Zugabe 2 und Schluß

Zehtorik – oder im Netz und unter Leuten

Nach Juli Zehs Outing, die Welt ihres Romans „Unterleuten“ teilweise schon im Netz vorgebaut zu haben, kommt man schnell zu der Frage nach dem künstlerischen Wert dieser Metafiktion. Und nach den Quellen, den Vorgängern. Oder hat Juli Zeh da voraussetzungslos absolutes Neuland betreten?

Nein, das hat sie natürlich nicht. Pessoa, Hesse/Demian seien als Analogien angeboten. Und im Jahr 2013 erschien der Roman „Aleas Ich“, in dem eine zuvor auf einem Blog kreierte Netzfigur als Romanfigur auftaucht und einen Roman schreibt. Es ist eine gedoppelte Metafiktion. Zum einen ist der Autorennamen ein Pseudonym und entlarvt schon damit die Aufmerksamkeit steigernden biographischen Konnotationen (konkret: Frau unter 30, Migrationshintergrund), nach denen der Betrieb offenbar süchtig ist. Zum anderen schreibt die Metafiktion mit Namen Alea Torik gerade ihren Roman über eine Bloggerin, die als Metafiktion im Netz herum irrt. Wir sehen also gewissermaßen der virtuellen Realität beim Entstehen zu. Ein konzeptionell hochspannendes Projekt. Dass Juli Zeh diesen Roman gekannt hat, darf als ziemlich sicher gesehen werden.

Denn ebenfalls im Jahr 2013 fand auf ihrem Facebook Account eine Diskussion genau über diesen Roman und über seinen Weg in die Öffentlichkeit statt.

Zeh erläuterte dort den „Fall Alea Torik“ aus ihrer Sicht. Ein bis dato erfolgloser Schriftsteller aus dem Wohlstandswesten kreiert einen Blog mit einer aktuell angesagten Biographie: Frau unter Dreißig, Osteuropa, Migrationshintergrund. Aus der Reihenhausjugend an der Ruhr wurde eine wilde, trilinguale Donaudeltapiratin. Und erhielt mitten mal das Lob, das der Reihenhausmann so lange vermissen musste. Und einen Autorenvertrag.

Juli Zeh stellte dann die Frage, ob man das „dürfe“: Ob man virtuelle, Publizität steigernde Identitäten erschaffen darf, um mit dieser dann öffentlich im Netz als jemand aufzutreten, der man realiter gar nicht ist. Und was ist eigentlich, wenn dieser virtuelle Jemand zu ganz realen Konsequenzen Anlass gibt.

Es entwickelte sich eine spannende Diskussion, an der dann die „Alea Torik“ selbst teil nahm und die sich dann auf Aleas Blog ergänzte . Man kam überein, dass solche Metafiktionsspiele natürlich erlaubt seien, ebenso wie die Frage nach ihnen, das Infragestellen.

An diese Diskussionen musste ich denken, als ich nach dem Lesen des Romans „Unterleuten“ wie so viele andere auch ein Metafiktionsspiel der Romanfiguren im Netz bemerkte. Vor allem Manfred Gortz ist zu erwähnen, der als virtuelle, von Juli Zeh erfundene Figur ganz real einen auf Sprechblasen reduzierten Erfolgsmotivierer in Taschenbuchform verfasst hat. Rein technisch also durchaus vergleichbar mit der seinerzeitigen Kunstfigur Alea Torik. Man könnte nun Juli Zeh bei ihrem damaligen Wort nehmen und ebenfalls die Frage stellen, ob sie das durfte, ob es sich um ein Marketingtrick handelt. Aber das ist Unfug, denn die Antwort fällt genauso aus wie damals; natürlich durfte sie. Wichtiger ist die Frage nach der Plausibilität ihres aufwändigen Unternehmens. Und da muss man von einem zunächst sehr gelungenen, zweckfreien Spiel sprechen, das im Kontrast zu dem eher konventionell erzählten Roman eine ambitionierte Seite hat. In der Gesamtsicht – Roman + Spiel – kann man gar von „Avantgarde“ reden, ein Begriff den der Roman allein so nicht hervorrufen würde. Das ist spannend zu sehen: Wie aus einem überaus konventionell erzählten Roman eine beinahe avantgardistische Kunstaktion wird. Gerade die ersten Kritiken aus dem März wunderten sich ja nachgerade über diese Konventionalität. Die nun in der Brechung mit der vorgeschalteten Metafiktion ihren Wert zeigt.

Auch inhaltlich hält die Form, was sie verspricht, denn der virtuelle Manfred Gortz – also Juli Zeh – schrieb ja über Erfolg und genau darüber reflektiert auch der Roman: Wer hat Erfolg, wer dominiert wen, wer ist der Sieger, die Siegerin? Hier passen Form und Inhalt perfekt zusammen. Das ist stimmig.

Zu kritisieren wäre einzig der Abgang. Nachdem im Netzrauschen schon seit Wochen genau diese virtuelle Realität demaskiert worden ist, war ein Abgang mit großem Tusch der falsche Weg. Die vom Verlag behauptete Diskussion um ein angebliches „Plagiat“ fand so nie statt. Da drängt sich ein wenig der Verdacht des bewußten Skandalisierens auf. Das Outing dessen, was ohnehin jeder wußte, konnte nur ein Gähnen hervorrufen. Und es katalysiert jene, die in dem Spiel lediglich ein merkantiles Interesse am Werk sehen. Davon gibt es einige. Eine weitere Analogie drängt sich deshalb zum „Fall“ Alea Torik noch auf: Delikaterweise sind die heutigen Vorwürfe gegen Juli Zeh den damaligen gegen Alea Torik sehr ähnlich.

Zuletzt noch etwas über Plagiate. Sie gibt es in der Kunst heute ebenso wenig wie wirklich neue Formen. Wenn es denn überhaupt ein „Plagiat“ in diesem Fall gab, dann hat Juli Zeh Alea Torik „plagiiert“. Oder wie ein Freund meines Bruders so schön sagte: „Klar hat sie das geklaut, aber sie hat gut geklaut.“ Und mehr ist heute nicht drin als: Gut zu klauen. Aber weder Plagiat noch Klauen trifft es wirklich: Alea Torik ist eben eine von vielen Voraussetzungen des Romans „Unterleuten“. Das ist ohne Vorwürflichkeit festzustellen.

 

Juli Zeh
Unterleuten
Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3630874878
24,99 euro

Alea Torik
Aleas Ich
Osburg Verlag
ISBN-10: 3955100049
19,95 euro

 

 

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