Essay 4

Die Verfasstheit der Gesellschaft

Prolog

Meine letzten Postings waren, ein wenig untypisch für mich, sehr eindeutig, sehr hart, sehr undifferenziert ausgefallen. Das mag ich wenig, es ist nicht mein Stil und dennoch: Ich empfand das in der gegebenen Situation als notwendig. Denn in der aktuellen, ungeheuer aufgeheizten, politischen Stimmung wurden öffentliche „Debatten“ geführt, z.B. über einen Schußwaffengebrauch an der Grenze, die man so nicht akzeptieren kann.
Ich gelobe Besserung und dieser Essay soll der erste Schritt weg von der Eindeutigkeit sein. Meine Kompassnadel soll wieder richtungslos trudeln, wie sich das für einen Schriftsteller gehört. Nur so sind neue Wege möglich.

1

Die aktuelle Situation und die daraus folgenden Diskussionen lassen viele, die die Neunziger Jahre als Zeitgenossen erleben durften und mußten, ein Déjavu erleben. Es war die Zeit der frischen Grenzöffnung nach Osten. Ein länderübergreifendes, sozialistisches Despotensystem war falliert und sonderte seine Resultate über die offenen Grenzen nach Westen ab. Was einige gesellschasftliche Reflexe hervorbrachte, die man bis dato ausgestorben wähnte.

2

Dabei verbinden viele die 90er Jahre in Berlin zunächst auch mit wilden Erinnerungen. Da war diese Berliner Anarchie mit ihren Lokalen auf dem Mauerstreifen, deren Toiletten einst die alte Mauer gewesen war, da waren die ostberliner Bordsteine, die wegen ihrer schieren Höhe für die Spoiler der rostigen Westgebrauchtgurken zur tödlichen Falle wurden, da war der Eimer in Mitte und die Entwicklung Berlins zur Technohauptstadt, ja und da waren Castorf, Zadek und Müller, da waren Ostermeier und der betuliche Oliver Reese und die vielen damals noch so gut subventionierten Off-Theater.
Und zwischen diesen Wegmarken gab es immer wieder gruselige Meldungen vom Leben und Sterben in der Provinz. Da war von „national befreiten Zonen“ die Rede, da „räumten nationale Kräfte“ auf, da verlief so manches Hütchenspiel tödlich. Auf Hoyerswerda folgte Rostock-Lichtenhagen, folgte Mölln, folgte Solingen. Als Ursache wurde schnell das fallierte System selbst angesehen; Honecker war nun auch daran Schuld. Der Sozialismus hatte eben viele kleine Nazis produziert, da konnte man halt nix machen. Außerdem kamen ja auch wirklich zu viele „Scheinasylanten“ wie man sie damals nannte. So in etwa schwadronierten graumelierte Womanizer, die gegen cordhosentragende Bedenkenträger die Misere allwöchentlich in Talkshows „erklärten“. Auf den Gedanken, dass möglicherweise die Deutsche Einheit bis dato nicht ganz rund gelaufen ist, kam kaum jemand.
Bei genauerer Betrachtung sah man dann übrigens, dass nicht nur die Provinz auf die Fragen der neuen offenen Grenzen ausgrenzende Antworten gab. Auch die Weitlingstraße in Berlin-Lichtenberg etablierte sich „national befreit“. Und in dieser chaotischen, disharmonischen Sinfonie, in dieses drohende Scheitern der Einheit hinein sangen dann Politiker das traulich-deutsche Lied von der Überforderung des Volkes. Sie weigerten sich, die Einwanderungsrealität zur Kenntnis zu nehmen und forderten statt dessenGesetzesänderungen, v.a. die Änderung, die Einschränkung des zuvor uneingeschränkt geltenden Grundrechtes auf Asyl, §16 GG.
Die erfolgte dann 1993 – mit dem denkbar schlechtesten Kompromiss: Auf den inhaltlichen Vorwurf – „Scheinasylant“ – wurde formal – „sicheres Einreiseland“ – reagiert. Dieser offenkundige Widerspruch ist gleich erkannt und kommentiert worden. Allein: Man drang nicht durch.
Die Zeiten beruhigten sich, Fußballdeutschland spielte wieder besser und die (angebliche) Rezession zu Beginn des Jahrtausends und Lehmannbrothers wurden bewältigt. Deutschland startete durch…

