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Der polnische Sohn

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Die Intensivmedizin, also die Medizin, die den Erhalt beziehungsweise den zeitweisen oder gar endgültigen Ersatz ausgefallener Organfunktionen im Verlauf schwerer Erkrankungen zur Aufgabe hat, hat im Grunde immer nur eine Frage zu beantworten: Wohin geht die Reise des Patienten? Ist die intensivmedizinische Kunst in der Lage, dem Patienten eine Brücke zu bauen, eine Brücke über einen reißenden Fluß, den zu durchschwimmen der Patient aktuell nicht in der Lage ist? Oder verlängert die ärztliche Kunst lediglich die Planke, auf der der schwer betroffene Patient sich noch gerade so entlanghangelt, ohne ein realistisch erreichbares Ziel, ohne dass ein Ufer jenseits der Planke erkennbar wäre? Die Verlängerung einer solchen Planke, an deren unvermeidbarem Ende der Patient doch in den Abgrund stürzt, in den Mahlstrom hinein verschwindet, so wie Dinge und Leben verschwinden, weil sie sind, nochmals angehoben: Eine Verlängerung einer solchen perspektivlosen Planke kann nicht sinnvoll genannt werden. Und so ist nicht das medizinisch-technische die große Schwierigkeit der Intensivmedizin, sondern eben das Evaluieren die Patientenresscourcen. Brücke oder Planke? Und es wollte Paselke erscheinen, dass diese Frage irgendwann für jeden keine Frage mehr ist…..

Nun, so weit sind wir noch nicht. Zunächst hat man so zu tun, als ob jedem Patienten eine stabile, eine statisch ausgewogene Brücke zu bauen ist, ungeachtet des Ausgangs der Geschichte. Nichts ist unprofessioneller, als einem Intensivmediziner nach 3 Wochen vergeblichem Brückenbau vorzuwerfen, er habe doch von Anbeginn die Planke als einzige Option erkennen müssen und er habe sinnloserweise diese einzige Option, also das Sterben verlängert. Jedem Intensivmediziner ist diese Melancholie der Vergeblichkeit sehr wohl bewußt, da muß keine Laie kommen und herumklügeln.
Es war gerade zur Abendbrotzeit übrigens, das Pausengespräch ging über die angeblich zunehmende Undankbarkeit der Patienten, die so ein allgemeiner Konsens, schwesterliche und ärztliche Tätigkeiten nur noch als Dienstleistungen aufassten und bei Bedarf fingerschnippend abriefen. Paselke – durchaus hin und wieder gerne dozierend – verneinte diese subjektive Wahrnehmung als nicht objektivierbar. Es läge ein Lautstärkenproblem vor, so er, als die Kollegin der Rettungsstelle anrief und eine betagte Patientin im akuten Nierenversagen ankündigte. Man wollte sofort kommen. Die Rettungsstellen-Kollegin avisierte weiterhin den auch schon 70-jährigen Sohn als Ansprechpartner. Er sei auf dem Weg. Nagut!
Paselke sah dann eine über 90-jährige Patienten im massiv reduzierten Allgemein- und kachektischen Ernährungszustand, weiterhin aufgrund eines demenziellen Syndroms nicht in der Lage, irgendeine Frage zu beantworten. Der rarifizierte, kümmerliche, ja erbarmungswürdige Körper, den Paselke nun untersuchte, und der noch erbarmungswürdigere Geist der alten Frau ließ ihm sofort die Planke als einzige Option aufblitzen. Und so ordnete er nach kollegialer Rücksprache mit dem Oberarzt ein strikt konservatives Vorgehen an, also das Bewässern des Körpers mit Infusionen in der Hoffnung, dass die Nieren durch das Wasserangebot wieder die Arbeit aufnehmen würden. Blieben sie bei der Verweigerung, wäre diese Ausdruck der allgemeinen Lebensverweigerung und das Schiksal der Patientin besiegelt. Paselke legte sich schon die Sprachbausteine für das unvermeidliche Perspektivengespräch mit dem angekündigten Sohn zurecht. Keine Maschine mehr, da keine Perspektive gegeben usw.. Bloß den Sohn nicht fragen, ob er wolle, dass „alles“ gemacht werden soll. Wer sagt da schon nein. Alles wollen alle! So in etwa dachte sich Paselke und begrüßte den leicht irr auf dem Stationsflur tappenden Sohn zuversichtlich.

