Mein erster Verriß

Der verliebte Endzeitfritzel – über das „Macht“werk K. Duves

1986 in der ersten Hochzeit ökologisch-apokalyptischer Endzeiterwartungen veröffentlichte Günter Grass seine „Rättin“, eine Unheilsprophethie mit allem gespickt, was damals Angst machte. Verschmutzung, Waldsterben einschließlich Grimmscher Märchen, Genmanipulationen. Die Gegenutopie zur Selbstvernichtung des Menschengeschlechts lieferten damals die Frauen, die auf der – natürlich verschmutzten und quallenüberladenen – Ostsee unterwegs nach Vineta waren. Das Land, das noch nie war. Die Utopie. Grass Buch wurde damals ziemlich einhellig kritisiert. Ein Roman vertrage sich nicht mit der inhaltlichen Geschlossenheit, der Eindeutigkeit politischer Kampfparolen.

Nun hat Karen Duve es erneut versucht. Ihr Roman „Macht“ spielt in der Zukunft, im Jahr 2031. Die seit 40 Jahren drohende Klimakatastrophe wird in 15 Jahren – so erfahren wir – längst dagewesen sein. Hamburg der Ort des Geschehen versinkt in Hitze, Staub, in vierteljährlichen Rapsblüten (aha, der gelbe Einband!), tropischen Regengüssen. Auch die Klimaflüchtlinge sind noch schnell reingeschrieben, denn Prophetie hin, Apokalypse her, man muss ja aktuell bleiben.
Neben der Klimakatastrophe bietet das Jahr 2031 aber noch weitere Ausblicke, z.B. pharmakologische. Mittels der Droge Ephebo – ein Akronym aus Amphetamin, Ephidrin, EPO und Anabolika – lässt sich der menschliche Körper nämlich bis zur Jugend zurück verjüngen. Mit hohen Krebsraten als Nebenwirkung. Was im Angesicht des Weltuntergangs vernachlässigbar ist. Niemand geht in der Apokalypse alleine unter – das ist das Tröstliche an der Endzeit…
Und last but not least haben die Frauen in 15 Jahren das gesellschaftliche Ruder übernommen. Wie sie das in 15 Jahren geschafft haben sollen, wird nicht ganz klar, aber Duves Andeutungen weisen auf eine groß angelegte, moralische Erpressung hin, der die Männer nicht mehr gewachsen waren. Das sind die Eckpunkte der Romankonstruktion. Man merkt es schon. Da ist für jeden was dabei : Apokalyptiker, Frauenrechtlerinnen, Kulturkritiker des Selbstoptimierungswahns. Und zwischen diesen Eckpunkten zieht ein verwirrender – nein – ein wirrer Plot seine Fäden:

Hauptperson und Ich-Erzähler ist Sebastian, Ehegatte und gesellschaftliches Anhängsel seiner mächtigen Frau Christine, ihres Zeichen Ministerin mit Kanzlerambitionen. Dem ins seichte Ehrenamt abgestellten Sebastian platzt der Männerkragen. Er entwindet sich dem moralischen Schwitzkasten seiner Frau und baut im Keller ein Verließ. Dorthin sperrt der machtlose Sebastian Christine; und dort muss sie kleinkariert beschürzt ihm zu Diensten sein und seine Lieblingsplätzchen backen.
Nun trifft der epheboverjüngte Sebastian beim fünfzigsten Abiturtreffen auf seine epheboverjüngte Jugendliebe Elisabeth, die wegen der Droge keine schöne Erinnerung ist sondern höchst gegenwärtig. Schwupps Bett! Aus dem machtkranken Endzeitfritzel wird ein einfühlsamer Liebender. Aber oh weh, jetzt stören ja Kellerfrau und die bei der Oma untergebrachten Kinder. Was tun? Erst mal in den Keller Christine entsorgen. Schwupps Keller und dort tötet Sebastian nach erotischem Halsband- und Kettengerassel, das einschlägig Interessierte ansprechen mag, Christine. Entsorgung in der Zwischendecke. Fluchtplan mit Elisabeth. Aber oh weh, Elisabeth überrascht ihn im Verließ. Die Ketten, die Ringe in der Wand, kein Zweifel ist möglich. Hier hat ein machtbesessener Fritzel gewütet. Was tun? Schwupps Kette. Nun ist Elisabeth im Verließ. Diese Männer, nein. Aber als Sebastian wieder in das Verließ geht, sitzen doch glatt zwei Frauen auf dem Sofa. Christine war gar nicht tot, ist von Elisabeth gerettet worden. Nicht tot zu kriegen, diese Weiber. Was tun? Schwupps erneute Kettenerotik und dann das geläuterte Wissen: Will doch keinen töten. Statt dessen: Fluchtplan nach Paraguay – aha das alte deutsche Nazinest. Aber Sebastians Flucht misslingt, die Frauen kommen früher frei als geplant. Christine wieder an der Macht, Elli unerreichbar. Schluß. Gott sei Dank, denn Schwachsinn kann man bekanntlich immer noch weiter treiben.

