4.

Shaken baby

1

Glaubt die verehrte Leserschaft man könne mit der Wahrheit lügen?

Nein?

Dann bitte ich um wenige Minuten Gehör!

Denn der Stanelle, eloquent, trilingual und aus „gutem Hause“, mit Famulaturen in New York, Paris und – weil der ärztliche Beruf auch ein sozialer ist – in Afrika weltläufig geworden, Famulaturen nebenbei, deren materieller Aufwand seinem Elternhaus keine große Aufgabe gewesen war, denn dieser Stanelle also war die eine große Hoffnung der universitären Kinderklinik.

Andererseits war da Martin Muuß, erster Abiturient einer Handwerkerfamilie und Stolz und Hoffnung der entbehrenden Eltern, der zusammen mit Stanelle neonatologisch forschte und der – gegensätzlich zum Stanelle – den wissenschaftlichen Fortschritt nicht mit Sprüngen und Höhenflügen sondern ruhig und gleichmäßig, gewissermaßen Schritt für Schritt befördern wollte. Dass diese unterschiedlichen aber sich gegenseitig befruchtenden Grundauffassungen zugleich das jeweilige, bisherige Leben der Beiden spiegeln, sei nur nebenher erwähnt.

Nun, neben der karrierefördernden Forschung hat man als Arzt natürlich auch die alltägliche Krankenbetreuung zu leisten und hierbei erwies sich schnell der eloquente, weltgewandte Stanelle als derjenige, der die Dienstplanschreiber geschickter zu manipulieren verstand. Es waren immer nur graduelle Unterschiede in der Arbeitsbelastung, die für sich kaum auffielen, die in der Summe eines Jahres aber durchaus einen meßbaren Unterschied ausmachten. Hierbei kam Stanelle auch die fast angeborene Abneigung Muußens gegen Beschwerden gegenüber einer Autorität entgegen. So ist erklärbar, dass Muuß – obwohl familliär belasteter Mehrfachvater – mehr Engagement in der Stationsroutine zu zeigen hatte als Stanelle.

Weiterhin schaffte Muuß Zeugungseifer Raum für Stanelles Bildungswitze: Muuß habe wohl das neue Testament zu wörtlich genommen! Lasset die Kindlein zu mir kommen! Er – Stanelle – habe derweil genug Kinder in der Klinik, um die das Kümmern lohne. Und als dann Muuß nach einem anstrengendem Dienst fast unvermeidlicherweise ein kleiner, fast folgenloser Fehler unterlief, höhnte Stanelle während der Chefarztvisite, dass auch ein Nachtdienst das cogitoergosum nicht außer Kraft setze. Für das Nachdenken seien nun einmal die Pferde zuständig, die hätten einen großen Kopf. Als Stanelle sich diese Frechheit leistete, war längst entschieden, wer auf einem maßgeblichen paper der Klinik Erstautor war. Dieses paper mit einem hohen impact-factor muß als ein gewichtiges Karrierekatapult gesehen werden, und wer es sucht, suche unter: Stanelle et al.!

2

Was folgte, geschah etwa ein halbes Jahr und einige demütigende Erfahrungen später, einschließlich unangenehmer elterlicher Nachfragen nach dem beruflichen Fortkommen…

Wieder hatte Muuß Nachtdienst gehabt und mußte seinem Vorgesetzten, dem shootingstar der Kinderklinik Oberarzt Stanelle Bericht erstatten, wobei er mit einem nachtdienstschmutzigen und schief geknöpftem Visitenmantel imponierte. Ebenso diskret wie deutlich wurde auf den nicht kommentgemäßen Zustand der Kleidung hingewiesen und dann wurde Muuß ein letztes Mal angefrecht: Man könne zwar nicht nicht kommunizieren, hingegen sehr wohl zu viel. Muuß möge sich bitte bei der nächsten Visite auf das Wesentliche beschränken. Im übrigen möge Muuß das bitte nicht persönlich nehmen. An einer gedeilichen Zusammenarbeit mit dem für den Klinikalltag so wichtigen Mittelbau sei ihm – Stanelle – sehr gelegen.

So mein Lieber, du bist aus dem Nachtdienst entlassen. Ruhe dich aus! Geh mit Gott, aber geh….!“

Muuß ging nach Hause, mutmaßlich in Erwartung des eigenen Bettes. Aber seine Frau hatte noch etwas zu erledigen und überließ ihm für „eine halbe bis eine Stunde“ die Aufsicht über den Jüngsten.

3

Die Apathie, das furchtbare Atemmuster und das Erbrechen waren schon deutliche Zeichen, aber als Muuß Sohn auch noch einen Krampfanfall zeigte, war eine CT-Untersuchung des Kopfes unerlässlich. Und hier dann die Gewissheit dessen, was zuvor schon jeder vermutet hatte: Subdurale Blutungen als Folge eines Traumas, mutmaßlich eines fatale Scherkräfte auslösenden Schüttelns. Muuß hatte seinen Sohn in die Nacht geschüttelt. Aufgrund der Schwere der Schäden war keine Hoffnung mehr, eine verzweifelte Operation wurde dennoch ohne höhergradige Erfolgsaussicht durchgeführt.

Das Ende kam dann schnell, das Kind erwachte nicht mehr. Muuß durfte (oder mußte?) während des Sterbens bei ihm sitzen. Er starrte in sich. Selbstmitleid und Verzweiflung schließen sich keineswegs aus, aber Muuß konnte schweigen. Er wußte, dass alles andere als Schweigen ihm nicht zustand. Nur einmal wäre er beinahe ausfällig geworden, nämlich als Stanelle kam, um die im Seminar „breaking bad news“ gelernten Textbausteine loszuwerden. Dieser erklärte Muuß sensibel und genau, dass das Ende nun nahe sei und dass Muuß mit einem Verfahren zu rechnen habe, andererseits aber auch bekannt sei, dass in solchen Fällen die Täter – Worte wie Peitschenhiebe: Täter und Schuld – selten geplant-intentional handelten sondern vielmehr emotional und aus einer situativen Überforderung heraus.

All das hatte Stanelle einst vom etwas älteren Assistentenkollegen Muuß gelernt, nun wurde es gegen Muuß verwendet; ja groteskerweise so getan, als wisse Muuß das alles nicht selbst. Muuß schwieg. Im Spätdienst wurde dann Muuß endlich auch wie allen anderen Angehörigen auf der Kinderintensiv-Station eine Tasse Kaffee gereicht, die er nicht trank.

Mehr ist nicht zu erzählen. Die Dinge nahmen nun ihren Lauf, die Maschinerie folgte der vorher gesetzten Choreographie, will sagen neben Prozeß und Verurteilung auch Scheidung und Vereinsamung des Muuß.

Stanelle aber hielt später als Ordinarius Vorlesungen u.a. über Kindesmißhandlung, und er unterließ es nie, von den ihn persönlich sehr berührenden Erfahrungen zu berichten und auch von den Enttäuschungen über einen Freund. Versöhnlich aber ermahnte er die wißbegierige Studentenschaft, die gläubig an seinem Mund hing, darüber, dass das letzte Gericht nicht „wir sind“ und dass man nie zu vergessen habe, wie „schmal der Grat ist, auf dem wir alle wandeln“. Der studentische Beifall nach dieser Vorlesung wollte Semester für Semester schier kein Ende nehmen.

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