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„Alles Fascho oder was?“ (Henryk M Broder)

Einige notwendige Anmerkungen zum „Fall Eggert“ oder PEGIDA ist überall

Es geht also um eine Lebensberatungsserie in einem Werbeblättchen der deutschen Provinz – jener soziologischen BlackBox, in die jeder Hobbysoziologe alle seine Ängste hineinprojezieren kann, wie er sie benötigt. Nanu? Benötigt man Ängste?

Seis zunächst drum: Hier – in der Provinz – soll gar Garstiges vorgefallen sein. Eine miese Homophobin mit Namen Eggert hat einem über- und v.a. falsch besorgten Vater einen unmodernen Rat gegeben. Er möge seine Kinder nicht als Blumenkinder zur Hochzeit seines homosexuellen Bruders verleihen, wenn das nicht in sein offenbar konservativ-kirchlich geprägte Weltbild passe. Soso. Und dann? Dann rauschte das Netz: Homophobie! Faschismus der Mitte! Frau Eggert wurde u.a. als „Faschistenschwein“ beschimpft. Kurzum, das gesamte, emanzipatorische Vorwurfsvokabular wurde abgerufen. Spätestens bei solchen heftigen, moralisch vernichtenden Urteilen ist das Lesen der Originaltexte geboten. Und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn die Heftigkeit der Reaktion wird durch nichts in diesen Texten gedeckt.
Vor allem in der langen Form (die kurze Form wurde wegen unterschiedlicher Platzverhältnisse in den unterschiedlichen Ausgaben noch einmal redaktionell gekürzt!) kann ich die Homophobie der Frau Eggert nicht erkennen. Sie schreibt da sogar von mehr oder weniger liberal aufgewachsenen Kindern und unterstellt dem Vater in diesem Kontext ein eher traditionelles, weniger liberales Familienbild. Und sie geht auf die falschen Ängste des Vaters falsch ein, anstatt das Unbegründete dieser Ängste zu erläutern.
Sie sagt aber nirgendwo: Igitt! Sie schreibt nie: Pfui Homos! Sie schrieb v.a. keine “Endsätze” im Sinne Sascha Lobos, also keine eliminatorisch intendierten Sätze, die zur Hatz blasen. Sie hat falsch fokussiert! Klar, aber: Mehr war nicht und wenn DAS wirklich alles ist, was die Provinz an “Faschismus der Mitte” so zu bieten hat, sind alle Ängste bezüglich der Provinz unberechtigt.

Was mir viel mehr Sorge macht, ist das völlige Abhandenkommen der Maßstäbe. Wer hier bei dieser Provinzposse schon auf zwei Fingern Faschismus pfeift, der dann nicht statt findet, wird beim Auftauchen des echten Faschismus kaum noch für voll genommen. Und wer Blogger, die sich um das korrekte Einordnen dieser leicht verunfallten Lebensberatung bemühen und die versuchen, die Wogen ein wenig zu glätten, als “neue Rechte” bezeichnet, muß sich fragen lassen, ob er beim Verbreiten dieser Meinung wirklich die 0-Promille-Regel eingehalten hat. Die lautet nämlich: Keine politische Meinungsäußerung im Rausch. Manche Linke scheinen allerdings den “täglichen Faschismus” als inverse Rauschdroge zu benötigen und wo er nicht ist, wird eben Faschismusverschnitt geschnupft.
Somit ist obige Frage beantwortbar: Ja, manche benötigen Ängste, und wenn diese nicht durch reale Auslöser begründet werden können, dann tuts auch eine verunfallte Lebensberatung in einem Werbeblättchen. Oder auch: Ist Lutz Bachmann gerade nicht greifbar, muß es halt Frau Eggert sein.

