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Merkels (Ge)wissen

Nun sind sie also da, die Flüchtlinge aus Ungarn, und wurden aufgenommen – schnell, unbürokratisch und für Europa unerwartet undeutsch. Das ist gut so, da ist Merkel aus der festgefahrenen Frontex-Rolle, die sie zuvor jahrelang gespielt hatte, ausgeschert. Mein erster Gedanke war: Na also, es geht doch.
Mein zweiter: Woher die Wendung, wo doch zuvor die Frontextruppe das Mittelmeer so „wasserdicht“ abgeriegelt hatte? Und bei diesem Abriegeln Europas saß Merkels Deutschland nicht gerade im Bremserhäuschen sondern am Fahrhebel, war aktiv-intentional, ja führend daran beteiligt. Also noch ein Mal: Woher die Wendung?

Und da fielen mir die mittlerweile berühmt gewordenen Bilder der toten Kinder am Strand ein. Diese Bilder gingen ja um die Welt, die Diskussionen darüber, ob man sie zeigen darf oder nicht, füllten facebook- und blog-Seiten. Ich selbst habe mich für ein Zeigen in einer inneren 51:49-Entscheidung ausgesproch, habe aber niemals in dieser Frage anders Argumentierende mißachtet.
Solche Bilder haben Macht. Ob gezeigt oder nicht: An ihnen war nicht vorbeizuschauen. Solche Bilder heben Empörungswellen in ungeahnte Höhen. Tote Kinder! Wer dann gegen solche Empörungswellen politisch entscheidet, der geht in der Mediendemokratie unter. Das wußte Merkel. Also konnte sie gar nichts anderes tun. Und vielleicht war da ja auch neben dem Wissen noch ein Gewissen.
Weiterhin wäre die ebenfalls kontrovers diskutierte Vorarbeit des „Zentrums für politische Schönheit“ zu nennen. Auch hierdurch wurde das Thema des Massengrabs Mittelmeer immer wieder in die Öffentlichkeit getragen, dahin, wo manche es niemals haben wollten. Wer weiß? Möglicherweise sind wir gerade Zeitzeugen dafür, dass politische Kunst doch eine Wirkung hatte und hat.

Für die Zukunft ist das ersatzlose Streichen der Frontex-Truppe zu fordern. Das muß nun die nächste Etappe sein. Da ist das Holz mittenmal aber wieder deutlich dicker. Da steht dann Merkels und unser aller Gewissen erneut auf dem Prüfstand.
Und die „Mühen der Ebenen“(Brecht) nach dem Gebirge, also das Gelingen des Zusammenlebens mit den gerade empfangenen Menschen auch nach dem Abbau der Kameras gilt es zu beachten.

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