Essay 2

Die deutschen Konservativen in ihrer Revolte

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Ich bin Arzt und kein Schriftsteller, das heißt ich stelle Diagnosen. Diagnosen sind mitunter knifflige Angelegenheiten, erfordern Ruhe, Lauschen, eine gewisse unsensationelle Gelassenheit. Manche springen einem ins Auge, andere wiederum sind schwer zu stellen, versperren sich der Demaskierung. Die Diagnose, dass das deutsche konservative Bürgertum in weiten Teilen nach einem historischen Freispruch seiner selbst hungert, diese Diagnose freilich zählte und zählt zu den leichteren meiner bisherigen Tätigkeit. Zahlreiche Befunde stützen sie. Ich hatte sie im Fall des deutschen Judenmordes ja bereits hier  formuliert und man kann sie getrost allgemein auf das Verhältnis der deutschen Bürger zu dem furchtbaren Geschichtsverlauf in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übertragen.

Aktuell ist gerade die Kriegsschuldfrage des ersten Weltkrieges auf dem Tapet. Auch in dieser historischen Fragestellung fühlt das konservative Deutschland sich angegriffen, ungerecht behandelt und unverstanden. Deswegen sind Bücher, die die vermeintliche Alleinschuld Deutschlands vermeintlich relativieren bis ablehnen, auf den Bestsellerlisten ganz weit vorne platziert. Zuallererst seien die „Schlafwandler“ von Christopher Clark genannt, ein Buch, das einem systemischen Amsatz folgt und das wenig von expliziter Schuld irgendeines Landes am Kriegsausbruch spricht, möglicherweise implizit aber eine Schuld oder Unschuld „meint“ – oder noch vertrackter: Assoziationsräume offen lässt.

Eigentlich geht das Buch davon aus, dass das System Europa seinerzeit instabil war und insgesamt zum Krieg drängte; hierbei ist von einem Freispruch Deutschlands gar nicht die Rede, denn Deutschland war ja Teil dieses Systems. Aber die erwähnten Assoziationsräume lässt es eben offen und diese Räume wurden und werden von deutschen Bürger nur zu gerne betreten um sich ihrer selbst und ihrer historischen Rolle zu vergewissern.

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Ich wurde auf dieses Phänomen aufmersam, als in einem harmlosen Gespräch mit Angehörigen der konservativen Schicht der Satz fiel: Es sei ja nun doch „bewiesen“, dass Wilhelmzwei „unschuldig“ sei (die Anführungszeichen stellen wörtlich Zitate dar). Huch! Ich googlte, recherchierte laienhaft herum und fand erstaunliches. Nur ein Beispiel. Da tritt auf der Tube ein Historiker namens Dr. Vogt  auf, der ausführt, wie Christopher Clark von „5 Mainstreamhistorikern“ nach Potsdam „vorgeladen“ wurde – mit welchem Mandat eigentlich? – , ausgefragt worden ist und angeblich diese „5 Mainstreamhistoriker“ argumentativ in die Schranken gewiesen hat. Die metaphorische Nähe zum Reichstag in Worms, das protestantische Muster ist evident. Hier stand er und konnt‘ nicht anders. Dass der buchhändlerische Erfolg des Buches dieser Interpretation widerspricht, fällt Herrn Dr. Vogt wohl gar nicht auf. Wieso muß Clark auf dem Reichstag von Potsdam gegen die „5 Mainstreamhistoriker“ ganz alleine und aufrecht angehen, wenn sein Auflagen alle Rekorde brechen? So ganz alleine scheint er ja nicht zu sein. Auch Luther stand nur in der Legende alleine dort, alleine und unschuldig….

Womit wir beim entscheidenden Begriff sind: Der Schuld, der Alleinschuld, jener Fritz Fischer unterstellte Begriff, der angeblich die Bewertung der deutschen Rolle im ersten Weltkrieg gültig beschreibt.  In allen clark-apologetischen Beiträgen findet man diesen Begriff oder zumindest den Begriff Hauptschuld/verantwortung als Joch dargestellt, in das die Deutschen von wem auch immer gespannt wurden und werden, respektive durch Fischer sich freiwillig einspannen ließen. Clark figuriert in diesem Bild folglich als Freiheitsbringer, der St.Georg-gleich das Joch abstreift und der unerträglichen Alleinschuldthese das Handwerk legt. Angeblich sei die ganze Gesellschaft von dieser These durchdrungen. Nun, die Hauptverantwortungsthese ist wenigstens tatsächlich bei Fischer zu finden, von einer Alleinschuld spricht aber selbst er nicht. Weiterhin wäre mir neu, dass Fritz Fischer alleine das Sprechen über den ersten Weltkrieg in den letzten 50 Jahren bestimmt hat. Von der kühnen Behauptung sogar in den Schulbüchern werde einzig und allein die Hauptschuldthese Fischers dargestellt ganz zu schweigen. All‘ das ist widerlegbar. So ist im Schulbuch „Zeiten und Menschen II“ (Auflage 1983) im Textteil wenig Wertendes zu lesen, der Ablauf ist lediglich summarisch zusammen gefasst. Im Dokumententeil hingegen finden sich neben Texten von Fritz Fischer (aus „Der Griff nach der Weltmacht“) auch Texte von Schieder, Geiss und Zechlin. Was soll die Falschbehauptung, in den Schulbüchern sei nur Fischer präsent? Mithin ist zu konstatieren: Der Drachentöter Clark hat einen Papierdrachen erlegt. Er selbst hatte wahrscheinlich auch nie vor, einen Drachen zu bekriegen.

