Literaturkritik 2

Niemand weiß alles

Ches Schelmenroman aus der Autonomie jenseits des freiheitlich-demokratischen, grundgeordneten Lebens

Der Renneritz Verlag mausert sich zum Verlag der Blogger, die nach jahrelangen, digitalen Netzschlachten einfach auch einmal auf Zellulose veröffentlichen wollen. Nach den Herren de Lapuente und Grabow, nach dem „Ostseeripper“ nun also einer der zeitlich wie ranglich ersten Blogger der freiheitlich-demokratischen Bunzerepublik, Che himself mit seinem Schelmenroman aus der autonomen Szene „Wahnsinn und Verstand“ im obligaten schwarz-roten Anarchisteneinband.

Die Wertung vorweg: Ein wunderbares Buch, böse nach allen Seiten, wie es sich gehört, mit Stichen vor allem in die autonome Szene hinein.
Da wird ein dämliches Mißverständnis in einer WG zur Vergewaltigung umgelogen. Diese wird in der Vorinternetära – man bezahlt in dem Roman noch mit D-Mark, es handelt sich also um die 90er Jahre – mittels Denunziantensteckbrief in den gängigen Szenekneipen publik gemacht. Was zu einer Flucht bis nach London führt, geradewegs in die Arme von… aber Pssst! nicht zu viel verraten.
Überhaupt der Vergewaltigungsvorwurf: Da trennt sich in einer Nebenhandlung eine Frau von ihrem Boy, weil sie das zu tiefe Eindringen in ihren Körper während des Geschlechtsaktes als Vergewaltigung gewertet hat – instrumentalisiert von einer Frauengruppe. Der arme, „enttarnte“ Kerl greift zu Stoffen und mutiert zum menschlichen Wrack. Die Pille, die er schluckt, heißt Tavor, Wirkstoff Lorazepam. Es ist die gleiche Pille, die auch einen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten zum Hampelmann sinistrer Machenschaften werden ließ, Machenschaften, wie sie ähnlich auch in diesem Roman vorkommen werden…..
Dann spielt eine Spitzelparanoia während der Besetzung eines Hauses eine Rolle. Überhaupt die ständigen Einordnungen, die die Szene gegenseitig vornimmt.
Und immer wieder die (Haupt)personen, die sich allein durch ihr Dasein diesen verrückten Einordnungen und Rollenhinterfragungen widersetzen. Eine Frau, die offenbar mehr Geld besitzt als ihr Job es eigentlich zulässt – und richtig: Ihre eigentliche Geldquelle ist dann auch einer der wichtigen Wendungen in der temporeichen Geschichte. Da ist eine andere Frau mit losen Kontakten zur Szene aber mehr mit Kampfsport- als mit Demoerfahrungen ausgestattet. Auch diese Frau, man könnte bei ihr an die Bloggerin netbitch denken, treibt die Handlung voran. Ein Alfie (alter ego?) verweigert konsequent jegliches inquisitorische Urteil ohne Prüfung…
Nungut, das ist die eine Seite des Romans: Ein schonungsloser Blick auf die inquisitorischen Verrücktheiten der Szene, auch ein Blick, der die Korruption der Szene und die unterirdischen Querverbindungen zum erklärten Gegener, den Etablierten der Besitzgesellschaft, nicht aussparrt.

Aber Ches Roman macht hier nicht Halt. Dann wäre er lediglich eine flott geschriebene Szenedenunziation. Er zeigt, dass die Motivation zum autonomen Leben keineswegs auf Einbildungen fußt. Die behauptete Korruption der Gesellschaft existiert in der Tat. Weiterhin mixt Che nicht einfach das Establishment durcheinander und klagt: Alles Faschos! Vielmehr zeigt er, dass auch in der Korruption immer schon die Gegenkorruption hockt. Da ist ein Staatssekretär des Innensenator. Und dem mißfällt als freiheitlich grundgeordneter also korrupter Demokrat der ebenso korrupte Versuch von Wirtschafts- und Waffenhändlerkreisen, aus wirtschaftlichen Gründen (Schürfrechte für Phosphat) Einfluß auf die Strafverfolgung politischer Flüchtlinge zu erlangen.
In diese Kerbe hauen die Autonomen nun schelmenhaft hinein. Und glauben ernshaft, zuletzt zu lachen. Aber zu schlechter Letzt lacht hier niemand. Vor allem deswegen nicht, weil nur der Erzähler und der Leser alle Zusammenhänge kennen. „Niemand weiß alles“ sagte ein Mal abschließend der wunderbare Schauspieler Martin Brambach als Geheimdienstler in einem sonst banalen Fernsehkrimi. So ist es: Niemand weiß alles, nur der Erzähler und mit ihm der Leser. So funktioniert Literatur. Und ist damit – wenn auch nicht 1 : 1 – ein Abbild des Lebens. Da hilft leider keine Autonomie, wenn auch die atonome Szene trotz der vielen Verrücktheiten den immer wieder zu lebenden Traum personifiziert: Eines Lebens jenseits der Korruption also jenseits der Parrallelwelten!

Es wird ein Traum bleiben: Zum Abschlußessen der Autonomen haben sich schon wieder ungebetene Gäste angemeldet. Pullach sitzt im Auto vor der Tür. Und der gedungene Killer der Waffenhändler schleicht ebenso herum, beobachtet von…
..so, das war schon viel zu viel. Mehr muß nicht gesagt werden. Es bleibt nur dies: Lesen, lesen, lesen! Und davor: Kaufen, kaufen, kaufen! Und Zack! habe ich mir schon wieder eine Vorladung vor dem Plenum eingehandelt, weil ich den kapitalistischen Verwertungszusammenhang zwischen Buch und Kapital nicht genügend beachtete.

Das Buch ist über den Renneritz-Verlag (link oben) zu bestellen und kostet 12 Euronen.

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3 Gedanken zu „Literaturkritik 2

    • Dann sorg mal dafür, dass der RV das auch verlinkt. Diese Rezension ist dort nämlich noch unterhalb des Wahrnehmungsradars geflogen.
      Habe Deinen Roman auch schon verschenkt und er hat in der Antifa-Szene Frankfurt Oder eine kleine Fangemeinde. Mein Exemplar selbst ist auch dort verschwunden – Du weißt ja: Kein Privateigentum und so…

      Gefällt mir

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