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Zerebrale Performance und Evidenz

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Eine durch die Pharmaindustrie supportierte Jungwissenschaftlerin im dunklen Karrierehosenanzug mit heller Bluse und spitzen Schuhen powerpointete und laserte Tabellen, Grafiken und Statistiken an die Wand, die zwingend belegen sollten, dass ihr praeferiertes, neues Sedierungsmedikament allen Konkurenzprodukten sowohl in der Wirkung als auch im geringen Nebenwirkungsprofil überlegen war. Sie wollte verdeutlichen, dass die akute delirante Symptomatik, unter der sicherlich die Hälfte aller intensivmedizinischen Patienten zu leiden hatten und zu leiden haben, durch ihre Wunderdroge gebändigt werden könne, ohne hingegen dem überwundenen, produktiven Delir eine antriebsarme Defizitsymptomatik also dessen Minusbruder folgen zu lassen. Kurzum: Das neue Wundermittel mache aus einem quasselnden Luftballonzähler keinen unfixierend an die Decke starrenden, dumpfen Grübler. Die Patienten seien vielmehr wach – so die powerpointende und lasernde Karrierebluse – sie seien weiterhin unter der Wirkung dieses neuen Medikamentes kommunikativ und kooperativ. Schließlich wären die höheren Funktionen nicht beeinträchtigt, bekräftigte das nächste pic. Die zerebrale Performance sei mehr als zufrieden stellend stellte die Karrierebluse ganz ironiefrei klar.

Diese Effekte seien an Probanden festgestellt worden. Hierbei mußten die Probanden unter anderem irrsinnige Sätze als solche erkennen. Wie? Ein Stein schwimmt auf dem Wasser und ich kann fliegen? Neinnein. Und während bei der Konkurenz sowohl ein Stein schwimmen, als auch der Proband fliegen konnte, war dies bei dem vorgestellten Produkt nicht möglich. Paselke freilich fragte sich, ob die Konkurenz nicht doch das attraktivere Angebot habe….

…denn während die Karrierebluse nebst Karrierenhosenanzug so mit power und laser daher pointete, versuchte er sich die Körperlichkeit hinter dem weit geschnittenen Karrieredress vorzustellen. Diese zerebrale Performance aber gelang ihm nicht. Das blasse Gesicht der Powerpointtante und das Karrierekortüm gaben nicht genügend Assoziationsspielräume um einen weniger als mäßigen Vortrag zu retten. Fällt die Performance ins Wasser, so ist bei einem wissenschaftlichen Vortrag ja zumindest noch die Evidenz der Aussage ein möglicher Rettungsanker. Aber die Aussagen waren Behauptungen und die Bauptungen anhand von pharmaindustriefinanzierten Untersuchungsreihen aufgestellt worden. Da war nicht viel Evidenz. Wenn aber weder Performance, noch Evidenz stimmen, könnte es auch bei der Bilanz knapp werden.

Deswegen hatte die Firma in Form eines schmackhaften kalten Buffets vorgesorgt, zu dem die Karrierebluse nach dem letzten Pointerflash zur „kollegialen Diskussion“ lud.

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Auf dem Weg zum kostenfreien Gaumenschmaus stand die vermisste Evidenz und bot den vorbeigehenden Cerebri eine Performance, wie es selten eine auf diesem sonst so trockenen Medizinkongress zu sehen gab. Denn die Evidenz trug hohe Lackschuhe, was das Gesamtmass auf fast 180 cm erhöhte, ein knielanges, trägerloses und knallrotes Samtkleid und sie verteilte Hochglanzprospekte des gerade vorgestellten Medikamentes. Die Evidenz stand nicht vereinzelt, sonder vervielfacht, gewissermaßen geklont Spalier und atmete im roten Samt und durch rote Lippen schwer und tief ein.
Spätestens am Buffet war das Auditorium, was ja auch immer ein Okulorium und daneben ein Olfactorium und ein Gustatorium ist, überzeugt, dass das neue Medikament innovativ zu nennen ist und ganz sicher seinen Weg in die Klinik finden wird. Nickende Chefärzte bestätigten den Pharmareferenten, einen guten Job getan zu haben; kurzum: die zerebrale Performance, die zwischenzeitlich zu kippen gedroht hatte, war wieder im Lot, der Rubel bereit zu rollen.

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