Über ein Buch, das ich noch nicht gelesen habe

 

Einleitung

Erstmals werde ich einen Text über ein Buch verfassen, von dessen Existenz ich zwar weiß und das zu lesen ich mir fest vornehme, das ich aber bis dato noch nicht gelesen habe. Ich extrapoliere aus Besprechungen und Veranstaltungsankündigungen den vermeintlichen Inhalt des Buches und werde dann mit der Lesung die Erwartungen mit den Tatsachen schwarz auf weiß und rot auf rot abgleichen.
Es handelt sich um die bei Matthes und Seitz erschienene Streitschrift „Die Opferfalle“ von Daniele Giglioli.

Die Opferbehauptung als moralisches Judo

Das Thema interessiert mich, ja steht in meinem Denken ziemlich zentral und man wird sehen, dass auch (?) ich durchaus die Problematik der Opferrolle sehe, der tatsächlichen, vor allem aber der vermeintlichen. Denn mit dieser Rolle kann, wenn sie gekonnt gespielt wird, eine ziemlich scharfe, moralische Waffe entstehen. Umgehend labelt man nämlich den Anderen zunächst zu einem Nicht-Opfer und sodann zu einem Quasitäter, auch wenn eigentlich der so Angesprochene lediglich unbeteiligt ist an den Vorgängen, die die Opferrolle erst schufen, also unbeteiligt an der Tat.
Aber das Unbeteiligte wird von jemandem, der sich als Opfer fühlt, niemals akzeptiert werden. Schuldig durch Verschweigen, schuldig durch Wegschauen ist dann das Urteil. Unbeteiligt ist angeblich niemand, dieses Spiel kennt nur Opfer oder Schuldige. Und damit sind wir beim zweiten zentralen Begriff in dieser Diskussion angelangt: Der Schuld! Die liegt immer bei den Anderen, also bei allen, die nicht die Kennzeichen der Opfergemeinschaft in sich tragen.
Du hast Dich zu rechtfertigen alleine schon deswegen, weil du nicht das Opfermal in dir trägst. Ich Opfer, Du nicht, also Du Schuld! So simpelt der moralische Schwitzkasten. Wohlfeil wird so das Nichtopfer, vielleicht auch nur der Überlebende außerhalb jeglicher menschlicher Zusammenhänge gestellt. Mag das subjektiv empfundene Opfersein auch seine objektive Entsprechung haben, so sollte sich dennoch jeder vor einer solchen allgemeinen Vorwürflichkeit hüten.

