41

Recherche

Eine schneidend scharfe, präzise, die Konsonanten – speziell das s c h – überbetonende Frauenstimme am anderen Ende der Leitung fragte Paselke nach der Möglichkeit, einmal an einer Leichenöffnung in dem pathologischen Institut teil zu nehmen. Ein solches Erlebnis benötige sie als „Schschriffffft-schschtttellllerr-inn“: Zum Einen, um die Stimmung eines solchen Vorgangs einzuatmen, und zum Anderen auch, um die Technik der Organentnahmen v.a. der Hirnentnahme anschaulich gezeigt zu bekommen – so anschaulich, dass ihr hinterher eine plausible Schschilderung möglich ist. Denn eine solche Schilderung sei in ihrem neuen Roman vorgesehen.

Paselke aber verneinte eine solche Möglichkeit und die schschneidende Schtimme verschtummte. Grußlos wurde die Verbindung getrennt.

Später, sehr viel später las Paselke, was er mit seiner Verweigerung angerichtet hatte. Denn die schschneidende Schtimme hatte schtatt dessen in der Rechtsmedizin recherchiert und folglich die dort übliche unmittelbare und native Untersuchung des nicht formalinfixierten Gehirns als Grundlage ihres Textes genommen. Somit spielte die auf Grund autistisch-humanistischer, altphilologischer und unempathischer Pädagogik zerbeulte Täterin mit den unfixiert entnommenen Männerhirnen Fange, drückte sie „fest an sich“ und strapazierte die gallertige Denkmaschine so, wie es ein männliches Gehirn mit Sicherheit nicht aushalten kann. Um das Gehirn näher zu untersuchen oder auch um es lustvoll zwischen die Schenkel zu quetschen muß man es nämlich zunächst widerstandsfähiger machen. Das kann man zum Beispiel schaffen, in dem man es in Formalin fixiert, so wie es gegensätzlich zur Rechtsmedizin in pathologischen Instituten durchaus üblich ist. Das statische ungeschmeidige Gehirn allein hält eine solche Tortur aus, unfixiert wäre ein Männerhirn in Frauenhänden schnell zu einer amorphen Biomasse gequetscht.
Das fiel Paselke beim Lesen des Romanes auf und ungeachtet der Qualitäten durchzog doch dieser Recherchefehler, an dem Paselke nicht ganz schuldlos war, den Roman und drückte die Gesamtwirkung nach unten.

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9 Gedanken zu „41

  1. „Um das Gehirn näher zu untersuchen oder auch um es lustvoll zwischen die Schenkel zu quetschen muß man es nämlich zunächst widerstandsfähiger machen.“

    Vermutlich hat die Hirnkönigin ihre Unwissenheit mit cerebralem Matschsch zwischen den Schschenkeln bezahlt.
    Ob dies den Lustgewinn schmälerte oder steigerte bleibt ihr Geheimnis.

    Bilder, die man nicht mehr los wird.

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      • Das Sujet der Schenkelkönigin ist natürlich das Eisbein eines anthropologischen Feldforschers, das sie mit Lust auftischt und verspeist. Dieser Feldforscher arbeitete gerade an seiner Dissertation mit dem Titel: „Vitaminmangel bei Kannibalismus und Auswirkungen desselben auf die schulischen Leistungen des Nachwuchses“ als die Schenkelkönigin über ihn kam. Wer führt nun seine Arbeit fort?

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  2. Die Dissertation wird so wenig fortgeführt wie die Forschung des Anthropologen.
    Das Material fällt in die Hände einer Kulturwissenschaftlerin, die in ihrer Bachelor-Arbeit Kannibalismus als patriarchalischen Diskurs entlarvt.
    Danach schreibt sie einen Roman über Paselke.

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    • (Sie denkt sich einen Paselke aus. Ist das derselbe, oder gibt es zwei? Was heißt `gibt´? Ist Empirie auch eine humanistisch verbeulte Fiktion? Gibt es Menschen? Und wenn nicht, was ist dann Kannibalismus?)

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      • Die Kulturwissenschaftlerin kann in ihrem Roman Ebenen behaupten, wie sie will. Sowohl Paselke als auch die Erben des Anthropologen werden sie des Plagiats bezichtigen.

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  3. Aber Paselke ist doch eine Erfindung der Kulturwissenschaftlern. Oder nicht? Oder gibt es einen Paselke, der nicht Text ist?
    Von dem wissen wir aber nichts, denn hier l-e-s-e-n wir ja nur von Paselkes und dass das verschiedene Paselkes sind wird ja nur von einer Autorfiktion summacumlaude behauptet.

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