Literaturkritik

Martin Lechner „Kleine Kassa“

 

 

Das ist Lechners erster Roman. Lange schon war seine Sprache in Berlin unterwegs und er selbst wäre schon ebenso lange so etwas wie ein „Geheimtip“ gewesen, wenn ein „Geheimtip“ nicht seinerseits ein Klischee wäre. Die Suche nach der Sprache jenseits des literarischen Sprücheklopfens und jenseits des Klischees war aber immer Lechners Motor. Folglich reichte es nicht einmal zum „Geheimtip“….  Nagut, nun also der erste größere Ruf in die literarische Welt hinein. Vorweg: Das fast komplette Verschweigen dieses Romans im deutschen Feuilleton ist ein Skandal erster Güte. So manche Lobdiener der arrivierten Verlage werden sich für dieses Verschweigen vor sich selbst noch zu verantworten haben…

 

Es geht um einen intellektuell nicht groß engagierten Lehrling namens Georg, der in einer gemütlichen deutschen Provinz, dem sog. Heidekreis, aufwächst, und dem nach dem Betrachten eines Werbefotos für Urlaubsreisen die Träume durchgehen. Als Liftboy ans Meer wollte er mit seiner Freundin Marlies schon immer. Pech nur, dass weder er noch seine Freundin bisher davon wußten und weiterhin Pech, dass seine Freundin von ihrer Rolle in seinem Leben noch viel weniger wußte. Ich Georgs Fluchtbegleitung? Gar Freundin? Aha! Sie wird es dann auch nie erfahren… Stattdessen begleitet ihn zunächst einmal der Koffer des Chefs, den er jeden Freitag irgendwohin zu bringen hat, die „Kleine Kassa“ eben. Und schnell wird klar: Da hat der arme Georg sich ein paar Aufgaben zu viel aufgehalst. Flucht aus der deutschen Gemütlichkeit, damit Flucht vor seinem Chef, dem brutal-unsinnlichen Einzelhändler Oskar Spick, Flucht vor und von der Familie und dann muß Marlies auch noch mitfliehen wollen. Dass Lechner hiermit so ganz nebenbei, gewissermaßen en passent die Werbepsychologie auf die Schippe nimmt, sei nur am Rande erwähnt. Vieles in dieser Rezension kann nur am Rand erwähnt werden und müsste doch zentral stehen, so dicht ist dieser Roman geschrieben.

 

Bei dieser Flucht geben sich Schlafentzug und Alkohol die Hand, das heißt, dieser Roman hat einerseits ein irrwitziges Tempo, andererseits ist das innere Erleben Georgs gedehnt und stark fokussiert, wie immer, wenn sich jemand außerhalb des Alltags erlebt. Georg Röhrs flieht halt nicht jedes Wochenende. Er findet dabei eine Leiche im Wald, er stolpert gewissermaßen über sie (ist er es selbst, ist die Leiche sein altes Leben?), gelangt mittels eines entwendeten Mofas in eine Kneipe, wird vom sog. Heideblitz, einem lokalen Fernsehsender, verfolgt oder fühlt sich zumindest verfolgt, trifft neue Feinde, neue Freunde(?), wird vom Unbill des Flucht-Alltags fast umgehauen. Sein Chef stellt ihm und der „kleinen Kassa“, also jenem Koffer nach. Immer wieder muß er die Quartiere wechseln und irgendwann merken er und der Leser, dass der Heidekreis Krallen hat wie Prag, dass das Einschießen in die Kreisbahn nicht zentrifugal aus dem Kreis herausführt sondern zentripetal in das Zentrum zurück. Anders ausgedrückt: Georg umkreist die Stadt und findet doch keinen Ausgang. Er findet im Lauf der Erzählung andere Spielarten der vergeblichen Flucht vor: Eine Landstreicher-Combo. Seinen Vater, der in der Kleingartenkolonie versandelt und von dort das Weltall betrachtet; Flucht in die Sterne, in die Unendlichkeit. Marlies und ihr gemeinsamer Freund flohen in die Psychiatrie, wobei es egal ist, ob als Patient oder als Wärter. Die Rollen sind austauschbar. Wovor geflohen wird, das wird anhand Georgs Flucht sehr schnell deutlich. Und zugleich wird klar, dass die Flucht nicht gelingen kann, weil das, wovor er flieht, überall vorkommt…. Georg nennt es in seiner Einfalt Denkfehler und hat – wie alle Einfältigen – Recht.

 

Sein Schlafentzug lässt ihn schließlich glauben, ihm könne neben dem Diebstahl der „kleinen Kassa“ auch die von ihm angestoßene Leiche angelastet werden. Dabei besteht seine Schuld lediglich darin, der unschuldigen Brutalität des gemeinen Lebens entfliehen zu wollen. Sinnbild dieser ungeheuren Brutalität ist sein Chef, der schon erwähnte Einzelhändler für Werkzeuge aller Art, Oskar Spick. Dieser Herr Spick ist eine angstmachende Figur; in ihrer schulterklopfenden Gemütlichkeit ein Abbild des Provinz-Schützenkönigs, der unfähig ist, ein Leben jenseits der Gildensatzung anzuerkennen, geschweige denn zu verstehen. Lechner schildert dann auch seinen Laden als eine Ansammlung von Äxten und anderen Mordwerkzeugen. Wenn er könnte, Spick würde auch eine Schneckenguillotine vertreiben. Und Selbstschußanlagen für Feldhasen. Die fressen doch immer den Salat.

