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Typisch Deutsch

 

„…und es fällt mir nicht schwer, mir Herrn Saubermann in irgendeinem Säuberungskommando vorzustellen.“ (Heinrich Böll 1966, Brief an einen jungen Nicht-Katholiken)

 

Am 03.10.14 erschien die Feiertagsausgabe der BILD-Zeitung mit einer im Titel angekündigten Aufzählung: TOP 100 DAS IST DEUTSCH. Die Titelseite zierte ein eingetrachteter Junge auf einer Almwiese. Ist es Zufall, dass der Junge uns blondäugig entgegenschmeichelte? Seis drum, dachte ich mir, über mich selbst möchte ich doch immer gerne etwas erfahren, und ich kaufte dieses Machwerk. „Typisch deutsch“, das kannte ich eigentlich als eine Schimpfbezeichnung aus altlinken Diskussionen. Typisch deutsch war der „Gegner“, und mit diesem Siegel war man schnell außerhalb jeder Satisfaktionsfähigkeit. Dass die BILD-Zeitung das wahrscheinlich anders sehen würde, war mir natürlich klar. Und so kam es dann auch:

 

Die Einleitung auf Seite 18 macht der Wald. Aha. Dann geht der Potpourri los: Die Carrera-Bahn, Marlene Dietrich, Brandt, Kohl und Adenauer, Thomas Mann, Hermann Hesse und gar Günter aus Danzig. Die deutschen Sporthelden dürfen nicht fehlen, die deutschen Autos, die Nobelpreisträger aller Kategorien. Natürlich. Brüder Grimm und Bayreuth, gar Karl Marx hat es in die BILD-Zeitung geschafft. Auch die Konzentrationslager fehlen nicht, daran kommt auch BILD nicht vorbei, allerdings ein wenig versteckt und im kleinsten Format im Mittelteil. Alles so ein wenig wahllos aber in der Summe nicht nur unsympathisch, wenn auch ein paar Pannen dabei sind. So sei auch der Kampfpanzer Leopard typisch deutsch (Zitat: „Bis 1984 walzten sich 4744 Einheiten den Weg frei.“ Aha! typisch deutsch eben). Die Herkunft der schönen Tradition, Panzer nach Raubkatzen zu benennen, wird nicht erläutert (SS-Zeitung 1943: „Der Tiger ist, wenn mans bedenkt/ein Fahrzeug, dass sich prima lenkt“).

 

So blätterte ich auf die letzte Seite. Ich kann allein von Berufs wegen viel ertragen, aber da stutzte ich dann doch: Die Geschwister Scholl waren also auch typisch deutsch! Wie schön das wäre – aber stimmt das denn? Mein erster und ebenso mein zweiter Gedanke war und ist: Und wo ist Adolf Hitler? War der nicht auch einstmals typisch deutsch? Typischer, den allgemeinen Zeitgeist repräsentativer ausdrückend als Hans und Sophie Scholl? Aber Hitler – immerhin zu seiner aktiven Zeit der beliebteste deutsche Politiker und gewissermaßen die letzte gesamtdeutsche, politische Erinnerung vor der Teilung, – dieser Adolf Hitler – Schwarm aller BDM-Herzen und aller Jungvolkführer und somit größter deutscher Popstar seiner Zeit – dieser Adolf Hitler fehlt. Der 30. Januar ist offenbar nicht typisch deutsch. Statt dessen schräg über den Geschwistern Scholl: Persil. Schafft jeden Schoko-Fleck. Jeden braunen Fleck. („Persil ist das Waschmittel, das auch hartnäckige Schokoriegel-Flecken rausbekommt.“) Da ist das ES mit den Machern dieser Seiten so richtig Schlitten gefahren. Der Weißmacher, der typisch deutsche Reiniger von braunen Flecken in unmittelbarer Nähe zu den Opfern dieser braunen Soße.

 

Und damit erfüllen diese Seiten dann eben doch ihren Anspruch, das ist dann im freilich höchst ungewollten Sinne eben doch typisch deutsch: Weißer gehts nimmer, wenn der „typisch deutsche“ Saubermann den Feudel schwingt, die Persilscheine ausstellt. Nicht nur sauber, sondern rein (so wollen wir sein, so wollen wir sein……)

 

 

 

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9 Gedanken zu „29

  1. Bin gerade durch die nette Begrüßung auf diesen Blog und tolle Texte aufmerksam geworden.
    Danke für die Begrüßung – und die Tatsache, dass ich so auch diesen guten Text lesen konnte. Da mich die Rezeption von Clarkes Buch erschreckte, obwohl ich es so ähnlich erwartete, ist es schön, Betrachtungen hierzu zu lesen, welche von einer Jubelei über die wissenschftliche Erkenntnis, andere seien ebenso wenn nicht mehr schuld, abweichen.

    Denn über Clarkes Buch freuten sich nicht nur konservative, sondern auch linke Revisionisten.

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    • Dank für das Lob und Lob für den schönen Nickname. Er argumentiert aufs Trefflichste gegen die Haltung „Opa war kein Nazi“; Du weißt, ginge es nach den gesammelten Familienerinnerungen, wäre die Geschichte des dritten Reiches umzuschreiben.