Nachtrag in Blau:

Dankenswerterweise hat der teilweise immer noch geschätzte Bloggerkollege genova diesen Beitrag verlinkt. In ihm ist nichts geändert worden seit der Erstveröffentlichung. Ich sage das ausdrücklich vorweg, weil genova in der „Diskussion“ bei KritikundKunst, deren Anführungszeichen alleine er zu verantworten hat, mehrfach behauptet hatte, es würden Kommentare gelöscht oder manipuliert. Übrigens immer dann, wenn ihm argumentativ die Felle wegschwammen.
Zur Sache! Es ging mir – wie man oben sehr bequem nachlesen kann – immer nur um das Eine: Wo Faschismus draufsteht, da muß auch Faschismus drin sein. V.a. wenn der/die Verfasser/in von Texten für einen Text gar als „Faschistensau“ tituliert wird. Das ist Frau Eggert geschehen und das war auch das Erste, was ich in diesem Fall wahrnahm. Den Text einer Faschistensau wollte ich mir dann einmal durchlesen. Und war baff! Das reicht schon für diese moralische Hinrichtung? Das genügt bereits? Oder will mir etwa jemand klarmachen, dass der Begriff „Faschistensau“ lediglich eine analytische Aussage ist, deren Konnotation einfach mal so hinzunehmen ist. Geht ja ums Gute und da sind offenbar viele zu vielem (zu allem?) bereit.
Aber es gibt kein Zweifel: Eine Faschistensau wirft Brandsätze, tritt auf dem Boden Liegende, ja man muß es sagen: Steht an der Rampe! Dem maßlosen Urteil „Faschistensau“ musste eine mäßigende Analyse entgegengesetzt werden. Das war meine Intention. Und deswegen bin ich nun „Rechtes Gesocks“ (Zitat genova).
Ich bin übrigens gerade deswegen auch so fassungslos, weil ich einen u.a. homophob sich austobenden Alltagsfaschismus sehr wohl gut kenne. Ich werde dazu literarisch noch Stellung beziehen. Also gilt: Schön weiter auf diesem LITERARISCHEN Blog bleiben. Krawallomaten diskutieren bitte woanders.

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11 Gedanken zu „54

  1. Pingback: Ich bin nicht homophob, aber…: eine Anmerkung zu Perspektivfragen | Exportabel

  2. „Ich sage das ausdrücklich vorweg, weil genova in der “Diskussion” bei KritikundKunst, deren Anführungszeichen alleine er zu verantworten hat, mehrfach behauptet hatte, es würden Kommentare gelöscht oder manipuliert.“

    Wie billig, summa. Ich habe einen Kommentar in dem Wust von ca. 150 Kommentaren nicht mehr gefunden, habe Löschung vermutet, das per Kommentar behauptet, drei Minuten später den Kommentar gefunden und bei Hartmut um Entschuldigung gebeten. That´s it. Eine Lappalie am Rande. (……).

    Wenn du das hier widerkauen musst wird es mit dem Schätzen nichts. Hast das wirklich nötig?

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    • Nein, nötig habe ich das eigentlich nicht und es stimmt, was Du schreibst: Es ging in Hartmuts unübersichtlichem Kommentarwust um ein Falschzitat Deinerseits. Vielleicht ist hier einmal der Raum, Blogdiskussionen an sich ein wenig zu relativieren. Das sagte damals schon Bubis in der realen Diskussion mit Walser (habe das Original leider nicht mehr): Bei diesem Thema geht es schnell hoch und dann brauchts nur wenig für tödlichste Beleidigungen. Vielleicht war das „Faschistenschwein“ (oder „…sau“) gegenüber Frau Eggert ja auch nur so eine hochgekochte Meinung.
      Wichtig für ein Urteil ist mir immer der Originaltext. (Meinen habe ich nicht verändert, er liegt vor.)
      Und für mich steht angesichts des Orginaltextes außer Zweifel, dass die Reaktionen gegenüber dieser mediokren Dame völlig überzogen war.
      Wichtig aber Dein Hinweis, dass Frau Eggert einen Auftragsgeber verloren hat, nicht – wie manchmal falsch behauptet wird – den „Job los ist“. Auf beiden Seiten wird massiv draufgepackt, um die eigene Argumentation zu stützen. Zum letzten Mal an alle: Runterkommen!

