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Der Traumschuß

Er war passionierter Schachspieler und Amtmann nicht (…), nur hatte es diesmal erneut im Traum geschossen und als er sich die Augäpfel rieb, prallten die Farben auch noch auf seine Gedanken. Der zuvor rote Sonnenball grünte im Netzhautnachhall und verlor sich dann in funkelnden Regenbogenspritzern. Nach dunklen Wolken und einer nebelverschlierten Scheibe, die durch einige Blinzler gesäubert wurde, konnte er wieder klar sehen. So wacht man auf, wenn man zwar das Schachbrett und seine 8×8 Felder als Ordnungsprinzip und Abbild der Welt versteht aber wilde Träume in das Spiel schlagen.

Beim Frühstüch wunderte seine frigide Frau sich, dass er das Ei pfefferte und dann dieses Ei trotz des merkwürdigen olfaktorischen Reizes mit Genuß verspeiste. Worauf ein ihm unerklärliches Nießen einsetzte. Aber bitte Inge, die Frühblüher…

Den Autoschlüssel fand er dann doch und der Tagesablauf hätte starten können wie immer. Nun also saß er im Wagen. Sein Ziel aber war erstmals seit Jahren unbestimmt. Sicherlich: Schon mehrfach war ein Traumschuß ihm nahe, heute aber konnte er ihn nicht mehr im Zaum halten und die Impulse seiner im Kofferraum bereit liegende Jagdwaffe – ein funktionierendes Erbstück – pochten schicksalgleich an seine Schläfen. Töten, töten. Aufräumen, wenn es sonst keiner macht.

Er wendete und fuhr zum Einkaufszentrum, jenem Neubau mit verschränkten Etagen, Parken im Keller und einem atriumartigen Innenhof, dessen Boden als Schachbrett gestaltet worden ist. Die Etagen des Innenhofs waren durchgehend balkoniert; nun saß er auf dem obersten Balkon und legte an, schoß die Träume zurück ins Leben. Die ursprünglich in geraden Turmlinien Gehenden wußten nicht wohin, wurden zu Läufern, Springern, zum Bauernopfer. Er aber verschob Figuren, rochierte, drückte den Abzug wie sonst nur die Schachuhr. Obwohl die Schüsse breit streuten weil er im Zielen ungeübt, gaben die kleinen fliehenden Punkte da unten seinen Qualen einen Sinn. „Schach!“ rief er bei jedem Schuß und er sah, wie die Fliehenden die Positionen auf dem Brett freigaben. Noch nie hatte er so offensiv gespielt, keine Partie je so schnell und allumfassend gewonnen, scheinbar….

Als das Schachbrett gesäubert war, störten ihn die Fenster, die Türen und er produzierte weitere Querschläger. Kein Publikum, ich spiele alleine. Er erlebte sich wie noch nie, wie vielleicht ein- zweimal als Kind vor dem Weihnachtsmann. Endlich die Partie nur mit sich selbst. Und so konnte er vor lauter Glück und Eintracht gar nicht bemerken, dass auf dem Dach des Zweckbaues sich schon sein Gegner postierte, ein kühl rechnender, effizient spielender Gegner, der ohne Tempoverluste nur die offene Flanke des Königs finden musste, um den Stich zu setzen.

Ein Kind, ein ballerndes Kind, so dachte der schmallippige Scharfschütze des SEK. Wir tun fast dasselbe, aber ich darf es mit reinem Herzen tun, was ich doch gar nicht habe, während er da drüben dieses reine Herz möglicherweise verspürt, obwohl…. Und die leichte Rückstoßvibration durchlief den ganzen SEK-Körper bis in den gespannten Schritt hinein. Als der ballernde Wahnsinnige durch Treffer im Dienzephalon einfach tonuslos zusammensackte, war die einmalig zuckende Vibration seines Gegners schon wieder beendet. Ein wahrer Traumschuß, so der einhellige Tenor der Kameradschaft, ein Treffer eigentlich mitten in den Traum hinein, den nun keiner je wissen wird. 8 x 8 = ∞. Matt durch Damenopfer! Die bitterste Niederlage.

Beinahe hätte dieser Schuß übrigens die Welt ohne eine beruhigende Erklärung des Vorfalls hinterlassen, denn die Untersuchung des Leichnams bot zunächst keine Auffälligkeiten. Aber in den Resten des zerstörten zentralen Nervensystems fanden sich mikroskopisch dann doch Zellen mit den typischen Malignitätskriterien.

Also hatte ein Hirntumor seine letzte Partie Schach gespielt und er war nur derjenige gewesen, der sich die finale Niederlage abzuholen hatte.

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