Essay

Die Deutschen und „ihre“ Juden

Einige analytisch-anatomische Anmerkungen zum Verständnis deutscher Bürger über ihre jüdischen Mitbürgern. Es kommen ein paar Fixpunkte in diesen Anmerkungen vor, zwei exemplarische Reden, eine Ausstellung und zwei Zeitenwenden, eine historische und eine kalendarische. Ausdrücklich nicht schreibe ich über Juden oder über das deutsch-jüdische Verhältnis, lediglich die deutschen Mechanismen, mit der jüngeren Historie umzugehen, sind Thema.

1. Vom philosemitischen Betroffenheitskult bis zum Aufweichen der Beißhemmung

Das Verhältnis der Deutschen zu Juden nach 1945 ist sicherlich von verschiedenen Phasen geprägt. Andererseits gab und gibt es starke Überschneidungen dieser Phasen auf dem Zeitstrahl sowie einige, wesentliche Konstanten. Eine dieser Konstanten ist die Empfindung, dass dieses Verhältnis den Moment des Besonderen enthält. Wie konnte und kann es nach dem Ausleben des deutschen Wahns auch anders sein. Für mich bedeutet es erst einmal, dass ich nicht eine Gesamtschau wage; vielmehr interessierten und interessieren mich die Variationen der deutsch-bürgerlichen Reaktionen auf die deutsche Geschichte. Und schnell war zu merken, dass allein anhand einer solchen Analyse sich sogar Hinweise auf die Motivation des Mordes an den europäischen Juden ergeben. Somit hebe ich an…

Die zunächst dominante Variante der öffentlichen Kommunikation über „jene Jahre“ war eine Scham- und Schuldgefühl der sensibleren Geister in Deutschland, eine bei offiziösen Gedenkveranstaltungen zu beobachtende, kerzenscheinflackernde, getragene Stimmung. Hinzu kam weihevolle Musik. All das erinnerte an einen Gottesdienst. Daneben kam es zu Verhaltensweisen einiger dieser sich betroffen ihrer selbst vergewissernden Bürger, die eigentlich hätten befremden müssen: Der obligate Besuch eines jüdischen Friedhofs etwa oder aber das Anpappen von Judensternen und das Hochhalten siebenarmiger Leuchter auf Demonstrationen gegen Rechts, so als könnten die Toten und Ermordeten den Lebenden die Exculpierung bringen. Aber ich greife vor, indem ich das geheime Motiv dieses Betroffenheitskultes schon halb verrate… Jedenfalls: „Brüderlichkeit“ und „Versöhnung“ sowie „Wachhalten der Erinnerung“ waren die Vokabeln des Gesamtkonzeptes „Vergangenheitsbewältigung“, die es zu lernen galt, und wer sich dieser fragwürdigen Erinnerungskultur – die schnell zum Kult wurde – widersetzte, geriet in den Verdacht, die deutsche Vergangenheit durch Verschweigen entsorgen zu wollen. Ja, es wurde gerade so getan, als gäbe es nur eine erlaubte Sprache für das – wie immer wieder betont wurde – „Unsagbare“, nämlich die Sprache der verschleiernden Betroffenheit und des betroffenen Sich-schuldig-fühlens. Dabei ist die Motivlage so schwer nicht zu verstehen: Wer sich für etwas schuldig fühlt, was er aufgrund seines Geburtsdatums gar nicht getan haben kann, wartet ja nur auf den Freispruch; fishing for not guilty. Ist es übertrieben interpretiert, wenn man annimmt, dass der deutsche Wahnsinn von 1933ff den Nachgeborenen eine narzistische Kränkung beigebracht hat? Zwanglos erklärbar wären damit diese verrückten, teilweise philosemitischen Reaktionen, dieser gehemmt-aggressiv vorgetragene Versöhnungsanspruch. Wo geht eigentlich diese Aggression hin, wenn die Hemmung wegfällt? Zum Beispiel gegen jeden,der diesen Mechanismus durchschaut(e). Noch schlimmer aber erging es einem, der über das deutsche Verhalten während der Jahre 1933 – 1945 einfach nur die Wahrheit gesagt hatte:

Es war der 10.11.1988. Der Bundestagspräsident Philip Jenninger hielt auf der offiziellen Gedenkveranstaltung zum 50-ten Jahrestag des landesweiten Pogroms eine Rede, die die Sprache des Betroffenheitskultes aufbrach und den Deutschen die fürchterliche Wahrheit sagte: Dass die Deutschen mehrheitlich vom Hitlerreich fasziniert waren, dass sie wegsahen, als die Synagogen brannten, dass sie sich durch die wirtschaftlichen „Erfolge“ blenden ließen, dass sie schließlich auch mehrheitlich wegsahen, als die Juden abtransportiert wurden … kurzum: Dass fast- aktiv oder passiv – alle mit dabei waren, als das Verbrechen statt fand (Wir merken uns: Fast alle!). Das sollte sich rächen, das wollte keiner hören…Philip Jenninger wurde durch den medialen Fleischwolf gedreht, wurde medial durch die Protagonisten des Betroffenheitskultes hingerichtet. Wer die Verarbeitung der deutsch-narzistischen Kränkung dermaßen torpediert, hat keinen Anspruch auf Schonung. Fast alle waren empört….. einer nicht, ein gewisser Ignatz Bubis, aber davon weiter unten.

Wir werden diesen Mechanismus ein Jahrzehnt später auch anläßlich einer öffentlichen Rede haargenau gespiegelt wieder finden. Dazwischen aber lag ein weltgeschichtliches Ereignis, das auch auf das Verhältnis der deutschen Bürger zu „ihren“ Juden wesentlich wirkte: Die deutsche Einheit.

