord, Auswandern oder Bausparkasse?

Schließlich bleibt genau diese Frage: Kann man die zukünftige Entwicklung durch Untersuchung alter genetischer oder anderer Spuren retrograd schlüssig erklären?

(2004)

One-room-show – ein Thrillerstoff

Ein allein lebender Mann verbrachte jeden seiner Abende mit Musik und Rotwein. Diese Quintessenz des Tages verköstigte der Mann immer nach einem Bad und bereits entkleidet in einem Liegesessel, auch Relaxer genannt. Neuerdings kam die Musik aus einem kabellosen Kopfhörer, so dass jede weiter auditive Wahrnehmung praktisch gekappt wurde und die Launen der Musik nicht mit den Launen der Umwelt konkurrierten. Die geschlossenen Augen ergänzten die Einkehr.

Nun fühlte er an einem Donnerstag im Halbdunkel während des Adagios seitlich einen Schatten, der unzweifelhaft nach ihm griff. Er floh – noch mit dem Adagio im kabellosen Kopfhörer – wild um sich den vermeintlichen Angreifer wegfuchtelnd in den Hausflur, griff nach dem Haustürschlüssel und vollendete sich in das Treppenhaus. Er verschloß seine Haustür von außen. Nackt nun klingelte er an der Nachbartür und bat um Hilfe, da er in seiner eigenen Wohnung überfallen worden sei. Am besten man möge die Polizei… der Täter sei noch in der Wohnung und somit gefangen, ein zweiter Ausgang sei ja nicht vorhanden.

Der Nachbar, besser eine Nachbarin ließ sich überzeugen und die Polizei kam schnell. Aber wie groß das Erschrecken, die Verwunderung oder einfach auch nur der Ärger, als die Polizisten niemanden in der Wohnung fanden und es auch keinen Hinweis für eine Flucht aus dem 15-ten Stock gab. Sie salutierten und gingen.

Der einsame Mann blieb einsam, zusammen mit seinem Schatten…

Wie es weitergeht, entscheidet der übernehmende Kollege. War der Schatten nur ein Schatten oder doch das Abbild von Leben und Bedrohung. Wer trachtete dem Einsamen nach was? Welche Rolle spielte die Nachbarin, welche die Polizei, welche der Müllschacht? Alles nur illusionäre Verkennung im Angesicht des sozialen Desasters? Und: Wo versteckt sich der Humor der Situation? Wer kann da noch lachen?

(Tip: Uniformierte verstecken sich häufig hinter ihrer Uniform. Ein Polizist mehr oder weniger – wem fällt das auf. Der Schatten könnte uniformiert von Anbeginn gewesen sein und die schließlich erscheinende Polizei war schon immer da! Wehe dir, wenn die Staatsmacht nach dir greift…)

(2012)

Der Judenmörder

Prolog

Es war einer jener Tage vor dem Frühling, die sich meteorologisch nicht entscheiden können, die halb Matsch, halb Sonne sind und deren ständig wechselndes Kleinklima miasmenartig störend in die Nase dringt. Diese Tage bestehen mathematisch gesprochen aus zahlreichen Einzelvektoren, die keine Richtung bevorzugen. Die Resultierende, der Summenvektor bleibt bis zum Ende unklar und ist, das liegt im Wesen dieses richtungslosen Chaos, nur dem Rückblickenden erkennbar.

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Hanno hatte an einem solchen Tag einen unfallchirurgisch/orthopädischen Saal mit Narkosen zu versorgen, eine leicht zu bewältigende, medizinisch anspruchslose Aufgabe.

Das übersichtliche Programm bestand nur aus drei Kniegelenkspiegelungen und zwei Gelenkersatzoperationen. Keiner der Patienten hatte bei der obligaten Voruntersuchung eine extrem schwerwiegende Vorerkrankung geboten. Auch diesbezüglich war also wenig anästhesiologische Abwechslung zu erwarten. Das ist immer gut für den Patienten. Denn langweilt sich der Anästhesist, geht es dem Patienten gut und umgekehrt. Deswegen sind nicht diejenigen die besten Anästhesisten, die gewissermaßen den schlechten, den instabil werdenden Patienten herbeisehnen, um dann nach Bewältigung des Notfalls als begnadeter Retter sich feiern zu lassen – nein, die sind es eben gerade nicht – sondern die reflexiven Geister sind die Könner, die stumm dem Rhythmus des Narkosegerätes, der Herzaktion folgen, die in eben diesem fremden Rhythmus sinnieren, um endlich in einem quasi-vegetativen Status zu versinken und denen nichts lästiger ist, als sich in diesem steten, passiven Sinnieren durch einen ärgerlichen Notfall stören zu lassen. Aber das nur so nebenbei.

