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Das Aufmerksamkeitsproblem als ein Problem der Aufklärung

Aufklärung ist auf Öffentlichkeit angewiesen. Das Erreichen der Öffentlichkeit sollte folglich jeden, der aufklärerisch wirken möchte, etwas angehen. Nun erlebe ich gerade im Kleinen anhand von harmlosesten Thesen – nein Thesen ist zu viel – von harmlosesten Kommentaren bei http://www.kritikundkunst.wordpress.com wie Öffentlichkeit entsteht und welcher Art diese Öffentlichkeit ist.

Zur Sache: Anhand der Diskussion dort, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, verwahrte ich mich mit anderen gegen das Gleichsetzen von totalitären Systemen mit repräsentativen Demokratien, weil diese Gleichsetzung der letzteren nur recht sein kann. Nichts ist leichter zu widerlegen. Solche Fehldiagnosen machen den Blick auf die Verhältnisse in den Demokratien nur unscharf. Und der Blick – so ich weiter – müsse geschärft werden, um die zuallersrst manipulativ geprägte Repression in demokratischen Systemen zu erkennen. Sucht man ständig nach den Merkmalen eines totalitären Systems, wird der Igel nur selten auftauchen.

Weiterhin wurde klar gestellt, dass eine in freien Wahlen etablierte Regierung keineswegs automatisch frei von Verbrechen ist. Ein sog. demokratischer Positivismus – also der Irrglaube, demokratische Verfasstheit allein verhindere Staatsverbrechen – ist im Angesicht der Sachlage nicht haltbar. Kurzum: Staatstragendes Gefasel kann man mir kaum vorwerfen. Eines aber unterließ ich eben, auf einem Gleis wollte ich wie oben schon erwähnt nicht fahren: Nämlich auf dem Gleis, das die parlamentarische Demokratie direkt in das Unrechtsstaatsgleis einfahren lässt. Und genau das war und ist so manchem Ostalgiker schon zu viel: Wie, die DDR ein Unrechtsstaat und die DBR nicht? Frechheit! Es hagelte in der Diskussion bei Hartmut – und es hagelte und hagelt traffic bei mir auf dem Blog.

Somit erfahre ich zum ersten Mal empirisch, was theoretisch längst gewußt worden ist: Krawall generiert traffic also Aufmerksamkeit/Öffentlichkeit. Das ist traurig, denn da – siehe Eingang – auch Aufklärung auf Öffentlichkeit angewiesen ist, könnte genau hier der Punkt bezeichnet sein, an dem die Aufklärung scheitert. Man dringt nur mit Krawall, mit Lautstärke, mit Drängeln durch. Argumente oder literarische Qualität? Fehlanzeige. Einmal mehr endet ein dialektischer Prozeß in der Krawallsackgasse. Schade, aber solange man mit Ostalgikern über Begriffe rechthaberisch diskutieren muß, weil diese sich davon bereits angegriffen fühlen, erübrigt sich Aufklärung über die Mechanismen und das Funktionieren der modernen Mediendemokratie.

Dies ist ein primär literarisches Blog und soll es auch bleiben. Ich hoffe, dass auf Grund dieses hamlosen, letzten Postings in diesem Jahr nicht erneut eine Krawalldiskussion losbricht.

Frohes Fest und guten Rutsch allen Lesern!

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8 Gedanken zu „36

  1. Ich denke, diese Art von Krawall wird sich auch in literarischen Blogs und in solchen, die sich mit Kunst, Literatur, Musik befassen, einstellen, sobald irgendwer auftaucht und ohne Sinn und Verstand wilde Thesen heraushaut. Womöglich ist das Internet selbst das Problem. Jeder kann zu allem etwas behaupten und eine Meinung haben, ohne daß es durch Quellen und Belege gedeckt ist. Es hat am Ende keine Konsequenz, außer der, daß ein Streit ausbricht. Egal ob es sich nun um Quatschthesen zum Künstler oder Philosphen XY handelt oder darum, ob der Staat XY ein Unrechtsstaat sei. Es kommt sofort einer und schreit: „Ja, aber hier, ja, aber dort.“

    In einer Arbeitsgruppe, in Seminaren, in einem Face-to-Face-Kontext ist der Bezirk besser abgesteckt und manche sind halbwegs vorbereitet. Zudem werden Dummthesen in der Regel durch die Leiterin eines Seminars als solche entlarvt. Zudem: wer der Meinung ist, Picasso könne nicht malen, wird sich selten in ein Kunstgeschichtsseminar zu Picasso setzen. In Blogs ist es leider anders. Dort kann sich jeder Zutritt verschaffen und es wird das persönliche Meinen als Wahrheit der Sache genommen. Ich könnte an dieser Stelle wieder und wieder den halben Hegel aus der „Phänomenologie“ herunterbeten, weshalb das bloße subjektive Meinen eben kein Wissen und keine Wahrheit in einem emphatischen Sinne bedeutet, sondern allenfalls eine zu überwindende Vorstufe darstellt.

    In Polit-Blogs ist das noch einmal etwas anders, weil an den Meinungen teils Lebenskonzepte hängen. Wer sich dem Staat X oder dem System Y mit Haut und mit Haaren verschreibt – ob das nun Antideutsche oder eingefleischte Antisemiten, DDR-Nostalgiker oder Maoisten, Trotzkisten oder sonst etwas sind -: Es kratzt an der eigenen Ideologie, wenn wir zeigen, daß die DDR auf Unrecht fußt, wenn wir zeigen, daß Israel mit den Palästinensern umgeht, wie man mit Menschen nicht umgehen soll, daß Palästinenser per se keine Heiligen sind und schon gar nicht die Jungfrau Maria der Revolution. Und wenn es bei solchen Diskussionen zu bunt wird, hilft eigentlich nur noch Polemik. Denn mit Schwachköpfen sich ernsthaft auseinandersetzen zu wollen, die meinen die Hamas sei eine linke Befreiungsbewegung, in der DDR oder in der BRD ginge alles mit rechten Dingen zu oder aber beide Länder seien in der politischen Sicht in bezug auf Unrecht gleich zu gewichten, bedeutet eine sehr kostbare Ressource zu verschwenden und vor die Säue zu werfen: Zeit.

    Das Problem liegt in solchen Zusammenhängen, wo Gesellschaftliches diskutiert wird, in der Entweder/Oder-Logik und in der einseitigen Parteinahme. Theorie jedoch ist der Wahrheit und keiner Partei verpflichtet. Mag die Wahrheit und insbesondere der Begriff derselben auch hinreichend komplex sein. Sie kommt zumindest nicht aus der Pistole geschossen hervor, wie das bei der Meinung der Fall ist.

    Dir ebenfalls ein frohes Fest.

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  2. Pingback: Bersarin über Blogkrawall | Kritik und Kunst

  3. Wie ich im Forum Grenzwissenschaften gelesen habe, gab es in der DDR schon 1980 „Like“ Buttons, zum Beispiel an den Schaltern einiger Amtsstuben und an einem Aussichtspunkt der Burg Altrathen in der sächsischen Schweiz (wo übrigens zufälligerweise auch außergewöhnlich häufig Ufos gesichtet wurden, ich glaube aber dass diese Information nur ihrer Herkunft geschuldet ist). Es gab also sehr wohl eine direkte Form der Demokratie, und das lange vor Facebook!

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Weltweites Web mit Hick und Hack als Kommunikationsform | AISTHESIS

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