3

Aber wieder wurden Grenzen durchlässig. Diesmal vergrößerten sich die Poren im Sieb Nordafrika. Wieder ist das Ende von Despotenregimen dafür verantwortlich. Kann der Westen nur auf seiner Wohlstandsenklave leben, wenn Despoten die Drecksarbeit der Absperrung übernehmen? Man wird ja wohl noch fragen dürfn…
Jedenfalls spülte der Arabische Frühling eine neue Flüchtlingswelle nach Europa. Und diesmal konnte kein Despot die Drecksarbeit übernehmen. Also mußte die 2004 etablierte Frontex-truppe ran. Die ersten Toten auf dem Mittelmeer gaben Anlass zur folgenlosen Empörung.

Das war die eine Flüchtlingsfront, die sich noch ziemlich unbemerkt von den Bewohnern der Wohlstandsenklave entwickelt hatte. Aber dann kam Syrien. Dann kam das Scheitern der Peacemaker in Nah-Ost. Und es kamen Zahlen an Flüchtlingen, die nicht mehr wegzufeiern waren. Zu viele, viel zu viele. Zu viel Elend. Flüchtlinge, die man auch als Folge der gescheiterten Nah-Ost-Politik begreifen kann. Wer Waffen in ein Krisengebiet fliegt und dann ein Trümmerfeld hinterlässt, darf sich nicht beklagen, wenn dem Lemuren entsteigen. Sie sind nun da und werden mehrheitlich nicht freiwillig wieder verschwinden. Eine Lösung dieses Problems kann nur vor Ort in Syrien erfolgen. Hilfe zur Selbsthilfe, Hilfe für die Lösung vor Ort! Diesen alten, „linken“ Entwicklungshelferspruch hat mittlerweile der dümmste Konservative begriffen. Gleichzeitig bröckelt die konservative Ablehnungsfront bezüglich eines Einwanderungsgesetzes. Denn eine solche Regelung könnte zur Kontrolle der Einwanderung führen, was bei der Einzelfallprüfung auf Asyl eben nicht möglich ist. Freilich muß sich das erst einspielen und wir haben wegen der konservativen Ablehnung eines solchen Gesetzes ein sattes viertel Jahrhundert verloren. Womit wir beim Ausgangsthena sind: Den Neunziger Jahren! Denn diese Diskussionen sind Jahrzehnte alt!!!

