Die Opferfalle des Daniele Gigliolis

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Wer handelt, wer schreibt und denkt, wird schuldig, das ist unvermeidlich im Leben und das ist das Credo eines jeden aufrechten Existenzialisten. Es war aber niemals existenzialistisch, deswegen die Hände in den Schoß zu legen und die Welt auf einen drauffallen oder einen guten Mann sein zu lassen. Drum besser wär, das nichts erstünd sozusagen darf nicht die Antwort auf die unvermeidbare Schuld des Daseins sein. Und so handeln die Existenzialisten und wälzen ihren Stein, wissend dass er nächtens wieder abwärts trudeln wird und nicht wissend, was der Stein beim Wälzen anrichtet. Keine gemütliche Position.
Es geht durchaus gemütlicher: Denn der moderne Diskurs bietet eine Rolle an, die passiv und moralisch überlegen zugleich ist. Man kann ganz passiv sein und in dieser überlegenen Passivität dem Handelnden Vorwürfe machen: Gemeint ist die Opferrolle! Wehe dem, der ein Opfer angreift, er ist mit Schuld am Opferzustand, ob er nun an der initialen Tat beteiligt war oder nicht. D.h. im modernen Sprechen ist ein Opfer nicht nur konkret Opfer von Tätern – wenn es so wäre, hätte Giglioli dieses Buch nicht geschrieben – sondern eine moralische Instanz auf allen Ebenen, somit auf eben allen Ebenen unangreifbar. Und diese Unangreifbarkeit auf allen Ebenen ist nichts anderes als die totale Macht.
„Das Opfer ist unverantwortlich, muss niemandem Rede und Antwort stehen, muss sich nicht rechtfertigen: Wunschtraum einer jeden Macht. Indem es sich als unhinterfragte, absolute Identität setzt und das Sein auf eine Eigenschaft reduziert, die ihm niemand abstreiten kann verwirklicht es auf parodistische Weise das unmögliche Versprechen des Eigentumsindividualismus.“ So Gigliolis bezwingende, rationalen Einwände gegen das Benutzen der Opferrolle im Diskurs. Hierzu passend Milan Kunderas wunderbar griffiges Diktum vom „moralischen Judo“, mit dem der Diskursgegner aufs Kreuz gelegt wird.
Wer da nachfragt, wer die Opferrolle als „Argument“ in Frage stellt, ist schon zur Täterseite hinübergerutscht. Schlimmer noch ergeht es dem, der an Stelle der Empörung die angeblich empathielose Analyse setzt. Berühmtestes Beispiel ist das öffentliche Kaltstellen Philip Jenningers, der einst am 09.11.1988 nicht „betroffen“ herumschwafelte, sich nicht den Opfern in einer Behauptung (Auch ich ein Opfer! Auch ich!) anverwandelte, sondern kalt analysierte, warum das sog Dritte Reich so viele fasziniert hatte. Die Ablehner Jenningers beriefen sich damals auf die Opfer, denen angeblich so eine Rede nicht zugemutet werden konnte. Diesen Diskursmechanismus hat der bewundernswerte Ignatz Bubis dann kontakariert, als er ohne Kenntlichmachung direkt aus Jenningers Rede zitierte und dafür großen Beifall erhielt.
Zurück zur Opferrolle! Sie ist nachgerade das Verhindern jeglicher Nachfragen! Das Opfer bestimmt, wann eine kritische Nachfrage erlaubt ist und wann nicht! Das macht das Argmentieren mit einem Opfer so anstrengend, manchmal nervig – diese beieden Punkte mögen noch angehen, aber auch so gefährlich. Wer weil Opfer keine Nachfragen zu beantworten hat, kann sich verhalten wie er will. Jeder Vorhaltung wird das Medusenschild vorgehalten und der Frager, der unsensibel einem Opfer Vorhaltungen gemacht hat, kann nur zu Stein erstarren, ist ein steingewordener Täter, als solcher auf ewig zum moralischen pig gelabelt.