Immerhin war der erste Patient mit Gelenkersatz, ein Herr Pfeiffer, im Alter fortgeschritten und hatte täglich handelsübliche Tabletten zu verzehren, aber all das war im Rahmen und dem Lebensalter entsprechend. Auch die Kognition – bei Patienten jenseits der 70 immer einer Überprüfung wert – war ausgezeichnet zu nennen. Formales und inhaltliches Denken purzelten nicht durcheinander. Orientierung zu allen Qualitäten war gegeben. Das aktuelle Jahr, 2001, wurde von Herrn Pfeiffer korrekt wiedergegeben, er lebte also nicht im „letzten Jahrtausend“, wie manche Ärzte es seinerzeit witzelnd über Demenzkranke sagten, wenn diese zeitlich derart desorientiert waren, dass sie den Millenniumssprung nicht mehr erinnern konnten (Äh 1997, nein 98. 1998, ja ganz sicher).

Nun Ärzte können manchmal ganz schön nickelig sein, es ist ganz gut, dass die Patienten auch hierüber so unwissend sind.

Sei’s drum, jedenfalls lag nichts dergleichen bei Herrn Pfeiffer vor. Dass neben der Kognition auch die Vitalfunktionen wie Kreislauf, Gasaustausch und die Ausscheidung nicht höhergradig eingeschränkt gewesen waren, war ja schon erwähnt worden. Somit war ein Arbeitstag mit wenig Ablenkung und viel Sinnieren zu erwarten, und weil Hanno in seinem Fach ein Könner hoher Graden war, freute ihn dieser Ausblick.

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Aber dann spielte Herr Pfeiffer nicht mehr mit. Der vormals so vitale, der stabile Halbgreis kam in den Operationssaal hinein als ein Suchender, ein Verwirrter, als ein fast schon psychiatrischer Fall. So viel Fremdes, wo bin ich hier. Was wollen die?

Nachdem dann ein Gefäßzugang gelegt worden war und das erste Narkose-medikament gegeben, ein starkes Opiat, bekam Pfeiffers innere Unruhe ein äußeres Gesicht. Er fuchtelte, er warf den Kopf, er schlug kraftlos und erbärmlich nach der Schwester, die ihrerseits im sicheren Gefühl ihrer durchtrainierten Überlegenheit das hantierende Ärmchen einfach niederdrückte. Was wiederum die Erregung steigerte. Und steigerte, und steigerte…

Der Weg durch lange, leere Flure, die maskierten Gestalten, der süßlich-antiseptische Geruch, das blinkende und Töne absondernde Narkosegerät, der viel zu viele Sauerstoff, der einem schier den Atem raubte, die Drogendrogendrogen, die einen in ungeahnte Umlaufbahnen schleuderten, die einen in Gegenden hinein verwirrten, die waren noch nie….

Alles dreht sich, aber was ist alles?

Was es auch immer war, die Medikamente oder die Situation oder beides, es löste dieses „alles“ in ihm aus und es löste ihm schließlich die Zunge

-Ich hab´Juden weggemacht Juden weg! Alle weg! Alle weg! Juden weg, Juden weg! Oh mein Gott! Alle tot hihi.

Schrie und fuchtelte der dumpf-dampfende Halbgreis. Hanno und Schwester Angela sahen und hörten entsetzt diesem deliranten Geständnis zu, konnten nicht glauben, was diesem ursprünglich so sortierten, mehrfachen Groß- und Urgroßvater entfuhr. Dann Schwester Angela:

-Schnell Doc, der schmiert komplett ab! Propofol, der muß jetzt schlafen!

Ja, natürlich, was sonst. Mit dem Sinnieren war es erst einmal vorbei, Hanno musste handeln. Und Angela wollte schon ansetzen. Doch das wilde Agieren des Selbstvergessenen hatte dafür gesorgt, dass der Gefäßzugang unbrauchbar geworden war. An eine schnelle Narkose über eine Propofolgabe war nicht zu denken. Was tun?

-Doc, Gas! Über Maske! Dreh´ den Gashahn auf!

In der Tat, das Einschlafen über die Maske, über das Narkosegas war die letzte Chance, die Situation zu beruhigen. Und nur um Ruhe ging es zunächst. Also nahm Hanno die Maske und presste sie dem Wahnsinnigen, dem Pfeiffer auf das Gesicht, während Schwester Angela immer noch dessen Arme niederknickte. Das Gas strömte laut und süßlich in Pfeiffers Mund, dann in seine Lunge, von dort in das Blut bis zum Zielorgan dem Gehirn – aus. Letzte Abwehrbewegungen, verkrampfte Hände, die nach dem Nichts griffen und nach der Exitation dann die verdrehten Augen und die Stille. Es war einfach nur still und durch die Stille hörte man das entmenschte Fauchen des Narkosegerätes sowie den hochfrequenten Pulston, der da sagte: Alles ist in Ordnung, du darfst sinnieren.

Der Rest war medizinische Routine. Hanno führte die Narkose zu Ende und gab dann nach problemlosem Erwachen aus dem erzwungenen Schlaf den mutmaßlichen Judenmörder im Aufwachraum ab.

