Die Kunst ist tot 2 – es leben die Künstler

„Ich glaube nicht an die Kunst, aber an die Künstler“ (Marcel Duchamp)

Der Maler aus dem Oderbruch

Ich möchte einen Künstler vorstellen, dessen Herkunft aus dem Bruch, dem Moor mehrdeutig verstanden sein will. Zum einen kommt Uwe Behrens ganz konkret-biographisch aus dem Oderbruch, zum anderen kommt seine Kunst aus dem nebeligen Moor der Romantik, jenem abgründig-lebensgefährlichen Untergrund, aus dem Todessehnsucht und Melancholia gewissermaßen abiologisch-volatil austreten. Ja, man atmet die Romantik, diese Mooresausdünstung ungefragt in sich hinein. Trifft diese morbide Luft dann auf einen kräftigen Resonanzkörper, so wird dieser abgründig-blaue Dunst zu einem Katapult der immanenten Vorstellungen und Träume. Kurzum: Der romantische Raum, in dem Behrens aufwuchs wurde zum Wegbereiter dessen, was man im Allgemeinen das Werk nennt. Aber noch andere, jahrtausendalte Überlieferungen sind in ihm. Denn ohne dass er als gläubig zu sehen ist, hat doch der christliche Kulturfundus auch auf ihn gewirkt. Kenntlich wird dieser ebenfalls ungefragte Einfluß in seinen Bildern von „heiligen Röcken“, die er aus den abgetragenen Kleidungstücken seiner Kinder zusammen fügt und die er auf Leinwände in Kreuzform zu großen Tafelbildern gestaltet. Tafelbilder, die man – ohne dass das seine Intention gewesen wäre – sich gut als Zentrum eines Kirchenaltares vorstellen kann.

https://summacumlaudeblog.files.wordpress.com/2015/11/uwe1.jpg?w=450

 

So könnte man schließen – und läge völlig falsch. Denn das Bruch selbst, der romantische Wegbereiter ist nicht wie man denken könnte eine Naturerscheinung, ein ewig-göttlicher Landstrich, der zu ewig-göttlichen, christlich zergrübelten Fragen Anlass gibt. Sondern es ist prosaisches Menschenwerk wie die gesamte Romantik – und wie der christliche Glaube? – eben auch. Und damit ist das Bruch auch DER Bruch zwischen Mensch und Natur.
Denn das Moor ist trocken gelegt schon seit 200 Jahren. Dieses der Natur abgetrotzte Land muß immer wieder gegen die Natur verteidigt werden. Ist das nicht die viel treffendere Metapher? Zurück zur alten Einheit zum Einssein mit der Natur – geht dieser Weg, wenn er denn sein muß, nicht nur durch die Kultur, durch die Unendlichkeit hindurch ganz so wie im Kleistschen Marionettentheater? Und wie soll dieser Weg laufen? Gar einfach zurück?
Nein, das wird nicht geschehen können und das ist auch nicht Uwe Behrens Weg. Ein Weg zurück zur unschuldigen Grazie – meint das Gott? – ist die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach der vorgeblichen Einheit im Ideellen, eine Sehnsucht nach der vorgeblichen Geborgenheit im alten Reich. Die Wurzeln dieser Sehnsucht liegen in der Tat im romantischen Zeitalter. Aber sie war damals schon nicht real, realisierbar, realistisch. Die Darstellung des reinen Naturraums zeigt diese Sehnsucht, der Raum selbst ist: Unerreichbar. Er wäre auch vermint und dazu endlagerverseucht.

Ja, man muss sogar sagen, die Darstellung des reinen Naturraumes ist – Kultur und nichts anderes. Daher die Unerfüllbarkeit der ewigen, romantischen Sehnsucht nach Reinheit und Einssein mit der Welt im Sinne einer Rückwärtsbewegung. Die romantisch-utopische Richtung konnte nur nach vorne gehen und weiß zugleich um die Schwierigkeit, um die eigentliche Unmöglichkeit des Weges. Von dieser Sehnsucht und deren Unerfüllbarkeit spricht Uwe Behrens Werk. Nur durch die Unendlichkeit hindurch ist der Gral zu schauen.
Hiermit könnte man schließen – und läge noch immer halb falsch. Denn es fehlt die Geschichtserfahrung des 20 Jhd.. Die Gralssuche wurde spätestens im 20 Jhd. politisch. Das ist dem Gral nicht gut bekommen. Aus dem Gral wurde eine Granate. Überdies war Gott auf dem philosophischen Schafott gelandet. Die Romantik im Eimer, der christliche Gott auf dem Schafott! Und nun?

