Die Kunst ist tot

1

Rede des toten Goethe vom Pantheon herab, dass keine Kunst mehr sei:

Die Kunst ist tot
Mein Herz ist leicht!
Hab Ruh, hab Ruhm
bin satt – es reicht

2

Der Vorsitzende des Verbandes der deutschen Werbeschaffenden, wies in seiner programmatischen Grundsatzrede zum Tagungsabschluß noch ein Mal auf die überragende Bedeutung des Dadaismus für die Werbeindustrie hin. Er sei der „Meister, der uns alle schuf“, so Hausmann. Kritischen Nachfragen, die von einer Kommodifizierung der Kunst sprachen, entgegnete er: „Legen Sie ihr Geld in Werbung an, geworben wird immer!“
„Die Kunst wird werben oder sterben!“ schloß Hausmann unter großem Beifall.
Zuvor war der Vizepräsident Hugo Ball unter Protest aus dem Verband ausgetreten. Er vermisse in letzter Zeit das „Geistige“, das „Transzendente“. Weiterhin sprach er noch, ohne dass Hausmanns Name explizit fiel, vom Vatermord, den er nicht mitgehen könne. Er wolle ein spirituell geprägte Werbung etablieren, so Ball auf Nachfrage. Mit einigen Getreuen soll ein Konkurrenzverband gegründet werden, dessen genaue Zielrichtung derzeit nur erahnt werden kann.

3

„Lemurenkunst“ (Heiner Müller)

Reste der Kunst wandeln den Styx entlang, auf der Suche nach etwas Eßbarem. Jeder Stein wird umgedreht, wird gewälzt, meistens vergebens. Mit jedem Schritt werden diese Lemuren schwächer, die Schritte kürzer. Das Wasser des Flusses selbst ist verseucht,  ist tödlich in geringsten Mengen. Den Tod aber fürchten die Lemuren aus nahaliegenden Gründen nicht, sie wissen, dass man nicht zwei Mal sterben kann, auch wenn die Moderne längst vorbei und das Totenreich durch Drohnensperrfeuer von der Unendlichkeit befreit worden ist. Lemmurenkunst – das ist alles, was noch kommt.

4

Wieso soll die Kunst noch leben, wenn Gott tot ist, fragte das Kind, nachdem ich ihm von Nietzsche erzählt hatte. Beides kann man nicht sehen. Den Gott nicht – da kann man nur die Betenden und so sehen und auch die Kunst nicht – da kann man nur die Künstler und ihre Sachen sehen. Aber DEN Gott und DIE Kunst kann man nicht sehen und leben kann nur, was man auch sehen kann. So spricht das Kind und recht hat es (Aber was tot ist, hat mal gelebt wollte ich noch sagen, da bearbeitete das Kind längst schon wieder die PS4…..

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4 Gedanken zu „Die Kunst ist tot

  1. Kindermund tut, wenn auch in anderer Weise als es sich der krude lebensweltliche Empirismus vorstellen mag, Wahrheit kund und bindet die Kunst (als großes Singular) wieder an ihren spalthaften „Ursprung“: das Göttliche. Das, was ohne Namen auskommt oder aber wofür Namen nur als Platzhalter für ein Prinzip stehen. Ein Numinoses. Apollon und Dionysos als Namen für eine Bewegungspur. Der Schrecken des Pan in der flirrenden Hitze, in gleißender Mittagssonne. Spalthaft auch als Moment des Weiblichen. (In der Diktion Nietzsches wissen wir, daß die Wahrheit ein Weib ist, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen. DIE Kunst als Wahrheitsgeschehen, und gerade in ihrem abstrakten Singular ein Nichtsichtbares, aber eben doch Sagbares. Ein Entzugsphänomen.)

    Die „dreifache Verwandlung des Geistes“ zum spielenden Kind findet im postelektronischen Zeitalter im Zeichen vor PC4 und in genialer Lakonie statt. Soviel zu den Prozessen der Demokratisierung, die dem Denker der Elitenzucht fremd gewesen waren. Spielen ist Aufbauen und Zerstören, und so sah Nietzsche in seinem Tragödientext die Griechen als ewige Kinder. Kinder sind eigenwillige und kluge Kritiker. DIE Kunst – nein die gibt es nicht. Celan hätte diesem Kind von seiner Meridian-Rede her und von der Dichtung als Atemwende vermutlich zugestimmt.

    Das Kind als geschichtsphilosophisches Symbol – wir finden diese Reflexionsfigur bei Novalis in seinem Gedicht „An Tieck“. Nur daß im Heute der spätkapitalistischen Endphase als Dauerphase keine Zukunft mehr verheißend glänzt und vom tausendjährigen Reich, das das Gedicht in seiner zweiten Fassung nennt, träumt heuer keiner. Geschichte dehnt sich, dehnte sich immer schon. Doch dieser Vorgang bedeutet keineswegs ein „posthistorisches Zeitalter“ – dies ist schlichter Unfug. Allerdings: Das Reich des ewigen Friedens, wie es das Gedicht besingt, wäre die kalte Stillstellung der Dinge wie der Welt: Der Tod mithin, wie ihn Beckett im „Endspiel“ nennt: eine Welt, in der alles an seinem Platz sich befände.

    Kunst macht weiter. Aber in anderer Weise als wir es in unseren Träumen wähnten. Vertragen sich Kunst und Demokratie?

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  2. Dem „träumt heuer keiner“ muß ich ein „der noch bei Sinnen und im Denken ist“ hinzufügen, denn ich fürchte, dieser Traum ist in gewissen Kreisen lange nicht ausgeträumt. Freilich war das von Novalis mit diesem Begriff Gemeinte inhaltlich ein anderes als das, was dann die Faschisten daraus modelten, ohne freilich durchzukommen.

    [Hat Marilyn Monroe schon gesungen? 😉 Na ja, Präsident biste ja noch nicht, nicht einmal der der Ärztekammer.]

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    • „Ich glaube nicht an die Kunst, aber an die Künstler“ Marcel Duchamp

      So in etwa würde ich es sehen. DIE Kunst interessiert mich auch nicht so sehr, aber die Werke der Künstler, also deren Reaktionen auf die Zumutungen des Geborenseins, sehr. Und die Künstler wird es immer geben.
      Die Kunst war ja früher Gespräch mit Gott. Merkwürdig: Als jener Pastorensohn aus Röcken Gott zum toten Mann machte, glaubten doch in der Tat einige daran, dass das Gespräch mit einem Toten weiter lebt. Vielleicht ist es ja auch so…

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  3. Pingback: ENDE | summacumlaude

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