Essay 3

Broder und die „kleinen Leute“

Henryk M Broder habe ich lange Jahre als einen stets anregenden, streitlustigen und dabei als einen zwar jenseits des Sparrings agierenden doch niemals unfair schlagenden Diskutanten erlebt, der vor allem dann auf dem Schirm erschien, wenn über unbestreitbare Dissonanzen einfach versöhnlerisch und nivellierend drüber gewischt wurde. Wie war das schön, wenn etwa ein Herr Kinkel glaubte, ein jüdischer Schwiegersohn reiche aus, um „die Vergangenheit zu bewältigen“ – und Broder dann diesem Herrn Kinkel über den Mund fuhr. Oder wenn eine Frau Wollenberger für das Putzen jüdischer Grabsteine gelobt werden wollte – und Henryks Lob so ganz anders ausfiel, als diese Dame es eigentlich erwartet hatte. Oder ein Herr Peter Voss gegen Broder zweiter Sieger blieb.
Broder stellte genau die Fragen, die viele nicht hören wollten: War eine Befreiung vom Faschismus ohne Gewalt möglich? Und wenn nicht, was bedeutet das heute? Berechtigte Fragen wie auch heute noch zu finden ist, Fragen, die v.a. das linke Gemüt ordentlich durcheinander rüttelten, jenes linke Gemüt, das sich so gerne am antifaschistischen/inernationalistischen/pazifistischen/emanzipierten (habe ich eine Vokabel vergessen?) Lagerfeuer wärmte und wärmt. Durchaus auch mein eigenes und das war gut so….

Doch seit einiger Zeit kann ich immer weniger anregende Provokation, hingegen immer mehr ärgerliches Ressentiment erkennen. Der ursprüngliche RELIGIONskritiker Broder ist zum reinen ISLAMkritiker verkommen. Die Kritik am autoritären Charakter, die Broder früher AUCH auf Linke hin angewendet hatte, findet mittlerweile NUR gegen Linke statt. Als ob es rechts und mittig keine Autoritätsgläubigkeit, kein Karrieredenken, keine Korruption gibt. Dann hat Wirrkopf Breivig sich auf Broder berufen. Da hatte ich Broder noch mit dem Argument verteidigt, dass niemand sich die Wirrköpfe, die einen zitieren, aussuchen kann. Auch Broder nicht.
Im Dezember 2014 aber veröffentlichte Broder einen Artikel, der sogar mich sprachlos hinterließ: In ihm setzte sich Broder mit dem PEGIDA-Phänomen auseinander – und lobte ungeheuerlicherweise die Demonstranten für ihre Zivilcourage gegen die vom Volk abgehobenen Politiker. Es ist – Broder mag es mir nicht übel nehmen – das alte Muster des Kleinbürgerfaschismus, das er da lobte: Die Schwatzbude, das Parlament regiert mit Hilfe der „Lügenpresse“ über das Volk hinweg, hat kein Gehör mehr für die Sorgen und Nöte der „kleinen Leute“ (sie beschreiben sich ja selbst so!), für die im Schweigen so lärmende Mehrheit und hat deswegen zu verschwinden. Dabei war schon damals vor fünf Monaten doch jedem aufmerksamen Beobachter klar, WER da in Dresden marschierte. Nun haben es verdienstvolle Forschungen, die einfach die sozialen Medien der PEGIDA-Bewegung untersuchten, auch empirisch belegt: Es sind die alten Kleinbürgerressentiments, die schon 1933 sich verfolgt und gedemütigt fühlten und die nun wieder glauben, sie seien die Verlierer und Draufzahler der Welt nach 1989. Und für die machte Broder sich stark. Derselbe (?) Broder, der in den 90er Jahren noch gegen Steffen Heitmann als Präsidentenkandidat zu Felde zog. Wir erinnern uns an Heitmann, der von sich sagte, er wolle der Präsident der „kleinen Leute“ werden, worauf Broder replizierte, dann müsse man sich entweder bewaffnen oder auswandern.
Es ist auch derselbe (?) Broder, den ich in den 90er Jahren sehr schätzte, weil er keinen Pardon gab, wenn „Deutschland den Deutschen“ gehören sollte, wenn Mordbanden „national befreite Zonen“ konstituierten. Vor allen Dingen wurden seinerseits die Sprachmuster demaskiert, die den alltäglichen Faschismus, den alltäglichen Antisemitismus verkleiden sollten. Etwa wenn „einige meiner besten Freunde Juden sind aber….“ oder wenn ein Antisemit seine Meinung unbedingt von einem Juden bestätigt haben wollte. Auch die Sprechblase, an der man totsicher einen Neonazi erkennen kann, war Broder damals schon sicherlich bekannt: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“ – und dann kommt ein Schwall von „Endsätzen“ (Dank an Sascha Lobo), die jedes weitere Reden mit solchen Menschen sinnlos macht.
Nun die Kehrtwende hin zu den angeblichen „kleinen Leuten“, wobei ich – es dürfte deutlich geworden sein – mit kleinen Leuten weniger eine soziale Schicht als vielmehr eine soziale Haltung meine. Diese Kehrtwende ist erklärungsbedürftig. Wir schwenken zurück:

