Der Fall

Warum über Bücher reden, wenn sie selbst es viel besser können! Dieses Buch kann und es kann noch viel viel mehr. Sein Fall ist unser Fall: Ein vermeintlich tugendhaftes, unschuldiges Leben erkennt, dass es die Schuld der Anderen braucht.
Der suizidale Sturz einer Frau in die Seine ist dessen Sündenfall.

„Ein einziger Satz wird Ihnen zur Beschreibung des modernen Menschen genügen: Er hurte und las Zeitungen.“

„In Tat und Wahrheit – Sie wissen es selber genau – träumt jeder intelligente Mensch davon, ein Gangster zu sein […] Da dies nicht so einfach ist, wie die einschlägigen Romane glauben lassen mögen, verlegt man sich im allgemeinen auf die Politik…“

„Zum Richten sind wir heute immer bereit, wie zum Huren. Mit dem Unterschied, dass hier kein Versagen zu befürchten ist.“

„… sind wir alle wie jener kleine Franzose, der in Buenwald unbedingt bei einem Mitgefangenen […] Beschwerde einreichen wollte. Beschwerde? Der Schreiber und seine Kameraden lachten. ‚Vollkommen sinnlos mein Lieber. Hier beschwert man sich nicht!’ – ‚Aber wissen Sie, Monsieur’, sagte der kleine Franzose, ,ich bin eben ein Sonderfall. Ich bin nämlich unschuldig!’
Wir alle sind Sonderfälle, wir alle wollen aus irgendeinem Grund Berufung einlegen.“

„Es ist kein Gott vonnöten, um Schuldhaftigkeit zu schaffen oder zu strafen.“

„Wissen Sie was aus einem der Häuser geworden ist, die Descartes in dieser Stadt bewohnte? Ein Irrenhaus.“

„Die höchste aller menschlichen Matern ist indessen, ohne Gesetz gerichtet zu werden, und in eben dieser Mater leben wir.“

„Ich habe seit langem aufgehört zu lesen. Früher war mein Haus voll von halbgelesenen Büchern.“

„Ich wurde in der Nähe von Tripolis in einem Lager interniert. […] ich will es Ihnen nicht weiter beschreiben. Wir Kinder der Jahrhundertmitte brauchen keine anschaulichen Schilderungen, um uns derartige Orte vorstellen zu können. Vor hundertfünfzig Jahren brachten Seen und Wälder das Gemüt zum Schwingen. Heute stimmen Lager und Gefängniszellen uns lyrisch.“

Dieses Buch beschreibt also die schrecklichste Konsequenz des zwanzigsten Jahrhunderts: Die Trennung von Urteil und Gerechtigkeit also die Trennung des Urteils von der Frage nach Schuld und Unschuld. Hammer oder Amboss sind austauschbar und wer gestern noch schrie ist heute Anlass… Gott ist zwar tot, aber das Gericht bleibt. Daran führt kein Weg vorbei. Wir leben after the fall.

Dieses Buch, es ist „Der Fall“ von Albert Camus, erhält man heute problemlos in der Ramsche für einen Euro und fünfzig. Meisterwerke auf gechlortem Papier sind ökonomisch billig geworden. Inhaltlich aber werden sie es nie sein.

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