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Che Guevara am Weltfrauentag

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Die Intensivmedizin schindet die Körper fast noch mehr als das Leben selbst und es waren und sind gerade die Männer, denen diese Schinderei, diese Fastfolter alles nahm und nimmt, was sie einst ausgemacht hat. Das zeigt sich an den ehemaligen Machos der 68-er Bewegung, deren Körper mittlerweile durch den damals propagierten Lebensstil hohe Tributzahlungen zu entrichen haben.

Klaus Preuß war 1948 geboren worden.
Nun lag er als hilfloser Klumpen Mensch, als beatmete biologische Einheit mit noch erhaltenen Sinnesorganen in einem Intensivbett, nachdem die durch Rauchen, Kiffen und Klebstoffinhalieren massiv vorgeschädigten Lungen zuvor die wer weiß wie vielte Lungenentzündung zu bewältigen hatten. Diese letzte Bewältigungsleistung war seinen Lungenresten zuviel gewesen, fortan war an ein Weiterleben nur mit einer dauerhaften Atemhilfe zu denken. Hierbei hatte sich zu allem Überfluß auch noch das zeitweise Beatmen über eine angepasste Maske als nicht ausreichend erwiesen. Und so war ihm über einen Luftröhrenschnitt eine Kanüle in die Luftröhre gelegt worden, ein sog. Tracheostoma, über das die Schläuche des Beatmungsgerätes den so dringend benötigten Sauerstoff spendeten.
Langsam, so langsam, wie er nie zuvor gewesen war, war Preuß klar geworden, dass er auf dieses Beatmungsgerät, auf diese das Sprechen und das Schlucken erschwerende Trachealkanüle für den letzten Rest seines Weges dauerhaft angewiesen sein würde. Er würde für die letzten Monate noch guter Kunde eines dieser wie Pilze aus dem Boden sprießenden Beatmungsheime sein, dann wird er bestenfalls eine Fußnote der Geschichte gewesen sein oder – viel wahrscheinlicher – einer der sternzahllosen Vergessenen in den Gräbern dieser Stadt.
Diese Aussicht ließ Preuß das Anlegen einer Ernährungssonde durch die Bauchdecke hindurch verweigern. Sein letzter Akt in der Revolte: Er wollte langsam verhungern.

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Der letzte bischen Rest an Schönheit kommt solchen Geschundenen über den ewig flimmernden Bildschirm auf die Netzhaut und in den Kopf – oder aber in Form junger Krankenschwestern, die der immer Liegende in Leni-Riefenstahl-Perspektive also in Untersicht täglich zu sehen bekommt. Nun wird in der Tat der Geschundene zunächst nur gedreht, gezogen, gehoben und gewirbelt wie ein Fitnessgerät. Dann aber, nach dem schwesterlichen Training pflegt, wäscht, salbt und ölt die Schwester den Geschundenen. Und wenn sie Gnade in sich hat, und das haben manche deutschen Krankenschwestern, dann wird zum Abschluß dem Geschundenen mit blauem Blick gülden übers Haupt gestreichelt. Was mitunter trotz des Blasenkatheters zu patientenseitigen Reaktionen führt….
Den furchtbaren Widerspruch zwischen den erhaltenen Sinnesorganen einerseits und der Unmöglichkeit, die Folgen der Sinneseindrücke körperlich mit zu teilen andererseits halten manche Krankenschwestern nicht aus, und ihre Gnade bsteht in einer Injektionsspritze oder in einem Kissen. Aber das nur nebenbei. Es spielt für die folgende Geschichte keine Rolle.

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Es war Weltfrauentag und Preuß war gerade von einer gnädigen Schwester gepflegt worden, als seine Lebensgefährtin zu ihm eingelassen wurde. Sie war eine stattliche Matrone von furchterregender, krachender Gesundheit und kaum war sie ans Bett getreten, da schnitt sie erneut im Beisein Paselkes das Thema der Ernährungssonde an, denn seine Rente war ihr wichtig und das Aufgebot noch nicht bestellt. Preuß hatte ja diese Sonde immer abgelehnt und das war auch von allen Schwestern und Ärzten als Ausdruck des „Ich habe genug!“ mitgetragen worden. Nun aber beugte sich die Matrone mit ihren schweren Brüsten über Preuß bis diese Brüste guillotineartig über Preußens Köpchen schwebten. Dann fragte die Guillotine

Willst du nicht doch die Magensonde?

Worauf das Köpfchen aus dem Schatten heraus nickte.

Sehen Sie Doktor, er hat ja gesagt.

Ein 68-er Ja am Weltfrauentag. Man könnte fast sagen: Auch am Frauentag werden die Männer gefüttert.

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Nachdem die Matrone für Klarheit gesorgt hatte, durfte Paselke „ran“, um die tägliche Routine des Untersuchens durch zu führen. Er schob das Krankenhausnachthemd, das berühmte Flügelhemd, nach oben und begann die Auskultation, das Abhören von Herzschlag und Atmung. Wieder starrte ihn der mit den Methoden vor 40 Jahren auf die Brust tätowierte Che Guevara an, ein schattierungsfreier Strichcode der berühmten Fotografie, nun aber verzogen und verzerrt, weil die lebende Leinwand, Preußens Haut ebenfalls verzogen, verzerrt und eingefallen war, ein Raub der Zeit, also jenes Faktors, den jede Revolution aufhalten will. Paslke horchte den Commandante ab. Wieder war das Herzgeräusch über dem Stern der Mütze zu hören, jener ungesunde Ausdruck des Vergehens und zugleich dessen status idem, eine Nichtveränderung zum Vorbefund vom Vortag und damit ja der Ikone der Veränderung die Schranken zeigend. Der Körper besiegt in seinem Vergehen die Revolution – spielend, im Verbeigehen, with ease. Preuß lag da wie Mantengas Christus oder wie Che in Bolivien und wartete auf nichts mehr. Und so wie er werden irgendwann alle da liegen und auf nichts mehr als auf das Felsengrab warten. Das Ende einer Revolution, jeder Revolution.
Eine Revolution wird nur sein, wenn niemand mehr so liegt. Ob das je …..? Am Ende war Klaus Preuß eine Lemure, ein Abgesang aus einer fernen Zeit, deren Abspulen nicht aufzuhalten war. Ein letzter Gruß einer Revolution, die nie statt fand.

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