Flüchtende,

Geflüchtete (FlüchtLinge von mir aus) als Katalysator für Neu-Rechts. Sicher. Diese Zusammenhänge bestehen. Jede Gesellschaft ist herausgefordert, die eine solche große Zahl an Menschen neu zu integrieren hat. Man denke an die benötigten Wohnungen, an die Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Wer das leugnet, die Integration als zu leistende Selbstverständlichkeit hinstellt und jede kritische Nachfrage als dummrechtes Gerede denunziert, nun, wer das unreflektiert tut, muß sich fragen lassen, ob es in seiner ererbt-erworbenen Dachgeschoßwohnung in Berlin-Mitte nicht doch durchregnet. Geerbter Dachschaden gewissermaßen.

Aber da sind noch andere Zusammenhänge. Nicht die große Fluchtbewegung aus Nah-Ost alleine katalysiert die rechten Bewegungen Europas. Sondern auch das Dachgeschoß selbst. Denn es ist als Frucht eines leistungslos erworbenen Erbes Ausdruck der tiefsten Ungerechtigkeit unser Gesellschaft. Mit einem sich ständig selbst wertsteigernden Erbe ausgestattet lässt es sich trefflich auf die im Plattenbau hausenden AfD-Wähler mit Mindestlohngarantie schimpfen. Besser-Bio rümpft die Neese. „Das kommt: Sie haben schon gegessen“ (Brecht). Genau gegen diese Eliten, die es leistungslos und undemokratisch geworden sind, richtet sich auch die AfD-Wut. Und mir fällt diesbezüglich so langsam kein Gegenargument mehr ein. Denn es stimmt zwar nicht der Inhalt des Briefes („Flüchtlinge sind schuld“) sehr wohl aber die Adresse.

Ja, diese neue Erbenelite ist ein Ausdruck tiefster Ungerechtigkeit und damit zusätzliches Benzin für die AfD. Schon Konrad Adenauer kannte in seiner Regierungserklärung von 1949 den großen Treibstoff für rechte Bewegungen und sagte über die gesellschaftlich-berufliche Durchlässigkeit als Antwort auf die rechten Verlockungen:“Auf die Betonung dieser Aufstiegsmöglichkeiten legen wir den größten Wert.“ 60 Jahre später kann kaum ein Arbeitnehmer in seinem gesamten Erwerbsleben so viel verdienen, wie eine geerbte Dachgeschoßwohnung innerhalb weniger Jahre an Wert gewinnt.

Tut mir furchtbar traurig aber: Für Besser-Bio-Erben aus Berlins Mitte oder anderswo, die diese Zusammenhänge nicht sehen wollen, gilt Adornos Wort von den Gegnern der Nazis als das größere Problem.

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6 Gedanken zu „Flüchtende,

  1. ich frage mich allerdings, ob jene AFD-anfälligen Plattenbaubewohner sich tatsächlich jener Einkommensunterschiede im Einzelnen und in der Form bewusst sind, dass tatsächlich hier eine Art Sozialneid qua Wahlverhalten hämisch racheübend absichtlich in jene Kerbe, jene Bewusstseinslücke haut, die Du als Besser-Bio identifizierst. Was Du ansprichst, ist ja vor allem ein Mangel an Bewusstsein als Mangel an Selbstreflexion; ein alter Kampfbegriff, ich möchte ihn aber trotzdem gebrauchen, Dekadenz, besonders peinlich, weil auf einem so erbärmlichen Niveau fröhlich Urständ feiernd, sich mit eigentlich so wenig zufriedengebend. Ich frage mich: wie kann das sein, eine so lachhafte Pseudokultur wie etwa Bio-Veganismus als vermeintliche Zivilisationsmauer zwischen sich und „den anderen“ aufbauend; was ist das eigentlich für eine derartig billig zu habende Selbsttäuschung (Selbsttäuschung ist vielleicht besser als „Dekadenz“ -ein Begriff, der ja eher gegen Verfallserscheinungen einer angeblich „überkultivierten“ – mit allen, nicht an letzter Stelle auch antisemitischen, Ressentiments konnotierten – „Hochkultur“ aufzumucken sich anschickt, – aber hier bin ich kein Experte; summa, hf99, bitte übernehmen Sie!) ?

