Ein Buch,

das einem vor Jahrzehnten schier unauslöschlich große Eindrücke erleben ließ, wirkt nun beim zweiten Lesen fad und altbacken. Die jahrzehntelang erinnerten und in der Erinnerung immer größer werdenden Bilder, die dieses Buch einst evozierte, sind wie weg. Was bleibt, ist das Erstaunen über das eigene Urteil; das hat mich mal beeindruckt?

Und es bleibt die Frage: Wann hat man sich in seinem Urteil getäuscht? Vor Jahrzehnten oder jetzt?

 

glasperlenspiel

 

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8 Gedanken zu „Ein Buch,

  1. Hesse? Schulterzucken. Hat mich nicht in der Jugend gepackt, hat mich auch zum Studium nicht bewegt. Ich war zu früh mit Sartre, Camus, Bernhard und Kafka infiziert. Hesse war damals was für Mädchen in lila Latzhosen und langen, glatten Haaren. Jene damals war aber auch ein sehr hübsche Blonde. Und so konnten wir uns schön über Hesse und Kafka in die Wolle bekommen.

    Einen dritten Versuch werde ich irgendwann zwischen 50 und 60 Jahren noch wagen. Vielleicht liest man im Alter anders und mit Hesse geht es mir dann wie mit Mozart, mit dem ich in der Jugend vor lauter Wagner und Mahler und Schönberg und Bruckner nichts anfangen konnte.

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    • Ob es bei mir zum dritten Versuch reicht und der dann wieder zu einem milderen Urteil führt? Weiß ich nicht.
      Mir war nur der Gedanke wichtig, nicht Hesse: Welches Urteil spricht wahr, das damalige oder das heutige; oder gibt es hierbei nur zeitbedingte, vorläufige Urteile?

      Wichtiger als Hesse waren ohnehin Kafka und Mann und Büchner, dazu Goethe, ein wenig später dann Joyce. Und zwar deswegen, weil man hier erkennen konnte, dass Literatur mehr ist, als nur eine spannende Story oder das Aufschreiben esoterischer Gedanken. Mit Mitteln der literarischen Kunst, also der Sprache UND der formalen Konstruktion, bildeten diese Autoren Wirklichkeit ab und erweiterten sie zugleich. Das bot Hesse nicht.

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  2. Dieses Gefühl kenne ich sehr gut. Bei Büchern wie bei Filmen. „Mal wieder diesen großartigen Klassiker anschauen – und dann: oh mein Gott was hab ich daran gemocht?“.
    Aber man täuscht sich nicht, man wird getäuscht, es ist die eigene Entwicklung, die Erfahrung, eigentlich mal wieder das Altern.

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  3. Dein Urteil fällt ungnädig aus – und doch versuchst Du uns in Deine Glasperlenspiele zu verwickeln? Feuilleton vs. Bildungssystematiker? … Freue Dich doch über Deine unschuldigen jugendlichen Freuden, die Du genossest. Ich las eigentlich nur Lem, so gut wie alles. Später wieder ein Buch ihm, eigentlich schätzte ich ihn nun um so mehr. Als ich lesend diese verpasste Jugend vor ein paar Jahren nachholen wollte, Dostojewski, Hesse, was viele so lasen, war ich enttäuscht bis entsetzt. „Schuld und Strafe“, auch wenn die neue Übersetzung sich gut liest, zugleich aber die wundervollen altertümlichen deutschen Ausdrücke beibehält, wie sie in Übersetzungen aus dem Russischen traditionell verwendet werden – über weite Strecken wie ein schlechter Entwurf für eine jener vielen Scripted-Reality-Soaps, mit denen wir uns nachmittags den letzten Nerv rauben lasen können. – „Steppenwolf“, altbacken, wie Du sagst, fand ich auch, aber ansonsten hochnotpeinliche wohlfeile Glorifizierung von armseligem Bohemen-Leben, nur noch vergleichbar mit Peter Weiß an Abscheulichkeit, gepaart mit morbidem fin de siecle. Wenn man schon nicht ohne Stereotypen auskommt, dann backt man sich eben selber welche? Und dann auch noch teilweise bei Goethe geklaut. Kriegt bei mir keine zweite Chance. Wenn Twen-Lektüren noch zur Jugend dazuzählen: „Dichtung und Wahrheit“ seitdem noch dreimal gelesen.