Einschub

Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus erfuhren die Deutschen etwas, was zu erleben sie nie auch nur geträumt hatten: Sie zählten urplötzlich zu den politischen Siegern des 20. Jhd., während der eigentliche (Mit)sieger des zweiten Weltkrieges – die Sowietunion – auf einmal auf der Verliererseite aufwachte. Lediglich der moralische Abstiegsplatz, die rote Laterne störte nun noch das nationale Glück. Von diesem Platz loszukommen und auf einem sicheren Platz im unteren Mttelfeld der Moraltabelle zu landen sollte doch möglich sein. Äußerlich sichtbare Anstrengung im Nichtabstiegskampf war das Mahnmal für den Mord an den europäischen Juden, eigentlich ein Projekt aus dem Betroffenheitsjahrzehnt, nun aber als Ausdruck der deutschen Wandlung hochgradig brauchbar. Wichtiger aber war die Veränderung im öffentlichen Sprechen, wovon sogleich…

2. Projektionsfiguren als Erlöser: Vergangenheitsbewältigung der 90er Jahre – fast eine Erfolgsstory

Zunächst eine akustische Anmerkung: Die Vergangenheitsbewältigung der 90er Jahre war deutlich lauter als der reine Betroffenheitskult zuvor. Man wollte ja – s.o. – den moralischen Abstiegsplatz verlassen und wußte, dass man hierfür ein paar Phon zuzulegen hatte. Gleichzeitig war die Konnotation der Gedenkfeiern erweitert worden: Nicht nur zurück war zu schauen, sondern auch nach vorne, in die Zukunft des wiedervereinten Deutschlands. Hierbei war das Betonen des Unterschiedes zwischen dem früheren, verbrecherischen Deutschland und dem heutigen, demokratisch gewendeten essentiell. Keine Feier ohne Meier, respektive ohne die Betonung dieses Unterschiedes.

Zum Erreichen dieses ehrgeizigen Zieles, nämlich moralischer Nichtabstieg im 20. Jhd., hatte der konservative, deutsche Mainstream folgende Taktik aufgetan: Öffentlich wirkende, in der Öffentlichkeit stehende Juden hatten den Deutschen deren demokratische Wandlung zu bestätigen. Nicht allzu kritisch aber auch nicht allzu deutsch freundlich, sondern so gerade richtig dosiert. Man wollte ja nicht in die moralische Championsleague – nein, das wäre vermessen gewesen, war unrealistisch – aber man wollte auf einem sicheren Platz der Moraltabelle landen, im unteren Mittelfeld. Die erwartete Schulnote im Fach Moral war folglich eine drei minus, vier plus würde auch noch gehen. Wurden diese Schulnoten von Juden verteilt, war an ein Gegenargument nicht mehr zu denken, so das philosemitische Kalkül.

Und öffentlich wirkende Juden, die – zunächst – diesem deutschen Wunsch-Profil entsprachen, waren dann schnell gefunden: Auf der kulturellen Seite streute Heinz Berggrün neben vielen Bildern allzeit gern gehörtes Lob in die deutschen Seelen.  Politisch war für das die Exculpierung erwartende, deutsch-konservative Bürgertum Ignatz Bubis das Maß der Dinge. Dieser freundliche, ältere Herr hatte zwar Fürchterlichstes erlebt, grollte den Deutschen aber nicht in toto und erhob in genau richtiger Temperatur seine gerne gehörte Stimme. Eine Mischung zwischen Skepsis und Hoffnung, Darlegung von Mängeln und insgesamt positiver Bestandsaufnahme. Bubis verschwieg nie die Opfer der Neonazis in den 90er Jahren, schlußfolgerte daraus aber keinsfalls, dass der Summenvektor der Gesellschaft in Richtung rechts zieht. Das kam gut an, das war Balsam für die deutsche Seele. Beinahe wäre die Taktik aufgegangen, zumal in den 90er über Gebühr der sicherlich existente „linke Antisemitismus“ zum Thema wurde, während der deutlich gefährlichere, die deutsche Geschichte so dominierende völkisch-konservative Antsemitismus kaum Erwähnung fand. Wie gesagt: Beinahe hätte diese wohlfeile Entsorgung der deutschen Geschichte geklappt. Aber eben nur beinahe, denn wieder war es eine Rede und ihre öffentlichen Folgen, die das demaskierte, was von von Anbeginn falsch war:

1998  hielt eine wahre Ikone der deutschen Einheit, der national bekehrte, ehemals linke Schriftsteller Martin Walser, in der Frankfurter Paulskirche seine Dankesrede. In dieser Rede, die mit einem versteckten Triumphbericht in der dritten Person singular beginnt, beklagt sich der Redner über ein angebliches Joch, in das er durch „Meinungssoldaten“ „mit vorgehaltener Moralpistole“ gespannt werde, und das ihn zwinge, in irgend einen „Meinungsdienst“ zu treten. Namen und Anschrift dieser Soldaten, respektive genaue Inhalte, die er, Walser, im „Meinungsdienst“ angeblich zu vertreten hätte, nennt er nicht. Eine Rede, die nur Andeutungen enthält, davon aber sehr viel… Er beklagt sich dann über die „Dauerpräsentation“ der Schande im Fernsehen, und meint damit die angeblich über alle Maßen stattfindenden Berichte über die Nazi-Zeit. Wer diese angebliche „Dauerpräsentation“ zu verantworten habe, kann auch Walser nicht sagen, oder er überläßt die Beantwortung dieser Frage dem freien Assoziieren des Zuhörers. Wahrscheinlich meinte er wieder die „Meinungssoldaten“.  Diese Moralpolizei ist offenbar ebenfalls für ein ihn störenden Bericht, der in einem Wochenblatt von „Würstchenbuden vor Asylantenheimen“ spricht, verantwortlich. Solche Berichte bereiten ihm – so Walser wörtlich – „Schmerz“, sie „wollen uns weh tun“; zunächst: Wen meint Walser mit „uns“? Vielleicht: Fast alle? Und weiterhin: Da haben wir sie wieder – die narzisstische Kränkung des deutschen Nationalgefühls! Walsers Rede ist die Rede des narzisstisch gekränkten Vorgartenspießers, dessen friedfertige Gartenzwerge in der Zeit vor dem Gärtnerdasein einen Vernichtungskrieg geführt haben und deren Besitzer und Praeceptor an diesen Vernichtungskrieg nicht erinnert werden will, weil das seiner Wunschprojektion vom guten Deutschland im Wege steht. Auf seine friedfertigen Zwerge zeigend fragt Walser deswegen unentwegt: Wo ist hier ein Nazi! Man gewinnt übrigens den Eindruck, dass Walser genau weiß, wer die „Meinungssoldaten“ sind, deskriptiv nennt er sie ungeheuerlicherweise „Intellektuelle“, und auch, dass er auf insgeheime Zustimmung bei den Hörern, auf ein nickendes Verstehen hofft. Das nur nebenbei. Die Zusammenfassung dieser Rede ist lang ausgefallen, aber das ist sehr notwendig, stellt sie doch den Wendepunkt im Verhältnis des konservativen Deutschlands zu „seinen“ Juden, speziell zu Ignatz Bubis dar.

