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Digitale Neuauflage

Unmittelbar nach meinem ersten Post wurde ich von mehreren Seiten – und zwar unabhängig voneinander – wegen dessen Länge kritisiert. Ein Blog sei ohnehin ein sich ständig selbst verschluckendes Textgrab, in einer derart langen Veröffentlichung aber ginge so manches komplett unter ähnlich wie in einem Kommentarteil.
Meine seither gesammelten Erfahrungen können diese damalige Analyse nur bestätigen. Deswegen werde ich einige Texte aus der Sammlung „Plots“ erneut veröffentlichen – falls nötig mit geringgradigen Veränderungen.
Der folgende Text enstand 2009/10 und wird aus dem Netz wieder ausgegraben, weil unter anderen auch er meine literarische Reaktion auf den Schrecken der Geschichte zeigt. Eine Reaktion, die doch sehr anders aussieht, als die eines Ralf Rothmanns etwa, um nur wie zufällig einen Namen zu nennen.
Hier die kurze Erzählung:

Der Judenmörder

Prolog

Es war einer jener Tage vor dem Frühling, die sich meteorologisch nicht entscheiden können, die halb Matsch, halb Sonne sind und deren ständig wechselndes Kleinklima miasmenartig störend in die Nase dringt. Diese Tage bestehen mathematisch gesprochen aus zahlreichen Einzelvektoren, die keine Richtung bevorzugen. Die Resultierende, der Summenvektor bleibt bis zum Ende unklar und ist, das liegt im Wesen dieses richtungslosen Chaos, nur dem Rückblickenden erkennbar.

1

Hanno hatte an einem solchen Tag einen unfallchirurgisch/orthopädischen Saal mit Narkosen zu versorgen, eine leicht zu bewältigende, medizinisch anspruchslose Aufgabe.

Das übersichtliche Programm bestand nur aus drei Kniegelenkspiegelungen und zwei Gelenkersatzoperationen. Keiner der Patienten hatte bei der obligaten Voruntersuchung eine extrem schwerwiegende Vorerkrankung geboten. Auch diesbezüglich war also wenig anästhesiologische Abwechslung zu erwarten. Das ist immer gut für den Patienten. Denn langweilt sich der Anästhesist, geht es dem Patienten gut und umgekehrt. Deswegen sind nicht diejenigen die besten Anästhesisten, die gewissermaßen den schlechten, den instabil werdenden Patienten herbeisehnen, um dann nach Bewältigung des Notfalls als begnadeter Retter sich feiern zu lassen – nein, die sind es eben gerade nicht – sondern die reflexiven Geister sind die Könner, die stumm dem Rhythmus des Narkosegerätes, der Herzaktion folgen, die in eben diesem fremden Rhythmus sinnieren, um endlich in einem quasi-vegetativen Status zu versinken und denen nichts lästiger ist, als sich in diesem steten, passiven Sinnieren durch einen ärgerlichen Notfall stören zu lassen. Aber das nur so nebenbei.

Immerhin war der erste Patient mit Gelenkersatz, ein Herr Pfeiffer, im Alter fortgeschritten und hatte täglich handelsübliche Tabletten zu verzehren, aber all das war im Rahmen und dem Lebensalter entsprechend. Auch die Kognition – bei Patienten jenseits der 70 immer einer Überprüfung wert – war ausgezeichnet zu nennen. Formales und inhaltliches Denken purzelten nicht durcheinander. Orientierung zu allen Qualitäten war gegeben. Das aktuelle Jahr, 2001, wurde von Herrn Pfeiffer korrekt wiedergegeben, er lebte also nicht im „letzten Jahrtausend“, wie manche Ärzte es seinerzeit witzelnd über Demenzkranke sagten, wenn diese zeitlich derart desorientiert waren, dass sie den Millenniumssprung nicht mehr erinnern konnten (Äh 1997, nein 98. 1998, ja ganz sicher).

Nun Ärzte können manchmal ganz schön nickelig sein, es ist ganz gut, dass die Patienten auch hierüber so unwissend sind.