    Auftrumpfen kann ich aber mit „Der Tod in Venedig“. Mit 17 noch sehr beeindruckt, über 25 Jahre dann nur noch verwundert über den Gymnasiasten. Ich gebe hier aber Mann noch eine dritte Chance, wenn es sich ergibt und es passt.

    Ich glaube an Bildung im emphatischen Sinne. Irgendwann erscheint einem dann vieles als Jugendsünde. Möglicherweise fällt das spätere Urteil ebenfalls gut aus – nur dann aus anderen Gründen. Bis zu einem gewissen Alter ist man bei der Lektüre immer unschuldig.

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    • Ich hatte damals Fieber, im übertragenen wie realen Sinn und fuhr mit dem Buch ans Bett gefesselt Achterbahn. Das kommt nicht wieder und das bleibt auch.
      Zugleich ahnte ich damals schon, dass bei diesem Buch im Vergleich zu den mir bekannten „Buddenbrooks“ eine Menge Kunst fehlt.
      Das ist die subjektive Seite.

      Was mich aber ernsthaft interessiert ist die Frage aus dem Post: Welches Urteil ist gültiger? Und diese Frage kann ich eben nicht so einfach beantworten.
      Alle ästhetischen Urteile sind offenbar vorläufig. Frage: Ist das schlimm?

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  4. da ich noch unbedingt noch nachtragen muss, dass aus „Schuld und Sühne“ nicht wie oben „Schuld und Strafe“, sondern in der – soweit ich sehe, zurecht – hochgelobten Neuübersetzung „Verbrechen und Strafe“ geworden ist, auch ein paar Notizen zu Deiner Frage.

    ich habe mich kurz über den Inhalt des Werkes von Hesse schlau gemacht. Lustigerweise scheint Deine Frage ja mit mit Hesses Thema zusammenzuhängen! Also beschäftigt Dich das „Glasperlenspiel“ doch irgendwie noch? Es gibt ja die Auffassung, dass es bis zu einem gewissen Alter buchstäblich egal ist, was man liest. Hauptsache lesen. Bis eine kritische Masse erreicht ist. Siglinde Geisel schreibt auf tell in einem relativ frühen Beitrag etwas ähnliches. Aus dem Nichts kommt kein Urteil. Kriterien müssen erst entstehen. Vielleicht ist es gar nicht so gut, mit Kafka anzufangen. So verstand ich in der Schulzeit gar nicht, weshalb oder was es da zu interpretieren gab. Vielleicht fühlte ich mich ohnehin schon genug „kafkaesk“; jedenfalls fand ich, „dass da doch schon alles stand, ‚wie es ist'“. Gerade deshalb in die Selbstreflexion einzusteigen – dazu war ich noch nicht bereit. Dennoch war es vielleicht ein „Bildungserlebnis“. Kafka lesen werde ich allerdings nie wieder. Vielleicht gibt es in solchen Fällen etwas wie ein vorbewusstes Wissen, dass da etwas Qualität hat. Was aber Qualität ist, dafür hast Du ja in Deiner Antwort auf bersarin selber Kriterien geliefert. Bei mir war es Proust, durch den ich erst spät verstand, dass Literatur tatsächlich eine eigenständige Kunstform ist. Insofern gilt möglicherweise eher das spätere Urteil. Nur sind Bildungserlebnisse immer je eigene, glücklicherweise. Deshalb wehre ich mich dagegen, Kriterien aufzuzählen und zu benennen, die es uns erlauben würden, etwas als sagen wir: „qualitativ hochwertige Literatur“ zu bezeichnen. Das Ziel ist nicht, so vorzugehen, um dann top-down vorgehen zu können und definitiv seine Urteile zu fällen. Die Subjektivität spielt, glaube ich, eine Rolle. Es kommt darauf an, welches „Bildungserlebnis“ es zuletzt gewesen ist, damit das Urteil – ich würde eher sagen die Erkenntnis -, dieses oder jenes Werk besitze eine gewisse Qualität, zustande kommen kann.

