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Neunter November (kein Erlebnisbericht)

Die ersten beiden Jahre nach dem Mauerfall waren die kurzen Sommer der Anarchie. Man lebte im Hier und Jetzt, in der Revolte und ohne Gefühl des Verlustes, trank in illegalen Kellerbars auf dem Mauerstreifen und hob nach etlichen Gläsern die Welt aus den Angeln, während zeitgleich aber woanders Weichen gestellt wurden.

Mir noch prägnanter sind die Jahre danach, das Erwachen aus dem Rausch, der Kater, derweil eine verrostete Volkswirtschaft abgefertigt wurde wie ein negativ beschiedener Ausreiseantrag. Dazwischen schrapnellierten übermotorisierte Westgurken massenhaft auf den Brandenburger Alleen und gaben Organe frei, es simulierten bewußt lancierte Stasienthüllungen Empörungswellen und der wirtschaftlichen Depression folgte die moralische oder umgekehrt. National befreite Zonen vergrößerten sich, das Schweigen der Mehrheit wurde ohrenbetäubend. Später, sehr viel später traf ich den Arzt, der den Leichenschauschein für Antonio Amadeu ausgefüllt hatte. Sein Gesicht beim Schildern des Vorgangs ist mir unvergeßlich. Todesursache: Mit dem Leben nicht vereinbare Verletzung Schrägstrich Schweres Schädel-Hirn-Trauma.

Es war die Zeit der hybridisierten Kommunikation, die Telefonzellen noch gelb, die Häuser noch grau und an den Außenwänden hingen die Fernsehkabel herab, um dann durch einen angebohrten Fensterrahmen in der jeweiligen Wohnung zu verschwinden. Die Richtantennen auf dem Dach waren nach Westen ausgerichtet. Über diesen Weg erhielt man jeden Freitag- und Sonntagabend von graumelierten Womanizern die Erklärung der Misere.

In dieser Zeit, die wie alle anderen Zeiten auch keine Zeit für Verlierer hatte, lagen wir jeden Vormittag im Bett und lernten uns kennen, als wir dem Kopfsteinpflaster lauschten. Immer wenn ein Auto verheißungsvoll herunterschaltete um einzuparken, sagte ich zu J.

-Jetzt!

und nicht selten krachte, barst und splitterte es, dann stoppte der Wagen und eine Autotür ging auf. Ein Mal hörten wir den sonst nur gedachten Fluch über die Straße fliegen:

-Scheiß Osten!

Denn nicht nur die vielzitierte MauerindenKöpfen war höher als man glaubte. Auch die prosaischen Ostbordsteine waren einfach zu hoch und zu hart für die geschwungen anzuschauenden Westspoiler, von denen nach der ersten Osterfahrung nichts blieb als ein Trümmerhaufen aus zerknacktem Verbundwerkstoff.

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