Die Opferdiskussion in historischen Zusammenhängen

Nun lässt sich der Opferbegriff ja historisch und auch aktuell politisch keineswegs leugnen. Natürlich gab und gibt es Opfer politischer Wahnvorstellungen und ein groß Teil der Lautstärke in diesen Diskussionen ist der Tatsache geschuldet, dass die böse Tat „blöde geleugnet“ wird, ist sie erst einmal von dem Rest der Welt verurteilt. Historisch bewußte Deutsche wissen nur zu gut, welcher Teil ihrer Geschichte da zum Beispiel gemeint sein könnte. Genau aber in der Betrachtung des deutschen Wahns zwischen 1933 und 1945, der sich natürlich vorher schon entwickelt hatte und dann ausbrach (also ätiologisch nicht auf die Jahre 1933-45 beschränkt werden kann), kann man sehr genau zeigen, dass nicht so sehr der Opferbegriff an sich zu kritisieren ist, sondern die Vertauschung der Ebenen, in denen er vorwürfliche Verwendung findet.
Die Ebene, in der er bis heute zweifellos seine Berechtigung hat, ist die historische und sozio-kulturelle. Das heutige Deutschland als Rechtsnachfolger des sog. Dritten Reichs lebt in seiner Gesamtheit after the fall, also nach dem Sündenfall. Wir sind gezeichnet von dieser historischen Sünde und sollten nicht immer wieder „Blöde die eigen Seele leugnen“. Das heißt selbstredend nicht, dass wir nolens volens in aller Ewigkeit IN the fall leben müssen. Jede Generation – jeder selbst ganz existenziell gesprochen – hat natürlich die Möglichkeit, dieser historischen Muster zu entsagen, ihrer zu fliehen. Aber die Muster als EINE Determinante unseres Wesens wäre anzuerkennen.
Nur ist man damit nicht gleich ein Täter, denn nun kommt die zweite, eben gerade schon ein wenig angedeutete Ebene mit ins Spiel: Die persönliche Ebene, die eigene Existenz! Sozio-kulturell sicherlich zunächst der Tätergruppe zuzuschlagen und durch die Muster dieser Gemeinschaft geprägt, ist es dennoch unstatthaft, jemanden alleine deshalb als Täter zu bezeichnen; ja allein aufgrund der Tatsache, dass er/sie ein Deutscher/eine Deutsche ist, irgendwelche Verhaltensweisen, Einstellungen, politische Solidarbekundungen oder ähnliches herbeizuzwängern. Herbeizuzwängern mit Hilfe des oben beschriebenen morlischen Schwitzkastens! Du als Deutscher MUSST jetzt gerade wegen deiner Geschichte für oder gegen irgendetwas sein. Wir sollten uns nichts vormachen: So wurde jahrzehntelang und wird noch immer in Deutschland „argumentiert“. Dass dabei „Argumente“ aus Absurdistan auftauchen, kann im Angesicht des Kategorienfehlers, im Angesicht der Ebenenvertauschung niemanden überraschen. Die existenzielle Ebene wird angesprochen – man selbst also – aber das Verhalten des Individuums wird anhand der historischen Ebene bewertet. Wenn sich z.B. jemand für oder gegen einen Militäreinsatz ausspricht – aus aktuellen, politischen Gesichtspunkten heraus, seien sie nun richtig oder falsch, so hat er nach Maßstäben des jeweiligen aktuellen Gegeners „nichts aus der Vergangenheit gelernt“, wird also historisch katalogisiert. Der aktuelle politische Gegener wird wegen einer „falschen“ Meinungsäußerung zum historischen Täter.
Gewissermaßen ein archetypisch zu nennendes Beispiel für eine Ebenenverwechselung.
Außerdem führt diese Ebenenverwechslung dazu, dass für konträre Positionen ein und dieselbe Vergangenheit Pate stehen muß, dass also ein militärisches Eingreifen wie auch ein pazifistisches Stillhalten jeweils mit den „Lehren aus der Vergangenheit“ „begründet“ wird. Aber noch ein weiterer Grund sollte zu Vorsicht mahnen. Dieser Grund ist nichts anderes als die persönliche Ebene, die eigene Geschichte selbst.

Die Täterunterstellung behauptet die Deckungsgleichheit der persönlichen mit der allgemeinen Geschichtsebene

