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Kinder an Sterbebetten

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Es war Paselkes erster Tod. Sein Großvater war alt und älter geworden und war nun am Ende angelangt. Denn ein Blutgerinnsel – ausgestoßen aus dem unregelmäßig schlagenden, eigentlich nur noch vibrierenden Herzvorhof – hatte sich auf den Weg zur Vernichtung gemacht, indem es ein zentrales Gefäß der rechten Gehirnhälfte einfach verstopft und damit stillgelegt hatte. Diese Verblockung des Weges hatte schweren Schaden bewirkt, hatte zentrale Regionen jenes merkwürdigen Steuerungsorganes, in dem sowohl unwillkürliche Bewegungen und Äußerungen, der Schlaf und die Träume als auch Reaktionen auf die Zumutungen der Welt wie etwa große Gefühle und politische Überzeugungen ihren Ursprung und Anlass haben, einfach ausgeschaltet.
Das hatte zu einer sogenannten Halbseitenlähmung geführt – auf der anderen Seite, der linken Körperhälfte – zu Schluckstörungen, zu einer motorischen Sprachstörung, die die Mediziner Dysarthrie nennen. Kurzum: Das Gerinnsel hatte Paselkes Großvater mit einem Schlag auf Reste des Daseins zurückgefahren und weil dieses Zurückfahren so unerwartet plötzlich geschieht, so schlagartig, hat diese Erkrankung, die die Mediziner Apoplexia cerebri nennen, ihren Trivialnamen über Sprachen hinweg behalten: Der Schlaganfall, der Schlagfluß, englisch the stroke.

Da lag er nun, ein hilfloser Pflegefall, ein ehemaliger SS-Mann und stöhnte. Seine Dysarthrie formte Fragen:
– Wa willu wern?
Paselke verstand nichts aber seine Mutter, die Zeit ihres Lebens Angst vor Entdeckung ihres genealogischen Zusammenhangs hatte und die an die strikte Bürgerlichkeit mit akademischer Berufskarriere als einzigen Schutz vor dem Anderssein glaubte, antwortete an seiner statt mit ihrem Traum:
– Paris wird Arzt und John wird Lehrer – Vater!
Sie, die Schwarzhaarige, sagte Vater zum ehemaligen Herrenreiter.

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30 Jahre später. Paselkes Tochter wollte noch einmal Tante Cora sehen, die nun schon lange als Pflegefall in einem Heim lag. Tante Cora war eigentlich ihre Großtante, die kinderlose Schwester von Paselkes Vater, also Paselkes Tante, also die Tochter vom Herrenreiter. Sie wurde von den Großnichten Coraoma genannt.
Coraoma war lange als Kind krank gewesen und zwar so krank, dass sie in Gefahr stand, im Rahmen der Aktion T4 getötet, vergast zu werden. Ihr Vater hatte als Naziarzt von der Aktion Wind bekommen und handelte entsprechend. Cora wurde zu einem der Bewegung immer fern gebliebenen Freund nach Berlin geschickt: Schreib das Kind gesund sonst ist es des Todes! So überlebte Cora. Und so erklärt es sich, dass Paselkes Großvater, jener Herrenreiter, an dessen Sterbebett er einst gestanden hatte, seit dem Herbst 1939 keinerlei Aktivitäten mehr in seiner Naziakte vorzuweisen hat.
Absurderweise, denn das 20. Jhd. war absurd und machte die Menschen zu absurd handelnden Gespenstern, war es aber Cora, die ihrem Herrrenreitervater immer dankbar blieb, während doch eigentlich er Anlass zur Dankbarkeit gehabt hätte. Denn wer weiß, worauf er sich nach 1939 noch eingelassen hätte, wenn die schwere, epileptische Erkrankung seiner Tochter ihn nicht hätte erkennen lassen, wem er sich da verschrieben hatte. Denn so war es in der Summe: Ihre Krankheit ließ ihn erkennen. Es muß ja durchaus nicht immer die eigene Krankheit sein, die zur Erkenntnis und zum Zweifel führt. Das nur so nebenbei.
Nun also, nach diesem Leben, besuchte die Urenkelin des Herrenreiters dessen sterbende Tochter.

Und das Sterben im Pflegeheim ging so:

Da war ein Bild des Vaters/Großvaters/Urgroßvaters auf dem Nachttisch aufgestellt, und Coraoma, die gedreht werden mußte, sah ihrem Vater, der sie einst rettete – nein anders herum, den sie einst gerettet hatte – mal ins Gesicht, mal sah sie die kahle Wand und dann wieder die Zimmerdecke. Reden tat sie nicht mehr, nur das passive Drehen war ihre Abwechslung: Wand – Zimmerdecke – Vater – Wand – Zimmerdecke – Vater immer im Dreistundentakt.

Coraoma starb dann mit dem Gesicht zur Wand. Der Vater auf dem Nachttisch lächelte spöttisch und leise hinter ihrem Rücken…

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