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Das ist verständlich, wenn ein tatsächliches Opfer vor einem steht, was es ja zweifellos gibt. Dann kann man als vernunftbegabtes Wesen eigentlich nur achselzuckend weiter gehen und denken: Gut, Du hast Schlimmes erlebt, aber damit hast Du noch lange nicht in allen Fragen recht. Seis drum.
Ungeheuerlich wird es, wenn das Opfer nur ein „Opfer“ ist, ein eingebildetes, ein behauptetes Opfer. Wenn das „Opfer“ einige sozio-kulturelle Daten mit der eigentlichen Opfergruppe teilt und daraus eine moralische Überlegenheit ableitet. Dann ist das „Opfer“ eine einzige Opferbehauptung. Und geht mit dieser Behauptung spazieren und teilt aus.
Diese Opferbehauptung – das ist jetzt meine Zugabe, mein Einschub – ist häufig Folge einer narzistischen Kränkung. Eine der historisch wirkmächtigsten Opferbehauptungen, also narzisstischen Kränkungen ist die eines Gefreiten gewesen, der nach dem ersten Weltkrieg dessen Ausgang nicht verwinden konnte und tatsächlich glaubte, Deutschland sei das „Opfer“ der Juden und Novemberverbrecher gewesen. Leider führte diese Opferbehauptung diesen Gefreiten nicht in die giglionische Passivität…
Man merkt schon: Giglioni ist da auch einem großen, historischen Mechanismus auf der Spur, der zugleich Triebfeder für Individuen sein kann. Womit wir bei einem ganz entscheidenden Punkt sind: Den unterschiedlichen Ebenen, auf denen das Opfer sein trauriges, vorwürfliches Klagelied singt. Genau hier finden die meisten Fehler im Täter/Opfer-Spiel statt.

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Das Spiel mit der Opferrolle im Täter/Opfer-Spiel verwechselt diese Ebenen ständig: Angesprochen werden Individuen, gemeint aber werden Sozialwesen wie Nationen, Geschlechtsgruppen, soziale Gruppierungen. Ich frage mich manchmal, was sich solche Machinengewehrmoralisten und Ebenenvertauscher so einbilden. Und was sie eigentlich erreichen wollen.
Nunja, wie dem auch sei. Wer jemanden verurteilt, allein weil er soziologisch einer „Täter“gruppe angehört, – den verachte ich schon. Denn in Fragen der Moral gilt: Bundesrecht bricht Landesrecht, will sagen persönliche Geschichte bricht die sozio-kulturellen Eckdaten. Die sind fraglos wichtig und die beeinflussen jedermann/frau in seiner/ihrer Entwicklung natürlich. Aber sie dürfen im Täter/Opfer-Spiel niemals die persönliche Geschichte überlagern. Jeder hat im existenzialistischen Sinn die Freiheit, aus seinen kulturellen Dominanten auszuscheren. Die Sicherheit, mit der manche glauben, allein aufgrund der soziologischen Daten anderen überlegen zu sein, frappiert immer wieder.
Einige weitere Aspekte dieses schönen Buchs seien herausgegriffen: Gigliolis Einwände gegen die Opferfalle betreffen vor allem die Triggerung der Passivität. Ein Opfer muß nicht handeln, es kann via moralischen Schwitzkasten die anderen zum Handeln veranlassen. In seinem Sinn.
Damit ist die Opferrolle die Rolle des passiven Diktators.
Weiterhin beschreibt er noch die Geschichte der Opferrolle, weist auf mythologische Zusammenhänge hin. Ich möchte das gar nicht wiederkauen, das wäre gar manchem Anlass, diese kleine, feine Buch nicht zu erwerben. Das aber sollen Sie, lieber Leser, ganz unbedingt: Dieses Buch kaufen. Denn es lohnt sich.

Epilog

Als Abschluß bleibt mir nur noch, mich zu wiederholen. Wenn es lediglich um das zugegeben schwierige, häufig scheiternde Gespräche zwischen realen Tätern und realen Opfern ginge, Giglioli hätte dieses Buch nicht schreiben müssen und auch nie geschrieben. Häufiger aber reden im öffentlichen Sprechen „Opfer“ mit Tätern. Oder Opfer mit „Tätern“. Oder aber – und das passiert am häufigsten – „Opfer“ mit „Tätern“. Diese verrückten Gespräche zwischen moralischen Rollen ohne reale Grundlage! sind besonders unterhaltsam.
Und genau deswegen hat Giglioli seinen Essay geschrieben, den ich mit bestem Gewissen empfehlen kann.

 

 

Daniele Giglioli
Die Opferfalle
Matthes und Seitz
ISBN 978-3-95757-150-2
14,90 euro
(auch als ebook)

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Ein Gedanke zu „Die Opferfalle des Daniele Gigliolis

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