Schicksal und keines

Ich hörte Mitte der 90er Jahre einen Radiobeitrag, in dem Helmuth Karasek von einem „völlig kalten“ Buch berichtete, das – so verstand ich ihn – ohne gemütswärmende Schicksalmelodei über den deutschen Judenmord erzählte. Es war der „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz.

Diesen Roman las ich – und erlebte als Leser den Wahn der Zeit, der wie das Werk eben auch weder Raum für Schicksal noch für tröstende Lehren, tröstende Moral, tröstendes Jenseits bereit hält. Fraglos: Ein Jahrhundertwerk.

Kertesz kam dann schon als Berühmtheit für ein paar Jahre nach Deutschland und wurde – man muß es so sehen – herumgereicht. Diese Jahre ließen ihn später u.a. in dem Interview mit Iris Radisch zu einem wunderbar harten Urteil kommen: „Ich war der Holocaust-Clown.“ Ja der Versöhnungskasper, derjenige, den die Deutschen damals zur Bestätigung ihrer selbst so dringend brauchten.

Imre Kertesz hat das immer gewußt, hat gewußt, dass die Versöhnungs- und Erinnerungsindustrie der glücklich Nachgeborenen nie an die Wahrheit, an seine Wahrheit heranreichen wird. Denn ein Schicksal mögen die Nachgeborenen in sich haben, mögen sich fühlen und spüren, er aber hatte das 20. Jahrhundert also den Tod in sich. „Ein ontologisches Ereignis wird zur Seifenoper“ hatte Ellie Wiesel zur Erstausstrahlung der US-Serie „Holocaust“, die dem ontologischen Ereignis dann seinen falschen Namen gab, kritisch angemerkt. Kertesz Erleben später im geeinten Deutschland bestätigte diese Diagnose.

So muß man ihn lesen wie seine grausam schicksallosen Brüdern und Schwestern im Geist und im Überleben: Wie Primo Levi, Jean Amery, Ruth Klüger. Als genau registrierender Zeuge der Folgen des Wahns, für den es bis heute keine umfassende Erklärung gibt…

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