72

Der politische Irrtum

Durch diesen Beitrag Bersarins über eine Ausstellung der „Goldenen 20er Jahre“ im Ephraim-Palais gelangte die Diskussion für mich u.a. zu folgender Frage: Wie ist der vermeintliche Widerspruch zu erklären, der in dem Nebeneinanderleben einfach nicht zu vereinbarender, ja sich ausschließender Phänomene besteht. „Im Westen nichts Neues“ als Bestseller 1929 einschließlich der Verfilmung 1930, offenbar ungeheuer wirkmächtig auch in Deutschland und dann 3 Jahre später Adolf Hitler als politischer Messias!
Wie geht das?
Sind diese Phänomene Ausdruck gänzlich unterschiedlicher, nebeneinander her existierender gesellschaftlicher Parallelwelten?
Oder gibt es doch eine unerwartet große Schnittmenge der jeweiligen Gruppen? Gibt es einen inneren Klebstoff zwischen richtig und falsch, zwischen Irrtum und Erkenntnis? Und ich verhehle nicht, dass mir dieses Denken der zwanglosen Kompatibilität deutlich plausibler vorkommt, dieses problemlos-problematische Nebeneinander von richtig und falsch, von dem schon Stephan Hermlin im Angesicht Th. Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1988 gesprochen hatte. Und von dem Thomas Manns Nietzsche-Essay aus dem Jahr 1947 ja auch erzählt.

Und erzählt Mann nicht mit Nietzsche eigentlich von seinem Irrtum 1914 und Hermlin mit Mann nicht von seinem 1949? Ja, auch Mann und Hermlin tanzten auf dem Vulkan, als ihnen die weltanschaulichen Gäule durchgingen.
Und was werden unsere Irrtümer sein, wie heißen unsere durchbrennenden Gäule, über die wir dann gebildet und „unbeteiligt“ in Form lässiger Essays über die Irrtümer Anderer berichten werden?

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4 Gedanken zu „72

  1. Fehlbar sind wir alle – in der Tat. Zu unterscheiden wäre immer noch zwischen jener allgemeinen Tendenz, der wir alle unterliegen, und dem, wo es Möglichkeiten gibt, sich zu verweigern, nicht mitzutun und entgegen dem Diktum auf Herbert Marcuses Grabstein „Weitermachen!“, wie es dort auf dem Hugenottenfriedhof an der Chausseestraße so schön in den Stein gemeißelt steht, nicht weiterzumachen. (Freilich meinte Marcuse diesen Satz anders: die Verhältnisse zu ändern. Aber geht das noch, bleibt nicht am Ende doch jene Marcusische „große Verweigerung“?) „Herausspringen aus der Totschlägerreihe“, wie es Franz Kafka in seinem Tagebuch schrieb.

    Niemand schweigt so schön wie Stephan Hermlin hieß es über ihn einst in der DDR. Weißt Du eigentlich etwas über die Vorwürfe von Karl Corino, daß Hermlin in „Abendlicht“ seine Biographie arg gefälscht habe? („Außen Marmor, innen Gips“ schrieb er über Hermlin.) Das beinhaltet natürlich wieder einmal die Frage nach dem Text: sind Autobiographien, die sich nicht als solche explizit kennzeichnen denn nicht immer Fiktionen und wer die Stimme des Erzählers wortwörtlich beim Wort nimmt und identifizierend liest, begeht eben genau jenen Schulfall von Banausie, den Adorno bei solcher Art der simplifizierenden Lektüre nicht müde wurde anzuklagen.

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    • Corino hat die Textsammlung „Abendlicht“ ein wenig zu wörtlich-autobiographisch genommen, also den alten Anfängerfehler der Nichttrennung von Werk und Biographie begangen. Dadurch kam Corino zum „Vorwurf“, Hermlin habe sich fälschlich als Résistance- und Spanienkämpfer dargestellt. Das wirkte auf mich damals fast so, als nehme man einem Juden das Überleben übel. Eine äußerst unschöne Aktion von Corino. Und korrespondierend mit dem selektiven Philosemitismus der 90er Jahre: Man wollte nur die Juden haben, die einem beim Feiern der deutschen Einheit nicht störten. Hermlin gehörte nicht dazu.
      Deswegen war ja Ignatz Bubis auch so lange der Liebling der konservativen Philosemiten; bis er es wagte, eine Ikone der deutschen Einheit anzugreifen. Na, welches Vorkommnis meine ich wohl damit (Tip: Siehe auch meinen damaligen „Essay“)?

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    • Da sind auch noch die philologischen Fehler, die sich vermeiden lassen. Denn Kafka wollte nicht wie ‚Kai aus der Kiste‘ herausspringen, sondern hinausspringen aus einer Form der Selbstbeobachtung. Ob man dieses andere als „Staunen“ bezeichnen will, sei dahingestellt; die Richtung zu etwas hin und nicht nur von etwas weg, die das „hinaus“ anzeigt, ist aber entscheidend. Politisch oder gar geschichtsphilosophisch lässt sich das außerdem kaum lesen, da die Totschlägerreihe konkret die von „Tat-Beobachtung“ ist.

      http://www.zeit.de/1983/15/die-zeit-der-interpretation-ist-vorbei/seite-2

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  2. Hans, ist der Zusammenhang für Dich so schwierig zu verstehen? Ich buchstabiere es Dir aber gerne noch einmal aus. Zunächst, wenn wir schon bei der Philologie sind, dann wollen wir den kompletten Tagebucheintrag lesen: „Merkwürdiger, geheimnisvoller, vielleicht gefährlicher, vielleicht erlösender Trost des Schreibens: das Hinausspringen aus der Totschlägerreihe, Tat-Beobachtung. Tatbeobachtung, indem eine höhere Art der Beobachtung geschaffen wird …“ usw. (Eintrag v. 27 Januar 1922) Ich weiß nicht, was Du Dir unter einer Totschlägerreihe vorstellst. Vielleicht eine lange Schlange vorm Gemüseladen. Oder viele Menschen, die allesamt Totschläger mit Nachnamen heißen. Aber das ist sicherlich nicht gemeint. Oder? Es ging hier um ein gesellschaftliches Moment, die Kontinuität der Gewaltverhältnisse (Totschlägerreihe), die durchzustreichen oder aus der zumindest herauszugelangen wäre: eben eine Haltung des Verweigerns (Tat-Beobachtung, zudem von der Totschlägerreihe durch ein Komma abgetrennt), die sich bei Kafka ins Protokollieren und (Auf-)Schreiben transformiert und so eine höhere, freilich auch abseits stehende Art des Sehens bedeutet. Bemerkst Du nun den Kontext und den Bezug zur Verweigerung?Kafka geht es in diesem Zusammenhang um (Selbst)Praktiken der Distanzierung.

    Wer Kafka nicht geschichtsphilosophisch zu lesen gewillt ist, der lese ihn besser überhaupt nicht. Ist besser für Dich, ist besser für Kafka. Das Abseitsstehen und diese verhaltende Beobachtung finden wir, nebenbei geschrieben, an zahlreichen Stellen in Kafkas Werk. Angefangen beim Reisenden in der „Strafkolonie“. Eine Erzählung, die wir nicht gerade als friedfertig werden bezeichnen können, ein Text und ein Handlungszusammenhang, für den der Ausdruck „Totschlägerreihe“ mir nicht unangebracht scheint. Und genau diese unterbricht der Reisende durch seine fragend-passive Art, die den Kommandanten immer ein Stück weiter in seinem brutalen Enthusiasmus herausfordert.

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