Der letzte Geschenktip vor dem „Gutschein“

Martin Amanshausers „Der Fisch in der Streichholzschachtel“ – teuflische Späße und die Transformation eines Unterhaltungsromans in große Kunst

 

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Wollen Sie eine Kreuzfahrt erleben? Ja? Hier ist das günstigste und zugleich qualitativ beste Angebot. Begleiten Sie einfach Fred zwischen zwei Buchdeckeln bei seiner karibischen Kreuzfahrt auf Pump, die er – das Erbe seiner Frau Tamara als Darlehen gebrauchend – eben dieser zum Vierzigsten geschenkt hat. Ein schönes Geschenk, dessen Kosten man sich vom Göttergatten ratenweise wiederholen muß. Zugleich hat zuvor Fred unabgesprochen einem weiteren Familienzuwachs vorgesorgt, indem er sich die Samenstränge operativ kappen ließ. Und nun zwickt die Vasektomiewunde gar fürchterlich und muß der um den Samen betrogenen Ehefrau verheimlicht werden. Damit nicht genug: Amanshauser lässt natürlich die alte Liebe auftreten, die bis dato kinderlose Amelie. Und schon wieder zwickt Freds Schritt, jede Erektion gerät zur peinlichen Befragung da kennt Amanshauser einfach keine Gnade. Dass daneben der sich entwickelnde Nerd, Sohn Tom, und die kopfhörernarkotisierte Gruftitochter das Geburtstagsgeschenk zum Höllentrip werden lassen, versteht sich von selbst. Erst recht wenn Amanshauser diesem ganz normalen Wahnsinn ein unheimlich gut funktionierendes Kontrastprogramm zur Seite stellt: Eine Zweikind-Familie aus Holland mit frühgeförderten, synapsengebuildeten Kindern, die ihr Schnitzel gemäß mütterlicher „Empfehlung“ in mundgerechte Vierecke schneiden müssen. „Treu bis zur Lächerlichkeit“ und ständig „unproduktive Gedanken“ wälzend, so ist unser Held wider Willen, der im bürgerlichen Leben Alarmanlagen verkauft. „Alarm Fred“ heißt seine Firma und der Name ist Programm, denn sein Leben mit Kindern am Rand der Vorzeigbarkeit und mit einer zu verheimlichenden Operation alarmiert mehrmals am Tag. Das kann nicht gut gehen. Das geht nicht gut. Und das ist ein Plot, der viele Turbulenzen verspricht.

Bis dato ist alles witzig und orginell, langweilen kann sich nur der, der diesen ganz normalen Wahnsinn nicht schon persönlich bestätigt bekommen hat. Bis hierhin kann man den Roman als Blaupause für ein Mittwochsfilm im gehobenen Anspruchssegment sehen….

Aber nun treten andere zwischen die Beziehungen. Piraten aus der Vergangenheit! Der gefakte Karibiktrip droht authentisch zu werden, denn nach einem Sturm haben sich Zeitzonen überlagert und das – übrigens schwer havarierte – Kreuzfahrtschiff „Atlantis“ trifft echte Piraten aus dem Jahr 1730 auf ihrer ebenfalls sturmgebeutelten „fin del mundo“ (sic!). Das „Ende der Welt“ wird von der eventversessenen Spaßgesellschaft natürlich als Teil des bescheuerten Spaßaktiv-Programms mißdeutet….

Es sei vorweg verraten: Mit diesem dramaturgischen Kniff, zwei Zeiten aufeinander zu hetzen, wendet sich dieser Roman ins Große, in überragende Kunst.