Sodann ging er zum Oberarzt OATja und berichtete den außergewöhnlichen Vorfall.

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Wie hatte man darauf zu reagieren? Hanno sagte es sofort: Anzeige! OATja dagegen mahnte: Unter neurotroper Medikation hätte Pfeiffers unfreiwilliges Geständnis keine Beweiskraft. Weiterhin könne man Hanno bei allzu forschem Auftreten sogar einen Strick daraus drehen. Es handele sich immerhin um eine schwere Beschuldigung. Man müsse zunächst das Gespräch mit der Familie suchen. Vielleicht ergäben sich daraus neue Aspekte.

Hanno sagte dazu nichts sondern wendete das Gespräch ins Allgemeine; er wolle doch zu gerne wissen, was in so einem Kopf vor sich ginge.

Nun Hanno

so OATja,

nichts anderes wohl als in unseren Köpfen.

Oder glaube Hanno etwa, indem man solche Köpfe wie Pfeiffers beispielsweise in der Knatterröhre, dem MRT, untersuche, ginge einem angesichts der Bildgebung ein Licht auf, weil ganz außergewöhnliche, so noch nie gesehene Areale aufblinkten?

-Hanno, wenn Pfeiffers Gehirn arbeitet, dann blinkt dasselbe auf, wie bei dir, wenn du Fußball guckst. Oder rauchst oder träumst oder säufst. Was erwartest du für Erkenntnisse?

Hanno zeigte den Pfeiffer dann doch an, nachdem ein vorsichtig geführtes Gespräch mit der Familie gelinde ausgedrückt ergebnislos abgebrochen werden musste. Da Fluchtgefahr bei dem krankheitsbedingt immobilisierten Patienten nicht bestand, wurde er nicht inhaftiert, das Ermittlungsverfahren aber bei diesem Tatbestand natürlich sofort eröffnet.

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Und dann starb der Pfeiffer in der direkten zeitlichen Folge des elektiven Eingriffs, am fünften Tag postoperativ wahrscheinlich in Folge einer mehrzeitigen Lungenarterienembolie. Hanno hatte in der Sterbenacht Dienst und war lange an Pfeiffers Bett, in der Hoffnung, vom Sterbenden noch eine, irgendeine Wahrheit zu erfahren. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Pfeiffer starb einen mittleren Tod, ohne allzu viele Schmerzen und ohne je wieder über seine Untaten zu reden.

OATja, dem Hanno alles erzählte, konnte sich ein sympathisierendes Lächeln nicht verkneifen.

-Hanno, Sterbende wollen keine Wahrheit, Sterbende wollen Ruhe und sonst nichts. Glaub´es einfach einem alten Kliniker. Man stirbt nicht wie im Schundfilm: Sehend und verklärt bricht kein Auge, oh nein. Man röchelt, man pfeift, man setzt mit der Atmung aus, um sodann sinnloser weise noch einmal weiter zu atmen. Die Wahrheit ist nur für die Lebenden. Des großen Rätsels große Lösung auf dem Sterbebett, Hanno, das ist Literatur (meistens schlechte) nicht die Wirklichkeit.

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Nach Pfeiffers humorlosem Tod erhielt Hanno von der Staatsanwaltschaft ein ebenso humorloses Schreiben mit der Mitteilung der Verfahrenseinstellung, da gegen Tote nicht mehr ermittelt werde.

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Noch humorloser dagegen reagierte die Familie Pfeiffers. Opa ein Mörder? Das kann ja wohl nicht stimmen. Er war Wehrmacht nicht SS. Eine Verunglimpfung eines Toten. Überdies waren Behandlungsfehler anzunehmen und für den unerwarteten Tod verantwortlich, Behandlungsfehler aus Voreingenommenheit gegen den Opa. Und diese Voreingenommenheit war ja durch die Anzeige des Assistenzarztes offenkundig. Nun, der Vorwurf des Behandlungsfehlers war zu entkräften, der Tod eine seltene aber mögliche Komplikation bei Gelenkersatzoperationen, ein Verstoß gegen die Regeln der ärztlichen Kunst lag nicht vor.

Umso bedrohlicher wurde für Hanno der Verleumdungs- und der Verunglimpfungsvorwurf. Klage wurde erhoben, geschliffen formulierte Briefe einer renommierten Kanzlei ließen bei Hanno jedes weitere Leben neben dieser Geschichte versiegen. Er konnte nichts anderes mehr denken. Er zappelte im Netz der eigenen Vorwürfe, die nun nicht zweifelsfrei zu beweisen waren. Er suchte dann Verbündete, er fand nur Zögern.

Hat Pfeiffer das wirklich gesagt? Hast du da was missverstanden? Schwester Angela, seine Zeugin, sprang ab.

-Ich weiß auch nicht mehr genau, was da los war.