Die Zustimmung zu dieser Rede war dann nämlich keineswegs geheim, sondern laut, anhaltend, aggressiv. Die Hemmung war weg, man bekannte sich nun ungenierter zur narzistischen Kränkung, nannte sie natürlich nicht so, sondern fühlte sich von „Moralpolizisten“ ungerechtfertigt verfolgt. Walser wähnte sich – das drückte die Rede auch unmißverständlich aus – mit dieser Sicht als Avantgarde gegen den Betroffenheitskult der behaupteten Mehrheit, obwohl unserer tapferer St. Georg mit Namen Martin doch längst im Mainstream angelangt war.

Den Trick seiner geschlaumichelt-dialektischen Argumentation hatte ich oben schon angedeutet: Wo bitte schön sind denn noch hier in Deutschland Nazis? Na also, dann gibt es auch keine Daseinsberechtigung für die uns Deutsche Übles unterstellenden Moralpolizisten mehr, nicht wahr? Auch hier wie bei den Betroffenen zehn Jahre zuvor: fishing for not guilty…

Aber Walser war längst im Irrtum: Nicht mehr der linke Moralpolizist sondern der national-konservative Sonntagsredner hatte das öffentliche Sprechen über die deutsche Selbstvergewisserung übernommen. Mit einem Martin Walser vorne weg! Und die anwesende deutsche Elite erregte sich positiv nach seiner Rede, wie deren Sprößlinge sonst nur nach einem Rock-Konzert. Die neue, nunmehr enthemmte Qualität der Deutschen im Verarbeiten der narzistischen Kränkung war offenbar geworden. Hierbei kann ich mir einen Gedanken einfach nicht verkneifen: Da nicht davon auszugehen ist, dass sich innerhalb von zehn Jahren – also zwischen 1988 und 1998 –  die Gesamtbevölkerung ausgetauscht hat, dürfte die Schnittmenge zwischen den Walkserclaqeuren einerseits und den Jenninger-Verächtern andererseits groß sein. Wer hier einen Widerspruch sieht, hat nichts verstanden. Aber weiter in der Schilderung des Geschehens:

Der ebenfalls anwesende Ignatz Bubis war neben Pfarrer Schorlemmer der einzige, der diesem geschlaumichelt-dialektischen Spiel nicht applaudierte. Bubis war enttäuscht und wohl auch verärgert, wie wenig Unterstützung er in der folgenden Medien-Debatte erfuhr. Im Grunde geschah ihm ähnliches wie Philip Jenninger: Auch über ihn und über seine kritischen Anmerkungen zur Walser-Rede wirbelte ein Medien-Tornado hinweg.

Überrascht war er darüber aber nicht, denn er hat schon unmittelbar nach der Rede „genau gesehen, wer da geklatscht“ hat: Nämlich fast alle (sic!)!!! Er, Bubis, hatte seine Rolle im Spiel Entsorgung der Vergangenheit gespielt, fortan würde das Projekt moralischer Nichtabstieg Deutschlands auch ohne ihn weiter gehen. Was für ein bitterer Abgang. Aber bevor er starb, stellte er die Enttäuschung in einem Zeitschriften-Interview noch einmal klar: Er habe nichts erreicht. Gut gemacht Ignatz, möchte man sagen! Damit wenigstens hatte er das in den Nachrufen schon vorfabrizierte allgemeine Versöhnungsgequatsche konterkariert. Wenigstens das! Wenn es auch an der Gesamtrichtung nicht viel änderte.

Denn: Das Versöhnungsfeld war bestellt, der Boden bereitet, das Mahnmal (gegen Walsers Willen übrigens) gebaut. Der Zug mit Namen Geschichtsrevisionismus nahm nun Fahrt auf. Bevor die völlig neue Sichtweise der deutschen Geschichte im neuen Jahrhundert aber sich etablieren konnte, mußte zunächst noch eine weitere Facette der narzisstischen Kränkung der Deutschen mittels medialer Nebelkerzen ins Nirwana geschossen werden: Die Wahrheit über die Rolle der Wehrmacht!

Einschub 2

Wenn ein Kitt den Kalk der Wände zusammenhielt, dann war es die deutsche Nachkriegslegende von der „sauber gebliebenen Wehrmacht“. Wehrmacht waren alle, und wenn die sauber geblieben ist, ist Deutschland sauber geblieben. Nase rümpfend konnte alles der minderheitlichen SS untergejubelt werden. Dieser Legende – und wir dürfen das heute eine Legende nennen – versetzte die erste Wehrmachtsausstellung einen empfindlichen Stoß und produzierte eine weitere narzisstische Kränkung, die an Qualität den Kränkungen durch Jenninger und Bubis in nichts nachstand.

