Zum Tod von Günter Grass

in memoriam

„…Denn was mit Katz und Maus begann, quält mich heute als Haubentaucher auf schilfumstandenen Tümpeln…“

Nur einige Worte auf die Schnelle und ohne Schubladenvorbereitung: Mein erster Grass war ein Nebenwerk, „Kopfgeburten oder die Deutschen sterben aus“. Ein Buch, das sich kritisch mit der politisch diskutierten Geburtenrate der deutschen Gesellschaft auseinander setzte. Jünter warnte damals schon vor dem volkstümelnden Zungenschlag der Diskussion. Immerhin 30 Jahre vor Sarrazin.
Dann folgte natürlich „Die Blechtommel“. In ihr steht unter anderem zentral der Spielzeughändler und Blechtrommelverkäufer Markus, der am 09. November 1938 ermordet wird und „nahm mit sich alles aus Spielzeug dieser Welt“. Das schreibt wahrlich nicht jeder…

noch grandioser aber Mahlke, jener übergroße Adamsapfel, der nicht wieder „auftauchen wollte“. Hier bei Mahlke und seiner Verfürbarkeit durch Idealismus müssen wir verweilen, denn in dieser Figur ist alles bereits zu lesen, was dem Schriftsteller später als angebliches Verschweigen vorgeworfen worden ist. Jede Unterhaltung mit dem Piloten ist verboten soll Pablo Picasso einmal gesagt haben und so ist es. Ein Schriftsteller hat mit seinem Werk auf die Zeit zu reagieren – und das genau hat Günter Grass auch getan. Ihm vorzuwerfen, er hätte „früher“ mit seiner persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit treten müssen, zeugt einmal mehr davon, dass Literatur mittlerweile nur noch als biographischer Journalismus verstanden wird. Mein Gott: Er IST doch an die Öffentlichkeit getreten! Mit Mahlke, als Schriftsteller!!! Und genauer als eben mit diesem Mahlke kann man es auch nicht sagen. Im Übrigen war Grass, als er zur Waffen-SS kam, minderjährig und somit ein Kindersoldat. Und einem Kindersoldat werfe ich nicht sein Soldatenspielen, seine Verführung vor. Erst Recht nicht dann, wenn sein gesamtes Werk von dieser Verführbarkeit erzählt.

Es wären noch weitere Werke zu nennen, Werke, die gut waren, manchmal Werke von geringerer Qualität. Seine Lyrik als Beispiel in beide Richtungen. Zu nennen wäre sein politisches Engagement, das manchmal Fragwürdige daran. Nafein! Er und seine Bücher waren auch immer für Anekdotisches gut: Den in neun Schwangerschaftsmonate unterteilten „Butt“ z.B. las ich – zufällig? – , als meine Liebste gerade mit unseren Töchtern im Bauch das deutsche Geburtenproblem anging.
Nun denn! Aber die später so genannte Danziger Trilogie hat er nie wieder erreicht und musste das auch nicht, weil dieses Werk eben komplett war, ist und bleiben wird. Hier war sie ganz: Die „molluskenhafte“ Kleinbürgerschicht, der er selber entstammte und die „schuldig“ geworden ist, ein Wort, das in der heutigen Diskussion um „jene Jahre“ meist nur noch Befremden auslöst.

Und nun? Vorbei? Ein dummes Wort nannte Mephisto das „Vorbei“, aber man muß ja mal zum Ende kommen, so oder so:

„Wer schreibt mir einen guten Schluß? Denn, was mit Katz und Maus begann…“

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Ein Gedanke zu „Zum Tod von Günter Grass

  1. Ich mache ja nicht so oft „gefällt mir“ und like auch nicht. Dennoch: Schöner und guter Text, der einen großen Schriftsteller würdigt. Oft ungerecht abgewatscht, manchmal zu recht auch. Aber so ist es: Wer hoch steht, steckt auch die Tiefschläge ein. Was bleiben wird, ist seine Literatur.

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