Alles sei sehr schnell gegangen.

Also wühlte Hanno im Internet. Das universelle Gedächtnis muss doch irgendwo den Beweis für Pfeiffers Schuld eingraviert haben. Aber soviel Schuld, faule Ausreden, Verdrehungen, falsche Bezichtigungen, Vergleiche Hanno dort auch sah, Pfeiffer fand er nicht. Kein Mördergesicht ließ sich eindeutig zuordnen, immer waren es dieselben unauffälligen Stahlhelme, die rauchten, mordeten und nach dem Krieg das Land aufbauten. Pfeiffers Schuld verlor sich einfach in den sonst so engen Maschen des Netzes, verdampfte, verflüchtigte sich einer ausgetrockneten Qualle gleich. Hanno blieb alleine mit sich und seinen Verdächtigungen.

Somit stand seine nicht belegte Aussage gegen die rechtsstaatliche Unschulds-vermutung. Und wie OATja schon sehr richtig ausgeführt hatte, waren die einzigen Hinweise auf Pfeiffers Schuld unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Medikamente entstanden. Was blieb Hanno übrig, als taktisch zu werden. Er, der sich so sehr nach der Wahrheit gesehnt hatte, wollte nun einfach nur seine Ruhe haben, gerade so wie die Sterbenden. Er schrieb auf Empfehlung seines Anwaltes (jaja der war bitter notwendig geworden) einen entschuldigenden Brief an die Familie, faselte von Missverständnissen und freien Assoziationen, von Übermüdung durch den anstrengenden Beruf, erklärte etwas von moralischem Übereifer.

Somit entfiel der Prozeß, Hanno durfte in das Leben zurück..

Da war er schon weichgehauen. Der hält schön die Fresse, der sagt nie wieder etwas gegen eine Familie, gegen seine Familie. Der sagt überhaupt nie wieder etwas. Der hält schön die Klappe. Die Sau.

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Tanne schließlich sein Kollege, dieser eventversessene Hierundjetztmensch, ein ewiger Witzbold, der den Notfall täglich herbeisehnende Anästhesiekollege mit dem Hang zu dröhnenden Späßen über andere, Tanne also sagte nur:

-Mann Hanno, scheiß auf die Geschichte. Du bist der Einzige auf der Welt, der von sich sagen kann: Ich hab´ einen Judenmörder vergast!

Hey coolman, givefive. Comedy und Schenkelklopf; Through the checkerwork of leaves the sun flung spangles, dancing coins.

(2010)

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Die Inszenierung

1. Eine Prosaskizze aus dem Nachlaß des Paris Paselke: Zwei sich ausschließende Parabeln zur Erklärung einer Welt

Parabel eins: Die Alligatoren

Das Bühnenbild besteht aus zwei Ebenen. Obere Etage: Die Toilette dominiert einen sonst leeren Raum. Untere Etage: Die Kanalisation einer Großstadt. Die Verbindung der beiden Ebenen geschieht über das Fallrohr der Toilette.

Erster Akt: Beginn in der oberen Etage, die untere liegt im Dunklen. Oben lebt eine upper-class-Familie – sie beszeht aus Ehepaar nebst Kind sowie aus einem verlotterten Vetter zweiten Grades, einem erfolglosen Schriftsteller -, und diese Familie versucht nun verzweifelt, ein ambitioniertes Dasein zu gestalten. Es mißrät gründlich, abzulesen an unbezahlten Rechnungen, schlechten Schulzeugnissen des Kindes oder entsetzlichen Gedichten des Vetters. Das mißratene Leben wird kurzerhand über die Kanalisation entsorgt. Die nächste Ambition kann entstehen.

Zu Weihnachten nun bekommt das Kind – einer idiotischen Mode entsprechend – einen kleinen Alligator geschenkt. Die Freude währt nur kurz, denn alle Versuche, dem Tier das Sprechen beizubringen, scheitern kläglich. Damit wird es schnell langweilig, und wie gewohnt löst die Toilette das Problem. Man wartet auf das nächste Weihnachtsfest.

Hier wechselt die Szene: Die Abwasserarbeiter der unteren Ebene treten in das Stück. Sie ordnen die Scheiße, sie leben in der Scheiße, sie riechen nach Scheiße, sie scheißen direkt in die Scheiße… sie können sich nur noch als Scheiße empfinden. In ihren Gesprächen träumen sie vom Aufstieg in die obere Etage.

Nun sind in letzter Zeit einige Arbeiter spurlos verschwunden. Die Arbeiter sind sehr besorgt darüber und heftige Debatten entzünden sich. Magische Erklärungen wechseln mit rationalen. Die banale, grausame Wahrheit wird erst durch das Auftauchen von riesigen, weißen, blinden Alligatoren offenbar: Es ist die Methode der Oberschicht, ihre zur Langeweile erstarrte Erregung einfach die Toilette hinunterzuspülen. Und diese gelangweilte it dabei das gereifte Kind aus dem ersten Akt sowie ein Aufsteiger aus der Unterschicht. Beide kommen trotz unterschiedlicher Erfahrungen zu demselben Ergebnis: Die Ereignisse in der Kanalisation vor etwa zehn Jahren.