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  3. Genovas Fähigkeiten, mit Texten umzugehen, zeigte er unter anderem in diesem Kommentar auf „Kritik und Kunst“:

    „ihr seid mittlerweile soweit, dass ihr eure eigenen Kommentare löscht, damit ich sie nicht mehr als Belege bringen kann.“

    Das Personalpronomen „ihr“ ist ein Plural und bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch mehrere Menschen. Genova aber insinuiert hier: „Ich habe einen Kommentar in dem Wust von ca. 150 Kommentaren nicht mehr gefunden, …“ Nun ist es plötzlich nur noch ein Kommentar. Das Prinzip Genova: erst ein sehr großes Faß aufmachen und dann kleinlaut beigeben, daß es nun doch ganz anders gewesen ist.

    (…..)

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  4. @summa einfach löschen diesen Kindergartenpost von genova. Aus „logischen“ Grünen dann natürlich auch den von Bersarin.

    Ich weiß nicht, ob ich auf sowas noch Lust habe (ich meine damit nicht Bersarin).

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  5. So, nun passiert es ausgemacht bei mir. Eine Blogdiskussion droht juristisch zu werden. Aber ich muß Bersarin recht/Recht geben: Das Wort Stalker habe ich als Moderator hier glatt überlesen, und das kann so nicht stehen bleiben.

    Andererseits widerstreben mir manipulierende Löschungen. Ich halte es schon für wichtig zu dokumentieren, wohin solche Diskussionen führen können. Zumal immer wieder klar gestellt gehört, das Bersarin, Hartmut und meine Wenigkeit lediglich einer Gebetsmühle gleich darauf hinwiesen, dass die Vorwürfe gegen Frau Eggert überzogen waren. Weswegen wir im Verlauf einer Blogdiskussion drüben bei Hartmut als Rechte denunziert worden sind.

    Also Genova, da solltest Du Dich schon noch einmal positionieren: Der Stalker MUß zurückgenommen werden. Wie Du bemerkt haben müsstest, habe ich Dir sehr moderat geantwortet. Dieselbe Moderation (gleich: Verlangsamung – will sagen erst überlegen, dann tippen) kann man nun billigerweise auch von Dir erwarten.

    Die nächsten Tage beanspruchen mich stark, Kommentare könnten also mal liegen bleiben. Das wird bitte nicht als Zensur gewertet.

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  6. Summa,
    könntest du aus meinem obigen Kommentar die Passage, die Bersarin betrifft, löschen? Ich nehme sie gerne zurück.

    Danke.

    Juristische Auseinandersetzungen wegen Blogdiskussionen…

    (Müsstest du jetzt auch diesen Kommentar löschen? Ganz schön kompliziert.)

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  7. Blogdiskussionen relativieren: Ja, gerne. Es sind Blogdiskussionen, in der Regel mit Pseudonymen. Ich zumindest nehme das alles nicht persönlich, zumindest nicht in dem Sinn, in dem ich das im real life täte. Täte ich das, müsste ich mir Beleidigungen wie der wiederholten Behauptung, ich sei dumm oder die, man könne meinen Kopf nicht (virtuell) treten, weil ich keinen habe (dann heißt es, ich sei gefährlich, hin und wieder wird versucht, mich mit Bezeichnungen wie Wuschelchen lächerlich zu machen; dann will man sich mit mir schlagen, sich mit einem Degen mit mir duellieren, man will mich am Nasenring durch die Manege führen, ein bemerkenswertes Bild) zu Herzen nehmen. Wo käme ich da hin?

    Solche Diskussionen werden von mir, aber eben nicht nur von mir hochgekocht. Eine ungünstige Konstellation. Deshalb meine wiederholte Bitte seit langem, Abstand zu halten.