Die inhaltliche Wirrnis korrespondiert mit der windschiefen Metaphorik und den falschen Anklagen. Da wird die männlich-psychopathische Machtgier für den Zustand der Welt verantwortlich gemacht. Die Menschen leben wegen der Männer gegen die Natur. Und die Frauen versuchen die finale Krise fünf nach zwölf zu managen. Mann = böse Kultur, Frau = gute Natur, oder wie? Und alles Fritzel, oder was? Mann = Fritzel = Weltuntergang, die Chuzpe zu so viel Naivität muß man erst einmal haben. Es steht zu befürchten, dass Frau Duve diese „Analyse“ ernst meint.
So weit so schlecht. Aber auch persönlich leben die Menschen 2031 gegen die Natur, nämlich gegen ihren Lebenszyklus. Dem Altern als unvermeidbarer Teil des Leben wird pharmakologisch zu Leibe gerückt. Das tun wiederum Männer und Frauen. Also nun wieder beide = böse Kultur und nicht…? Lassen wir das. Bringt nichts. Nicht nur der Plot, auch die Metaphorik und die naive Moralsimpelei des Romans sind wie mit einem Gummihammer zusammengekloppt. Muß doch irgendwie passen das Dings – rumms!

Wie konnte das der Schriftstellerin des „Regenromans“ passieren? Was hat ein durchaus großes Talent korrumpiert, dass ein derartiges Machwerk entstand?
Nun, vielleicht das hier: Es sind die vermeintlichen Eindeutigkeiten ihrer Antworten, die schon vor allen Fragen da waren. Unumstößlich recht hat Frau Duve von Anbeginn. Sie hat gewissermaßen den Roman zur These geschrieben. Solch eine Rechthaberei tut keinem Roman und keiner Apokalypse gut. Die Gnade des Herrn mag am Ende aller Tage mit allen sein, meine findet mit diesem Buch nicht zusammen. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend. Und ich bin auch nicht der Herr…

Fazit: Dieser Weltuntergang ist gescheitert wie der Grasssche vor dreißig Jahren. Wir sind also zum Weiterleben und zum Weiterlesen schlechter Romane verdammt.

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6 Gedanken zu „Mein erster Verriß

  1. Als Du den Plot erzähltest, wollte es mir scheinen, eine Fünfzehnjährige hätte ihre ersten Schreibversuche getätigt. Oder Blogger schrieben ihre Erlebniswelten uns nieder.

    Solche Romane geschehen, wenn politische Thesen eins zu eins in Prosa gepumpt werden, die zudem der linksseichten Krabbelkistigkeit entstammen. Das gut Gemeinte ist der Feind nicht nur des Besseren, sondern vor allem der des gelungenen Romans.

    Stünde da nicht der Name Duve drauf: Kein Verlag würde solchen Scheiß drucken. Aber dies ist schon Walser, Handke, Grass passiert, wobei da die Höhe des Falls das Gebirge war, während bei Duve eher die Harburger Berge die Landmarke bilden und mithin die Qualität des Textes doch anders gelagert ist. Vermute ich zumindest stark. Dagegen ist „Die Rättin“ Luxusprosa und immerhin wenigstens der Brocken.