1933 driftete der Lyriker Gottfried Benn ebenso wie Broder zu den „kleinen Leuten“ ab, die – wie Benn meinte – Ausdruck des geschichtlichen Wollens seien. Somit sei jedes Gegenstellen ein Gegenstellen gegen den Gang der Geschichte. Benn argumentierte in der Diktion seiner Zeit. Er wirkte ca. ein und ein halbes Jahr aktiv in der Sektion Dichtkunst der preussischen Akademie, er schrieb den Essay „Der neue Staat und die Intellektuellen“, womit er sich selbst aus dem Dasein eines Intellektuellen ausschloß, und er machte einen Privatbrief öffentlich, den ihm Klaus Mann am 09.051933 – einen Tag vor der Bücherverbrennung – schrieb.
In diesem Brief hatte Klaus Mann Benn gemahnt, zur Intellektualität zurück zu finden. Immer wieder beschwor Mann den älteren Kollegen, dass die neuen Machthaber mit dessen Formwillen ohnehin nichts bis noch weniger anzufangen wüssten. Interessanterweise argumentierte K. Mann ja zunächst ästhetisch. Um dann politisch pragmatisch zu werden: Benn sei doch nur zu den Nazis gegangen, weil er sich über Dummlinks geärgert habe. Benn antwortete in dem Sinn, dass niemand abseits des Volkes stehen dürfe, dem er so viel zu verdanken habe. Zugleich konnte Benn sich eine gewisse Underdogattitüde nicht verkneifen: Die Emigranten seien doch nur irgendwelche abgehobenen Upperclass-Literaten an mondänen französischen Badeorten. Auch hier das Muster, das bei Broder wieder zu finden ist. Auf der einen Seite das Volk und auf der anderen Seite die Abgehobenen, die nicht mehr zuhören können.
Es ist in der Summe so fürchterlich evident: Benn wollte dazu gehören und wollte gleichzeitig sich als „anders“ als der normale Literat empfehlen, wollte also die Annehmlichkeit der Stallwärme UND den Destinktionsgewinn gegenüber den intellektuellen Kollegen. Sein Mitmachen wollte er als Ausdruck des „Anders“seins verstanden wissen. Womit er ja fatalerweise sogar Recht hatte, freilich anders Recht als ausgemahlt. Ist es nicht so, dass wir im Fall Broder nämliche Mechanismen am Werk finden? Hängt Broders PEGIDA-Lob mit seinem – zugegeben berechtigten – Ärger über Dummlinks zusammen? Will er dazu gehören? Oder sieht er die gewaltbereiten „Endsätze“ der PEGIDA-Bewegung nicht, weil er antiislamistisch-ideologisch zuzementiert ist?

Kann sein. Möglich. Eigentlich bleiben nur diese Erklärungen. Und unter Brüdern: Eigentlich ist es mir auch egal. Nicht egal ist aber, dass Broder genau das tat, was 1933 Benn und mit ihm Millionen von Deutschen auch taten: Einer gewaltbereiten Kleinbürgercombo hinterher zu tapern. Ohoh, ich Böser, was für eine grobe Übertreibung, nicht wahr! und ein „Verstoß gegen das Erste Gebot der Wissenschaft vom Holocaust: „Du darfst nicht vergleichen“…“ (ein Publizist in den 90er Jahren!!!). Eine böse Verharmlosung von 1933 und natürlich eine böse Dämonisierung von PEGIDA.
Sicher, eine böse Übertreibung. Dennoch stimmt der maßlose Vergleich: Es ist dieselbe Gewaltbereitschaft, dasselbe Gefühl vom Zukurzgekommensein, dasselbe Zusammenstehen gegen „Die da oben“, das die PEGIDA-Marschierer antreibt wie damals die Horden der SA. Und der kleine Henryk mittenmang. Was will er da? Wer sagt ihm endlich ein Mal, dass er sich verrannt hat?

Oder glaubt Henryk M Broder allen Ernstes, dass der Lutze im Fall der Machtübernahme einen Ministerposten für ihn übrig hätte?

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8 Gedanken zu „Essay 3

  1. Broder hat in den 80ern noch tränentriefende Artikel über arme Palästinenserjungs in der Westbank geschrieben, heute macht er genau das Gegenteil. Den kann man inhaltlich nicht ernst nehmen, interessant wäre ein psychologischer Zugang, ähnlich wie bei Elsässer und Hort Mahler. Die sehen die Möglichkeit, den Ton anzugeben, mittlerweile nur noch auf der rechten Seite. Auf der linken kommen Jüngere nach.

