2.

Promi-Patienten-Prosa

1

Die meisten Promis, mit denen ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit zu tun hatte, waren mir als solche, als Herausragende gar nicht bekannt. Meistens wies mich dann irgendwer auf diese Prominenz hin, nicht selten, nachdem ich durch Verhalten und Nachfragen – z.B. nach dem Beruf – meine Unwissenheit offenbart hatte. Die Enttäuschung dieser C-Prommis, wenn irgendwer sie nicht kannte , war meistens maßlos. Regelhaft läuft die weitere Behandlung dann so ab: Ihr zuvor gespanntes Gesicht erschlafft und es nimmt den dümmlichen Ausdruck des mundatmenden Schnarchers an. Das zuvor so aufgekratzte Verhalten verändert sich hin zu einer geschäftigen Gleichgültigkeit. Der kennt mich nicht? Der spinnt wohl!

So viel Selbstanmaßung bei so wenig Substanz sieht man selten.

2

Wie anders eine ältere Dame, die einst meine Patientin werden musste und deren Name mir als Verfasserin von Gedichten bekannt war. Auf ihre Gedichte angesprochen war sie sichtlich überrascht, zugleich aber auch distanziert. Natürlich erinnerte sie sich an ihre Werke, aber eben nur wie an einen fernen Urlaub. Sie hatte dereinst ihre Werke vollendet und diese Werke führten und führen fortan ihr Eigenleben. Was soll ihr das noch?

 Im Übrigen seien die helfenden Hände, die sie in ihrer derzeitigen Lage benötige, viel näher am Menschen als ihre alten Texte. Was ich vehement bestritt, wenige Minuten vor der Narkose, vor der erzwungenen Nacht.

Es war diese unglaublich sympathische Zurücknahme der eigenen Person, die – über die gänzlich andere Tätigkeit hinaus – den Unterschied zu den üblichen C-Promis machte.

3

Das Folgende bitte ich im Konjunktiv zu lesen: Es könnte so passiert sein. Wer juristische Gründe für diese „Konjunktiv-Einschränkung“ vermutet, könnte richtig liegen. Also…

Der Zufall liebt die Metapher, wenn auch nicht ganz exakt. Umgekehrt ist ja auch die Metapher nie eine ganz exakte Nut und Feder sondern nur so ungefähr…. es kam also der Anfang des Monats Juni 2007. Es war der 3. oder 4. nicht der zweite Juni, und doch wollte der Zufall hier Verschwörung spielen. Ich hatte Außendienst, d.h. ich hatte alle Patienten, die am Folgetag operiert werden sollten, auf die Narkosefähigkeit hin zu untersuchen und sie dann für diesen erzwungenen Schlaf, der immerhin dem Menschen wesentliche Aspekte seines Daseins für eine gewisse Zeit wegnimmt, aufzuklären.

Ich saß in der Sonne vermeintlich schon mit der Routine fertig, als mich eine Nachmeldung für den morgigen Tag erreichte: Station 7 ein Herr Kurras. Kurras? ….ich weiß nicht mehr, welche Ketten und Zahnräder in meinem Kopf unvermeidlich ineinander griffen, welche Texte und Bilder sich die Bälle zuspielten. Kurras? Ist es der? Und dann das Durchrechnen: Kurras war am 2.Juni 1967 39 Jahre alt gewesen, das wußte ich. Also erst einmal die Akte schnappen. Kommt einem dann ein braungebrannter Mitvierziger entgegen, ist alles eingeschossene Blut im Kopf umsonst gewesen. Ich ging zum Schwesterndienstplatz und bat um die Krankenakte des Herrn Kurras..

– Hier ist sie! Sitzt in seinem Zimmer und wartet schon auf Sie, Doc!

November 1927, die Frage nach dem Beruf im Anamnesebogen nicht ausgefüllt. Aber den wußte ich ja schon: Er war es! Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschossen und im Verlauf karikaturartig grinsend seinen Freispruch gefeiert hatte. Er selbst eigentlich nur eine Karikatur, ein negatives Klischee, eine schwarze Projektionsfläche, die auch in mir nun die schon angedeuteten Assoziationsketten vollständig ablaufen ließ. Die Schwarz-Weiß-Bilder, die analog verwischten Filme: Der tödlich Getroffene vor der Heckklappe eines Käfers. Die junge, attraktive Frau, die ihm pietagleich den zerschossenen Kopf hielt. Der Abtransport des Sterbenden. Die Weisung des Chefarztes im Krankenhaus Moabit an seine Untergebenen, trotz eines Einschußloches von stumpfer Gewalt zu sprechen. Das bis heute verschwundene Teil der Schädelkalotte aus dem occipitalen Einschußbereich. Neben den konkreten Bildern in schwarz-weiß das Abstrakte, sich mit dem konkreten verbindende: Kurras als Täter, nur die späte Geburt bewahrte ihn vor der schwarzen Uniform. Das Wissen in Kurras pars pro toto das deutsche Verhängnis des 20. Jahd. kennen zu lernen. Kurras, der häßliche Deutsche usw.