Sei’s drum, jedenfalls lag nichts dergleichen bei Herrn Pfeiffer vor. Dass neben der Kognition auch die Vitalfunktionen wie Kreislauf, Gasaustausch und die Ausscheidung nicht höhergradig eingeschränkt gewesen waren, war ja schon erwähnt worden. Somit war ein Arbeitstag mit wenig Ablenkung und viel Sinnieren zu erwarten, und weil Hanno in seinem Fach ein Könner hoher Graden war, freute ihn dieser Ausblick.

2

Aber dann spielte Herr Pfeiffer nicht mehr mit. Der vormals so vitale, der stabile Halbgreis kam in den Operationssaal hinein als ein Suchender, ein Verwirrter, als ein fast schon psychiatrischer Fall. So viel Fremdes, wo bin ich hier. Was wollen die?

Nachdem dann ein Gefäßzugang gelegt worden war und das erste Narkose-medikament gegeben, ein starkes Opiat, bekam Pfeiffers innere Unruhe ein äußeres Gesicht. Er fuchtelte, er warf den Kopf, er schlug kraftlos und erbärmlich nach der Schwester, die ihrerseits im sicheren Gefühl ihrer durchtrainierten Überlegenheit das hantierende Ärmchen einfach niederdrückte. Was wiederum die Erregung steigerte. Und steigerte, und steigerte…

Der Weg durch lange, leere Flure, die maskierten Gestalten, der süßlich-antiseptische Geruch, das blinkende und Töne absondernde Narkosegerät, der viel zu viele Sauerstoff, der einem schier den Atem raubte, die Drogendrogendrogen, die einen in ungeahnte Umlaufbahnen schleuderten, die einen in Gegenden hinein verwirrten, die waren noch nie….

Alles dreht sich, aber was ist alles?

Was es auch immer war, die Medikamente oder die Situation oder beides, es löste dieses „alles“ in ihm aus und es löste ihm schließlich die Zunge

-Ich hab´Juden weggemacht Juden weg! Alle weg! Alle weg! Juden weg, Juden weg! Oh mein Gott! Alle tot hihi.

Schrie und fuchtelte der dumpf-dampfende Halbgreis. Hanno und Schwester Angela sahen und hörten entsetzt diesem deliranten Geständnis zu, konnten nicht glauben, was diesem ursprünglich so sortierten, mehrfachen Groß- und Urgroßvater entfuhr. Dann Schwester Angela:

-Schnell Doc, der schmiert komplett ab! Propofol, der muß jetzt schlafen!

Ja, natürlich, was sonst. Mit dem Sinnieren war es erst einmal vorbei, Hanno musste handeln. Und Angela wollte schon ansetzen. Doch das wilde Agieren des Selbstvergessenen hatte dafür gesorgt, dass der Gefäßzugang unbrauchbar geworden war. An eine schnelle Narkose über eine Propofolgabe war nicht zu denken. Was tun?

-Doc, Gas! Über Maske! Dreh´ den Gashahn auf!

In der Tat, das Einschlafen über die Maske, über das Narkosegas war die letzte Chance, die Situation zu beruhigen. Und nur um Ruhe ging es zunächst. Also nahm Hanno die Maske und presste sie dem Wahnsinnigen, dem Pfeiffer auf das Gesicht, während Schwester Angela immer noch dessen Arme niederknickte. Das Gas strömte laut und süßlich in Pfeiffers Mund, dann in seine Lunge, von dort in das Blut bis zum Zielorgan dem Gehirn – aus. Letzte Abwehrbewegungen, verkrampfte Hände, die nach dem Nichts griffen und nach der Exitation dann die verdrehten Augen und die Stille. Es war einfach nur still und durch die Stille hörte man das entmenschte Fauchen des Narkosegerätes sowie den hochfrequenten Pulston, der da sagte: Alles ist in Ordnung, du darfst sinnieren.