    Wir haben es weniger mit Selbstoptimierung (als Kritiker) denn mit Selbstkultivierung zu tun. Mit wachsender Leseerfahrung verlangt das lesende Selbst nach Literatur, die besser geeignet ist, die Wirklichkeit zu erweitern, wie Du schreibst. Das heißt nicht, dass das nur subjektiv ist. Sieglinde Geisel gibt bei ihrer Diskussion von Trivialliteratur Negativbeispiele, die offenbar darauf angelegt sind, solche Bildungserlebnisse zu verhindern. D.h., dass ein Werk verhindern will, dass die Subjektivität des Lesers mit ihm in einen Dialog eintritt. Dieser Umstand wäre objektiv festzumachen. Ich glaube, dass es nicht schlimm ist, dass ästhetische Urteile „nur“ vorläufig sind. Willst Du das vermeiden, musst Du aufhören zu lesen. Die Vorläufigkeit liegt in der Natur der Sache. Literatur ohne Leser, was ist das? Es ist ein Prozess, noch einmal, ein Bildungsprozess. Es kann sich z.B. ergeben, dass das erste revidierte („falsche“) Urteil sich später als eine z.T. richtige Erkenntnis herausstellt. Ich habe den Fehler gemacht, Proust zweimal zu lesen. Seitdem treffe ich nur noch feststehende Urteile und gefällt mir nur noch selten etwas. Dazwischen lag aber der „Doctor Faustus“, den ich Satz für Satz nur so in mich hineinträufeln ließ und dergestalt genussvoll absorbierte. Jetzt lese ich, dass Mann sich für denselben vom „Glasperlenspiel“ inspirieren ließ. Deine spätere Enttäuschung ist für mich nun Anlass, obwohl ich Hesse so gar nicht mag, das „Glasperlenspiel“ vielleicht auch einmal zu lesen. Sofern nochnicht gelesen,führe Dir einmal den“Doctor Faustus“ zu Gemüte. Ich stelle mir vor, das Du dann wiederum Dein späteres Urteil noch einmal in anderem Licht siehst.

    Obwohl ich mit Proust an ein Ende gekommen bin, mit der Zweitlektüre, der ziemlich genau 10 glückliche Lektürejahre seit der ersten vorangingen, sodass mir jetzt wahrscheinlich vieles entgehen werden wird und bereits entgangen ist, glaube ich an den offenen Erkenntnisprozess und die Entwicklung der Subjektvität

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    • Dem ist eigentlich nichts hinzu zu fügen. Es gibt keine Wertigkeit der Urteile, allerdings unterschiedliche Bildungsniveaus, auf dem sie gefällt werden. Wobei ich nicht mag, wenn dem Gebildeten seine Bildung vorgeworfen und als „elitär“ verunglimpft wird. Wer gut begründen kann, warum Proust eine andere Lektüre ist als Harry Potter, hat immer meine Bewunderung. Du merkst, ich spreche von einer anderen, nicht einer besseren Lektüre.

      Zu einer Sache MUSS ich noch Stellung beziehen: Soso du empfiehlst mir „Doctor Faustus“. Mal sehen, eigentlich wollte ich mir mit meiner DRITT-Lektüre aber noch ein wenig Zeit lassen…

      (hierzu noch: Mann erhielt, als er den „Faustus“ konzipierte, Hesses „Glasperlenspiel“ nach L.A. geschickt und wunderte sich über dieselbe Idee der „fingierten Biographie“. War dann aber beruhigt, dass vieles doch „schwach“ war. Der Lobbrief in die Schweiz konnte abgehen)

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  5. ganz richtig, summa! Es gab keinen Grund, anzunehmen, dass Du diesen meinen Mann-Favoriten NICHT kennst. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass ich im letzten Moment noch ein „Sofern nochnicht gelesen“ einfügte, – wie Du schon an der nachlässigen Leerzeichensetzung ersehen kannst. Ich weiß natürlich, dass Mann, die Manns bei Dir nicht nur vom Namen her bekannt sind.

    Ich bin immer sehr empfänglich für solche kleinen Anekdoten in Parenthese.

    Und: Sehr erfrischend, Deine Stellungnahme. Manchmal muss es nicht nur sein, sondern ist es „notwendig“ – im hegelschen Sinne, nicht wie in der formalen Logik definiert -, das Schneckenhaus der eigenen Subjektivität zu verlassen.

    Verzeih mir also bitte diesen kleinen Fauxpas, der allerdings für ziemliche Heiterkeit sorgte im Hause ziggev heute.

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