Wird sich mir, indem ich ihm nahe bin, jener unerklärliche Rest des deutschen Wahns erschließen, den zu verstehen ich mir einst so fest vornahm?

Ich wollte Fragen stellen, ich hatte es mir in der kurzen Zeit, die mir bis zum Eintritt in das Zimmer blieb, so fest vorgenommen. Nur: Was? In die Empörung mischte sich Ballast… Na, erst einmal eintreten, die Berufsroutine erledigen, der Rest würde sich finden.

Aber nichts fand sich, weil das Erwartete nicht gefunden wurde. Ging es mir anders als Uwe Timm? Der schrieb vormals: „Ich hatte mir vorgenommen zu klingeln, zögerte jetzt und sagte mir, er wird genau das sagen, was du weißt, nichts. Tatsächlich aber wußte ich nicht, was ich hätte sagen sollen…“ Tja lieber Uwe, ich HABE mit ihm geredet (KÖNNTE mit ihm geredet haben s.o.) und es war das Nichts, und nicht einen Deut mehr. Herr Kurras beantwortete mir alle notwendigen Fragen militärisch knapp mit – jawohl! – immer wieder und mehrfach – jawohl! – so, als wisse er nichts besseres mit sich und seiner Zeit anzufangen, als die angehäuften Klischees über ihn zu bestätigen. Er lag im Bett recamiereartig hingestreckt und trotz Sommerhitze zugedeckt, den Kopf mir im Halbprofil zugewandt, doch kaum Blickkontakt zulassend. Kein Lachen – worüber auch? – aber ebenso kein Grinsen. Das Leben und seine Krankheiten sind ein Aktenvorgang, der ordnungsgemäß zu erledigen ist. Das deutsche Verhängnis im 20. Jahrhundert – ich bleibe dabei, dazu zählt Kurras unbedingt –  personifiziert in einem Bauspaarkassenspießer. Grillparty im Schützenverein. Das metaphysische Grundbedürfnis deckte der Waffenschrank ab. Alle Beiträge sind bezahlt. So hat man zu leben, so hat man zu sterben. Noch Fragen?

Das war es also: Das Nichts. Dieses elende, im Grunde ideologiefreie Nichts (auf eine mit Verve vorgetragene Begründung des Nihilismus braucht man da nicht zu hoffen) war es, was mich sprachlos machte und immer noch macht.

Epilog

In meiner Sprachlosigkeit, die dem offenbaren Nichts folgte, demaskiert sich allerdings noch ein anderer, wesentlicher Zusammenhang. Wer schreibt, der spricht nicht und lebt während des Schreibens in der Vergangenheit. Und wer hingegen spricht und agiert, lebt in seiner Zeit und hofft auf die Revolte. Genau deswegen wirken Schriftsteller auf dem Revoluzer-Podest so unpassend: Man ist nie Antigone und Ismene in Einem. Der Schriftsteller hat in der Revolte lediglich seinen Stoff gefunden und wird im weiteren Verlauf nicht die Wahrheit oder gar die Gerechtigkeit suchen sondern die Form. Nicht Polyneikes zu beerdigen ist die Aufgabe des Schriftstellers sondern den ungeheuerlichen Vorgang zu berichten.

Genau hier entspringt meine Sprachlosigkeit: Ich wollte möglichst viel von diesem Kerl mitbekommen (und es wurde dann so wenig!), wollte die Ungeheuerlichkeit dieser Person einatmen und verlor dann meine Unmittelbarkeit! Die aber brauchts! Nur die nackte Unmittelbarkeit kann Quelle aller gerechten Empörung sein, nur wer empört agiert, legt den Finger in die Wunde. Wer aber wie ich die empörte Unmittelbarkeit verloren hat, dem bleibt eben nur die Chronistenrolle. Wer so wenig Raum für Empörung hat, der empört sich auch nicht über sich selbst und das heißt: Der Schriftsteller ist aufgrund seiner Rolle schon auf dem halben Weg zum durchreflektierten Arschloch und viele von ihnen sind diesen Weg auch ganz konsequent zu Ende gegangen.

(2013)

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