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Fehldiagnosen und Flucht

Paselke hatte gerade die Aufnahme des Geschichtslehrers, der nach einer Gefäßoperation routinemäßig für eine Nacht intensivmedizinisch überwacht werden mußte, beendet, stand aber noch am Bett des redseligen, gefäßverstopften Paukers, als ein Telefonat aus der Rettungsstelle eine weitere, diesmal ungeplante Aufnahme ankündigte; junger Mann mit unklarer Bewußtseinsstörung. Also gut, man hatte Platz, her mit ihm. Paselke nahm diese weitere Patientenaufnahme als willkommenen Anlass, den Pauker abzuschütteln, als dieser ihn

noch kurz, Herr Doktor!

zurückhielt.

Herr Doktor. Bin geboren im Juli einundfünfzig, also Sieben Einundfünfzig. Sieben Fünf Eins. Ein welthistorisches Datum! Wissen Sie auch warum? Wissen Sie es

Die Stimme dieses ebenso gebildeten wie bildungsbeflissenen Lehrers entsprach seiner adipösen Statur, ist somit nur als ein Bildungsbass zu beschreiben. Und dieser Bass griff großprankig in Paselkes Ohren, klammerte sich auditiv an ihm fest, ließ Paselke mit seiner Resonanz keinen Raum zur Flucht.

Wissen Sie es, Herr Doktor?

Paselke – innerlich damit beschäftigt, diese stimmgewaltige Übergriffigkeit irgendwie los zu werden –  riet einfach mal drauf los

Karl Martel?

Nein, der war früher

dröhnte die adipöse Bildung

der war…

aber alles konnte der Bass auch nicht wissen.

der war…

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fiel es Paselke dann doch noch ein

Richtig Sieben Drei Zwei, Gut Herr Doktor: Rettung des Abendlandes gegen nahöstliche Einfälle, nicht wahr! Da waren die Pyrenäen dann versperrt. Na, heute kommen sie ja den anderen Weg

so der Bass

Nun aber nicht ablenken Doktor: 7 5 1? Nun? Keine Idee? Dann muß ichs wohl sagen: Wechsel des Königsgeschlechts. Auf die Merowinger folgten die Karolinger! Ganz entscheidend…

Jaja, ganz entscheidend, aber Paselke musste nun doch den nächsten Patienten in Empfang nehmen, der nicht wie der gebildete Bass den geordneten, geplanten Weg über den Operationssaal auf die Station fand, sondern den ungeordneten, wilden Weg über die Rettungsstelle, über die Straße, über die Gosse, über Abzweigungen knapp vor dem Abgrund. Da muß die gebildetste Bildung in ihrem dozierenden Eifer halt mal warten….
Und der Patient kam, somnolent, wirr, zusammengekniffenen Auges, den Kopf hin und her schleudernd, doch absolut tonlos, sprachlos, still. Der Kollege aus der Rettungsstelle, der den Transport zur Intensivstation begleitet hatte, fasste das allerdings sehr unvollständige Wissen über diesen Patienten zusammen:

Flüchtling, Duldungsstatus,

somit ist die Bezahlung gesichert! echote das merkantile Grundrauschen der Krankenhäuser sofort in Paselkes Kopf, ohne dass er das wollte

Aufgefunden als „Hilflose Person“ und hier bei uns abgekippt. Wir sollen nun helfen. Wir vermuten Intoxikation mit einem unbekanntem Agens. Kinder gebt alles. Vitalparameter bis dato stabil, Blutwerte soweit erhoben unauffällig! Aber so einer kann ja immer abschmieren!

Neben einigen wenigen, diagnostisch wichtigen Informationen waren da also schon die ersten diagnostischen Bilder aufgetaucht, die ersten kreativen Verlautbarungen, ohne die scheinbar keine harte Diagnose entstehen kann. Und Pfleger Kurt ahnte noch mehr

Sicher ein Junkie, sind die ja alle. Dealen und spritzen! Wetten?