Der Rest war medizinische Routine. Hanno führte die Narkose zu Ende und gab dann nach problemlosem Erwachen aus dem erzwungenen Schlaf den mutmaßlichen Judenmörder im Aufwachraum ab.

Sodann ging er zum Oberarzt Becker, Oberbäcker genannt, und berichtete den außergewöhnlichen Vorfall.

3

Wie hatte man darauf zu reagieren? Hanno sagte es sofort: Anzeige! Oberbäcker dagegen mahnte: Unter neurotroper Medikation hätte Pfeiffers unfreiwilliges Geständnis keine Beweiskraft. Weiterhin könne man Hanno bei allzu forschem Auftreten sogar einen Strick daraus drehen. Es handele sich immerhin um eine schwere Beschuldigung. Man müsse zunächst das Gespräch mit der Familie suchen. Vielleicht ergäben sich daraus neue Aspekte.

Hanno sagte dazu nichts sondern wendete das Gespräch ins Allgemeine; er wolle doch zu gerne wissen, was in so einem Kopf vor sich ginge.

Nun Hanno

so Oberbäcker,

nichts anderes wohl als in unseren Köpfen.

Oder glaube Hanno etwa, indem man solche Köpfe wie Pfeiffers beispielsweise in der Knatterröhre, dem MRT, untersuche, ginge einem angesichts der Bildgebung ein Licht auf, weil ganz außergewöhnliche, so noch nie gesehene Areale aufblinkten?

-Hanno, wenn Pfeiffers Gehirn arbeitet, dann blinkt dasselbe auf, wie bei dir, wenn du Fußball guckst. Oder rauchst oder träumst oder säufst. Was erwartest du für Erkenntnisse?

Hanno zeigte den Pfeiffer dann doch an, nachdem ein vorsichtig geführtes Gespräch mit der Familie gelinde ausgedrückt ergebnislos abgebrochen werden musste. Da Fluchtgefahr bei dem krankheitsbedingt immobilisierten Patienten nicht bestand, wurde er nicht inhaftiert, das Ermittlungsverfahren aber bei diesem Tatbestand natürlich sofort eröffnet.

4

Und dann starb der Pfeiffer in der direkten zeitlichen Folge des elektiven Eingriffs, am fünften Tag postoperativ wahrscheinlich in Folge einer mehrzeitigen Lungenarterienembolie. Hanno hatte in der Sterbenacht Dienst und war lange an Pfeiffers Bett, in der Hoffnung, vom Sterbenden noch eine, irgendeine Wahrheit zu erfahren. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Pfeiffer starb einen mittleren Tod, ohne allzu viele Schmerzen und ohne je wieder über seine Untaten zu reden.

Oberbäcker, dem Hanno alles erzählte, konnte sich ein sympathisierendes Lächeln nicht verkneifen.

-Hanno, Sterbende wollen keine Wahrheit, Sterbende wollen Ruhe und sonst nichts. Glaub´es einfach einem alten Kliniker. Man stirbt nicht wie im Schundfilm: Sehend und verklärt bricht kein Auge, oh nein. Man röchelt, man pfeift, man setzt mit der Atmung aus, um sodann sinnloser weise noch einmal weiter zu atmen. Die Wahrheit ist nur für die Lebenden. Des großen Rätsels große Lösung auf dem Sterbebett, Hanno, das ist Literatur (meistens schlechte) nicht die Wirklichkeit.

5

Nach Pfeiffers humorlosem Tod erhielt Hanno von der Staatsanwaltschaft ein ebenso humorloses Schreiben mit der Mitteilung der Verfahrenseinstellung, da gegen Tote nicht mehr ermittelt werde.

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Noch humorloser dagegen reagierte die Familie Pfeiffers. Opa ein Mörder? Das kann ja wohl nicht stimmen. Er war Wehrmacht nicht SS. Eine Verunglimpfung eines Toten. Überdies waren Behandlungsfehler anzunehmen und für den unerwarteten Tod verantwortlich, Behandlungsfehler aus Voreingenommenheit gegen den Opa. Und diese Voreingenommenheit war ja durch die Anzeige des Assistenzarztes offenkundig. Nun, der Vorwurf des Behandlungsfehlers war zu entkräften, der Tod eine seltene aber mögliche Komplikation bei Gelenkersatzoperationen, ein Verstoß gegen die Regeln der ärztlichen Kunst lag nicht vor.