Gott sei Dank konnten dann zahlreiche Falschzuordnungen der gezeigten Photographien enthüllt werden. Zwar haben diese Falschzuordnungen – wenn man ehrlich ist – mit der Gesamtaussage der Ausstellung nichts zu schaffen. Das Mitmachen der Wehrmacht bei der Vernichtung der europäischen Juden muß mittlerweile als gesichert angesehen werden. Aber in einer öffentlichen Kontroverse kam es noch nie auf die Wahrheit an. Jedesmal ging der als Sieger von Bord, der es geschafft hat, die öffentlichen Empörungs- und Erregungsmetaphern zu besetzen. Das gelang auf vorbereitetem Boden den Kritikern dieser Ausstellung spielend. Einem der Macher, dem Historiker Hannes Heer, konnte dann noch halb wahr, halb unterstellend ein perönliches Abrechnungsmotiv gegen dessen Vater untergeschoben werden – und fertig war die erwünschte Richtung des debattierenden Summenvektors: Alles Lüge in dieser Ausstellung! Das Bild prägt viele bis heute. Obwohl mitnichten alles Lüge war und obwohl die Ausstellungskritiker – allen voran der polnische Historiker Musiol – ebenfalls Bilder falsch zuordneten. Egal! Mission erfüllt! Die Wehrmacht war höchstens partiell dabei, wenn überhaupt. Man merkt schon, auch hier ging es um einen Freispruch, auch hier das immer wieder kehrende Motiv: fishing for not guilty, die Exculpatio in toto und die Culpa levis partialis! Nach mehrjährigem, medialen Dauerfeuer war der Boden für die nächste Phase der Geschichtsrevision vorbereitet. Die narzisstisch gekränkten Deutschen wollten jetzt auch mal Opfer sein…

3. Das Opferdasein als Identitätsstiftung

Das Jahr 2000 war in der öffentlichen Wahrnehmung des deutschen Nationalsozialismus eine Zäsur. Fortan konnte man immer (bewußtseinsmanipulierend?) vom letzten Jahrhundert reden, wenn der deutsche Wahn Thema wurde. Das dritte Reich wurde endgültig historisch, was man ja durchaus als regelrechte Entwicklung ansehen konnte. Nur hätte man doch annehmen können, dass diese Historisierung zu einem freieren Blick auf die eigene Geschichte führen würde.

Aber weit gefehlt! Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem historischen Sündenfall war auch im neuen Jahrhundert nicht von einer den damaligen Wahnsinn anerkennenden Gelassenheit geprägt: Im Gegenteil! Anstatt in Billigung der Tatsachen zu sagen: Ja, es war verrückt, wir, respektive unsere Altvorderen waren dem Wahnsinn verfallen und nun müssen wir in Anerkennung dessen zugeben, dass wir after the fall leben! ; anstatt diese doch sicherlich einsehbare Erkenntnis zu leben, wird erneut versucht, mit unlauteren Mitteln die narzistische Kränkung los zu werden. Diesmal mit einer Methode, die vor 20 bis 30 Jahren eigentlich nur Alt-Nazis vorbehalten war, nun aber offenbar (und sehr beunruhigender Weise!) bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist. Ich meine die Stilisierung zum historischen Opfer! Urplötzlich (?) waren auch die Deutschen pars pro toto Opfer eines „unmenschlichen“ Krieges. Die Flucht der Deutschen aus dem Osten, Vergewaltigungen der roten Armee, der Luftkrieg sollten die deutsche Opferrolle bezeugen. Auch Walser frechte weiter: Er sah sich nun als Opfer eines jüdischen Literaturkritikers und erwies sich damit einmal mehr als zeitgemäß.

Nicht, dass es das vorher nicht auch schon gegeben hätte, nur verschoben sich die Gewichtungen. Ich sprach ja eingangs bereits von den starken Überschneidungen der verschiedenen Phasen. Der Betroffenheitskult, Walsers Frechheiten, die verrückten Philosemitismen (bis hin zu versuchten und vollzogenen Selbstverstümmelungen am Edelsten des Mannes!!! kein Witz, das gab und gibt es wirklich), schließlich die Darstellung der Deutschen als Opfer der Geschichte, die sie doch so maßgeblich und ungut mitgestaltet haben. All das hat es immer und zeitgleich nebeneinander gegeben, lediglich die jeweilige Dominante variierte.

Über all diesen Facetten des verrückten Verhaltens schwebte und schwebt als Ursache: Die narzisstische Kränkung! Also das Nicht-Aushalten-Können dessen, was uns zu Erben von unfassbaren Haltungen und Taten werden lässt. Unerträglich scheint es zu sein, mit sich und den Seinen nicht im Frieden leben zu können.

Epilog – der Blick nach vorne zurück

Somit steht meine Diagnose: Die narzisstische Kränkung ist die entscheidende Konstante im Verhältnis der Deutschen zu Juden seit Jahrzehnten.

Es wäre weiter zu fragen, ob es möglicherweise auch vor Hitler eine ähnliche Kränkung des deutschen Nationalstolzes gegeben hat. Denkbar wäre dann das Einfließen dieser Kränkung in das Motivgemenge hinein, welches schließlich dem massenhaften Morden als weltanschauliche Grundlage diente. Hierfür gibt es allerdings einige Belege. Vor allem mit der Niederlage im ersten Weltkrieg ist die deutsche Gesellschaft nicht klar gekommen und zeitgleich radikalisierte sich der immenante Antsemitismus in Vernichtungsphantasien hinein. Ich fürchte, dass in dieser Gleichzeitigkeit mehr liegt als eine reine Koinzidenz. Genau darüber wäre weiter zu diskutieren: War diese national-narzisstische Kränkung der entscheidende Sukkurs, der den bereits vorhandenen Antisemitismus zum Vernichtungsantisemitismus transformierte?

