Der Frontfrauenfeminismus

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Bekanntlich wählten überdurchschnittlich häufig gesellschaftlich abgehängte Männer die AfD. Umso irritierender ist es, dass diese Partei von Frontfrauen dominiert wird, von Frauen, die nach formalen Kriterien als emanzipiert zu sehen sind, ohne freilich aufklärerische Inhalte zu transportieren. Ganz im Gegenteil wie man weiß.
Nun könnte es mir als Mann ja egal sein, wenn sich der Feminismus in der Form unser konservativ-völkisch denkender Frontfrauen, die sich als Jeane d`Arc gegen Lügenpresse und gegen die korrupte Demokratie sehen, selbst zerlegt. Das Ende des Feminismus nicht mehr fern? Wie gesagt: Könnte mir fast egal sein! (Wirklich?)
Aber der Erfolg der AfD geht doch weit über die feministische Zukunftsfrage hinaus, er betrifft uns alle. Und so ist zu fragen, wieso die völkische AfD problemlos an einen aufklärerischen Wert wie den Feminismus andocken konnte. Dazu muß man ein paar Jahre zurück gehen.

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Die männerdominierten, emanzipatorischen Bewegungen der 60er Jahre sahen den Feminismus als ein Sekundärproblem an, dessen Berechtigung sich in der avisierten, klassenlosen Gesellschaft ins Nichts auflösen würde. Dieser Männerirrtum wurde schnell erkannt und die Frauen nahmen ihre eigenen Probleme selbst in die Hand. Einen Automatismus, der mit dem Lösen des als dominant vermuteten Problems alle anderen gleich mit löst, gab und gibt es nicht. Und so nahm die emanzipatorische Frauenbewegung an Fahrt auf.
Aber parallel zum Feminismus, der heute wie zu allen Zeiten sein Dasein nicht rechtfertigen muss, hat sich in der wohl(an?)ständigen, westlichen Welt eine Variante entwickelt, die man Proporzfeminismus nennen könnte. Ausgangspunkt war zunächst ein emanzipatorischer Ansatz, nämlich das Bestreben, Frauen wirtschaftlich von Männer unabhängig zu machen. Doch im Lauf justierte sich dieser Ansatz neu. Ziele waren weiterhin wirtschaftliche Unabhängigkeit, Lohngleichheit und Machtteilnahme. Aber aus der gewonnenen Position heraus wurde das Denken in Notwendigkeiten und Verwertungszusammenhängen nicht mehr hinterfragt. Schnell ging es nur noch um Pfründe. Die entsprechenden Stichworte lauteten und lauten Quote, Vorstandsposten Chefärztin etc.
Die Logik dieses Proporzfeminismus folgte damit zutiefst bürgerlichen Zielvorgaben, zum Beispiel und zuallererst dem beruflichen Erfolg als Ausdruck des gelungenen Lebens. Bei dieser Justierung blieb dann fast folgerichtig vom emanzipatorischen Ansatz wenig übrig, der ursprünglich Pate gestanden hatte. Aus dem hinterfragenden Feminismus ist in der beschriebenen Variante rein instrumentelle Vernunft geworden. Mit äußerst bedenklichen Folgen. Der Feminismus in dieser Form – ist er zum reinen Karrierekatapult verkommen?

Es mag den Frauenbewegten passen oder nicht: Marine LePen, Frauke Petry und Beatrix von Storch sind nolens volens Früchte des Karriere- und Proporzfeminismus. Da beißt die verrutschte Maus keinen Faden ab…

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Warum dieses Abdriften in Gegenden, die mit den ursprünglichen Zielen nichts mehr gemeinsam haben? Warum ist Frauke Petry das Resultat nach so viel Anstrengung? Was also fehlt dem Feminismus heute?
Nun, wahrscheinlich das, was auch insgesamt fehlt. Eine grundphilosophische Despektierlichkeit gegenüber dem bürgerlichen Karrieredenken. Ein Wegfokussieren von der Arbeit als einziges Zentrum des Lebens. Ein Heraustreten aus der bürgerlichen Verwertungslogik. Und damit ein grundsätzliches Infragestellen offiziöser Lebenswege. Mehr Oblomow weniger Karriere. Das gilt für alle, nicht nur für Frauen…
Wer aber glaubt, allein die Zahl der weiblichen Vorstandsmitglieder und Chefärztinnen dokumentieren feministische Erfolge, der darf sich über die LePens und von Storchs von morgen nicht wundern.

Dass auch dem Feminismus als aufklärerischer Inhalt die DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG inne wohnt, es ist offenbar an der Zeit, diese doch an sich banale Wahrheit zu diskutieren.

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