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Melancholie und Diagnosen

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Wer Diagnosen zu stellen hat, die den Tod erklären müssen, kommt an einem gewissen melancholischen Grundrauschen nicht vorbei. Das gilt erst recht, wenn jemand wie z.B. John Paselke in den 90er Jahren die damals abgelaufenen biologischen Uhren sezieren musste. Denn diese Uhren waren keine anderen als jene, die in der Blüte ihrer Jahre im Besitz ihrer größten Spannkraft an der Wolga Krieg führten. Kurzum: Paselke als Angestellter an einem pathologischen Institut sezierte Stalingrad. Und er glaubte allen Ernstes, dass die Leichen der Stalingradgeneration neben klinisch-neutralen Antworten möglicherweise noch andere, versteckte, unterteufte Antworten bieten konnten, Antworten auf Fragen, die die vormals Lebenden zu beantworten verweigert hatten.

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Aber der Herzinfarkt, der Schlaganfall, der Krebs blieben das, was sie immer gewesen waren und immer sein werden: Klinische Befunde. Sie hatten ihre eigene Wahrheit, aber mit der historischen Wahrheit hatten sie nichts zu schaffen oder nur höchst selten und dann auch nur in Zusammenhängen, die Paselkes Wissensdurst nicht befriedigen konnten. Ja man kann sagen, dass die erhobenen Befunde dieser Generation sich durch nichts von den Befunden andere Generationen unterschieden und das wiederum ist ja auch ein Befund, ein sehr beunruhigender, wenn man es genau nimmt.
Hierzu exemplarisch und außergewöhnlich zugleich die Sektion 143schrägstrich97 eines 76-Jahre alt gewordenen Mannes im normalen Ernährungszustand mit einem generalisierten Hydrops und etwas pastösem Aussehen; bei der äußeren Leichenschau stachen zahlreiche Schläuche, Drainagen, Katheter ins Auge, die vormals Gefäße kanüliert hatten, Eiter aus dem Bauch entlasten und Urin ableiten sowie die Sauerstoffzufuhr über die Luftröhre absichern sollten; der Verstorbene war also Patient auf einer Intensivstation gewesen, und nun war die klinische Fragestellung die Suche nach dem Herd einer tödlich verlaufenen Blutvergiftung.
Neben den frischen Wunden, die die moderne Medizin dem Verstorenen geschlagen hatte, waren noch alte Narben teils von gräßlichem Auswuchs zu registrieren, Narben, die mit dem Geburtsjahr korrespondierten, da sie zwanglos als Kriegsverletzungen zu erkennen waren. Wanderer, kommst Du nach Sparta…, das waren Paselkes Bildungsallüren gewesen, als er erstmals die nackt daliegenden Leichen der Kriegsjahrgänge auf den kalten Steintischen liegen sah. Aber der moderne Krieg schrapnellierte nur noch die Körper und damit den Mut, so dass von ritterlich und frontal erhaltenen Ehrennarben nicht mehr die Rede sein konnte. Einer der Trugschlüsse der deutschen Akademiker des 20. Jhd.: Der moderne Krieg war weder eine Mensur, noch ein Ehrentod an den heißen Quellen….
Zurück zum Konkreten, zur Autopsie 143schrägstrich97: Im Verlauf der inneren Leichenschau demaskierte sich das septische Malleur, die Folgen der Blutvergiftung und ebenso die Folgen der verzweifelten intensivmedizinischen Gegenwehr. Endlich entdeckte Paselke im Bindegewebsraum hinter den Bauchorganen, dem sog. Retroperitoneum einen metallischen Fremdkörper, in dessen Umgebung eine schmutzige Höhle und eine massive Eiteransammlung nachzuweisen waren. Es war ganz evident, dass es sich hier um den die tödlich verlaufene Blutvergiftung unterhaltenden Fokus handeln musste. Der metallische Gegenstand aber, der den Körper erst heiß und dann kalt werden ließ, war nichts anderes als ein alter Granatsplitter, der seinerzeit zu nahe an der großen Bauchschlagader eingeschlagen war und nicht entfernt werden konnte. Nun ja, wenn man so will war das ein Zusammenhang mit Stalingrad, eine Korrelation, eine Zufallsironie der Geschichte –.

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Also doch noch in Stalingrad krepiert dachte sich Paselke, als er vor dem offenen Torso stand, dem ausgewaideten Rest des Lebens; wer weiß wie häufig dieser Granatsplitter in den Träumen gehockt hatte und umhergewandert war…. aber die Ursache des Splitters konnte er nicht aus der pathomorphologischen Erscheinung ablesen, das Phänomen des Todes war ganz vom Kausalen entfernt, folglich rauchte Paselke, dachte und schwieg. Dieses Schweigen im Angesicht der unabänderlichen Befunde, das abendlich durch Rotwein verstärkt wurde, war seine Melancholie. Und diese Melancholie, sie war sein Splitter für die Welt, sie war seine schweigende Antwort auf die Zumutungen des Zufallsarrangements, welches man so gemeinhin „das Leben“ nennt.

Sie grundierte gewissermaßen seine Diagnosen. Deswegen konnten seine Autopsieberichte nichts außerhalb des medizinischen Koordinatensystems erklären und waren keinem Gesetz befohlen, auch wenn die kalten Leichen auf den marmornen Sektionstischen scheinbar so da lagen wie die Spartaner am Thermopylenpass.

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