Das Benn-Syndrom

Im Mai 1933 schreibt Klaus Mann an Gottfried Benn einen Brief. Dieser private Brief wird ein Jahrhundertbrief der deutschen Literatur werden. Höflich fragt K. Mann in ihm den älteren Benn, ob es wahr sei, was er gerüchteweise gehört habe. Nämlich dass Benn sich NICHT ausdrücklich gegen die neuen Machthaber wende. Diese Gerüchte – so Mann – erführen eine gewisse Bestätigung dadurch, dass er, Benn, als einer der wenigen nicht aus der Akademie der Künste ausgetreten sei. Diesen Austritt als Folge der „deutschen Ereignisse“ habe er, Klaus Mann, von Benn eigentlich erwartet – gegensätzlich zu den ebenfalls nicht ausgetretenen Ricarda Huch und Gerhardt Hauptmann. Dann fragt Klaus Mann zunächst: „In welcher Gesellschaft befinden Sie sich da?“ und dann nach den Gründen, die Benn veranlassten zu schweigen (und schließlich im weiteren Verlauf sich für den „neuen Staat“ zu bekennen). Klaus Mann benennt einen Mechanismus: Die große zivilisationskritische Gebärde gegen eine vermutete oder tatsächliche Dominanz eines linken Literatentums. Ein Literatentum, das der damaligen intellektuellen Mode entsprechend in den verschiedenen Zeitungen „Dichtungen auf ihren soziologischen Gehalt hin prüfte“. „Das war ja wirklich zum Kotzen, und niemand hatte mehr unter denen zu leiden als ich.“ schreibt Klaus Mann weiter. Benn habe sich so sehr über dieses linke Literatentum geärgert, dass er „schließlich Nazi darüber wurde“, zitiert Klaus Mann als Urteil einen anderen Emigranten. Und fährt weiter fort: Ihn könne niemand „so weit bringen“, dass er den Geist verrate. Ein fulminante Analyse. Und verstörenderweise finden wir diesen Mechanismus heute wieder.

klmann

Benn selbst erkannte immerhin später seine Fehleinschätzung und stand damit erneut gegen eine Mehrheit der Deutschen, die ihren Fehler 1933ff wegschweigen oder wegreden wollten: „Dieser 27jährige hatte die Situation richtiger beurteilt, die Entwicklung der Dinge genau vorausgesehen, er war klarerdenkend als ich, meine Antwort war demgegenüber romantisch, überschwänglich, pathetisch.“

benn

Auch heute reden wieder viele Intellektuelle „romantisch, überwschwänglich, pathetisch“, wenn sie sich über eine unangenehme Form der stillosen, öffentlichen Selbstinzenierung zum Opfer auslassen. Und kein Zweifel ist möglich: Solche Selbstinzenierungen, Selbstvictimisierungen gibt es. Da fühlen sich manche trotz ihrer überdurchschnittlich zu veranschlagenden, ökonomischen Basis als Opfer sinistrer Machenschaften des bösen weißen Mannes, wiewohl dieser „böse, weiße Mann“ sie im ledernen Fond limusinengeschaukelt zu Preisverleihungen – Plural – fährt. Und das wird nie in Frage gestellt, diese Dialektik wird nie erkannt,  geschweige denn analysiert. Das ist ja wirklich zum Kotzen und niemand hat unter dieser falschen Selbstvictimisierung mehr zu leiden als ich (Ironienie!).

Aber ist das ein Grund, AfD zu wählen? Eher nicht. Und doch leiden da manche an dem Benn-Syndrom. Sie ärgern sich so sehr über Dumm-Links und dessen gegenderte Selbstvictimisierung mit fettem Pensionsanspruch, dass sie ganz rechts aufschlagen, ohne wirklich rechts zu sein.

Ich kann vor diesem Aufschlag nur warnen. Die Landung in der völkischen Realität ist ziemlich hart, auch wenn man sich zuvor ein wenig rechts frisiert hat. Sie findet im Zweifelsfall nämlich ohne Bremsfallschirm, Knautschzone oder Airbag statt. Und kann darüber hinaus zu Verdauungssorgen und anderen Plagen führen.

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