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Aber das Gespräch lief aus dem Ruder. Der graumelierte Sohn, polnischer Abkunft wie die Patientin selbst und den schönen harten, orteuropäischen Akzent sprechend, ließ Paselke nicht zu Wort kommen.

Herrrr Doktorr! Schauen se! Herr ist Lebbbben

und er zeigte mit parrallelisierten Handflächen die Worte unterstützend nach links

und herr is Tottttt!

Die parrellel ausgerichteten Handflächen wanderten nach rechts, um sodann sich der eigenen Brust zuzuwenden und die Deklamation zu bekräftigen

Ichchchch bin fürrr Lebbbben!

Und die weltumfassenden Hände zeigten segnend in den Himmel, als er abschloß

Auch Muutterr soll lebbbbben! Machch Lebbbben, Doktorr, machch Lebbbbben!

Der Arzt und Hobbyschriftsteller – das Wort Hobbyschriftsteller ist hier in seiner ebenso präzisen wie verachtenden Intonation verwendet worden – der Arzt und Hobbyschriftsteller John Paselke, Bruder des Paris, war das, was Schriftsteller häufig, Hobbyschriftsteller hingegen höchst selten sind: Sprachlos!
Er konnte diesem offenbar symbiotisch seiner Mutter verbunden Sohn weder mit seinen im Seminar gelernten Sprachbausteinen, noch mit seiner Hobbyfähigkeit beikommen. Er wollte von Brücken reden, vom Ende des Seins aber der Sohn, der polnische Sohn, in den Weiten seiner Anschauungen gefangen, sprach seinerseits und zwar vom

Lebbbbben!

und so musste Paselke den bitteren Trank der argumentativen Niederlage bis zur Neige kosten. Sein Literatensingsang kam nicht an gegen das „Lebbbben“, gegen den Wunsch nach Unsterblichkeit.

Man verabredete noch den schon erwähnten Therapieversuch und fortan hockte der polnische Sohn Tag und Nacht vor dem Kranken- nein- vor dem mutmaßlichen Sterbebett seiner Mutter und starrte auf den Urinbeutel, so als ließe sich aus dem Füllungszustand des Beutels nicht nur die aktuelle Arbeitsauffassung der Nieren sondern das Dasein selbst ablesen in seiner großartigen Einfachheit in seiner mitleidlosen Ignoranz irgendwelchen Bedenken gegenüber, dieses einfach „Lebbben“, das so viele einklagen und das so unerträglich schwer zu finden ist.

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In der Folge hatte jeder diensthabende Arzt Angst, dass das als unvermeidlich angesehene Ableben der Patientin in seine Schicht fiel, weil dieser Vorgang ebenso unvermeidlich unangenehme Situationen mit dem Sohn heraufbeschwören würde. Denn dessen weiteres Verhalten hatte im Verlauf zu dem Spitznamen Anthony Perkins geführt.

Anthony ist wiederrrr da!

So die polnische Krankenschwester Grazyna, die weiterhin berichtete, dass dieser Irre auf polnisch vor sich hin stammelte. Sie habe bruchstückhaft gehört, dass er sagte: Die sind hier so dumm, gut dass ich klug bin, gut dass ich klug, Mutter!, so Anthony zu seiner dementen Mutter, die in ihrem gesamten Aufenthalt nie auch nur ein Wort geredet hatte, schweigend das erduldete, was die Medikamente und Anthony mit ihr anstellten.
Nach einer zwischenzeitlichen Besserung, dem falschen Chi, brach dann die große Unvermeidlichkeit über alle in dieser Geschichte mitspielenden Personen herein.