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    • In Grass „Rättin“ gibt es in der Tat sehr gute Passagen, etwa die Erzählung über den Fälscher Malskat, der den Schleswiger Dom zum Nazikult fälschte und dann nach dem Krieg bei der Lübecker Marienkirche weiter machte. Für Grass ein wichtige Metapher, das Hinüberretten des Fälschen in die „authentisch“ behauptete Demokratie.

      Auf solche Passagen hoffte ich bei Duve vergeblich.

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    • nicht ganz: der nächste „Berg“ östlich von Duvenstedt ist der Schüberg (Duvenstedt kch-he, nett ausgedacht vom Verlag), in Ammersbek, und Richtung west ist die nächste größere Erhebung der Müllberg in Poppenbüttel / Norderstedt, der den Schüberg weit überragt, jeweils mit gelegentlichen Rapsfeldern dazwischen. Sehen wir von den geestarigen Strukturen an der westseite der Alster von Duvenstedt richtung Lemsal ab, wo Karen Duve Wiki zufolge in Wahrheit ihren Wohnsitz hat, und von den sog Boxbergen, noch etwas weiter westlich des Schübergs, sind das die einzigen Erhebungen und „Berge“ genannten geologische Strukturen in der Umgegend. Die Harburger Berge sind dagegen ein wildes Gebirge.

      Was den Plot betrifft: ja, ich fühle mich alptraumartig an durchschnittliche moralin-wohlfeile Tatort-Plots erinnert, wobei Duve es darauf angelegt zu haben scheint, die schlechtesten unter ihnen zu unterbieten, was ihr offenbar gelungen ist …

      Die Rättin habe ich nicht gelesen; muss aber sagen, dass ich mich regelmäßig darüber wundere, dass so viele Autoren nicht verstehen, dass solche Zukunftsszenarien und fiktive Settings doch wie geschaffen sind für Parodien einer aktuellen gesellschaftliche-politischen Situation, zu welchen sie geradezu einladen, bin da auch etwas ratlos. Kritik üben, indem gesellschaftliche Zustände in eine fiktive bzw. zukünftige Welt projiziert werden.

      Ich denke dabei an Arno Schmidts Gelehrtenrepublik, in welcher, was mich betrifft, höchst amüsant (welt)politische Verhältnisse, speziell auch auch deutscher/schmidtscher Sicht, gespiegelt werden, aber auch, etwas entlegener, an die tiefe Trauer über das Zersplittern des amerikanischen Traumes, die einen aus den Fiktionen eines Thomas Pynchon anweht. Oder auch an die Tarkowski-Verfilmung (1972) des Lem-Romans Solaris, mit nur unzulänglichen (Geld-)Mitteln zustandegebracht, wie mir zu Ohren kam, in welcher nocheinmal die Widerwärtigkeit und Ödnis sowjetische-sozialistischer Mangelwirtschaft psürbar ins Bild gesetzt wird, einschließlich des Stillstands in politischen Entscheidungsgremien und grauer Ödnis sowie desperater Trostlosigkeit der einst so stolzen russischen Restintelligentzja (Schlußszene).

      Diese Lesart bzw. Möglichkeit Utopischer Literatur, wie sie häufig in Hervorbringungen aus den ehem. Blockstaaten anzutreffen ist, zugleich nicht selten auch Parodien des wissenschaftlichen Betriebs überhaupt, bei Lem fast durchgängig anzutreffen, aber auch „Picknick am Wegesrand“, scheint, abgesehen von den üblichen postapokalyptischen Szenarien, völlig in Vergessenheit geraten zu sein. „sience fiction“ scheint nie ohne zugleich Hollywood mitzudenken ausgesprochen oder hingeschrieben werden zu können, es ist schon traurig.