Ach ja: Martin Walser hat gewonnen. Das Mahnmal ist nicht wie von ihm befürchtet Kranzabwurfstelle geworden sondern Schattenspender für ein Massenpicknick. Die walserschen Würstchenbuden stehen vor dem Mahnmal und sorgen dafür, dass niemand, der sich historisch erschaudern lassen möchte, hungern muß. Das wäre doch wohl in seinem Sinne…

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen, nicht wahr?

15.10.14

Nun kommen mir gerade Töne von Martin Walser zu Ohren, die ich so möglicherweise erhofft, aber nicht erwartet habe: Auch aus Anlaß der Beschäftigung mit dem jüdischen Dichter Sholem Yankew Abramovitsh habe er neu nachdenken müssen und – so sinngemäß – vieles seiner vormaligen Äußerungen seien von ihm nicht mehr aufrecht zu erhalten. Sollte sich diese Wandlung Martin Walsers bestätigen, so wäre sie ein Anlass zur Hoffnung.

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17 Gedanken zu „Essay

  1. Pingback: „Die Deutschen und ‚ihre‘ Juden“: Betroffenheitskult und der darin schlummernde Antisemitismus | AISTHESIS

  2. Toller Artikel, danke. Die Stilisierung zum historischen Opfer lässt mich an die Stilisierung zum Opfer heute denken, in Bezug auf Südeuropa, das uns ausbeutet, oder in Bezug auf die Amis, die uns gehirnwaschen, oder in Bezug auf die Hartz-Empfänger, die uns ausnutzen oder in Bezug auf die Ausländer etc. Der Opferdiskurs lässt sich zumindest hierzulande in allen möglichen Zusammenhängen wecken und instrumentalisieren.

    Ich glaube, es steckt tief im kollektiven Gedächtnis drin, dass wir doch die Besten sind und alle anderen nur unsere Speisekammer wollen.

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    • Die Stilisierung zum Opfer sehe ich im hier in Frage stehenden Kontext als eine von vielen schrägen Spielarten, mit der als unerträglich empfundenen Vergangenheit fertig zu werden (einige andere Spielarten habe ich ja auch noch beschrieben).
      Was an dieser Art der „Vergangenheitsbewältigung“ so beunruhigend ist: Bis vor 10-20 Jahren war es noch Alt-Nazis vorbehalten, die deutsche Schuld mittels Opferbehauptung im nebulösen Geschichtsorkus verschwinden zu lassen. Diese Methode ist nun offenbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Siehe hierzu auch die interessante Diskussion auf shifting reality: in: Die Kunst der Pol. Provokation. Grüße

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  3. Sorry, wenn ich die Botschaft Ihres Essays falsch verstanden haben sollte, so korrigieren Sie mich bitten, sind bei mir doch von Ihnen diese drei Botschaften angekommen:
    1. 50 Millionen Deutschen waren die willigen Vollstrecker des „Massenmords“ an 6 Millionen Juden gewesen, weshalb sie sich nach dem Zusammenbruch allesamt hätten schämen müssen?! Sie schreiben: „was uns zu Erben von unfassbaren Haltungen und Taten werden lässt.“
    2. Es gibt in Ihrer Historiographie keine nationalsozialistische Herrschaft, keinen SS-Staat, keine Führungskräfte, keine Führung, kein Befehlsgeber, sondern der Holocaust war Ihrer Meinung nach der elementar ausgebrochene Racheakt von 50 Millionen narzisstisch gekränkten Menschen gewesen?! Sie schreiben: „Über all diesen Facetten des verrückten Verhaltens schwebte und schwebt als Ursache: Die narzisstische Kränkung!“
    3. Und dass sie diese kranken Leute nicht geschämt haben erklären Sie sich und uns mit einem „Nicht-Aushalten-Können dessen, was uns zu Erben von unfassbaren Haltungen und Taten werden lässt.“
    Noch ´ne Frage: warum psychologisieren auch Sie ein politisch-ökonomisches Phänomen namens Antisemitismus?
    Mich würde schon sehr interessieren, was Ihnen zu meiner BLUEPRINTtheorie http://wp.me/pxqev-U1 einfiele und was Sie zu meiner unmittelbaren Kritik an Ihrem psychologistischen Ansatz zu sagen hätten: KEIN ANTI-SEMITISMUS OHNE SEMITISMUS http://wp.me/pxqev-1f3 , doch ich befürchte, dass ich auch bei Ihnen als der DER ERFOLGLOSE http://wp.me/pxqev-Sc landen werde.
    Bitte widerlegen Sie meine Befürchtung und versuchen wenigstens Sie sich an einer Falsifizierung meiner BLUEPRINTtheorie. Sie wären der erste, der es wenigstens versucht hätte!

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    • Ich habe schon überlegt, ob ich dieses wirre Zeugs freischalten soll, aber vielleicht gerade deswegen. Man muß diesen Kram für die Nachwelt konservieren. Weiterhin wäre es auch naiv anzunehmen, die Blogfighter dieser Welt würden auf so einen Essay nicht anspringen wie die Pawlowschen Speicheldrüsen. Zur Sache: Unser Blogfighter kämpft sich blogfightend durch den Text, aber er hat nicht einen Deut davon verstanden.
      Ad 1. Wirrkopf Mr. Blogfighter nennt den Massenmord „Massenmord“. In Anführungszeichen!!! Einen inhaltlich benennbaren Einwand kann ich in seinem Punkt 1 sonst nicht erkennen.
      Ad 2. Er vermisst in der Historiographie nationalsozialistische Institutionen. Es ist aber gar keine Historiographie! Untersucht wird das mehrheitliche Verhalten der Deutschen hinterher. Und es wird die Frage aufgeworfen, ob in diesem Verhalten möglicherweise Ansätze erkennbar sind, die uns etwas über das bisher unbekannte Motiv dieses Massenmordes verraten.
      Ad 3. Den ersten Teil verstehe ich nicht! Zum zweiten Teil: Antisemitismus gab es immer, unter allen politisch-ökonomischen Bedingungen. Somit sind hier keine Variablen und folglich auch keine benennbaren Ursachen erkennbar, oder man sagt, dass alle pol.-ökonomischen Bedingungen Antsemitismus produzieren, was bedeuten würde: Antisemitismus gehört naturgemäß zu jeder Gesellschaft. Ein solches Denken ist nicht meins.
      Aber Wirrkopf Blogfighter weiß es ja genau: Der Semitismus produziert Antsemitismus, sog. Blueprint-Theorie.

