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hirntod

Groß ist mitunter die Einfalt der Menschen und die Liebe zu ihnen gerät dann leicht zu einem ästhetisch-moralischen Hazardspiel.
Ein Kollege berichtete Paselke während der Pause einer Fortbildungsveranstaltung über genau so einen Fall, in dem Trauer und Tragik beinahe durch die ebenfalls in ihr vorhandene schwarze Komik aufgewogen wurde. Und der ging so:
Stell Dir vor Paris! Wir hatten eine junge Patientin nach einem Unfall, eine Patientin aus dem Morgenland, dunkel und schön. Und die hat nun ein Auto einfach umgefahren eine riesige Tragik. Die Familie war am Boden zerstört und wir mussten sie  auf das Schlimmste vorbereiten, mussten immer wieder sagen, dass keine Hoffnung mehr ist. Die Familie war aber träge aus Liebe zu ihrer Prinzessin, wollte und konnte es nicht wahr haben. Außerdem gab es da eine Sprachbarriere. Schließlich glaubten wir, den Weg gefunden zu haben. Glaubten dass sie nun verstanden haben und dann kam der Hirntod über die Prinzessin. Und in der Folge das unvermeidbare Gespräch über Organspende. Wir erklärten nochmals mit Hilfe eines Dolmetschers. Das Wort Hirntod fiel unsererseits und durch  Nicken gab das Familienoberhaupt das vermeintliche Signal, die Endgültigkeit des Hirntods verstanden zu haben. Wir fragten dann nach der Erlaubnis zur Organentnahme. Darüber müsse Familienrat gehalten werden, so das Oberhaupt. Und kam dann wieder mit dem Ergebnis der familiären Beratung: Ja, einverstanden! Wann ihre Tochter das neue Gehirn bekomme?…..

-wie was?

-Du hast richtig gehört, Paris: Die glaubten, wir transplantieren ihrer Tochter ein neues Gehirn und dann steht sie wieder auf und grüßt die Welt!

Das war unfassbar – einfach unfassbar und zugleich tragisch, komisch, lächerlich und schließlich nur noch bemitleidenswert – das aber auf das Unerträglichste. Paris wollte zunächst noch Witze machen, wollte sagen:

Gehirn? Mal sehen welches noch frei ist, ah hier Adolf Hitler..

aber unterlies das dann. Andererseits: Man durfte zwar nicht aber man musste einfach auch lachen. Das gibt es doch gar nicht, das kann man nicht erfinden.

Aber es hat ja niemand erfunden, Paselke nicht und nicht sein Kollege. Die Geschichte war da und wird hier erzählt, weil sie bei aller gebotener Diskretion erzählenswert bleibt. Sie ist in ihrer jeglicher Pietät trotzenden grandiosen Banalität eben lediglich Ausdruck jenes merkwürdigen Prozesses, den man ganz allgemein Leben nennt und den der Tod beendet, der ständig abläuft, roh und brutal und ohne ein irgendwie zu nennendes Ziel; ein Prozess mit kreuz und quer, vor und zurück, saltoschlagenden und vor allen Dingen sich selbst und/oder andere auslöschenden Impulsen. Ein sinnfreies Spiel der Tragik, der Komik und des Resultats aus beidem: Der Gleichgültigkeit.

Hier also zum Beispiel eine sinnlose Geschichte über eine totgefahrene Prinzessin. Und die Familie hatte naiverweise gehofft, sie mit Hilfe eines fremden Gehirns wieder zu bekommen. Und mit welcher Gleichgültigkeit die Tatsachen über diese unwissende, naive Hoffnung hinweg gingen, ja sie gewissermaßen überrollten. Paselke fragte sich, in welcher Gemütslage sein Kollege der Familie das Mißverständnis aufgeklärt hatte. Gelacht, geweint, beides? Und er bewunderte insgeheim jeden Arzt, der bei solchen Gelegenheiten mit stoischem Gleichmut einfach nur seinen Job machen konnte. Mein Gott,…

Übrigens: Als der Familie ihr Mißverständnis erläutert worden war, lehnte die eine Organentnahme dann ohne weitere Bedenkzeit ab.

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