Übrigens deckt sich meine Schulbuchrecherche auch mit meinen Schulerinnerungen. In meinem Kopf ist verankert, dass der erste Weltkrieg als eine unheilvollen Verkettung von Bündnispflichten, Allianzen, Blanko-Zusicherungen gelehrt wurde, wobei die Mittelmächte durch unkluge Forcierung der sog. Julikrise sicherlich nicht unbeteiligt am verhängnisvollen Ausgang waren. Gleichzeitig spielte das Stichwort Panslavismus eine wichtige Rolle. Dass uns in schlechter „Fischertradition“ Deutschlands Alleinschuld eingetrichtert worden sei, kann ich so nicht bestätigen.

Wenn aber ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft sich implizit etwas einbildet (Wir sollen alleine Schuld sein am ersten Weltkrieg!), was so explizit gar nicht behauptet worden ist, und wenn überdies die Behauptung, die gar nicht aufgestellt worden ist, „widerlegt“ wird mit einem Buch, in dem diese „Widerlegung“ so gar nicht drin steht, spätestens dann ist mein diagnostischer Ehrgeiz geweckt. Was geht hier vor?

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Offenkundig spürt der deutsche Konservative also ein protestantisch-zerknirschtes Unbehagen im Angesicht der deutschen Geschichte, kann sich diesem Unbehagen aber nur über eine gehemmt-aggressive Abwehr nähern, wobei die Hemmung mittlerweile weggefallen ist. In Fragen, die berechtigterweise gestellt werden (warum der Blanko-Scheck?), hört unser Wutbürger sofort schon den Vorwurf; in Feststellungen von Einzelheiten (die Forcierung der Julikrise war mehr als unklug und ist u.a. von den deutschen Praeventivkrieg-Befürwortern zu verantworten), hört er schon den Gesamtschuldspruch. Scheint es nicht so, dass hier einige einfach nur aus dem Schlamassel herauswollen, austreten wollen aus dem fatalen Verlauf der deutschen Geschichte, die einem tragischen Muster folgte, indem sie immer die schlimmstmögliche Wendung nahm? Nichts dagegen, wer will da nicht heraus, wer wollte davon nicht wegkommen? Nur ist der obsessive konservative Versuch, die deutsche Geschichte als normal darzustellen, diese Suche nach der Unschuld im Wahn so unbrauchbar. Und er erinnert in seiner Entschuldungsobsession an seinen gespiegelten Bruder: Die Interpretation der deutschen Geschichte als ein einziger Ablauf von Faschismen. Zu angeblich nichts anderem waren und sind die Deutschen fähig. Diese Schuldobsession, dieser Schuld-Kult ist v.a. von den Generationen betrieben worden, die ein wenig ungenau unter dem Begriff 68er zusammengefasst werden. Diese Phänomen ist sicherlich nicht zu leugnen und wahrscheinlich meinen die Clark-Apologeten genau das, wenn sie von der angeblich dominanten Alleinschuld-These sprechen. Nur ist dieser Schuld-Kult nie dominant gewesen. Dann gäbe es nämlich keine BILD-Zeitung und keine 16 Jahre Helmut Kohl als Kanzler. Wer mir weismachen möchte, dass die linken Deutschenverachter und Fritz Fischer-Verehrer seit 40 Jahren Gesellschaft und Medien dominieren, muß mir erklären, wie es dann zu 16 Jahren Helmut Kohl und nun immerhin auch schon 10 Jahren Merkel kommen konnte. Das aber nur nebenbei.