      Damit erweist sich Mr. Blogfighter als genau der, der er auch sein will. Ein Neu-Rechter, der die Ursache des Judenhasses in den Juden selbst, in ihrer Existenz verortet. Damit es auch jeder weiß, wie man Antisemitismus los wird….
      Noch klarer und fürchterlicher ausgedrückt: Nach Mr. Blogfighters Meinung können nur neue Lager den Antisemitismus beenden, indem sie die jüdische Existenz beenden. Ohne Juden kein Antisemitismus mehr, so dröhnt es aus Blogfighters Zeilen. Und genau deswegen bitte ich Sie, Mr. Blogfighter, hier nicht mehr zu posten.

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      • Ihrer Bitte, die ja dem Flehen eines Unfähigen gleichkommt, werde ich nicht entsprechen, weil ich durch meine Kritik, die Sie nicht aushalten können, auf jeden Fall selbst etwas lerne – und nur darum geht es mir.

        Ihr Ansatz entspricht Ihrem Selbstverständnis von „summacumlaude“, von unübertrefflich, von einzigartig, ist er doch arrogant und selbstgefällig, von seiner Aggressitität – warum müssen Sie eigentlich „persönlich“ werden, wenn Sie fachlich-sachlich was auf dem Kasten hätten?! – ganz zu schweigen.

        Sie haben meine Fragen nicht beantwortet, weil Sie sie – eingestandener Maßen – nicht verstanden haben: das sollte Ihnen zu denken geben.

        Da ich alles sachlich Wesentliche gesagt habe und da Sie – statt mir zu antworten – ausfällig geworden sind, erlaube auch ich mir den Spaß, persönlich zu werden, d. h. sie als Angeber auf den Stock zu setzen.

        1. Ihre Kritik an meinen Anführungszeichen ist berechtigt: warum habe ich Sie zitiert, ist doch der Holocaust in Wirklichkeit ein Massenmord, ein Völkermord gewesen!

        2. Sie haben nicht das „mehrheitliche Verhalten der Deutschen“ – was ist das eigentlich? – „untersucht“, sondern sie haben die zionistische Kollektivschudlthese von Begin, Golda Meir, Netanjahu, Dan Diner und zigtausenden anderen Zionisten ausgekotzt.Sie und „untersuchen“: wissen Sie, wie das geht?! Natürlich wissen Sie es, aber Sie haben es nicht gemacht, weshalb ich Sie der Lüge überführt habe, einer Lüge, auf der ihr ganzes arrogantes Verhalten gegenüber den von Ihnen namentlich erwähnte, mich eingeschlossen, basiert.
        Ihr vorgebliches Interesse ist es, „Ansätze zu erkennen, die uns etwas über das bisher unbekannte Motiv dieses Massenmordes verraten“. Auch hier lügen Sie, denn als „Ansatz“ haben Sie uns ja schon verraten gehabt: „Somit steht meine Diagnose: Die narzisstische Kränkung ist die entscheidende Konstante im Verhältnis der Deutschen zu Juden seit Jahrzehnten.“ Ein Schwachsinn hoch drei, und außerdem nichts anderes als der 811. antideutsche Aufguss der in 1942 von Horkheimer und Adorno fabrizierten „Dialektik der Aufklärung“.

        3. Was ich – bisher unwiderlegt – nachgewiesen habe, das ist die Tatsache, dass die Strategie der „Endlösung der Judenfrage“ / Holocaust nicht der „Ausrottung der Juden“, sondern die spezifische Methode der ethnischen Säuberung des Besatzungsgebietes von Juden, Polen, Zigeunern, Slawen etc. diente natürlich der Beseitigung dieser Völkerschaften, doch auch und nicht zuletzt der Sozialisierung einer kritischen Masse von „Herrenmenschen“, die das Handwerk des Massenmords zum Zwecke der zukünftigen Beherrschung der besetzten Gebiete – eines Europas vom Nordkap bis Kreta und von der Atlantikküste bis zum Ural – erlernen mussten, weil er eben nicht der deutschen Volksseele immanent gewesen ist, wovon Sie brutaler Weise ausgehen.

        Wenn Sie es schon nicht fertigbringen, meine BLUEPRINTtheorie.de zu widerlegen, dann versuchen Sie es vielleicht mit der Analyse der Posener Rede von Heinrich Himmler, der Ihnen verdeutlichen würde, was ich gesagt habe.

        Wenn ich Sie richtig einschätze, dann werden Sie auch diese Offenbarung nicht verstehen, weil ein Verständnis zum Zusammenbruch Ihrer Aufgabenstellung als zionistisch IM führen müsste.

        Ich denke, dass ich auch Ihr Geschäftsinteresse in KEIN ANTI-SEMITISMUS OHNE SEMITISMUS, SPRICH: ZIONISMUS http://wp.me/pxqev-1f3 mit diesem Satz auf den Begriff gebracht habe: Only „Anti-$emitism“ Sells! Was sich auch daran erweisen wird, dass Sie diesmal kein Interesse mehr dafür aufbringen werden „diesen Kram für die Nachwelt zu konservieren“. Dazu fehlt Ihnen die Kraft, der Mut und die intellektuelle Potenz zum Dazulernen.