books of eternity(set aflame)

 

Vielleicht ist nur noch diese richtungslose Wegstrecke zu einem selbst und zu den eigenen Träumen offen, nicht zurück zu einer gefügten Vergangenheit, die es so nur in einer rückwärtsgewandten Vorstellung aber nicht realiter gegeben hat; aber eben auch nicht mehr nach vorne in eine ebenfalls lediglich behauptete konzeptionelle Überlegenheit.

Im Bild des Marionettentheaters geblieben: Die Wirklichkeit ist der Bär, der jeden Hieb abwehrt, jede Finte erkennt ehe sie nur vom Künstler gedacht, also bleibt dem Künstler nur das freie Assoziieren, das Handeln mit dem Körper. Der Künstler muß nicht über das Bewußtsein zur Natur kommen, weder vor noch zurück laufen, sondern selbst Natur sein. Oder anders und besser: Wenn man nur über die Unendlichkeit zur ursprünglichen Grazie kommen kann – und genau das schreibt ja Kleist – dann ist es eben die Unendlichkeit der eigenen Träume und das ewige Albdrücken.

 

Nochmals: Und nun? Was machen Kleists Marionetten, wenn der Weg zurück zur Natur unwegbar, aber der utopische Weg nach vorne mit Granaten belegt ist? Wenn Sperrfeuer der Utopie immer ein Schritt voraus ist? Wohin dann mit der Sehnsucht? Zurück zu einem selbst?

Schnell bei dem, was man in der humanen Leitwissenschaft Mitte des letzten Jahrhunderts, der Psychoanalyse, das freie Assoziieren nannt. Genau nach dieser Methode malte, tropfte, schabte, schwappte und tanzte Jackson Pollock seine Bilder, ganz vor der Spekulation, der Reflexion, dem vorgeschalteten Begründen. Heute würde man möglicherweise nicht mehr freies Assoziieren, freie Expression sagen, sondern Meditation, so wie man in früheren Jahrhunderten Einkehr und Gebet sagte, Gespräch mit Gott….

…nun ja, jedenfalls kann eine Kunst, die heute noch sein will, nicht in den Wettstreit mit mit den Erkenntnismaschinen Physik, Biologie, Medizin oder Psychologie treten und versuchen, noch „genauer“ zu sagen, was das Lebewesen auf Tellus so ausmacht, was ihn antreibt. Vielleicht ist diese Richtung die einzig utopische, die uns geblieben ist: Eben nicht mehr nach vorne, keinem fragwürdigen Fortschritt verpflichtet, sondern nur noch dem Ausdruck und der Einzigartigkeit der Kunst, einzigartige und einzigzeitige, also unwiederholbare und nicht technisch reproduzierbare Kunst. Heiner Müller hat einstmals – aber das ist schon lange her – über das Theater der Pina Bausch gesagt, es sei Theater ohne Plastiktüten. Genau das ist Uwe Behrens Weg: Eine Kunst ohne Plastiktüten, ohne selbsreferentielle Begründung. Deswegen Behrens Materialiensammlung auf den Bildern, seine in bierlangen Nächten gesammelte Asche, die der Zufall auf die Leinwand wirft.

Und wer weiß, vielleicht treibt es den Uwe Behrens nach dem Tafelbild doch noch zur Aktionskunst, zum action-dripping. Dann aber in jedem Fall im Oderbruch.

Wenn die Kunst auch sicherlich tot ist, so leben doch sicherlich noch die Künstler. Und sie müssen auch leben, denn sonst wären sie ja tot.

 

Von Uwe Behrens Lebendigkeit kann man sich am 27.11.2015 bei der vernissage in den Räumen der Gemeinschaftskanzlei dka überzeugen, Immanuelkirchstr. 3-4 ab 19:00. Wer kommt wird satt und erhält zu trinken…

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3 Gedanken zu „Die Kunst ist tot 2 – es leben die Künstler

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