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Die digitale Grätsche

Warum man auf facebook nicht diskutieren kann

Neulich im Fratzenbuch: Ein von mir hoch geschätzter, sprachlich pointierter Intellektueller teilt in einem post mit, wie er trotz vordergründig nicht vorhandener Bedeutung eine Tagebuchpuplikation schätzt. Und wie ihn das Abverlangen einer solchen allgemeineren Bedeutung in einer Buchkritik geärgert hatte. Ungemein sympathisch.
Ich meldete mich darauf hin mit der Bemerkung, dass es mir bei Thomas Manns Tagebüchern genauso gegangen sei: Sie waren für mich ohne jeden Bedeutungsanspruch äußerst lesbar gewesen. Worauf der Account-Inhaber anmerkte, dass ihn das bei Thomas Mann nicht passiert sei, es könne aber an einer persönlichen Aversion gegen den Autor selbst liegen.
So weit, so gut und ohne Beanstandung.
Dann aber kam es zu einem fast schon erwarteten Phänomen aus dem Off des www: Die digitale Grätsche! Irgendein Stumpfkopf fand es nun wichtig, allen kund zu tun, dass ihn T. Mann auch nerve und v.a. neben den Tagebüchern auch dessen Bücher. Wieso eigentlich das? War doch gar nicht Thema! Es ging um Tagebücher und die aufgestellte Behauptung, sie müssten irgend eine „höhere“ Bedeutung haben, irgend etwas Allgemeines, um interessant zu sein. Da war Mann nur ein Beispiel. Egal! Das nahm dieser Zwischengrätscher nun zum Anlass seine Meinung zu Mann an sich los zu werden. Und erhielt natürlich die likes von denjenigen, die auch von Mann genervt sind und um die es ihm ja auch nur ging. Fishing for clicks/mit allen Tricks.

Die Qualität der Begründung hielt sich dabei in enge Grenzen: Mann nervt, weil Mann nervt. Und das vor allem, weil er nervt. Redundante Tautologie! Mehr kam da auch auf Nachfrage nicht. Und solche redundante Tautologie lässt bei so manchen den Finger am like-button zucken. Hauptsache: Thomas Mann nervt! like.
Der Account-Inhaber sah das – wenn man genau nachliest – auch so wie ich, gab an, dass es sich lediglich um eine persönliche Ideosynkrasie handle und nicht um eine allgemeine Aussage. Verständlich, denn ein: „Ein Text/Autor nervt“ ist natürlich kein Ausdruck irgend eines kritischen Urteils. So konnte ich die „Diskussion“ gerade noch in den Hafen lenken, in dem ein Geschmacksurteil nicht apodiktisch formuliert werden darf. Na, Gott sei Dank!
Übrig bleibt für mich verschwendete Zeit. Übrig bleibt das „Ergebnis“ der „Diskussion“ auf facebook, das so oder so ähnlich täglich tausendfach dokumentiert sein dürfte. Das „Ergebnis“ dieser so fix ausgeübten digitalen Grätsche kann man nämlich so zusammen fassen:

1. Apodiktische Geschmacksurteile sind verboten! Geschmacksurteile bleiben notwendigerweise im Subjektiven hängen. (Det wusstick aba schon vorhea).

2. Wissen wir nun alle, was facebookuser Y von Thomas Mann hält, nämlich: Nichts. Er findet ihn nervig. Aha!

Gibt es irgend etwas, was weniger relevant wäre?
Und genau deswegen sind facebook-Diskussionen so unergiebig.

(P.S. Ich habe extra nicht verlinkt und zudem anonymisiert, um die demagogische Drehorgel nicht in Schwung zu halten.

P.P.S. Spricht eigentlich für Thomas Mann, wenn er immer noch zu so heftigen Reaktionen Anlass gibt.

P.P.P.S. Für mich haben sich Diskussionen auf dem Fratzenbuch erledigt. Die Verrücktheiten der digitalen Kommunikation veranlassen mich, über Kommunikation an sich erneut nachzudenken. Leseempfehlungen nehme ich sehr gerne entgegen. Freilich bin ich bis zum Donnerstag, den 29.10.2015, im Urlaub. Digitale Grätschen werden erst dann wieder beantwortet.)

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2 Gedanken zu „83

  1. So ist es. Facebook ist keine Diskussionsmedium. Leider ist es in vielen Blogs ebenfalls nicht anders: Nicht Argumente, sondern Befindlichkeiten bilden das Kriterium zur Auswahl dessen, was beliebt und geliket wird.

    Was dieser Y schrieb, ist so hundsdumm, daß es eigentlich schon wieder komisch ist. Es scheint ein Recht auf Dummheit zu geben. Solche Äußerungen zeigen aber in den ästhetischen Belangen zugleich die Tücken sowie die Grenzen der Demokratie. Ich stehe in diesen Bezügen auf der Seite Nietzsches: Ausschluß der Minderleister und der Billiginterpreten.

    Einzige Variante, die für solche Vollpfosten übrigbleibt: sie mit Polemik zu erledigen. Aber es ist dies andererseits Zeitverschwendung und der Anlaß ist zu gering, denn sie erledigen sich selber.

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    • Schnell eine Antwort aus dem Urlaub ( und gegen die Offline-Regel). Manche sagten mir, mein Beispiel sei doch lächerlich, peanuts gewissermaßen. Stimmt, es ist fast kleinlich. Aber ich wählte es, weil es fast archetypisch ist für die fehlgehende Kommuniktion im Netz.
      ADHS-artig, also wie ein Kind mit Impulskontrollverlust, wird auf ein Stichwort hin in die Threads gegrätscht und damit das eigentliche Thema kaputt gemacht. Ohne echten Bedarf an solchen Meinungen. Zugleich wurde rein befindlich argumentiert. Ein Befindlichkeitsrocker am Werk!
      Macht in der Summe eben ein kaputtgegrätschtes Thema. Wie gesagt das Phänomen nicht der eigentliche Anlass war erwähnenswert.
      Nächstes Post nächste Woche. Titel: Heimfahrt aus Frankfurt. Ich traf nämlich im Zug den stellvertretenden Vorsitzenden der AfD und unterhielt mich mit ihm. Sehr aufschlußreich. Und alles andere als peanuts. Jungejunge, da kommt einiges auf uns zu. Das ist das Denken Lanz von Liebenfals, das ist reinster Biologismus. Und diese unglaubliche Härte und zugleich die Intelligenz kontrastierte mit der Frankfurter Belanglosigkeit. Also bis nächste Woche…

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