Umso bedrohlicher wurde für Hanno der Verleumdungs- und der Verunglimpfungsvorwurf. Klage wurde erhoben, geschliffen formulierte Briefe einer renommierten Kanzlei ließen bei Hanno jedes weitere Leben neben dieser Geschichte versiegen. Er konnte nichts anderes mehr denken. Er zappelte im Netz der eigenen Vorwürfe, die nun nicht zweifelsfrei zu beweisen waren. Er suchte dann Verbündete, er fand nur Zögern.

Hat Pfeiffer das wirklich gesagt? Hast du da was missverstanden? Schwester Angela, seine Zeugin, sprang ab.

-Ich weiß auch nicht mehr genau, was da los war.

Alles sei sehr schnell gegangen.

Also wühlte Hanno im Internet. Das universelle Gedächtnis muss doch irgendwo den Beweis für Pfeiffers Schuld eingraviert haben. Aber soviel Schuld, faule Ausreden, Verdrehungen, falsche Bezichtigungen, Vergleiche Hanno dort auch sah, Pfeiffer fand er nicht. Kein Mördergesicht ließ sich eindeutig zuordnen, immer waren es dieselben unauffälligen Stahlhelme, die rauchten, mordeten und nach dem Krieg das Land aufbauten. Pfeiffers Schuld verlor sich einfach in den sonst so engen Maschen des Netzes, verdampfte, verflüchtigte sich einer ausgetrockneten Qualle gleich. Hanno blieb alleine mit sich und seinen Verdächtigungen.

Somit stand seine nicht belegte Aussage gegen die rechtsstaatliche Unschulds-vermutung. Und wie Oberbäcker schon sehr richtig ausgeführt hatte, waren die einzigen Hinweise auf Pfeiffers Schuld unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Medikamente entstanden. Was blieb Hanno übrig, als taktisch zu werden. Er, der sich so sehr nach der Wahrheit gesehnt hatte, wollte nun seinerseits einfach nur Ruhe haben, gerade so wie die Sterbenden. Er schrieb auf Empfehlung seines Anwaltes (jaja der war bitter notwendig geworden) einen entschuldigenden Brief an die Familie, faselte von Missverständnissen und freien Assoziationen, von Übermüdung durch den anstrengenden Beruf, erklärte etwas von moralischem Übereifer.

Der Prozeß entfiel, Hanno durfte in das Leben zurück..

Da war er schon weichgehauen. Der hält schön die Fresse, der sagt nie wieder etwas gegen eine Familie, gegen seine Familie. Der sagt überhaupt nie wieder etwas. Der hält schön die Klappe. Die Sau.

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Tanne schließlich sein Kollege, dieser eventversessene Hierundjetztmensch, ein ewiger Witzbold, der den Notfall täglich herbeisehnende Anästhesiekollege mit dem Hang zu dröhnenden Späßen über andere, Tanne also sagte nur:

-Mann Hanno, scheiß auf die Geschichte. Du bist der Einzige auf der Welt, der von sich sagen kann: Ich hab´ einen Judenmörder vergast!

Hey coolman, givefive. Comedy und Schenkelklopf; Through the checkerwork of leaves the sun flung spangles, dancing coins.

(2010)

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2 Gedanken zu „66

  1. Ach was, es ist eh alles zu lang. Das Leben ist zu lang, unsere Text sind zu lang, Castorfs Theaterstücke sind zu lang, Schwänze sind zu lang, SUVs sind zu lang, Autobahnbaustellen sind zu lang, Arbeitszeit ist zu lang, Freizeit ist zu lang, Winter ist zu lang, Wege in Berlin sind zu lang. Nur Lang Lang ist nicht zu lang, denn der ist Chinese.

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