    Ich sage dir auch ohne Weiteres, summa, dass du mir, was Diskussionskultur – Stichwort Moderation – angeht, etwas voraus hast, keine Frage.

    —————–

    Die Reaktionen gegenüber Frau Eggert waren überzogen: Da ist was dran. (Ich schreibe ja auch, dass man ihr die Kolumne nicht komplett hätte wegnehmen müssen.) Aber sind das, was die Reaktionen der Netzuser angeht, nicht Dynamiken, die der Tatsache geschuldet sind, dass heute fast jeder die Möglichkeit hat, sich im Internet zu äußern? Es erscheint eine Print-Kolumne, die umstandslos ins Internet gehoben und somit entgrenzt werden kann und es haben offenbar viele hundert oder auch tausend Menschen das Bedürfnis, sich dazu zu äußern, via twitter, facebook usw. Diese Bedürfnisse sind real und nicht automatisch falsch. Aus der Summe jeder einzelnen Äußerungen ergibt sich die Bedeutung. Es handelt sich im vorliegenden Fall um ein gesellschaftlich intensiv diskutiertes Thema, da ist so eine Kolumne natürlich nur der Anlass zur Diskussion, wie auch in der vorliegenden Blogdiskussion.

    Man sollte in dem Zusammenhang einmal den Begriff shitstorm thematisieren. Der ist extrem abwertend. Viele Meinungsäußerungen zusammengenommen sind meines Erachtens nicht automatisch ein shitstorm, sondern es müsste sich um eine konzertierte Aktion vieler Akteure handeln, bei der mit „Scheiße“ geworfen wird. Die Medien sind heutzutage zu schnell mit dieser Bezeichnung zur Stelle.

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  8. Genova, Du wirst noch mein Eckermann. Ich dachte mir, wenn es einen Karl Kraus gab, dann auch einen Willy Wuschelchen. Da kann man dann einen Comic machen.

    Ich habe übrigens nichts dagegen, wenn Du mich beschimpfst oder wenn Du gegen mich eine Polemik schreibst. Das eine ist jedoch eine Polemik, das andere sind unwahre Tatsachenbehauptungen.

    Ich war in der Tat in den letzten Jahren nicht besonders nett zu Dir. Dies war und ist Deiner Weigerung geschuldet, Texte zur Kenntnis zu nehmen.

    Mein Kommentar am 01/06/2015 um 20:13 kann dann ab „Ich bitte übrigens um Belege …“ gelöscht werden.

    _____________

    In der Tat ist der Begriff shitstorm interessant. Die differenzierte Betrachtung sollte dann allerdings auch für die Akteure des Netzfeminismus gelten. Kritik an Anne Helms dümmlichem viralem Marketing in Sachen des eigenen Selbst („Bombergate“) ist eben noch kein Shitstorm. Diese dumme Handlung und das inszenierte Posen rechtfertigt freilich keine Morddrohungen oder despektierliche Äußerungen über ihren Körper oder über sonst etwas in dieser Art. Polemik sollte sich, wenn sie gut ist an der Sache orientieren. In solchen Aktionen zeigt es sich wieder einmal, wie etwas aus dem Ruder läuft.

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  9. Shitstorm ist sicherlich das Eine, Stalker aber ist ein strafrechtlich relevanter Begriff! Na gut, nun ist das fürs Erste vom Tisch. Dann bleibt ja immer die Frage, wen es unter dem Tisch ernährt, wer daraus seine Metaphysik saugt. Wir werden sehen.

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  10. Das „rechte Gesockse“ nehme ich auch zurück, ich bitte um Entschuldigung. Das ist zu krass, auf alle Fälle. Ich schreibe sowas flott dahin, auch, weil mich persönlich solche Vorwürfe nicht stören. Aber andere sehen das vielleicht anders und vor allem: diskussionskulturtechnisch ist das daneben. Und es bietet die Möglichkeit, vom Wesentlichen abzulenken.

    Die inhaltlichen Vorwürfe, die ich euch mache, sind ja massiv genug.

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