    Interessanterweise handelte es sich bei der Lehrkraft und den anderen „Hilfslehrern“ bei dem Deutsch als Zweitsprache Kurs, wo ich ebenfalls half (und demnächst auch weitermachen werde) durchgängig um tiefsten Schleswig-Holsteinischen CDU-Sumpf. Bei abschließendem Treffen habe ich so viel Stereotypen über Araber usw. mitanhören müssen, und derartig gedrängt, wie ich es noch nie erlebt habe und mir auch nicht hätte träumen lassen. Das erste, was der Freundin der Lehrkraft in Rente zum Thema Verschleierung/Kopftuch einfiel, war, dass du Ungewaschenheit riechst, wenn du denen dann näher kommst … Es wurde dann etwas umständlich für die Frau vom Freundeskreis für Flüchtlinge (und meine wenigkeit, aber ich hatte Schwierigkeiten, überhaupt Gehör zu finden), darauf aufmerksam zu machen, dass Sauberkeit da eine wichtige Rolle spiet. Es wäre etwa zu vermeiden, Frauen vorschnell die Hand zu geben als Gruß, wegen der Vorschrift, die dann eine Ganzkörperreinigung vorsieht. (Ich drang kaum durch, dass etwa in Studentenwohnheimen es regelmäßig die Araber und Asiaten sind, die sich über die mangelnde Reinlichkeit der deutschen Studenten beschweren) … Oder dass Lernunlust als Charakterschwäche (aber hier von Soz.-Leitungen profitieren) ausgelegt wurde (was sind das für Familien, mit solchen Zuständen!). Nein, es wäre tatsächlich so, dass manche Männer, an die Chefrolle und der des Familenoberhaupts gewöhnt, hier nicht selten in eine durchaus bedenkliche Depression verfallen. (Typischerweise lernen die Frauen, zumal die mit Kindern, deutlich schneller als die meisten Männer, die das auch erstmal aushalten müssen – aber so dramatisch, kleine Beschämungen hier oder dort, ist das nun auch wieder nicht gewesen. Integration funktioniert!.)

    Auf meine Bemerkung, dass ich mich eigentlich etwas darüber wunderte, wie wenig diese jungen Erwachsenen zw. 20 u. 30 meist, und oft mit Kindern, in meiner Wahrnehmung sich habituell von mir unterschieden, zumindest die ehem. Stadtbewohner (Aleppo, Damaskus) kam von dem Neuling (ohne Praxis bisher), die „seien eben so (kulturell verschieden)“ – was solle man denn da schon machen? Ich redete ihm ins Gewissen: Mitmenschlichkeit, Zuwendung, Empathie, mit nur schwach angedeutetem moralischen Unterton (hier kam mir zu ersten Mal im Leben meine generationenlange Herkunft aus pietätisch-chrl. Familie zugute). Was jedoch ohne jeden Abwehr- Affekt einfach als mögliche Erweiterung des eigenen Weltbildes, oder auch angezeigtes Zugeständnis, dass ich irgendwie mehr recht hätte, einfach so hingenommen wurde.

    Aber alles ohne jede politisch-ideologische Anfeindungen, Zero ! Zero (kulturelle) Überheblichkeit, zero (ideologische) Angriffslust, zero Opferhabitus (und wir müssen´s dann richten!). Zero „die bedrohen meine Kultur“. Zero Wutbürger. Eher basale Nachbarschaftshilfe auf der Ebene „wenn ich verreist bin, kannst Du mal meine Blumen gießen?“

    Zero (selbst und einander-) Schulterklopfen, wie „anständig“ man doch sei. Eher „ich wollte eigentlich in Rente gehen und Golf spielen, aber das mit der PEGIDA hat mich so aufgeregt, ich konnte einfach nicht anders“ (über sich selbst etwas verwundert – eben gerade die Selbstzuschreibung der „Anständigkeit“ von sich weisend!).

    Warum nun das alles? Ich will hier gar nicht das Loblied auf den „anständigen Nicht-Wutbürger“ singen, weit davon entfernt ! – Aber wird hier vielleicht nicht doch die Rolle der so apostrophierten Besser-Bio etwas überschätzt? Das ist meine Frage. Es handelt sich, wie mir scheint, eher um die allerletzte Schwundstufe einer Art subkulturellen Anspruchs, „irgendwie progressiv“ zu sein – gepaart mit der Unfähigkeit, den eigenen Status in irgendeiner Weise auch nur andeutungsweise in Relation zu irgendetwas zu setzen.

