73

Hitlerbeton

Als ich mit sechzehn Jahren in den großen Ferien im Tiefbau arbeitete, um mir ein Rennrad zu verdienen, erlebte ich einiges, was mir als Oberschüler – das nannten manche damals tatsächlich noch so – unglaublich vorkam, was aber im Nachherein betrachtet lediglich Ausdruck der normalen Sorgen und Anfeindungen des Alltags gewesen waren. Gehässigkeiten unter Kollegen, Beinaheprügeleien am Abgrund des Straßengrabens, Alkohol in rauhen Mengen. Analphabetismus! Gottlieb – der schnellste Mann am Preßlufthammer – mußte die Zeitungsmeldungen der Bildzeitung vorgelesen bekommen. Dann zeigte man auf die Bilder zur Meldung. Aha! sagte er und zerdrückte die Dose Karlsquell, nachdem sie zuvor in einem Zug leer geworden war.

Eine Geschichte aber stach heraus, eine blieb mir fürs Leben. Es war eine kleine Geschichte, eigentlich sogar nur eine pointenlose Begebenheit – zugleich aber eine Jahrhundertmetapher. Und die ging so: Wir wühlten uns durch eine recht steile Straße abwärts zum Hafen hinunter, um Glasfaserkabel zu verlegen, und meine Aufgabe bestand darin, vor dem Bagger den Graben mit Hilfe eines Spaten zu sondieren, um etwaige alte Kabel, Rohre, Leitungen, die der Bagger nicht zerrupfen sollte, frei zu legen. Da stieß ich auf ein überhartes Hinderniss. Man sah zunächst nichts Spektakuläres: Beton. Der alte Vorarbeiter aber guckte nach oben zur anderen Straßenseite auf den dort stehenden Hochbunker und sagte: Mist, das ist schon die Bunkerzerschellplatte von dem da drüben! Da kommen wir nie durch. Das ist Hitlerbeton, den kriegste nicht kaputt, der hält ewig.

So war es dann auch. Wir hämmerten, baggerten, meißelten – vergebens. Der unterirdische Hitler war stärker, überdauerte unsere Versuche, ihn zu durchbrechen.
Die Leitungen mussten dann nach viel Vergeblichkeit um ihn herum verlegt werden, Hitlers Beton zu beseitigen erwies sich als unmöglich.

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Ein Gedanke zu „73

  1. ja stimmt, wir meißelten mal die Trennwand im Übungsraum im Bunker weg, um aus zwei Räumen einen größeren zu machen. Meißelten?, nja, wir benutzten kiloschwere Hammer. Und Meißel und Brechstangen. Ich glaube, kein einziger Ziegelstein blieb ganz; die Ziegelsteine zwischen dem Mörtel, der, wie ich später schloss, nichts anderes als Hitlerbeton gewesen sein muss, die Ziegelsteine splitterten zwischen dem Hitlerbeton-Mörtel weg. So ein bis zwei cm dicke Schiten kriegt man irgendwann dann doch klein.

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