Der Filmboss ist begeistert und beauftragt die beiden hoffnungsvollen Nachwuchstalente den Film zu verwirklichen. Die anderen Vorschläge werden verworfen und hinuntergespült.

Die Zusammenarbeit zwischen Aufsteiger und Dabeibleiber gedeiht prächtig. Bald schon kann die Premiere angekündigt werden.

Der Film selbst ist einfach eine freche Lüge: Aus der Bedrohung der Unterschicht durch die Oberschicht macht er eine Bedrohung der Oberschicht durch einen aus tiefsten Tiefen auftauchenden Alligatoren, der an die Oberfläche will (was in Wahrheit niemals der Fall war), und von dem niemand weiß, woher er eigentlich kommt. Eine Umkehr der Bedrohung also, und da die Oberschicht nichts so sehr braucht, wie den Thrill vor dem eigenen Dasein, ist der Erfolg des Films vorprogrammiert.

Epilog: Zum ersten Mal im Stück wird die trennende Ebene weggeschoben. Auch die Unterschicht soll sich das gruselige Produkt angucken. So bekommen sie ihren ersten Einblick in die obere Etage. Noch immer in der Scheiße watend sehen sie, wie ein Pappalligator einen Upper-Class-Yuppie nach dem anderen verspeist, und sie klatschen der Lüge euphorisiert Beifall. Vorhang.

Parabel zwei: Der Mantel

Erstes Bild: Bühne leer. Ein stilisiertes Thermometerim Hinttergrund deutet Eiseskälte an. Sieben nackte Menschen betreten die Bühne. Ihre Bewegungen wirken eingefroren. Sie kauern sich schließlich vereinzelt nieder und versuchen sich zu wärmen, indem sie sich selbst umarmen. Nichts deutet ihre Rollen an, die sie im Folgenden annehmen werden. Die kauernden, frierenden, einsamen Menschen ergeben das erste Bild.

Zweites Bild: Es wird vom Mantel dominiert, der langsam auf die Bühne herabgelassen wird, und der überdimensioniert etwa in Schulterhöhe zum Stehen kommt. In dem Mantel steckt ein Skelett, das – sobald der Mantel zu reden anhebt – tot und ungelenk tanzähnliche Bewegungen vollführt.

Nach einer Pause beginnt der Mantel seinen Monolog. Er bietet den Kauernden seine Hilfe an, wobei sein Angebot eher einem beschwörendem Befehl gleicht als einer freundlichen Nachfrage. Man sollte den Eindruck haben, dass seine Hilfe, obwohl er unklare Bedingungen stellt, unvermeidlich ist.

Den Menschen in ihrer kauernden Hilflosigkeit bleibt jedenfalls nichts, als auf die vagen Bedingungen einzugehen. Darauf erscheint in blauer OP-Kleidung ein Geburtshelfer aus dem Bühnenhintergrund, zieht sterile Handschuhe an und bittet die Menschen zu kommen und zu nehmen… Der Geburtsakt beginnt. Jedem persönlich gilt dieses ritualisierte Geschehen. Der Geburtshelfer öffnet dazu den Mantel von unten herauf bis etwa zur Gürtellinie – man sieht nun die weißen Beckenknochen des Skelettes – und zieht dann aus dem Becken einen Mantel für jeden hervor; allerdings wird jetzt die Bedingung klarer: Jeder muß sich seinen Mantel persönlich abholen. Eine Frau schafft mit ihrer Verweigerung des eigenen Mantels die erste Rolle des Stückes. Sie wird im Folgenden die Nackte genannt. Ein stummer Mantel, ein gleichgültiger Geburtshelfer, sechs bemäntelte Menschen und eine nackte Frau…so endet das zweite Bild.

Drittes Bild: In ihm könnten die Mäntel als Armeemäntel sichtbar werden. Jedenfalls kommt nun Bewegung in das Spiel. Die sechs bemäntelten Menschen marschieren nun im Gleichschritt um die Nackte herum, bedrängen und bedrohen sie, um sie schließlich bei Androhung der Todesstrafe vor Gericht zu stellen.

Hierbei bildet sich die zweite Rolle des Stückes heraus. Eine Frau – im Folgenden die Gute genannt – geht zum Geburtshelfer und bittet stellvertretend für die Nackte um den Mantel, denn zweifellos ist sie ob ihres Nacktseins angeklagt. Aber die Bedingung lautete ja, man müsse sich den Mantel persönlich abholen. Und so wird ihr Ersuchen abgelehnt. Nun versucht die Gute, die Nackte zu überreden, sich den Mantel abzuholen. Aber es ist vergebens. Das unvermeidliche Urteil – Tod durch Erhängen – wird vollstreckt.