    Es ist einfach nur sehr peinlich. Und an dieser Stelle vertrete ich ausnahmsweise eine Absichts- bzw. Gesinnungsmoral: Selbst wenn es sich bei dieser Besser-Bio-Blindheit, bei dieser Massen-Selbsttäuschung, um einen quasi somatischen, unbewussten Vorgang handelt, so ist dennoch die Absicht zur Selbsttäuschung zu unterstellen. Da aber das Unterfangen einer absichtlichen Selbsttäuschung dieselbe eben wegen dieses Vorsatzes verunmöglichen würde, muss die Verdunkelung dieser Absicht an andere, die dasselbe soz. Biotop bewohnen, delegiert werden. Es handelt sich also lediglich um einen besonders peinlichen gesellschaftlichen Dünkel, – für welchen aber dessen Protagonisten nichtsdestoweniger zur Verantwortung zu ziehen sind. Die betroffenen dieses Dummheit-durch-Masse-Phänomens müssen das aber schon selber erledigen.

    Was mich betrifft, wenn ich mal wirklich ganz genau darauf achtgebe, detektiere ich einen ganz schwachen, kaum zu bemerkenden Impuls zum Schulterzucken.

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    • Ich wollte einfach mal in eine andere Rolle…

      Der Besser-Bio-Erbe ist sicher nicht die Dominante, nur: Es gibt ihn und er zahlt nicht, wenn Flüchtlinge kommen. Sie sollen ja kommen, aber das gibt es eben nicht umsonst (wie manche ein wenig vorschnell suggerieren). Und als Nicht-Zahler den anderen die Angst vor dem Bezahlen als Faschismus interpretieren – genau dagegen wendet sich der Text.

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      • ja, ich hatte das mit den Faschismusvorwürfen (bzw. der Interpretation der Ängste anderer als solchen) etwas übersehen, ist ja durchaus etwas „mehr“ als nur „peinlich“. Ich meinte bloß, solche Dummheit, wenn sie in Aktion tritt und den Mund aufmacht, müsste eigentlich weh tun.

        Wie leicht sind „Faschisten“ immer die anderen, stimmt. Die Wirklichkeitsverdrängung findet ja nicht nur auf der Ebene statt, wo einige, Besser-Bio oder sonstwie Erben, sie sich leisten können – und andere aus bitterer Erfahrung gelernt haben: eben nicht, der der Kosten; die Wirklichkeitsverdrängung findet aber auch auf der Ebene des Zynismus des Faschismusvorwurfs statt (jetzt nicht mehr bloß „Dünkel“), nämlich der, dass es wirkliche, leibhaftige Menschen sind, die hierher kommen. Ohne diese Verdrängung wäre, in diese Richtung geht mein Argument, jene Interpretation von (ich würde immer noch einwerfen: bisher bloß anderen zugeschriebenen) Ängsten als „Faschismus“ kaum denkbar. Denn nicht zuletzt erzeugt diese Haltung auch erst eine Situation, in der nicht nur Unterprivilegierte berechtigte Ängste haben müssen, sondern alle. Unterprivilegierte fühlen sich wegen solcher ungerechtfertigten Unterstellungen zurecht „allein- und zurückgelassen“ (einfach aus gelernter Lektion, dass es sie treffen wird, wobei hier die Kostenfrage noch gar nicht berührt wäre) und in der Konsequenz hätten wir einen gefährlichen gesellschaftlichen Konflikt und einen Diskurs, in dem der Gedanke der Humanität ausgemerzt wäre. Diese Konsequenz nicht zu sehen, lässt auf das Nicht-Wahrhabenwollen jener Tatsache der Humanität schließen. Es ist also m.E. nicht müßig, den Dünkel jener Kreise mal ein wenig zu analysieren.

