Hosianna crucifige

Karl Ove Knausgård zu kritisieren könnte eine Nichteinladung zur großen Betriebsparty bedeuten und diesem Risiko setzt sich niemand gerne aus, zumal nicht in einer Branche, in der es auf Präsenz und Performance wie sonst kaum ankommt. Also lobt man oder simuliert Lob, was die Sprache hergibt. Weiß man gar überhaupt nicht mehr weiter, wird die Humanmedizin bemüht. Von einer Infektion ist dann die Rede („vom Knausgård-Virus infiziert“). Was den Infizierten offenbar entgangen ist: Gegen eine Infektion – ist sie erst ein Mal gesetzt – kann man halt nichts machen, man kann sie nur überstehen. Der „Kampf“ gegen eine Infektion besteht darin, sie anzunehmen, man muß gewissermaßen alle Phasen der Erkrankung durchwandern. Hinterher wird die lebenslange Immunität stehen. Ob das die geheime Hoffnung der Knausgård-Infizierten ist? Möglich. Aber nicht entscheidend. Es gibt übrigens auch natürliche Immunitäten, weiterhin ein Phänomen, das man „stille Feiung“ nennt. Das bezeichnet das immunologische Auseinandersetzen mit dem infektiösen Agens, ohne dass man selbst erkrankt. Nun ja, das nur so nebenher.

Etwas anderes kommt mir im Angesicht des Hypes in den Sinn, ein Gedanke, der jenseits von Knausgård für alle Überwertungen steht; gewissermaßen eine anthropologische Konstante, die schon in der Bibel eine große Rolle spielte. Ich meine die Schwankheit des menschlichen Herzens. Was passiert, wenn das Fieber vorbei ist, wenn der kritische Geist, den das Virus – das gehört nämlich zur Infektion! – ausgeschaltet hat, sich wieder meldet? Steht dann der Genesene beschämt ob der Schönheit des Rausches und der Hässlichkeit des Katers neben seinem Scherbenhaufen und wundert sich über seine Verführbarkeit?
Alle menschliche Erfahrungen lassen vermuten, dass sich dann die Autoaggressionen gegen den vermeintlichen Verursacher des Rausches wenden werden: Nicht die eigene Disposition – nein – der olle Knausgård war Schuld am Fieber. Aus dem Hosiana ist ein Crucifige geworden, das literaturkritische Sensen Karl Ove Knausgårds dann nur noch eine Frage der Zeit. Unter Brüdern: Ich bin nicht mit jeder Zeile Knausgårds einverstanden (und habe noch lange nicht jede gelesen!), aber DAS hat er nicht verdient. Das hat überhaupt kein Schriftsteller verdient! Nur ist es eben die fast unvermeidbare Folge der derzeitig zu beobachtenden, proto-religiösen Verehrung. Und genau darüber sollten die Choralsänger der Kritik vielleicht ein Mal nachdenken.

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3 Gedanken zu „Hosianna crucifige

  1. Er wird nicht gekreuzigt, die Gemeinde ist zu gläubig, und gerne zitiere ich den geschätzten Wolfgang Pohrt: „Damals wie heute: wo die Leute angeblich glauben, ungekünstelt zu sein, sind sie in Wahrheit kunstlose Synthetik, schlechte Fabrikate der Kulturindustrie.“

    Dies ist der Grund, weshalb die Leute Knausgård schätzen: da wo nichts ist und leergelaufene Subjektivität sich im Spiegelkabinett verfängt, wird im vermeintlich poetischen Ringen um den Ausdruck heiße Luft geblasen. Die Popcornmaschine läuft. So entsteht ein Substrat, das irgendwie haltbar geglaubt und für gut befunden wird, weil es etwas mit Ich zu schaffen hat. Denn wer ständig „ich“ postuliert, Wahrhaftiges bemüht und authentisch um Ausdruck und Eigentliches ringt (die abgefickte Sprache des Heideggerjargons taucht im Grunde hier als Rebirthing wieder auf), wird kaum lügen. Allerdings, und dies gilt dann auch im ästhetischen Zusammenhang, was Adorno noch gesellschaftlich verstanden wissen wollte: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Mit René Pollesch geht mein Diktum: Wenn ich das Wort Authentizität höre, entsichere ich meinen Revolver.

    Aus meiner Rubrik: 1001 Zeichen Haß

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    • Ja, die Pappmachee-Authentizität. Die (Kalauer unvermeidlich) Au…Au…Au…äh, wie hieß das noch. Es war dies nach meiner Erinnerung gleichsam die schlechte, falsche Seite der Postmoderne, wobei ich dieses Mal unter „Posmoderne“ das kulturelle Grundrauschen zu Beginn der 90er verstehe, denn (wem sag ichs?) Insistieren auf Authentizität, also das „Wahre“, was immer das sei, ist ja gerade anti-postmodern.

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