Paselke, der sich immer als ein Anwalt der Patienten und ihrer Diagnosen verstanden hatte, der immer die Diagnose als ein Patienteneigentum ansah und folglich achtsam behandelte, musste nicht zum ersten Mal in seinem Arbeitsleben eine durch Kollegen despektierlich geäußerte, vorwürflich gemeinte Hüftwurfdiagnose hinnehmen, in dem Wissen, dass eine Diskussion über solche Schnellschüsse ohnehin sinnlos verlaufen würde. Ein Flüchtling ist ein Junkie ist ein Dealer, so war das eng begrenzte Erfahrungsfeld so mancher gesteckt. Zwischen Party und Fete passt immer noch ein Schuß – Naschön. Paselke schwieg und wollte es besser machen.
Zunächst untersuchte er den bewußtseinsgetrübten Flüchtling, fand Kaltschweißigkeit und Somnolenz aber Erweckbarkeit vor. Weiterhin gab es eine Sprachbarriere

nach Deutschland kommen und nix deutsch sprach

so der Pfleger Kurt. Aber Paselke blieb hartnäckig und bald konnte auf Radebrechdenglish klar gestellt werden (denn nun redete der Patient doch ein wenig, klarte auf), dass der Patient in der Tat ein wenig zu viel an Stoff, in seinem Fall gerauchtes Heroin

yeahyeah, smoking H, but only smoking

an Bord hatte. Paselke ordnete Clonidin zum allgemeinen Herunterdämpfen des Vegetativums und stündliche, intensivmedizinische Überwachung an.
Sodann erfolgte der Schichtwechsel; Paselke würde morgen, an einem Sonnabend wieder kommen.
Und dann passierte so viel in der Nacht. Der Flüchtling gab zunächst Kopfschmerzen an

headacheheadache

und erlitt folgend zweimalig einen Krampfanfall, einen echten grandmal, mit postiktalem Nachschlaf. Dieser Anfall wurde von den diensthabenden Ärzten als Folge des Substanzmittelentzugs gewertet, durchaus plausibel, da er ja Heroinabusus in Form inhalativer Aufnahme frank und frei eingestanden hatte.
So die diensthabende Kollegin. In Folge dessen war eine computertomographische Untersuchung des Hirnschädels als nicht notwendig erachtet worden.
Wieso eigentlich eingestanden? Das hört sich nach überführt, nach Kriminalkommissar an.

Wir sind nicht bei der Kripo! Und schon gar nicht vor Gericht. Wir haben die Befunde sprechen zu lassen!

dann Paselke am nächsten Morgen (und auch vor Gericht sprechen idealerweise die Befunde nicht der Richter). Aber bei aller gebotener Vorsicht: Auch Paselke musste zugestehen, dass diese Erklärung zumindest möglich war. Nun bei der Übergabe schlief der Patient, unter anderem deswegen, weil der Nachtdienst ihm mehr als ausreichend sedierende Medikamente gegeben hatte, neben den krampflösenden Benzodiazepinen in mittelhoher Dosierung noch Clomethiazol zur Unterdrückung eines unterstellten Alkoholentzugs und weiterhin lief Clonidin und noch einmal ein Benzo, diesmal Lorazepam, Handelsname Tavor, die Pille, die neben einem Ehrenwort, weiteren Sedativa und einer Flasche Wein schon ein Mal einem Politiker zum Verhängnis wurde.
Der erneut reduzierte, aktuelle Bewußtseinszustand des Flüchtlings/des Patienten war also mit dem nächtlichen, pharmakologischen Kopftreten hinreichend erklärt. Und diese polypragmatische Therapie hatte ihre eigentliche Ursache ja in der diagnostischen Unterstellung einer Polytoxikomanie, also in der Annahme, dass der Patient viele, unterschiedliche Beruhiger zum Leben brauchte. Eine Annahme – so Paselke zu sich – die eigentlich durch nichts bewiesen war, die lediglich einer behaupteten Erfahrung mit „den Flüchtlingen“ entsprach. Aber auch Paselke war schon zu tief drin in der Geschichte, hatte zu viel Quervernetzungen geschaltet und konnte nicht vorurteilsfrei „die Befunde sprechen lassen“, wie er es nannte. Zumal der geschichtsbeflissene Generalbass im Nebenbett bis zu seiner Verlegung auf die Normalstation am späten Vormittag nicht müde wurde, vom Assassinieren der Assassinier zu erzählen, jenem Geheimbund, dessen Spezialität