        Dass es möglich ist, hier Verantwortung zu übernehmen, sich der Tatsache jener wirklichen, leibhaftigen Menschen, die nun mal hier sind, zu stellen, ohne damit sich gleich in irgendeiner Weise (vor sich selbst) zu erhöhen, habe ich im obigen Kommentar versucht zu zeigen. Und dass es ein perfektes, sehr effektives Mittel ist, sich dieser Tatsache zu stellen und nicht die Wirklichkeit, dass hier echte Menschen angekommen sind, um eigene Ängste zu bekämpfen, ja zum Verschwinden zu bringen – genau diese Erfahrung habe ich in den vergangenen Monaten gemacht !

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  2. @ziggev Stimme Dir in allem zu und um Mißverständnissen und Faschismusschnüfflern nicht noch mehr Stoff zu geben: Ich schrieb von Problemen, die zu benennen sind, ohne das aus dem Benennen gleich ein Faschoschwein!-Verdacht wird.
    Und aus der Aufnahme von ca. 1 Millionen Geflüchteter ergeben sich Probleme, das muß klar sein. Mit dem Facebookdaumen alleine werden diese nicht zu lösen sein.

    Dass die Geflüchteten mehrheitlich aber genau vor dem Terror fliehen, über den wir aktuell alle reden (und ihn nicht repräsentieren!), das muss natürlich ebenso klar sein. Deswegen bin ich ja auch weiterhin für eine Aufnahme der so knapp Entronnenen. Nur lasse ich mich nicht von „Blankenese“ über Anstand in der Flüchtlingsfrage belehren. Mit denen rede ich wieder über Flüchtlinge, wenn auch ihr schöner Elbblick von Wohncontainern verbaut ist.

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  3. hm, ich glaube, hier gebietet es der „Anstand“, dass ich dazusage, dass ich, fast schon etwas snobistisch, es durchaus genieße, hier im schönen, waldigen und wohlhabenden Nordosten Hamburgs zu wohnen, in meinem Falle allerdings sehr günstig (nicht nur relativ, sondern auch in absoluten Mietpreisen); mir wird es also ziemlich leicht gemacht, mich zu engagieren (zeitgleich mit dem Aufrufen Deines Kommentars kam der übers Telefon die Info, dass der „Job“ als Hilfslehrer Deutsch am Montag weitergeht, und meine Zusage), da hier das Bürgerengagement sehr gut funktioniert und ich einfach durch diesen Luxus dann auch die Kraft dazu finde, überhaupt und in diesem Bereich tätig zu werden.

    ich praktizieren hier also gewissermaßen ein Idealmodell, wie es ablaufen könnte, denn Ängste sozialer Natur beschlichen mich im letzten Jahr nichtsdestoweniger; dadurch aber, tätig zu werden, wurde daraus eine Win-win-Situation. Es ist zwar nicht gerade Blakenese, aber ich empfinde die „Verbuntung“ der Gegend hier durchaus als entspannende Normalisierung, vermutlich auch, weil ich hier mir den Kopf ansonsten unbelastet von der Last, die ein sozialer Brennpunkt, jedenfalls für mich, mitsichbringen würde, ziemlich frei halten kann.

    D.h., ich verschließe gewissermaßen schon ein wenig die Augen vor hässlichen Wirklichkeiten, was aber auch bewirkt, dass ich die Ängste „Unterprivilegierter“ einfach nicht kenne. Auch daher – aber auch, weil das Engagement das genau Gegenteilige bewirkt, zu welchem ich, möglicherweise ebenfalls ein Privileg, einfach recht gut geeignet scheine -, wäre es für mich abwegig und einfach Energieverschwendung, hochnäsig mich besonders „anständig“ wähnend es mir einfallen zu lassen, möglicherweise von Realitäten umso mehr Betroffene in irgendeine Ecke zu bugsieren – oder diejenigen, die sich um diese Kümmern wollen.

    Ich lebe also bewusst und mehr oder weniger absichtlich in einer relativ sozial befriedeten Sphäre – und mache die Erfahrung, dass unter solchen Bedingungen die Rechnung, ganz pragmatisch Desintegrtion vorzubeugen, woraus sich sogar eine gewisse Bereicherung ergeben kann, recht gut jedenfalls aufgehen kann.

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    • Auch ich schwimme bezüglich moralischen Daseins in der Badewanne. Mein Privileg: Verführungen zum Bösen habe ich in den letzten Jahren nie ernsthaft erfahren und wenn, dann waren sie allesamt materiell nicht attraktiver als mein gegenwärtiges Dasein. Da lässt es sich leicht lässig sein…

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