      Auch in der Verleugnung der familiären Verstrickung demaskiert sich ja die Sehnsucht nach Reinheit, in diesem Fall nach moralischer Reinheit; dieselbe Sehnsucht übrigens, die sich vor zweidrei Generationen noch in der Sehnsucht nach Rassereinheit ausgedrückt hat….

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      • Soviel Sanitäter gab es nicht.
        Danke für die Blumen – wollte hier -ehrlich gesagt- deinen Text zu Clark kommentieren, bin aber verrutscht. Den hier finde ich aber auch gut.

        Viele können nicht einsehen, dass „die Nazis“ ebenso wenig vom Himmel fielen, als dass der Rest der Bevölkerung einfach eingelullt und dumm gehalten wurde.

        „Opa war kein Nazi“ fand ich in dieser Beziehung gut, da es zeigt, wie verklärt vieles ist, weil man sich mit Vorliebe an schöne Dinge erinnern möchte – und wie die Familienerinnerung sich auch über mehrere Generationen verklärt.

        Wunsch nach familiärer Reinheit: Ja, den gibt es bestimmt. Würde wohl jeder gerne sagen: Mein Opa war im Widerstand. Ich erlebte schon Aussagen wie: „Das hätte ich aber nicht über meinen Opa gesagt“. Daher wohl auch die Konjunktur jener VTs, nach denen Ford, FED, Rothser wer auch immer Schuld an allem haben. Dieser Wunsch nach Reinheit hielt bestimmt leider viele ab, doch einmal nachzufragen und nachzuforschen. Nicht jeder stolpert über den Parteiausweis seines Großvaters.

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  2. Die Feiertags-BILD ist an mir vorbei gegangen mitsamt dem Titel „Das ist Deutsch“. Wenn ich den Titel gesehen hätte, hätte ich ihn trotzdem im Ständer hängen gelassen. Taugt nicht als Klopapier (und der Preis pro Schiss wäre höher als bei Hakle). Also.

    Ich sehe das ganz entspannt: ich bin in D statt Syrien zur Welt gekommen und bin froh darüber, aber das war es schon.

    Zum Thema Deutsch – es gibt einige Plüsse (z. B. die Physik des 19./20. Jahrhunderts sprach „deutsch“ – Einstein, von Laue, Schrödinger) und einige Minüsse (gar nicht mal das Tausendjährige, sondern schon z. B. der Herero-Aufstand! Nicht schlecht oder was!)

    Was die Bild abliefert, ist nicht Information, sondern Volksempfinden. Wusste ich aber schon vorher, und mir ist die Zeit zu schade, das an einzelnen Titelthemen aufzuzeigen. Die Bild ist zu bekämpfen, mit allen rechtsstaatlich möglichen Mitteln; Analysen jeder Art adressieren sowieso nicht den Bild-Leser, sondern z. B. Spiegel-Leser (auch nicht bisschen besser als jener).

    Habe die Ehre.

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    • Vor jeder Therapie (z.B. der Bild) setzten die Götter die Diagnose. Also muss man über den zu Therapierenden Bescheid wissen. Das ist manchmal sehr unangenehm, also etwa so wie das Lesen der BILD-Zeitung. Aber es hilft nichts.
      Hab die Ehre.

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      • Ich verstehe dich so, dass du den Bild-Leser über seine Defizite aufklären willst? Das ehrt dich. Ich schaue zu und lerne gern dazu (aus Distanz, kein Sarkasmus, sondern Irionie, aber milde).

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      • Ich möchte mir v.a. erst einmal Klarheit verschaffen. Hat man überhaupt eine Chance, irgendwo den Hebel in diesem Meinungsmulm anzusetzen? Dazu muss man den Dreckskram halt lesen.
        (Unter uns: Die Chancen stehen schlecht)

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  3. Die Bild referiert das „Volksempfinden“ mit zusätzlichem Drift ins politisch-reaktionäre.

    Die Bild zu lesen, um das Volksempfinden zu verstehen, ähnelt dem Versuch, die Bibel zu lesen, um Herrn Ratzinger zu verstehen. Die Motivation liegt außerhalb der Information, sondern stattdessen im Bereich der Gruppenzugehörigkeit. Das Volksempfinden ist keine informative, sondern ein soziale Gegebenheit.

    Klingt ein wenig komisch … ich erlaube mir die Lese-Empfehlung Verblödung durch Drüberreden.

    (Falls du von dem Artikel kaum die Hälfte verstehst, geht es dir nicht besser als mir; aber der Kerngehalt liegt im ersten Drittel, und das habe ich verstanden.)

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    • Merke gerade, dass ich noch nicht geantwortet habe: Nun, um Ratzinger zu verstehen sollte man schon das kennen, was ihn offenbar anspricht. Dass die Bibel mit dem Koran oder einer säkularen Weltanschauung ausgetauscht werden könnte, steht außer Frage. Keinesfalls aber ist die Auswahl seiner weltanschaulichen Unterfütterung ganz beliebig. Statt Bibel die Bunte, dann würde es resp. er nicht nicht mehr funktionieren. Er gehört zu den Geistern, die den starken Tobak rauchen…

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