Die folgenden Bilder bleibt die Nackte den Überlebenden zur Mahnung hängen. Die Kälte konserviert sie; zum Mantel bildet sie einen harten Kontrast, und beide drehen sich einhundertundachtzig Grad phasenverschoben um die eigene Achse, so dass sie sich einmal angucken, einmal voneinander abwenden.

So endet das dritte Bild.

Viertes Bild: Die Parabel kippt ins Phantastische: Denn nun beginnen die Geretteten um den Mantel und die Nackte abwechselnd zu tanzen (in Anlehnung an den Tanz des Skelettes zu Beginn), jedoch ohne dass sich eine Befriedigung einstellt. Was zur Folge hat, dass sich die Geretteten die Mäntel gegenseitig vom Leib reißen wollen…. Die Mäntel werden zwar zu Fetzen bleiben doch Mäntel. Ja, sie wachsen sogar narbig nach, sie hypertrophieren hydraartig, und bald wissen die Menschen (die Gute wird es aussprechen), dass für die Zeit der Kälte der Mantel das Symbol der Unsterblichkeit ist. Nit diesem Wissen endet das vierte Bild.

Fünftes Bild: Das Hochziehen des Mantels kündigt das Ende der Kältezeit an. Im Hochziehen gebärt sich aus dem Beckenknochen ein sehr viel größerer, durchsichtiger Plastikmantel, der – erst verdrillt und verpackt – sich endlich entspiralisiert über fast die gesamte Bühne legt. Das Gebilde lässt entfernt an eine Bienenkönigin denken. Oben der ursprüngliche Mantel als Körper, unten der Plastikmantel als Gebärschlauch.

Die Menschen stehen außerhalb des Plastikkokons im Bühnenvordergrund.

Der gleichgültige Geburtshelfer eröffnet den Menschen nun das neue Angebot des Mantels zu ihrer neuerlichen Rettung. Die Zeit der Kälte sei vorbei, die Zeit der Schamlosigkeit gekommen, die den Menschen als eine Zeit der Befreiung von den Mänteln erscheinen würde. Er nennt diesen Beschluß noch die Säkularisierung des Mantels. Das ist den Menschen sicherlich unverständlich; sie verstehen aber, dass ihre alte Sehnsucht von nun an keine Sehnsucht sondern Lebensbedingung ist. Die Abmantelung, die Befreiung.

Sie geht ähnlich ritualisiert vor sich wie die Geburt der Mäntel. Einer nach dem anderen gibt seinen Mantel ab und darf darauf den Plastikschlauch betreten. Sie nehmen unter dem Schlauch ihre ursprüngliche Position wie im ersten Bild wieder ein. Nicht unerwartet kommt die Verweigerung der Guten, ihren alten, narbigen Mantel abzugeben… unerwartet aber ist, dass ihr dennoch Einlaß gewährt wird.

Ein Plastikschlauch mit fünf Unbekleideten und einer Bemantelten als Inhalt, ein immer noch gleichgültiger Geburtshelfer und die immer noch in der Kälte rotierende Nackte…so endet das fünfte Bild.

Sechstes Bild: Die Menschen beginnen sich anzunähern. Und bald schon toben und turnen sie gemeinsam ihr nacktes, befreites Dasein. Man liebkost sich, man erfährt das eigene Geschlecht, nähert sich dem anderen (oder dem eigenen) … die Szene wird brachial-orgiastisch. Dabei fällt auf, dass die Bewegungen eher Kraft als Eleganz ausdrücken. Nur die Gute kann sich dem allgemeinen Glücksgefühl nicht anschließen.

Dann aber führt der gleichgültige Geburtshelfer seine letzte Handlung in diesem Drama aus. Er holt aus dem Bühnenhintergrund einen Säugling, legt ihn vor den Eingang des Plastikschlauches und verschwindet endgültig aus dem Stück. Die Gute hat diesen wortlosen Akt bemerkt. Sie nimmt das Kind, wiegt es, um es schließlich in ihren alten Armeemantel zu betten. So steht sie auch wie die anderen nackt da, und sie weiß, dass ihr Scham ihr Ende ankündigt. „Niemals werde ich meinen Scham einfach wegtanzen können.“ Mit diesen Worten wird die Gute zur Verbrauchten metamorphieren und zum Ausgang des Schlauches zum siebenten und letzten Bild gehen. Das Kind übergibt sie an zwei Schwule, die sich über die unerwartete Verantwortung freuen, als hätten sie die Natur selbst ausgetrickst.

Siebtes Bild: Wie das erste statisch. Zwei Schwule umtanzen ein Kind, das aus einem Armeemantel heraus versucht die Welt zu lernen. Die Verbrauchte kauert unter der Gehenkten und wartet auf den Tod. Der Rest der Menschheit lebt und lebt und lebt….der so lange schweigsame Urmantel hält noch einmal seinen Monolog.