Zurück zum Thema, zur Diagnose: Wer so obsessiv nach der Unschuld strebt, der ahnt, dass da in der Vergangenheit etwas nicht stimmen kann. Und das gilt auch für die Kriegsentfesselung 1914. Dies soll kein Posting über die Kriegsschuldfrage werden, deswegen in gebotener Kürze nur dies: Es tut mir leid liebe Wutbürger aber die offene Praeventivkriegsdiskussion in Deutschland schon Jahre vor dem Krieg, dann sowohl der Blanko-Scheck, das Ultimatum vom 23.07., die Absprachen zwischen Berlin und Wien den gesamten Juli hindurch, die Kriegserklärung an Rußland als auch der Durchmarsch durch das neutrale Belgien sind ein wenig zu viel Bewegung nach vorne, als dass man diese unstrittigen Fakten allein defensiv erklären könnte. Das „reine Reinschlittern“ der Mittelmächte in den Krieg ist mir nicht stichhaltig, zumal nicht nach deren intentional-offensiver Forcierung der Julikrise. Niemand redet von Alleinschuld, niemand sieht den Rest Europas als reine Friedenstauben an, nein, das nicht, aber:  Ein gerüttelt Maß an Mitschuld haben das Kaiserrich und die k.u.k. Monarchie sehr wohl.

Mir kommt die konservative Entschuldungssehnsucht wie eine retrograde Taufe vor, ein Reinwaschen von aller tatsächlicher oder eingebildeter Schuld. Dass hiermit der konservative Ansatz fast schon revolutionär wird, ja gar utopisch, weil „im Rausch die Zeit“ und die Vergangenheit „getötet“ wird (Hölderlin), ist für mich das Frappierenste an dieser Diskussion. Solche historischen Radikalkuren kennt man sonst eher von linken Projekten, sie entsprechen doch eigentlich einer linken Zielvorgabe. Der Gedanke, dass man nur eine Kirche sprengen muß, um diese angeblich falsche Bewußtseinsmaschine auszurotten, ist das Denken der Bolschewiki. Nun wollen auch die Konservativen die radikale Erneuerung, das vorraussetzungslose Erschaffen einer nationalen Utopie auf Kosten der Vergangenheit – mit einer aus den Köpfen herausgesprengten Vergangenheit. Man kann mithin auch von entgleisten Konservativen sprechen, von radikalisierten Konservativen, weil Konservativismus ja eigentlich das Ableiten der Zukunft aus der Vergangenheit bedeutet. Mit dieser ursprünglichen Form des Konservativismus kann ich übrigens relativ gut leben. Es entspricht nicht meinem Denken und v.a. nicht meinem Stil, aber mit solchen Leuten waren immer noch Gespräche möglich, „ohne dass ein Unglück geschah“… aber revoluzzernde, wutbürgernde Konservative: Ich wüßte nicht, was mir mehr Angst macht, als das…..

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Die beunruhigende Diagnose lautet also: Die deutschen Konservativen sind wieder einmal auf dem Trip und dieser Trip ist nichts anderes als eine Revolte gegen die schuldhafte Vergangenheit. Sie wollen die historische Uhr auf Null stellen und ich frage mich, welches Angebot man ihnen statt dessen machen könnte? Da ist immerhin der Protestantismus des Thomas Mann zu nennen, der 1951 im schmalen Nebenwerk „Der Erwählte“ folgende atemberaubende Sätze über den erwählten Sünder schrieb, Sätze, die 1951 doch nicht zufällig entstanden und die zwanglos als an das schuldig gewordene Deutschland gerichtet zu verstehen sind. Mann schrieb:

„Es möge nun keiner, der sich die Geschichte behagen ließ, falsche Moral daraus ziehen und denken, es sei zuletzt mit der Sünde ein leichtes Ding. Er hüte sich, zu sprechen: ′Nun sei du ein lustiger Frevler! Wenn es so fein hinausging mit diesem, wie solltest du da verloren sein?′ Das ist des Teufels Geflüster. Bringt erst einmal siebzehn Jahre auf einem Steine hin, herabgesetzt zum Murmeltier, und badet die Siechen mehr als zwanzig Jahre lang, so werdet ihr sehen, ob das ein Spaß ist! Aber klug ist es freilich, im Sünder den Erwählten zu ahnen, und klug ist das auch für den Sünder selbst….“

Mein Vorschlag ist prosaischer, „meint“ fast dasselbe und ist bereits im oben verlinkten „Essay“ vom Mai des Jahres formuliert worden: Was hindert uns eigentlich daran, uns selbst als Nachfahren Gregorius des Sünders zu begreifen. Was ist so schlimm daran, zu bekennen: Wir leben after the fall, nach dem Sündenfall; aber wir leben und dürfen selbstverständlich leben. Natürlich dürfen wir das… ich benötige für meine eigene Stabilisierung keine schuldfreie nationale Vergangenheit.

Ich fürchte aber, dass der revoltierende Konservativismus für solche mäßigenden Einwände nicht mehr erreichbar ist. Vielmehr will man die Schulden via retrograder Amnesie loswerden, um anterograd neue Schulden türmen zu dürfen.

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Ein Gedanke zu „Essay 2

  1. Pingback: ENDE | summacumlaude

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