 

Und der Koffer, die „kleine Kassa“? Nie wird so recht deutlich, wozu dieser Koffer, für den der junge Held (ohne Anführungszeichen!!!) verantwortlich ist, eigentlich dient. Schwarzgeld? Vielleicht. Aber warum ist er dann mal schwerer, mal leichter, so wie die Geschichte mal be- mal entschleunigt sich erzählt? Nun, jedenfalls ist der Koffer, dessen Wichtigkeit dem Lehrling verborgen bleibt, ob dieses Geheimnisses eine Metapher für das Geheimnis des Heidekreises selbst. Dieser scheinbar gemütliche Abschnitt eines befriedeten Landes birgt – das dürfte wohl inzwischen klar geworden sein –  „unterteuft“ (Th. Mann) Gewalt, nichts als Gewalt. Grün mag die Heide aufgrund des Chlorophylls scheinen, sie ist in ihrem Wesen blutrot. Und Georg Röhrs war Teil dieser Gewalt, bis er aufgrund seiner Flucht zu deren Anlass wurde…Der Heidekreis ist natürlich auch die Lüneburger Heide, aber Martin Lechner ist ein zu guter Schriftsteller, als dass er Bergen-Belsen oder den fragwürdigen Hermann Löns direkt ins epische Rennen schickt. Doch indirekt sind sowohl Bergen-Belsen, als auch Löns immer da und wirken – bis heute, bis in Georg Röhrs wahnwitzige, schlafentziehende Flucht aus dem Kreis, die ihn ins Zentrum zurück wirft. Zum Schluß wird Georg wieder auf dem Marktplatz sein und mit geklauter Farbe auf das Rathaus sprühen: Georg Röhrs ist unsch… Dann ist die Farbdose leer. Sein Plädoyer bleibt unfertig wie die Flucht selbst. Man kann auch sagen: So floh er hin…..

 

Es wäre noch viel zu erzählen über diese Erzählung: Wie Georg Rohrs mit seiner Mutter im Hotelzimmer telefoniert, wie er seinen Vater trifft, der dann „riecht“, dass auch Georg sein Leben abgegeben hat. Die Busfahrten, die Suche nach einem Rastplatz für einen Gestrandeten ohne Meer, die rechtfertigenden Briefe, die Georg schreibt….selber lesen, ich kann nur andeuten. Denn über allem Wahnwitz steht der Wahnwitz der Sprache selbst, die so bisher noch nicht in der neuen deutschen Literatur vorkam. Dann noch dies: Dieser Roman schreit in seiner Expressivität gewissermaßen nach einer Verfilmung. Ich weiß nur nicht, wer diesen Text auf die Kino-Leinwand bringen könnte, ohne im plotlastigen Klamauk eines modernen Heimatfilmes zu enden. Denn Plots, Handlungen sind verfilmbar, diese fantastische Sprache aber nicht. Vielleicht der Buck der „Karniggels“, des „Wir können auch anders…“? Aber auch da sind ein paar Fragezeichen zu viel.

 

Dieser Roman, „Kleine Kassa“ von Martin Lechner, selbstverständlich in der einzig möglichen Zeitform des Erzählens geschrieben, also dem Imperfekt, ist im Salzburger Residenz-Verlag erschienen, hat die ISBN 978 3 7017 1622 7, kostet 22,90 Euro und wer ihn nicht kauft, an dem wird Oskar Spicks Waffensammlung ausprobiert.

 

Und vergessen Sie bitte das Eine nicht: Georg Röhrs ist unsch….

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2 Gedanken zu „Literaturkritik

  1. Vielleicht wohnten, über dem Versuch der Poetologie hinaus, einem eher philosophischen Ansatz der Fußballreportage gewisse Reize inne? Nicht via bewegte Bilder, wie in dem alten Monty-Python-Schinken (deutsche gegen griechische Philosophen), sondern in Gestalt eines existentialphilosphisch inspirierten Comics zum Viertelfinale (deutsche gegen französische Philosophen). Jedes einzelne Bildchen ein Geniestreich.

    Rumpelnde Deutsche gegen hedonistische Franzosen. Derrida großmäulig. Kant korinthenkackerisch. Sartre, auf Regeltranszendenz plädierend. Camus als subversiver Zersetzer der deutschen Moral. Gekontert von Nietzsche: Willensstärke, Jungs, ran! Marx am Ball, tänzelnd mit Menuett-Füßchen, voll auf Torpfosten. Baudrillard hält. Heidegger außer sich. Hegel argumentiert auf verlorenem Pfosten, eh, Posten. Schiri Konfuzius bleibt hart. Deutsches Drama. Bitte beachten Sie auch die Werbeeinblendungen an der Bande. Ich lach mich schlapp.

    Viel Vergnügen.

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