2. Monolog- und Dialogfragmente zur zweiten Parabel

Monolog des Mantels (Beginn und Schluß)

Ich komme über euch.

Ich bin eure Form

ich bin euer Stoff

und ich bin wandelbar,

wie ihr selbst.

Ich komme über euch,

ich zähle sieben.

Bald werdet ihr glauben.

Mich zu lieben.

Ich komme über euch

das Räderwerk steht still…

ich treibe euch lemmingwärts,

wohin ich will.

Dialog aus dem zweiten Bild (zwischen der Nackten und der Guten)

G: Ich ging, um dir den Mantel auszulösen, der dich schützen soll. Aber es ist verboten. Es ist verboten, den Mantel für Fremde abzuholen. Deshalb bitte ich dich nun: Geh und hol dir deinen Mantel selbst.

N: Warum

G: Ich bitte dich darum.

N: Du gleichst mir mehr als all die anderen. Aber ich kann mir meinen Mantel nicht überstreifen. Er würde mich dorthin bringen, wovon es kein Zurück gibt und davor graut es mir.

G: Vor dem Nicht-zurück graut es dir?

N: Ja.

G: Aber die Entscheidung darüber fällen andere nicht du. Geh und hol dir deinen Mantel, bitte.

N: Nein.

Monolog der Guten (zum Abschied aus der Welt)

Der durchgekeilte Klotz

der Mensch ist gleich im Rotz

mein Mantel fällt herab

und zieht mich mit ins Grab.

3. Das Interview

-Guten Abend meine Damen und Herren und herzlich Willkommen zu Kulturfovtein; der Kultursendung zwischen den Spielfilmen. Heute bei uns zu Gast der Theaterreggisseur Carl Weichhelm, bekannt auch durch Funk und Fernsehen. Herr Weichhelm, Sie haben – ja kann man sagen – ein Stückfragment des früh verstorbenen James Dean der deutschen Literatur, Paris Paselke, in Szene gesetzt. Ein Fragment aus dem Nachlaß. Erst einmal: Was hatten Sie zur Verfügung? Viel war es wohl nicht?

-Richtig. Das Stück hat zwei Teile und für beide Teile waren Prosaskizzen vorhanden – immerhin mehr oder weniger ausformulierte Entwürfe; dazu einige lyrische Fragmente des zweiten Teils. Weiterhin haben wir seine Ideenjournale verwendet, soweit vorhanden und ausgewertet. Bekanntlich ist die Herausgabe seiner Werke ja noch nicht abgeschlossen. Für den ersten Teil haben sich leider keine ausformulierten Mono- oder Dialoge finden lassen.

-Wie haben Sie sich beholfen?

-Den ersten Teil habe ich ganz neu geschrieben. Unter Zuhilfenahme der erwähnten Materialien selbstverständlich-

-Selbstverständlich.

-den zweiten haben wir bewußt fragmentarisch gelassen. Wir haben die in der Skizze gemalten Bilder sprechen lassen.

-Bewußt?

-Ja. Uns hat die Frage interessiert, ob Parabeln überhaupt noch die Wirklichkeit erklären können. Das Stück heißt ja „Zwei sich ausschließende Parabeln zur Erklärung einer Welt“. Können Parabeln das?

-Ihre Antwort?

-Wollten wir in der Inszenierung klären. Erst einmal: Was ist eine Parabel? Die literaturwissenschaftliche Definition lautet ja: Eine gleichnishafte Erzählung ohne direkten Bezug zur Wirklichkeit. Unsere metaphorische kommt dem nahe: Die Parabel ist eine in sich stimmige, geschlossene Kreisbewegung.

-Das ist mir noch nicht klar.

-Die Parabel ist ein zirkulierendes System, das – einem Planetensystem gleich – parabolisch durch den Raum geschossen wird. Die Wirklichkeit sitzt als Materie in diesem Raum. Und auf ihrem Weg ritzt die Parabel auch mal an der Wirklichkeit, trifft sie mal hier mal da, regt sie wohl auch an, um dann aber sofort weiterzuwandern. Verstehen Sie: Die Parabel trifft die Wirklichkeit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, aber sie ist nie in ihr, nie in der Wirklichkeit selbst.

-Das ist ja allerhand.

Diese Bemerkung verwirrte Weichhelm ein wenig, wenn auch das Interview bisher so lief, wie er es sich morgens bei der Rasur vor dem Spiegel zurechtgelegt hatte. Allerhand war allerdings auch sein Schweißausbruch. Und woher die Beklemmung in der Brust? Es schien ihm, als wenn die hin- und herfahrenden Kameras ihre Kabelschwänze über seinen Brustkasten spannten. Ein blödes Bild, dachte er sogleich. Na, es ging schon wieder.

