Über Tilmann Lahmes Mann-Buch

Jemend wie er dürfe natürlich keine Kinder in die Welt setzen, so hat es Thomas Mann in seinem Tagebuch notiert. Da war es schon zu spät, die Kinder da und die Tragödie um die Kinder der „amazing family“, um seine Kinder war längst am Anrollen.

Und genau diese Tragödie schildert Tilmann Lahme in seinem Buch „Die Manns“, das nicht Thesen aufstellt und dann nach deren Belegen sucht, sondern das lediglich anhand neu gefundener, teilweise auch nur neu ausgewerteter Zeugnisse strikt chronologisch die Tragödie ablaufen lässt. Dieses Buch ist rückhaltlos zu empfehlen, eben weil es nicht vorwürflich daher kommt wie ein schlechter Arzt.
Warum haben Sie geraucht? Gibt es eine sinnlosere Frage?

Das Buch schildert das Rauchen und noch in den Folgen weitreichendere Stoffe. Und es schildert ohne Anklage, dass ein derart massiver Substanzmittelmißbrauch, wie ihn ein Großteil der Mannkinder betrieb, einfach auch teuer ist. Geld, das immer wieder erschnorrt werden mußte, Stoff, der aus allerlei Quellen kam, und schließlich unerfüllte Lieben sind die Konstanten in diesem Tragödien-Buch. Aber bedingen diese drei Konstanten sich nicht geradezu gegenseitig?

Weiterhin schildert Lahme die Folgen dieses Abusus fast wie in einem Lehrbuch der Suchtmedizin. Die Neigung zur Realitätsverleugnung z.B. in Form von unbegründeter Vorwürflichkeit anderen, etwa Adorno gegenüber. Bei Beschönigung der eigenen Familiengeschichte (Erika). Die enthemmte brutale Gewalt, die aus dem scheinbaren Nichts kommt (Michael) und die Depressivität und v.a. die Suizidalität, die ja auch Gewalt, Autoaggression ist (Klaus, später auch Michael).
Drei von sechs Kindern überleben die Mutter nicht, vier Enkel gibt es von sechs Kindern, schließlich unschöne Erbstreitigkeiten als letzten Ausdruck der Familientragödie.
Und immer, wenn es ans Eingemachte geht, an die Konflikte, die die Tragödie der Selbstzerstörung antreiben, wird geschwiegen.
Ein grausam schönes Buch, das nichts für schwache Gemüter ist. Und das zeigt, wie hoch der Preis für große Kunst sein kann.

Tilmann Lahme
Die Manns – Geschichte einer Familie
Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-043209-4

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5 Gedanken zu „Über Tilmann Lahmes Mann-Buch

  1. Bei dem schlechten Arzt, den ich als junger Mensch einmal ganz aufgeregt besuchte, handelte es sich immerhin um Dr. R. A. Zwingenberger, handelte es sich doch um den Vater keines geringeren als des berühmten Boogie-Woogie-Pianisten Axel Zwingenberger (für Spezialisten: Bruder von Torsten Zwingenberger), den ich wegen eines hartnäckigen, mir den Schlaf raubenden Tinnitus‘ (sodass ich mehr schwitzend als schlafend die Nächte voller Ängste zubrachte) konsultierte, doch der verschrieb mir lediglich, ohne mir freilich Hoffnung zu machen – „können Sie, wenn Sie wollen, ja mal ausprobieren“ -, ein wirkungsloses Durchblutungsmittel.

    Dann sagte er noch, o-Ton.

    „Warum macht ihr bloß auch immer so laut Musik?“ Das war alles. Woher wollte er denn wissen, dass ich nicht, wie seine Söhne, Boogie-Woogie machte, oder vom Old Time herkam?

    Ich spielte auch Waschbrett, allerdings später. Ich hatte allerdings unter Zuhilfenahme künstlich erzeugten Rauschens im Ohr und gewisser Räusche und ein wenig Selbstsuggestion jenen Tinnituston „redundant“ werden lassen. – Jenes Ohrrauschen, das wir gewöhnlich eher mit Zuständen erhöhter Konzentration in bestimmten Situationen assoziieren, in denen wir „auf uns zurückgeworfen“ sind, und welches seitdem für mich ebendieses Rauschen des Blutes im Ohr geblieben ist, ist zwar nicht redundant, jedoch deutlich lauter geworden.

    Was soll man tun? Ich lebe, um Musik zu machen. Wobei ich an R. Musil denke: „Ich lebe, um zu Rauchen!“ (Nachlass zu Lebzeiten), welche Sentenz die Absurdität der Frage nachdem Gerauchthabens auf angemessen absurde Weise offengelegt hätte. Musil, bekanntermaßen ein genialer Kopf, hatte selbst auf diese Frage die passende Antwort (ebenfalls „Nachlass zu Lebzeiten“, selber Satz, vor den Klammern): „Ich behandle das Leben als etwas Unangenehmes, über das man durch Rauchen hinwegkommen kann!“ (Ich möchte darauf hinweisen, dass aus alldem nicht folgt, dass Musil Raucher gewesen ist.)

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  2. Lieber ziggev, schön, dass Du wieder „an Bord“ bist. zugleich lösche ich mal einen Deiner beiden, gleichlautenden Kommentare. Hast wohl zweimal losgeschickt. Das Musil-Zitat kannte ich schon, ist eines der schönsten Bonmots. Nicht „cogito ergo sum“ sondern das: Die Last des Lebens durch Stoffe kompensiert. Die Frage nach Stoff oder Form wird spätestens im Magen entschieden!

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  3. Der Rat des Arztes war in diesem Fall medizynisch.

    [Ja, schreibe mal wieder mehr, ziggev! Wir brauchen Deine Klarheit, Deine Wirrnisse, Dein Treiben und Mäandern, Dein Arno-Schmidtsches Denken, Deine philosophischen Analysen. Während ich ja eher die Anal-Liese benötige, die eigentlich ganz anders heißt, eher preußisch. Ihren süßen geilen Arsch. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Vom Tinitus zur Trinität, das Standardwerk des Nikolai Bersarin zur ästhetizistischen Verhörung. Ansonsten zum Smoken noch ans kalt-trübe Herz gelegt: Italo Svevo, Die Kunst sich das Rauchen nicht abzugewöhnen. Von Greisen, Dichtern und letzten Zigaretten)

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  4. oh-je,wenn ich das lese, ist es wieder da … ein feines Säuseln, zunächst, und jetzt ganz deutlich ein hohes Rauschen … ist aber ja bloß vermehrter Blutdurchfluss durch meine Ohrkapillare und gesund. [es sollte eigentlich ein „handelte“ zuviel verhindert werden, daher der Doppelkommentar (und ja, ich entwerfe manchmal wieder Skizzen, s.o.; schön, sowas von euch beiden zu lesen!)]

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  5. Guten Tag, ich mochte das Buch auch, habe es neulich zusammen mit drei anderen über „die Manns“ gelesen und das Kaleidoskop der Eindrücke in meinem Blog festgehalten. Der Preis der Kunst ist hoch – das stimmt!

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