Zugabe nach dem final curtain

Satire darf alles/Ein Konjunktiv

Wenn Satire alles dürfte, dann dürfte sie auch aus den Lagertoren der deutschen Vernichtungslager den Satz „Arbeit macht frei“ herausbrennen und statt dessen „Satire darf alles“ einschweißen.

Epilog

Tucho irrte, Brecht hatte recht. Eine Gesellschaft, in der man „alles dürfen darf“, ist eine Gesellschaft am Abgrund.

(edit am 18.04.2016 07:58: Ich dachte, es sei klar, wogegen sich die oben skizzierte „Satire“ wendet. Nämlich gegen den Betroffenheits- und Erinnerungskult in Deutschland – Kultur möchte ich das nicht nennen. Aber verschiedene Nachfragen lassen dieses edit doch notwendig erscheinen. Man bemerkt also: Richtiges Ziel, falsche Form. In der Kunst ist die Form entscheidend, ergo ist der Text mißlungen.)

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7 Gedanken zu „Zugabe nach dem final curtain

  1. Allgemein halte ich es für eher banal und kontraproduktiv jemanden zu beleidigen. Im Fall Erdogan meine ich aber er sollte von allen Menschen hier, ob groß oder klein, arm oder reich, jung oder alt täglich so lange beleidigt werden bis er sich zumindest bei Extra3 entschuldigt und alle Anzeigen gegen Satiriker, Journalisten oder Politiker zurück nimmt.
    Es gibt eine Geschichte von Johann Peter Hebel, 18 Jhr.: Häscher wollen einen Mann verhaften, jemand markiert am Abend zuvor das Haus des Mannes, der verhaftet werden soll, mit einem Kreuz (mit Hilfe von Kreide). Als am nächsten Morgen die Häscher kommen, sind alle Häuser des Ortes mit einem Kreuz markiert.
    So müsste es im Falle Böhmermanns auch sein. Je mehr Menschen in D Erdogan “beleidigen”, je unmöglicher wird es, eine Strafverfolgung zu realisieren.

    Die Formel „Satire darf alles“ haben ja erst die Medien besonders ins Rollen gebracht. Dem Team Böhmermann ging es doch um was Prinzipielles. Es geht nicht um ein geschmackloses Gedicht und erst recht nicht um Humor der alles darf, sondern um die *Vorführung* eines geschmacklosen Gedichts, und damit, um die Grenzen von Satire auszuloten. Wird hier Satire nicht ganz entschieden zu sehr de-kontextualisiert, gegen Kunstfreiheit, während doch schlicht die Sendung dieser Satire eine Satire-Sendung im Ganzen selber ist?

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    • Da unterschreibe ich fast jedes Wort. Allerdings ist weder Böhmermann noch sonst irgendwer real bedroht. Das läuft auf einen Freispruch oder eine Portokassenstrafe hinaus und das wissen Böhmermann und sein Beraterteam auch. Man kann sich noch als Opfer feiern lassen, dann kann verfilmt werden.
      Was ich weniger kühl sehe, ist die Tatsache, dass sich mittlerweile ganz andere, mordsgemütliche Jungs und Mädels des Textes angenommen haben. Denn längst wird das Gedicht als Antitürken/Antiislamgedicht an den national befreiten Lagerfeuern gesummt. Ohne den relativierenden Kontext.
      Wahrscheinlich ist dieser neue Zusammenhang zu den national gesinnten Andockern genau jener Kontext, den Böhmermann erstmals nicht mehr kontrollieren kann, und von dem ich annehme, dass er ihn genauso ablehnt wie wir.

      Mein Posting ging aber eigentlich um die nicht zu Ende gedachte Bemerkung, dass Satire alles dürfe. Nun, niemand darf alles, auch die aktuell so inflationär gebrauchte Identität mit Namen Satire nicht.

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  2. „Wahrscheinlich ist dieser neue Zusammenhang zu den national gesinnten Andockern genau jener Kontext, den Böhmermann erstmals nicht mehr kontrollieren kann, und von dem ich annehme, dass er ihn genauso ablehnt wie wir.“ – Wahrscheinlich! Ja. Kann man Böhmermann aber nicht vorwerfen oder doch?

    Was Satire darf oder nicht, das, ist ja auch eher eine stets bewegte und offene Fragestellung, und der Böhmermann doch auch anscheinend aktuell nahe getreten ist.

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  3. Die intelligenteste Reaktion Böhmermanns wäre wahrscheinlich gewesen, das Gedicht mit „Rücksicht auf die vielen hier lebenden Türken“ zurück zu ziehen und dann zu erklären, diese Rücksicht gelte aber „für einen nicht“. Alle hätten gefeixt, alle hätten gelacht, weil alle wüßten, wer „der Eine“ ist. Und dieser Eine hätte außer ohnmächtig die Fäuste zu ballen nichts machen können. Sieg durch Rückzug. Vollständig. Überzeugend.

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  4. Ein Zugabe, die mir nach den letzten Tagen sich doch noch aufdrängt:
    Und doch ist es komisch, dass wenn selbst so ein Satiriker(?) bzw. Moderator wie Jan Böhmermann, der zwar bewusst diesen um die Ecke verzweigten Kontext der Selbstreferenz erzeugen wollte, aber trotzallem kaum umfangreicher dessen Resultate, die doch gar nicht so unwahrscheinlichen Abweichungen daraus auf dem Schirm hatte. Da spätestens seit Karl Kraus es doch zum Bestandteil der Selbstreflexion im ästhethischen, im kritischen Potential der Kunst (um Kunst ging es Böhmermann doch?) gehören dürfte, dass der sog. „böse Blick“ (der mit Humor und Lachen zusammenhängt und ich glaube von Adorno stammt) nicht bloß nur der des Lachenden ist, sondern auch selber auf ihn fällt und fallen muss. Böhmermann und Co werden jedenfalls nicht dem gerecht, was Kraus voraussetzt für den gelungenen Künstler: er „muß alle Gedankengänge kennen, die sein Wort eröffnen könnte. Er muß wissen, was mit seinem Wort geschieht. Je mehr Beziehungen dieses eingeht, um so größer die Kunst; aber es darf nicht Beziehungen eingehen, die dem Künstler verborgen bleiben.“

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