zum Einen das Meucheln im Dunklen und zum anderen der Haschischkonsum im Hellen

gewesen war und der praktischer Weise ebenso aus dem Morgenland kam wie der nach langer Reise auf dieser Intensivstation gestrandete Flüchtling.
Der lag da, erneut nicht ansprechbar, ohne irgendwelchen Besuch, ohne irgendwelche Bezüge zu der Welt, einfach nur atmend, verdauend, ausscheidend, existierend.
Und dann überschlugen sich die Symptome und schraubten sich in das dunkle Grauen hinein: Die schwere Somnolenz – bisher war der Patient immer noch irgendwie erweckbar gewesen – mutierte zum Koma. Der Patient schied nun stündlich 400 ml Urin aus, der Blutdruck stieg unkontrollierbar um stündlich 10 mmHg an. Der Nacken wurde steif und die Pupillen reagierten nicht mehr auf Licht. Das waren für Paselke die Signale, um die bisher verweigerte Computertomographie doch durchzuführen.
Er fuhr mit ihm ins CT, lagerte mit um und wartete auf die Bilder, vor denen er sich fürchtete.
Langsam pixelten sich die Bilder vom Hirnstamm an aufwärts in der Horizontalebene; erst grob und assoziativ, dann immer feiner und genauer baute sich Schicht für Schicht das Desaster auf. Schon im Äquadukt und dann im beginnenden vierten Ventrikel war es unerlaubt hell, dann kamen der dritte und die Hörner der Seitenventrikel, jeweils mit Blut gefüllt, jene Flüssigkeit, die dort einfach nicht hingehört. Die Hauptquelle dieser Gehirnblutung aber lag im linken Thalamus, in jener Gehirnregion, in der die Forschung eine wesentliche Umschaltstelle für das gesamte Organ sieht. Neben der Verarbeitung der eintreffenden Reize und der Projektion auf die Großhirnrinde sind hier wesentliche Kerngebiete untergebracht, die das autonome Leben steuern müssen, wie Urinproduktion, Blutdruck; ja auch so etwas banales wie das Aufwachen nach dem Schlaf erfordert eine Durchschaltung durch den Thalamus. Die Symptome des Patienten waren somit hinreichend geklärt: Blutdruckspitzen, Polyurie also die ausgeprägte Urinproduktion, das Koma. Das Zerstören des Thalamus ist gewissermaßen ein strategischer Hirninfarkt, eine relativ kleine Läsion, deren Auswirkung ungeheuerlich ist. Der Patient wird dann nicht mehr wach, bleibt im Schlaftod gefangen. Und genau das war ja geschehen.
Aufgrund schlechter verspäteter Diagnostik, verspäteter Objektivierung, weil diese den Überzeugungen, die man vom Geschehen gehabt hatte, untergeordnet worden war. Paselkes Kollegen nahmen korrekterweise einen Substanzmittelabusus an, verzichteten aber in falscher Schlußfolgerung dann auf das Objektivieren der beobachteten Symptome. Paselke nun bestritt fälschlicherweise den Abusus, zog deswegen falsche Schlüsse und verzichtete aus einer gänzlich anderen, eigentlich freundlicheren Grundannahme heraus ebenfalls auf eine Objektivierung. Und so dachte er dann, das Desaster der schweren Blutung mit den ausgeprägten Hirndruckzeichen vor Augen, wie es zu dieser Fehleinschätzung gekommen ist: Wie er sich vom Patienten keine Geschichte erzählen lassen wollte, sondern selbst eine erzählt hatte. Was immer ein medizinischer Kardinalfehler ist. Der Patient ist der Geschichtenerzähler, der Arzt lediglich der Chronist. Nur dann kann die ärztliche Kunst gelingen. Erzählt man als Arzt Diagnosen, statt sie sich erzählen zu lassen, können weder Diagnosen noch Geschichten gelingen…

Aber das war nun egal, das war Luxusintellektualität, die niemanden satt machte und niemanden interessierte: Zu spät, zu spät war es!

Der Tod lag bereits mit im Bett. Das Blut wühlte sich in das Gehirn hinein und zerquetschte alle Zukunft, die noch hätte sein können.

Paselke verlegte den Patienten als letzte Verzweiflungstat in eine Neurochirurgie aber es war hoffnungslos. Und dann fiel Paselke – während er dem armen Patienten beim Abtransport, bei der letzten Flucht zuschaute – Karl Martel ein, der Hammer, der in der Legende so hart zuschlagen konnte; und die dröhnende Bildung im Generalbass, wie er von der Rettung des Abendlands brummte; und die drei polytoxikomanen Weisen aus dem Morgenland mit ihren so wohlriechenden, betörenden Stoffen, die sie dem spirituellen Abendlandsgründer zur volatilen Erbauung brachten und ihm fielen die CT-Bilder des durch das eigene Blut von innen zerquetschten Gehirns ein, das nie wieder eine Geschichte erzählen wird, keinen Abend sehen wird und keinen Morgen.

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