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  4. Das ist wohl breit angelegt. Im Spiegel wurde kürzlich der Historiker Nolte rehabilitiert, ohne dass das für Aufmerksamkeit gesorgt hätte. Bemerkenswert ist auch der Begriff der Mitte der Gesellschaft. Dort verorten sich ja mittlerweile alle Rechten. Ich bin mal gespannt, wann auf den Ersten-Weltkriegs-Clark der Zweite-Weltkriegs-Clark folgt.

    Wobei ich die Beschäftigung mit den eigenen Opfern nicht für falsch halte, sondern für notwendig. Meine Mutter war seinerzeit Opfer von Vertreibung, mit fünf Jahren. Das zu verdrängen wäre falsch. Es ist nur eine Frage der politischen Einordnung. Und es ist eine Frage des Wie. Geht es wirklich um das schlimme persönlich Erlebte oder dient diese Erzählung zur Rehabilitierung der damaligen Politik? Es hängt wohl mit Feindbildern zusammen. Ich spüre in Ostdeutschland immer wieder die Abneigung gegen Polen etc., da sticht höchstens Putin als starker Mann heraus. Das sind autoritäre Strukturen, die all das ermöglichen. Leute, die sich gerne unterordnen schauen verächtlich auf die Untergeordneten. Verrückt.

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  5. Dank für den Aufsatz, der mir aus der Seele spricht. Vielleicht noch eine Ergänzung oder Zusatzüberlegung am Rande. Dieser Philosemitismus des juste milieu dient auch auf einer anderen Ebene dazu, sich mit den deutschen Verhältnissen zu arrangieren. Indem seit einigen Jahren auf dem Antisemitismus der Linken herumgeritten wird, versucht man, die radikale Infragestellung des kapitalistischen status quo in der Folge von 1968ff zu entsorgen. Und das ist inzwischen längst nicht mehr nur das Werk der lächerlichen Truppe von Antideutschen, sondern dazu gehören auch Figuren wie Gerd Koenen oder Wolfgang Kraushaar. Deren einfache Formel lautet: Radikale Kritik der 68er am Kapitalismus = Bewaffneter Kampf = Antisemitismus. Und da man über diesen erhaben ist, ist nun natürlich auch eine fundamentale Kritik der Zustände undenkbar.

    Meine Zurückweisung dieser simplifizierenden Formel soll jetzt keinesfalls heißen, daß es keinen linken Antisemitismus gab oder gibt. Das ist eine Hypothek, die schwer sowohl auf den bewaffneten Gruppen wie auf den maoistischen Kaderparteien lastet. Aber diesen Antisemitismus als Schlüssel zur Erklärung des 68er-Radikalismus auszugeben ist völlig ahistorisch und dient nur dem subjektiven Bedürfnis, sich von den radikalen „Illusionen“ der eigenen Jugend zu distanzieren. Wie schrieben schon Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung: „Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden.“

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  6. „Aber diesen Antisemitismus als Schlüssel zur Erklärung des 68er-Radikalismus auszugeben ist völlig ahistorisch und dient nur dem subjektiven Bedürfnis, sich von den radikalen “Illusionen” der eigenen Jugend zu distanzieren. Wie schrieben schon Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung: “Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden.” “ (Alterbolschewik)

    „“Sagen Sie
    ihm, daß er für die Träume seiner Jugend
    soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird”
    (Schiller im Don Carlos) “ (summa)

    Und mehr ist zum peinlichen 68er-Bashing auch nicht zu sagen. Es ist – eine der perfidesten Spindoctoreien des Diskurses – genau diese sich als Antisemitismusbekämpfung tarnende Unterwürfigkeitsgeste, die ich an den h e u t i g e n Antideutschen so verachte.

    Ihr damaliges „Deutschland, halts Maul!“ (mit Marlene-Plakat!) aber werde ich ebenso immer verteidigen, und aus denselben Gründen.

    blogfighters Gelalle zu kritisieren fehlen mir Zeit und Lust. Richtet sich selber.

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    • Die Behauptung einer antisemitischen Gruppe 47 gehört noch hierher. Nun sind damals bei den ersten Treffen sicherlich einige „Kameraden“ dabei gewesen. Wie könnte es auch anders sein? Und die Behandlung Paul Celans wäre noch einmal eine Darstellung wert, ich glaube aber, dass hierbei eher ein ästhetisches Mißverständnis vorlag. Aber Antisemitismus?
      Ilse Aichinger bekam 1952 in Niendorf an der Lübecker Bucht den Preis (als Celan mißverstanden wurde!), Mayer und Reich-Ranicki kritisierten später tonangebend, und eben Reich-Ranicki sagte dann klar aus, dass er während seiner Anwesenheit Antisemitismus nie erlebt habe. Es wurde dennoch behauptet und fand aus den Gründen, die alter bolschewik nannte, Abnehmer.

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  7. Äh, ihr… Ich glaube, der Blogfighter da oben hat insofern recht, daß Psychologie nicht hierhergehört. Worum geht es denn wirklich? Wer hat denn überhaupt ein Problem mit dem Holocaust und warum? Linke, Leute, die für den Frieden kämpfen, Kommunisten etc. haben überhaupt keinen Anlaß, sich für die Untaten der Nazis zu schämen. Ein Problem haben hingegen all diejenigen Zwecke, die auf einen „gesunden“ Patriotismus, auf einen Nationalismus, der in jedem Land üblich ist, angewiesen sind. Da von Patriotismus und Nationalismus aber niemand glücklich wird, weil der in letzter Konsequenz nur Krieg, Gewalt und Zerstörung bringt, scheidet der Appell an niedere Instinkte aus. Aus Habgier, Rachsucht, Neid und dergl. würde niemand sich freiwillig das antun, was „gesunder“ Patriotismus und Nationalismus vom Staatsbürger verlangen. Deshalb müssen höhere Rechtfertigungen her. Es gilt daher für eine gemeinsame Sache, Opfer zu zeigen, gemeinsam für hehre Ziele, für Recht und Freiheit, einzustehen. Dazu muß natürlich die Moral intakt sein. Da kann nicht jemand dahergelaufen kommen, und Verhalten aus hehren Motiven zum Verbrechen erklären.