Und genau diese Behauptung könnte nicht stimmen. Und wenn sie nicht stimmt, dann kann eine Unterstellung peinlich werden. Hierzu nur zwei durchaus nicht ausgedachte Beispiele, ein relativ banales und ein schlagendes. Zunächst das Banale:
Da wurde – schon länger her – einem jungen Mann eine Zustimmung zu einem Militäreinsatz mit Hilfe des moralischen Schwitzkastens („Du als Deutscher musst ja wohl einsehen, dass gegen Gewalt…“ usw.) abverlangt. Wenn er diese Zustimmung verweigert, hat er „nichts aus der Geschichte gelernt“, ist also eins mit seinen verworfenen Vorfahren, kurzum ein moralisches pig. Dieser junge Mann hatte aber ganz andere Beweggründe, den Einsatz abzulehnen, hielt ihn nicht für klug und verweigerte im damaligen Konflikt auch ein moralisch eindeutiges Urteil bezüglich der Konfliktparteien, konnte als nicht schwarz und weiß so einfach zuordnen, wie es flott schreibende Politkommentatoren vermochten. Egal! Der hat nichts gelernt, ist ein pig, ein Quasitäter, ein Rassist, fertig.
Nun hatte dieser Mann zeitgleich beruflichen Ärger und er hatte ihn, weil er sich für einen Flüchtling aus dem besagten Konfliktgebiet eingesetzt hatte, weil er sich gegen rassistische Entgleisungen seiner Kollegen gewendet hatte („mit Herrn P. kann man aus ethnischen Gründen nicht zusammen arbeiten“ sic!) – und er wurde dann auf Grund dieses Engagements nicht weiter beschäftigt, blieb ein Jahr arbeitslos usw.
Was denkt dieser junge Mann wohl, wenn man ihn persönlich, ihn, der doch einiges auf sich nahm, um gegen rassistisch motiviertes Mobbing anzugehen, plötzlich mit den deutschen, rassistischen, antisemitischen Verbrechen in eine Beziehung setzt? Wenn man ihm unterstellt, er habe die „Lehren aus der Vergangenheit“ nicht gezogen? Ihn im Täter-Opfer-Spiel quasi zum Täter labelt? How would you feel?
Soweit das Beispiel aus dem Alltag, „mitten im heitersten Frieden“. Das andere, härtere Beispiel ist höchst aktuell:
Angesichts des IS-Terrors kam es zu Forderungen an „die muslimische Welt“, sich gefälligst von diesem Terror loszusagen, ihn laut zu verdammen. Einen Aufstand der Anständigen wollte einige Journalisten herbeizwängern, mit der kaum verhüllten Konnotation, dass diejenigen Muslime, die diesen Aufstand verweigerten, sich mitschuldig (immer wieder dieses Adjektiv: Mitschuldig!) machten. Auch hier also wieder das Täter-Opfer-Spiel, der Verdacht der Täterschaft als „Argument“ im öffentlichen Raum.
Nun, da muß man wissen, dass quantitativ ein Großteil der durch den IS Getöteten – Muslime sind. Weit über 90%. Auch wenn die FAZ das nicht wahrhaben will, so ist es dennoch so. Nun spreche ich also gehemmt-aggressiv einen Muslim an und übermittel ihm diese Forderung – und ich habe ohne es zu wissen, jemanden vor mir, der einen Teil seiner Familie, seiner Freunde wegen des Is-Terrors verloren hat. Und der deswegen nach Europa geflohen ist.
Wie steht ein gedachtes Ich (also „ich“) da, das diesem Muslim unterschwellig die Täterrolle zuschob?
Aber ach, ich fürchte, dass die Spielleiter des Täter-Opfer-Spiels ziemlich schmerzfrei sind, dass sie trotz solcher überdeutlich falschen Rollenzuschreibungen nicht in einen cognitiven Konflikt geraten. Und weil das offenbar so ist, ist für mich auch fast schon der finale Beweis erbracht, um was es sich bei so vielen Täter-Opfer-Schwätzern handelt. Nämlich um Ideologen, die eine moralisch eindeutige Welt behaupten. In der sie natürlich auf Seiten der Opfer, mithin der Guten stehen.
Auf eine solche simple Weltbehauptung kann ich verzichten. Den integren Charakter in einer integren Welt gibt es weder in der Wirklichkeit, noch „in guten Stücken“ (Heiner Müller). Und im öffentlich ausgefochtenen Täter-Opfer-Spiel schon gar nicht.

Ende

Nein, es gibt Täter und Opfer, historisch und aktuell. Die Verwirrung aber kommt daher, dass im öffentlichen Sprechen ständig die Ebenen vertauscht werden.
Ja, es gibt historische Muster, die einen prägen. Aber der Einzelne hat immer die Möglichkeit, diesen Mustern – und sind sie noch so stark – zu entkommen. Es wäre gleichsam ein Entkommen aus dem Täter-Opfer-Spiel. Denn jeder hat das Recht, seine Geschichte zu erzählen. Ohne dass seine Geschichte schon seine Rolle zementiert. Und jeder hat das Recht, nicht mit zu spielen.

So, nun werde ich Gigliolis Buch lesen. Ich bin gespannt und werde mich melden.

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