      Als Duves Regenroman nicht lange auf dem Markt war, lebte ich in Duvenstedt in einer Blockhütte, schaute kurz in das Buch, es ging aber, soweit ich mich erinnere, gleich mit einer Beziehungskiste los. Enttäuscht und gelangweilt las ich nicht weiter und widmete mich dem Bücherregal der Übersetzerin, deren nun freigewordenes Zimmer ich bewohnte (V. Woolf, Marylin French).

      Auch in der Cyberpunk-Literatur ist mir nichts Ergiebiges begegnet; vielleicht Parge Piercys „Frau am Abgrund der Zeit“ zu erwähnen, denn sie schafft es, die wohlfeile und durchschaubare Moral, zu der das Werk tendiert, tatsächlich in eine fast unauflösliche Mehrdeutigkeit umzubiegen (wobei dies lediglich den Plot betrifft, literarisch leider kaum umgesetzt; btw., selbiges musste ich leider auch bei Tony Morrison konstatieren).

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  2. Danke, ziggev, ich habe lange gesucht und gegrübelt, was eigentlich in diesem Gebiet auf der Karte eine Erhebung sei – nun: die höchsten und schönsten Hügel sind natürlich die meiner Geliebten – und dachte dann an diesen bescheuerten Kleinberg in der Lüneburger Heide, dessen Name mir entfiel, weil ich in Heimatkunde – „meine Heimat, das sind nicht nur die Flüsse und Berge“ ein schönes Kinderlied -, sondern in der zweiten oder dritten Klasse lange darüber nachdachte, wie es wohl unter dem kurzen Wildlederock der Klassenschönen aussehen mochte. Dieses Geheimnis freilich blieb mir verborgen. (In den 70ern trugen Mädchen in der Grundschule tatsächlich solche wilden Röcke: und die sind heute wieder modern bei Frauen, ich habe immer noch einen Faible dafür. Allerdings bei Frauen, damit da keine Mißverständnisse aufkommen.) Dann fiel mir ein, daß es der Wilseder Berg war, aber da stand mein Kommentar bereits bei summaumlaude. Genau das wollte ich schreiben: Wilseder Berg. Sogar den Namen der Klassenschönsten habe ich vergessen. Erinnere aber noch, wie sie beim Schulschwimmen in einem knallweißen Badeanzug kraulte. Und das Teil war dann auch noch durchsichtig. Ich wäre beinahe im Schwimmerbecken ertrunken.

    „Solaris“ ist allerdings ein großartig-trauriger Film. All die Schönheit, all die Abgründe des Bewußtseins.

    Je mehr ich Gegenwartsautoren lese, komme ich zu dem Schluß: Die deutschsprachige Literatur hörte ab den 80ern auf zu existieren – mal so als steile These. (Ausnahmen wie Hettche bestätigen leider die Regel. Viel nett Gemachtes, viel Schreibschule Hildesheim, viel Mittelmaß. Es liest sich nicht schlecht, handwerklich sauber gearbeitet, aber etwas fehlt da. Vielleicht aber sind es auch bloß zu viele Schriftsteller. Demokratie ist nicht gut für die Kunst. Schafft die staatliche Kunstsubvention für Schriftsteller ab!)

    Es muß allerdings, ziggev, geestarisch heißen, nicht geestartig! (Blöder Scherz, aber dann irgendwie doch wieder lustig.)

    Ach ja, all der schöne Raps. Ist ja nicht mehr lang hin, bis er wieder blüht. [Im Schatten junger Rapsblütte, wenn ich in ihrem Acker wüte.]

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  3. Ich hoffe, dass auf dem Wilseder Berg hin und wieder auch einmal etwas in Wildleder vorbeischaut. Oder anderes, das die Attraktivität steigern kann.

    Die Schreibschule (Hildesheim/Leipzig) als Feind der überraschenden Wendung, das Thema hatten wir schon auf Deinem Blog, es ist Jahre her. Mein damaliges Argument bleibt:
    Kann sich irgendwer ernsthaft Kafka, Joyce oder Proust in Hildesheim als Lehrling vorstellen? Oder Herrn Doktor aus der Altmark? Soooo schreibt man Gedichte Gottfried, sooo einen Roman James!
    Hähem und hüstelhüstel…

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