    Es ist alles Taktik, sonst nichts. Denke ich.

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    • Wie siehst Du nine-eleven in diesem Zusammenhang? Steht dieses Datum nicht für die Inhaftierung des Ganzen auf bloßen Verdacht hin, obwohl nur ein (geringer) Teil für die Tat verantwortlich gewesen war? Ist dieses Denken, nämlich den Verdacht schon das Urteil sprechen zu lassen, nicht bis heute stimmungsvergiftend?

      Nine-eleven scheint mir bei Broder (und so vielen anderen) ein Knackpunkt zu sein, die geschichtliche Situation, die mühsam erkämpfte Grundrechte einfach über Bord kippen ließ.

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      • Ich glaube, mittlerweile hat Broder auch gemerkt, mit WEM er sich da für fünf weltgeschichtliche Minuten gemein gemacht hat. Zumindest kommt kein Pro-PEGIDA-Gewäsch mehr aus seiner Tastatur.
        Es reicht eben nicht, mal so insgesamt gegen den „Islam“ (wer ist das?) zu sein, um sich als Freiheitsfreund und Terrorgegner zu empfehlen. Die Äquivalenz zu der Diskussion der 70er Jahre bezüglich des Sympatisantentums mit Terrorismus ist evident. Wer nicht scharf genug das gesamte, angebliche oder tatsächliche Umfeld der Terroristen in seine kostenlose Empörung mit einbezieht, ist selbst schon ein Sympatisant und scheidet aus. Für mich unverständlich, dass Zeitzeugen, die die damaligen Diskussionen hautnah miterlebt haben und sich gegen entsprechende Verdächtigungen zur Wehr setzen mussten, heute eben solche Verdächte aussprechen.

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    • Otto Schily fällt mir da ein (sogar ein Beteiligter), auch Broder demonstrierte gegen die Notstandsgesetze und polemisierte gegen den „Radikalenerlaß“. Zeitweise schrieb er DDR und „BRD“, also den Westen in Anführungszeichen. In der Folge ging er mehr so in Richtung Sponti und Selbstverwirklichung. Entebbe war dann sein erster politischer Knackpunkt und da kann ich ihm sehr gut folgen. Seither sah er sich den linken Antisemitismus (von Leuten, „mit denen zusammen ich demonstriert hatte“ so Broder selbst) genauer an – und wurde in einer Qualität und Quantität fündig, die ihn selbt überrascht haben mag. Also der Broder war zwischenzeitlich schon durchaus vernünftig und seinen „ewigen Antisemiten“ kann man bis heute empfehlen.
      Sein Wandel nach nine-eleven bis hin zum Lob für PEGIDA – nun ja, davon handelt ja mein Essay….

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      • Es war in den 70ern schick, links zu sein. Man hatte vermutlich auch mehr Erfolg bei Frauen. Die waren kulturell entscheidend weiter, das sind gute Argumente. Schily war schon immer eher bürgerlich-liberal, von dem ist wohl lange in der Öffentlichkeit ein falsches Bild gezeichnet worden, weil er im Raf-Umfeld unterwegs war.

        Broder kann man sicher in manchem empfehlen, in Sachen Antisemitismus vermutlich durchgehend, da würde ich ihn auch keinesfalls kritisieren. Ich habe nur ein massives Problem mit Leuten, denen ich menschenkenntnismäßig misstraue. Da geht es vor allem um Egoshooter. Ken Jebsen ist auch dem gleichen Level wie Broder oder auch Elsässer und unzählige andere, auch Guttenberg. Klassische Demagogen. Das sind allesamt Leute, denen es nie um eine Sache, sondern immer um Selbstdarstellung geht. Und die funktioniert am besten mit Provokation. Deshalb ist er für Pegida, wohlwissend, dass diese Leute ihn früher oder später aufknöpfen würden, weil er Jude ist. Rechte müssen früher oder später auf den Antisemitismuszug aufspringen, der fährt seit 2000 Jahren, ist mit einer Ersten Klasse und jedem Luxus versehen, das ist einfach zu verlockend.

        Ich habe Broder zum ersten Mal 2003 erlebt, in einer TV-Diskussion vom SWR zum bevorstehenden Irakkrieg. Broder war dafür, aber immer grinsend, und eine neben ihm sitzende junge arabische Kriegsgegnerin behandelte er komplett geringschätzig, nach der Art, das junge Gemüse hat keine Ahnung.

        Der Mann hat keine Probleme mit einem Angriffskrieg mit hunderttausenden Toten. Die sind in Ordnung, wenn ihm das zur Selbstdarstellung dient.

        Von solchen Menschen sollte man sich generell fernhalten, auch, weil Broder abseits vom Thema Antisemitismus keine Ahnung hat. Das geht natürlich beruflich nicht immer, ansonsten aber schon.

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  2. Pingback: ENDE | summacumlaude

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