    Doch sowohl Juden und Deutsche sind schlau und wissen Rat, wie man trotz Holocaust den „gesunden Patriotismus“ gegen moralische Anfechtungen doch noch retten kann: Man kann noch eine kolossale kollektive Projektionsleistung vollbringen! Man kann kollektiv seine Erbschuld büßen, und in aller Welt Verantwortung übernehmen, daß niemals wieder ein ähnliches Verbrechen wie der Holocaust geschieht. So verwandelt sich der Gedenkkult in einen aggressiven Militarismus, denn der Holocaust findet in Zukunft da draußen statt, und nicht mehr bei sich zu Hause, wo man schon bei Worten wie „Autobahn“ genau darauf achtet, ob sie im gegebenen Kontext Mißverständnisse auslösen könnten. Bei Zionisten, ganz besonders bei den deutschen Zionisten, den schon erwähnten Antideutschen also, wird das ganz besonders deutlich. Diese Kämpfer für die gerechteste Sache der Welt erklären sie für gewöhnlichen Antisemitismus. Militarismus dagegen halten sie für die natürliche Pflicht eines jeden anständigen Bürgers, vorausgesetzt natürlich, er dient der zionistischen Sache.

    So, jetzt habe ich die Sache erklärt, ohne eine medizinische Diagnose der „narzisstischen Kränkungen“ in Anspruch zu nehmen.

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  8. Ich war einige Tage im offline-modus, gewissermaßen entwirrt unterwegs. Daher mein verspätetes Reagieren-

    @neumondschein Nun, auch Deine Ausführungen entbehren keineswegs der Psychologie und ebensowenig fehlt sie bei Blogfighter. Dessen Brachialpsychologie „erklärt“ freilich den Antisemitismus mit der Existenz von Juden und augenzwinkert damit die „Lösung“ herbei: Ohne Juden kein Antisemitismus. Da weiß doch der Vorgartenfritz sofort, wie eine solche „Problemlösung“ aussehen könnte…
    Was Du selbst ansprichst ist ebenfalls Psychologie und zwar politische Psychologie. Du verwendest sogar psychoanalytisches Kernvokabular: Projektion!!! Aber Spaß beiseite. Sicher: Mit dem Holocaust Begründungszusammenhänge für militärisches Eingreifen herzustellen, ist mehr als heikel. Das sehe ich ja gar nicht groß anders. Die Situationen heute sind anders, verschieden von der im damaligen Europa. Trotzdem versucht jede politische Richtung – aber bitte schön JEDE!!! – sich auf die historisch als antfaschistisch zu bezeichende Seite zu schlagen, versucht jeweils, die andere Seite des Faschismus zu zeihen. Eben darum, um billigen moralischen Gewinn abzuschöpfen. Das beobachten wir gerade bei der Krim, wo „alle“ Ukrainer mittenmal Faschisten sein sollen. Aber auch Putin wird assoziativ in Richtung Hitler gedrängt: Stichwort ist Erledigung der Rest-Ukraine. Wer so assoziativ „argumentiert“, muß dann gar nicht mehr weiter fragen, weiter denken, die nämliche Situation analysieren. Das erübrigt sich, man behauptet einfach munter drauflos und schon kann man den Hitler noch einmal besiegen. Für Deutsche kommt noch eine apokryphe Widerstandshandlung hinzu: Endlich kann man beweisen, dass man historisch auf der richtigen Seite steht. Aber wichtig neumondschein ist zu verstehen, dass diese psychologischen Mechanismen (sic!), die für mich unbestreitbar sind, für ALLE Seiten gelten. Nicht nur für die Putin-Adepten, sondern auch für die Timoschenko-Seite (apropos Timoschenko: Von der hört man ja gar nichts mehr).

    Womit ich gar nicht einverstanden bin, ist eine Vokabel, die Du verwendest: Die Zionisten, die „zionistische Sache“! Ich möchte nicht groß über Zionismus debattieren. Ich weiß aber dinglich, dass das Wort Zionismus, wenn es vorwürflich verwendet wird (und das tust Du – leider), ein großer Kitt der neuen Rechten darstellt, die sich übrigens über dieses Trittbrett mit Teilen der alten Antifa-Linken treffen. Da verwirbeln mitunter die Fronten. Personalisierter Ausdruck dieser Verwirbelung ist der ehemalige Landsmannschafter, „Terroristen“anwalt, Nebenkläger gegen Kurras (meine ich) und heutiger Rechtsaußen Horst Mahler. Auch der sieht die herbeigezwängerte Zustimmung der deutschen Gesellschaft zu allerlei militärischen Missionen als zionistische Trickserei an. Und auch der in meinem Essay zentral stehende Martin Walser unterstellt im Prinzip genau diese Mechanismen. Und fühlt sich selbstredend verfolgt, weil er diese „Wahrheit“ sagte…

    Israel selbst ist übrigens eine (Stink- s.u.)normale Demokratie, hierbei genauso korrupt wie alle anderen westlichen Demokratien auch (pecunia non olet gilt in Israel ebenso wie überall sonst), mit einer harten Presse, die wie anderswo auch mit Lust die Korruption der Politiker aufdeckt, und die Staatsangehörigkeit, der israelische Pass ist keinesfalls an die Religion gebunden.

    @bersarin Müßte man mal CG Jung fragen…..

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