-Das schönste Argument gegen die Parabel stammt von einem der größten Parabeldichter überhaupt: „Gab es Einwände, die man vergessen hatte?“ Sehen Sie, das ignoriert die Parabel: Es gibt immer Einwände, die man vergessen hat.

Nun wollte der Moderator auch einmal etwas Kluges sagen:

-Und diese Einwände sind die Wirklichkeit?

-Nein. Aber sie sind die Hoffnung auf Wirklichkeit. Vielleicht … hoffentlich hat Kafka das gewußt. Die Einwände machen die Parabel zum Fragment, wenn sie selbst Fragment bleiben. Und eröffnen damit neue Möglichkeiten, neue Hoffnungen.

Er führte noch aus, dass ohne Hoffnung zu leben ja praktisch nichts kostet, man sich sogar so einen provokant-negativen Touch geben könne, aber das war dann schon nicht mehr vor dem Spiegel geplant, und es schien ihm – kaum ausgesprochen – weniger wichtig. Immer noch dieser leichte Druck. Er nahm ein Taschentuch, murmelte von der Hitze im Studio und führte weiter aus:

-Deshalb musste die erste Parabel neu geschrieben werden. Denn sie ist fest und sicher und ohne Hoffnung, weil in ihr kein Einwand zu hören ist. Eigentlich wären die Abwasserarbeiter der Einwand, aber mit dem Epilog – also dem Applaus, den sie einer Lüge spenden – treten sie in die Parabel ein und halten sie so in Schwung. Immer wenn eine Parabel um sich selbst kreist, ist keine Hoffnung. Erst die Einwände Einzelner geben Hoffnung. Sie verstehen: Die nackte Frau, die gute Frau, nicht wahr? Indem sich diese beiden Frauen fragmentieren, fragmentieren sie die Parabel. Sie geben ihre Unsterblichkeit auf. Und genau das ist ihr Einwand: Ihr eigener Tod.

-Interessant, dass Paselke das Stück nicht zuende führen konnte, gerade durch seinen Tod.

-Ja. Und dadurch blieb das Stück Fragment. Der Tod als biologischer Einwand gegen die biologische Parabel Leben. Die beiden Frauen aus der zweiten Parabel und mit ihnen Paselke wissen, dass Unsterblichkeit unmenschlich ist. Das macht sie sympathisch. Aber – die Parabel kreist und kreist. Die Parabel ist unsterblich, nicht aber der Mensch. Allerdings wäre dann der Tod die Hoffnung auf Wirklichkeit. Und schon wird die nächste Fußangel sichtbar, gewissermaßen der Einwand gegen den Einwand.

-Äh sehr interessant. Ähh…welche Fußangel wäre das?

-Nun, was wäre, wenn die Einwände sich selbst vollenden wollen und ihrerseits zur Parabel werden, zur Gegenparabel? Die Parabel beantwortet die Parabel. Im Fall der beiden Frauen: Die Opferparabel. Sie verstehen: Otto Lilienthal. Opfer müssen gebracht werden. Vielleicht die fatalste Parabel unseres Jahrhunderts. Das nackte Erfrieren wäre dann genauso grausam wie der Plastiksack. Sie verstehen: Die Parabel, das höhere Prinzip – überall. Denken Sie nur: Ein protestierendes, massenhaftes Herunterspringen in die Alligatorenkanalisation; genauso grausam wie das Lügenfilmbüro. Hatten wir anfangs die Frage nach der Parabel gestellt, so steht es nun so, dass wir scheins gar nicht aus ihr herauskönnen…

-Und das Kind? Woher kommt es? Wohin geht es?

-Ich weiß nicht. Vielleicht ist nur die Zukunft ohne Parabel. Aber auch die Zukunft wird ja Gegenwart….

Nun lief das Gespräch doch aus dem Ruder. Sich morgens spiegelnd hatte er eine andere Wendung vorgesehen. Er hatte hinweisen wollen, dass man das Problem auch von dem Menschen aus angehen könne. Die Menschen säßen allein und frierend im leeren Raum und möchten angeleuchtet sein, denn unerträglich ist die kalte Dunkelheit. Die größte Leuchtkraft aber besitze die Parabel auf ihrem richtungslosen Flug. Deshalb würden so viele Menschen auf sie aufsteigen und ohne Hemmungen die Wirklichkeit aufgeben.

Ist man hier am Kern?

Der Druck in der Brust steigerte sich. Ein Gefühl wie Vernichtung.. Nie Erlebtes. Den entsetzten Blick des Moderators dürfte er schon nicht mehr wahrgenommen haben. Viel noch wäre zu sagen gewesen – nun aber arbeitete seine eigene Parabel.

So verschied Carl Weichhelm nachts, kurz nach Zwölf, vor hin- und herhuschenden Kameras, rasiert, geschminkt, ausgeleuchtet, zwischen zwei Schmuddelfilmchen – und wurde eine unsterbliche Ikone des Kulturbetriebs.

(1995)

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