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Es war Abendvisite, Paselke musste die Station an den Kollegen Schwabel übergeben, einen feinen, älteren Herren, der immer wieder betonte, dass die Hälfte der Patienten hier Morphin und einen guten Pfarrer benötigten. Gewissermaßen: Opium fürs Volk! Während der Übergabe, am Bett der Patientin kam das Finale: Ein Seufzen, der Versuch eines letzten Wortes, ein Blick nach außen. Die Arme, die Extremitäten schon marmoriert als Ausdruck der schlechten Durchblutung in der sog. Peripherie, der Blutdruck unmessbar und das gab den ersten Alarm, einen weißen Hinweisalarm, der tiefen Glocke St. Mariens in Lübeck entsprechend. Denn die das Überwachungsssystem herstellende Firma kam aus Lübeck und gerüchteweise soll das Alarmgebimmel den Lübecker Innenstadtkirchen nachempfunden sein. Dann änderte sich der Alarm, ein etwas hellerer Ton in höherer Frequenz gab den Hinweis, dass die periphere Sauerstoffmessung ausgefallen war, ein Ton, den man nicht mehr so einfach ignorieren konnte. Jetzt dann der Auftritt Anthonys, des Sohnes, der langsam aber sicher bemerkte, wohin die Reise gehen würde…

Doktorrrr, Dokktorrrr, machch Lebbbbben! Machchchch! Muttterrr Muttterrrr!

Und als dann das Sistieren des Herzschlages einen hochfrequenten Bimmelton gab, einen sog. Roten Alarm, umgriff dieser Irre als wahrer Veitstänzer den erbarmungswürdigen Rest des mütterlichen Brustkorbes, presste diesen zusammen und schrie

Oatmen, Oatmen!

Um sodann sich und seine Mutter wie auf der Rennbahn anzufeuern

Du schoaffst es, du schoaffst es!

Aber diese angedeutete Reanimation hatte lediglich einige agonale, deformierte EKG-Zacken auf dem Lübecker Monitor zur Folge. Diese konnten den roten Alarm nicht unterbinden und so sahen Schwabel und Paselke einen irren Anthony das Brustkorbrudiment seiner Mutter wie eine Weichblechdose zusammenpressen, derweil der tonuslos daliegende Kopf im Rhythmus der Massage auf dem Kissen hin und her pendelte. Als einziges Geräusch bimmelte die helle Alarmglocke St. Mariens und spielte auf zum Lübecker Totentanz. St. Mariens Totenglocke, wenn es denn gefällt…

Schwabel bat Anthony, diese frustrane (Hobby)-Reanimation zu unterlassen. Man könne einen akuten Kreislaufstillstand reanimieren, nicht aber einen Sterbeprozess aufhalten. Er möge seine Mutter gehen lassen…. Anthony sah schließlich die Sinnlosigkeit ein und verließ, mit den Händen das Gesicht vergrabend, den Raum.

Groß ist der Tod und klein zugleich, so dachte der Hobbyschriftsteller, während er Anthony hinterher sah. Groß ist und bleibt der Sprung von der Planke in das Dunkle, in das Land ohne Wiederkehr. Aber zugleich besteht das Sterben aus unendlich vielen, kleinen Schritten, aus Schritten, die als Vorangehen auf der besagten Planke so gar nicht wahrnehmbar sind. Und doch hat das Lebbbbben eben die Angewohnheit, einem dem Tottttt immer näher zu bringen, soviel ist gewiß. Wegen dieser vielen, kleinen Schritte hat die Festlegung des Todeszeitpunktes immer etwas willkürliches. Auch das Ende des Herzschlages kann nicht bedingungslos als Lebensende gesetzt werden, weil die Schläge vorher ja schon nicht mehr den kompletten Körper versorgen konnten, das Zellsterben aufgrund von Sauerstoffmangel also schon vorher eingesetzt hat und nach dem Ende weiter geht, eine der Gründe übrigens, weswegen eine Reanimation im Sterbeprozeß völlig sinnlos ist. Der Geist ist schon gesprungen, der Körper nebst Planke aber verflüchtigen sich noch weiter bis nichts mehr bleibt, so muß man es wohl sehen.

Epilog

Der diensthabende Schwabel musste nachts um Zwei Uhr aufstehen und der Kriminalpolizei die komplette Krankenakte der Verstorbenen kopieren. Denn ein etwas wirrer, älterer Herr mit osteuropäischem Akzent hatte – so die äußerst zurückhaltend auftretenden Kriminalbeamten – die behandelnden Ärzte wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt.

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