in memoriam Frank Hörnigk

Öffentliches Wassertreten

Ich kannte seinen Namen natürlich vor allem in Verbindung mit Heiner Müller. Aber: Einmal war ich in den 90er Jahren auch auf einer seiner öffentlichen Auftritte. Es war eine Podiumsdisskussion mit ihm und u.a. Hans Christoph Buch, die übrigen Teilnehmer erinnere ich nicht mehr. Buch kam ein wenig zu spät, wurde gesondert begrüßt und verbeugte sich kokett gegenüber dem Gastgeber. Die Diskussion ging – wie konnte es anders sein – um das Scheitern des Sozialismus, um die Schuld der Intellektuellen, der LINKSintellektuellen natürlich.
Buch auf der moralischen Freifahrtspur mit enthemmter Lust am Anklagen: Die DDR und die uneinsichtigen Westlinken hieß das in postsozialistischer Mundart gesungene Lied. Im Publikum ein Alt-68er, der dagegen immer wieder betonte, „wir haben das Land erst zivilisiert“. Dazu eine genervte Herta Müller, ebenfalls im Publikum („Das wissen wir!“ zum 68er). Und mitten drin Hörnigk, als DDR-Germanist in den Zeiten der Rote-Socken-Kampange des Hauptpastors Hintze per se auf der Anklagebank.
Ich sehe und höre ihn noch Wassertreten gegen die Vorwürflichkeit und gegen die quälende Selbstbefragung. Denn Exil, Dissidenz zur DDR bedeuteten Freispruch; Parteimitgliedschaft und berufliches Eingebundensein z.B. in die Humboldtuniversität hingegen Schuld – so einfach machte es man sich in den Zeiten des moralischen Maschinengewehrs. Dass gute Anklagen schlechte Analysen sind, hätte man aber auch damals wissen können. Und die Analyse des Scheiterns ist Frank Hörnigk immer wichtiger gewesen als das personalisierte Schuld/Unschuld-Pingpong des Feuilletons…

Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts war ein Menschheits-Verhängnis, sein Scheitern ein Desaster auf allen Ebenen. Ich weiß nicht, ob Frank Hörnigk das in dieser Schärfe ebenso sah.
Ich weiß aber dass die Ursachen dieses Verhängnisses bestimmt nicht ergründet werden können, indem man Menschen wie Frank Hörnigk öffentlich zappeln lässt.

Ruhe sanft, Frank. Ich kenne wen, der Dir jetzt eine Zigarre anbietet.

P.S. Ich habe erst dieser Tage durch Daniela Dahns wunderbaren Text im „Ossietzky“ von Hörnigks Tod am 30.01.2016 (30.Januar – ein wahrlich deutsches Datum) erfahren. Kaum ein Laut in den großen Zeitungen. Warum?

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