4

Die Einheit hat nicht gut funktioniert, das ist meine These. Eine These zunächst ohne Schuldzuweisungen, denn es ist zu fragen: Hätte sie besser funktionieren können? Wahrscheinlich nicht. Ein Einwanderungsgesetz, das eingespielt und bewährt uns heute helfen könnte, war damals wohl nicht durchzusetzen. Aber gesagt werden muß es, weil das Hochkommen einer sich heute seriös UND revolutionär gebenden Partei aus dem damaligen, mordenden Dunstkreis von rechts erklärungsbedürftig ist. Und eine mögliche Erklärung wäre, dass damals die Deutschen auf das Re-Etablieren ihrer Nation nur völkisch-nationale Antworten hatten. Eine modernere Antwort, die dem damals schon bekannten Phänomen der weltweiten Mobilität Rechnung getragen hätte, wär wohl zu viel Reflexion auf ein Mal gewesen. Ja zu viel spukte damals in der deutschen Seele herum: Stasi, SED, Schuld und Schulden. Und der verlorene Krieg vor damals 45 Jahren. Es hat die deutsche Einheit über alle Maßen belastet, dass die letzte gemeinsame Deutsch-deutsche Erinnerung Adolf Hitler hieß. Ja, es war und ist wohl zu viel verlangt, von den damaligen, ihrer selbst noch nicht sicheren Deutschen das Reflektieren der Probleme von morgen zu erwarten. Nur haben dann dieses Reflektieren andere übernommen, Subjekte, die an einer modernen Antwort auf die modernen Mobilitätsfragen nicht interessiert sind. Die statt dessen alte, biologistische Antworten geben. Europa und der Orient, das passe schon genetisch nicht, so deren Aussagen. Da käme minderes Genmaterial aus dem Morgenland. Teils hinter vorgehaltener Hand – hatte selbst auf einer Zugfahrt das zweifelhafte Vergnügen, einem so redenden Spitzen-AfDler gegenüber zu sitzen -, teils auch offen. Allemal lässt Sarrazin grüßen. (Ich bin übrigens zuallererst erschrocken, als ein SOLCHES Buch Bestseller wurde.) Ach ja, ein kleines Nebenbeischmankerl noch: Mit Frau Petry und Frau von Storch, unseren beiden Flintenweibern, zeigt sich, dass die Frauenemanzipation auch völkisch verstanden werden kann. Offenbar schützt das Geschlecht nicht vor völkischem Denken. Sollte für einige mal der Anlass sein, einige liebgewonnene Überzeugungen in Frage zu stellen. Wird aber nicht passieren – naja, Nebenaspekt. Wichtiger ist mir das Fazit: Das moderne Deutschland hat in den Neunziger Jahren keine adäquate Antwort auf die Zukunft geben können, da haben es halt die Anderen gemacht. Mit fatalen Folgen.

Und diese Folgen sind unser Statusquo. Man meint, in einem Irrenhaus zu sein. Der Hexenkessel brodelt, zu Beschwörungsformeln wird das ganz große Spinnrad gedreht. Kein Tag vergeht, an dem in der Huffingtonpost nicht irgend ein „Experte“ für was auch immer „erklärt“, warum Angela Merkel nun zurück treten muß. Ein Psychiater, der offenbar mit seinen eigenen Bemerkungen berufliche Selbstlegitimation betreibt, erklärte gar, Frau Merkels Treiben erinnere an Honnecker. Hatse der noch alle, sei mal ganz unmedizinisch und undialektisch gefragt? Kein Tag ohne wildgewordenes Übertreiben von Straftaten, die Migranten begangen haben sollen, bevorzugt sind dabei natürlich Vergewaltigungen. Dass Putin an diesem Spinrad kräftig mit dreht, stört offenbar nur wenige. Und die eigentlichen Fachleute vom Bundeskriminalamt, die immer und immer wieder betonen, dass es sich bei den Straftätern der Migrantenszene um eine sehr kleine Gruppe von Intensivtätern handelt (bevorzugt aus den Ländern, die als Asylland nicht anerkannt sind), werden von der AfD einfach als weiterer Ausdruck des Lügenkartells von Politik und Medien gesehen. Deswegen auch der Spin, ständig belegen zu wollen, dass Polizeiberichte manipuliert sind. Die Nähe der AfD zu Verschwörungstheorien ist wahrlich frappant. Jeder Demagoge, jede Demagogin drischt verbal auf die Deutschen des Jahrs 2016 ein und treibt Tag für Tag eine Empörungs-Sau nach der anderen durchs digitale Dorf. „Und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz“ (Thomas Mann- der mußte jetzt noch kommen😇).

Ja, es ist die Frucht der mißratenen Neunziger Jahre, die uns nun auf die Füße fällt. In ihnen mußte man bekanntlich in einigen Gegenden um Leib und Leben Angst haben. Aber diese marodierenden Banden, die Bomberjackennazis war ebenso persönlich gefährlich wie politisch harmlos. Die wählte dann doch kaum einer. Der Auftritt eines Rechtspopulisten auf einer Pressekonferenz, der von dem neben ihm Sitzenden deutlich hörbar Suffleurhilfe erhielt, weil er einfach zu dumm war einfachste Fragen zu beantworten, ist mir unvergeßlich. Realsatire! Solche Weihnachtsmänner  waren keine wirkliche, parlamentarische Gefahr.