 

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Die Einzige, die die Piraten als real erkennt, ist die medial verseuchte und somit angeblich urteilsunfähige Malvi, Freds Gruftitochter. Und als die Piraten einschließlich eines liebreizenden Jünglings an Bord des Kreuzfahrtschiffes kommen, schießen die Hormone ins Kraut und Malvi in den Wind. Sie entkommt auf das Piratenschiff, freiwillig. Was natürlich alle als (gefakte) Entführung verstehen. Für Fred ist es die Chance, endlich seine Tochter, die ihm längst abhanden gekommen ist, zurück zu gewinnen. Denn den Verstand hat nicht die Welt verloren sondern er. Where is my mind? der Pixies-Klassiker ist das geheime Leitmotiv dieses furiosen Spaßes und beim Schwimmen durch die Karibik erfährt der ehemalige Landesmeister endlich wieder sich selbst. Was soll das Hadern mit dem Offlinemodus des havarierten Schiffs nach dem Sturm und dem daraus resultiuerenden Geschäftsverlust. My mind ist nicht eine Alarmanlage, ist kein Auftrag. Where is my mind? fragt Fred aber er könnte auch Where is my daughter? fragen.Oder: In welcher Zeit lebe ich, in welcher meine Tochter?

Man kann diesen Roman nämlich auch als einen Roman über das schwierige Eltern-Kind-Verhältnis im digitalen Zeitalter lesen. Mißverständnisse aller Orten bis die Tochter in die Vergangenheit verschwindet wie Virginia in Wildes „Canterville“. Aus der Kreuzfahrt ist beinahe unbemerkt ein existenzieller Trip geworden. Und aus einem gehobenen Unterhaltungsroman große Literatur. En passant, by the way, nebenbei so wie es nur große Literatur schafft. Wilde, Poe, ETA Hoffmann, das sind wie beinahe zufällig die Ahnen dieses erstaunlichen Werks.

Es gibt noch mehr in diesem Roman, viel mehr. Der Chronist der Piraten, ein schreibkundiger Kartograph, ist die zweite Erzählebene und in seinem sich ständig über den „Turm“ (so nennen die Piraten das Kreuzfahrtschiff) und dessen merkwürdiges Leben wundernden Bericht vereinigt Amanshauser nebenher vorgetragene Kulturkritik mit unglaublicher Komik. Diese Passagen gehören zu den Besten.

Wie die Reederei mit einer Havarie umgeht ist noch ein Nebenthema des Romans. Und Geburten spielen eine Rolle. Da wird die Piratin Anne Boney noch einmal Mutter und die ehemalige Hebamme Tamara muß längst vergessene Fähigkeiten abrufen. Auch ein Geburtsablauf ist aber 1730 nicht absolut deckungsgleich mit dem der Jetztzeit. Und… Schluß, nichts weiter.

Viel wäre noch zu sagen, ich höre aber auf. Den Schluß und das Schicksal des Turms verrate ich nicht. Nur soviel: ICH bin gut von dieser Kreuzfahrt nach Hause gekommen. Und an Stelle eines ohnehin nie umgesetzten Gutscheins für irgendwas empfehle ich Martin Amanshausers „Der Fisch in der Streichholzschachtel“ als Weihnachtsgeschenk. DAS Buch für alle, die mit ihren digital natives genauso gut und schlecht zu Potte kommen wie Alarm-Fred.

Epilog

Im Zug sitzend las ich selbstvergessen den Roman und erlebte erstmals seit längerem wieder ein Eintauchen in einen Text, der einem eine neue Welt eröffnet, indem er die reale wegsperrt. Ohne dass ich es registrierte, lachte ich mehrmals laut auf. Neben mir saß mein Sohn mit Kopfhörern wie sie auch Malvi trägt. Als man meinen Sohn hinterher fragte, wie die Zugfahrt mit Papa gewesen war, antwortete er: „Voll peinlich. Er hat das blaue Buch in der Hand gehabt und dann mehrfach einfach losgelacht. Alle haben geguckt!“

Soso.

Martin Amanshauser – „Der Fisch in der Streichholzschachtel“

Deuticke/Wien – ISBN 979-3-552-06292-4

21,90 euro

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