Das ist nun – über 20 Jahre später – deutlich anders. Den Spitzenkräften der AfD kann man ruhig nachts begegnen. Eine persönliche Gefährdung resultiert daraus nicht. Aber politisch sind sie gefährlicher. Sie könnten in der Lage sein, das Parlament, das sie verachten wie die Alten Nazis, aufzumischen. Und was dann passiert, wenn Parlamentsverächter im Parlament sitzen, um die Wirkungslosigkeit parlamentarischer Arbeit zu „beweisen“, weiß niemand. Ich so wenig wie all die anderen politischen Auguren, die derzeit Hochkonjunktur haben.

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6 Gedanken zu „Essay 4

  1. summa, danke für diesen durchdachten Beitrag, – durchdacht genug, damit sinnvoll genug angedachte Fragen weiter an Dich und diesen Essay zu stellen möglich sind. Danke. Ich liebe das und Deine auch sonst (z.B. bei Bersarin) verbreiteten Kommentare. Auch wenn ich nicht in der Lage bin, sie aufzuzählen, Deine Einlassungen gäben mir Gelegenheit, sie, diese Fragen, an Deinen Text nun konkret zu stellen, in diesem Sinne; das Beste, was ich zum Thema bisher gelesen habe. – tanx !

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  2. da ich mich gezwungen sah, mich mit
    Politik (bitte beachten: die Etymologie – von Polis) zu beschäftigen, die aktuellen Ereignisse und die in allen Einzelheiten vorhersehbaren Reaktionen miteingeschlossen, als ultima ratio, konnte ich nicht umhin, den alten Freund Thykidides zu befragen, mal wieder.

    Da steht bereits alles: Sparta (Russland) fühlte sich umzingelt, behielt nicht die einmal eingegangene Treue, usw. … Das alles endete mit dem Untergang Athens (nicht mehr Thykidides, jetzt Xenophon, wenn ich mich nicht irre), die Reden eines schlüpfrigen Demagogen (Alkibiades) führten letztendlich zur endgültigen Selbstvernichtung (Athen wurde geschleift).

    Trotz allem hatten die Athener fürderhin keinen Bock mehr auf Tyrannis als Herrschaftsforrm, das ist die Lehre, die wir europäischen Demokraten gezogen zu haben meinen.

    Und sie kamen … und dann:

    Integration! – Das war das Stichwort bereits vor c.a. 2500 Jahren, sonst hätte das Abendland mit allen demokratischen Segnungen nie überlebt.

    Sollen sie alle also kommen, die „Perser“! Und das wird auf das Wiedererstehen Athens hinauslaufen. Die einzige Stimme, die mir jetzt noch fehlt, ist die Aristophanes`(kann aber noch kommen, ich kenne da ein paar Bloggerkandidaten), yrs, zigg

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    • Lieber Ziggev, ich sehe uns schon gemeinsam am Thermopylenpass die letzten Stunden beten. Nicht aber die Perser kommen, sondern ein durch eine Frau angeführtes Bürgerkriegsheer, von hinten. Wanderer, kommst du nach… sicher auch. Aber vor allem: „Du lebst und ich muß untergehen!“ Denn die Frau sieht sich als Jaenne d‘ Arc im Feldzug gegen die Lüge.

      Jetzt bricht die Verrücktheit der Zeit, die nach dem Ende des Sozialismus so untergründig zu spüren war, und die sich damals in einzelnen Mordaktionen der äußersten Rechten ausdrückte, vollends durch.

      Der greise Sebastian Haffner sagte nach der deutschen Einheit sinngemäß: Komisch beim Nachrüstungsbeschluß 1983 hatten viele Angst, ich nicht. Nun bin ich einer der Wenigen, die Angst haben….

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