Die Verachtung der Bratwurst

 

1

So jetzt haben wir uns alle lange genug (lange? naja eine und eine halbe Woche) über die unbestreitbare Dummheit und Irrelevanz gewisser „Debatten“ und deren ebenso unbestreitbar ungute Rolle beim Hochkommen der Neuen Rechten aufgeregt. Zu Recht wie zu konstatieren ist. Aus den alten „Nebenwidersprüchen“ der 68er waren in den letzten Jahrzehnten Hauptthemen geworden. Das ehemalige Hauptthema, die soziale Ungleichheit, die Ausbeutung, geriet in Vergessenheit. Bei beiden Themen stimmt übrigens die Behauptung einer Automatik nicht. Weder löst die Auflösung des Hauptwiderspruches alle Nebenwidersprüche auf wie 1968 vermutet. Noch kann die Lösung linksidentitärer Fragen den sozialen Widerspruch lösen. Folglich stimmen auch die Vorsilben nicht. Das nur nebenbei: Jedenfalls führte diese einseitige Fokussierung auf die Identität zu einem massiven Kommunikationsproblem. Weite Teile der Bevölkerung erkannten sich nicht wieder. Dieses Unverständnis der Provinz wurde aber nicht als das angesehen, was es ist, nämlich als ein Aneinandervorbeireden. Vielmehr wurde es durch uns Städter als Ausdruck humaner Rückständigkeit gesehen. Teilweise wurde der Bratwurstgriller der Provinz regelrecht verachtet – und er verachtete zurück. Solche Stimmungen sind immer eine Einladung für Demagogen. Wer eine ganze Bevölkerungsschicht qua Vorwürflichkeitsdiskurs außerhalb der Gemeinschaft parkt, darf sich nicht wundern, wenn das rechte Sammeltaxi vorfährt. Und diesem schrecklichen Prozess wohnen wir ja gerade bei. Wie kam es zu dieser Verschiebung der Platten? Was war am Anfang?

2
Im Anfang war 1990. Weltgeschichtliches passiert. Ein System, der real existierende Sozialismus, falliert gerade aufgrund innerer Tragunfähigkeit. Die politische und moralische Statik war dahin und man hatte als Linker damals zu akzeptieren, dass die Statik offenbar von Anbeginn ein wenig falsch berechnet gewesen war. Hatte Anfangs noch die Gegnerschaft des Sozialismus zu dem einen unbestreitbar Bösen des 20. Jahrhunderts, zum Nationalsozialismus, die wackelnde Statik ein wenig abstützen können, so war im geschichtlichen Verlauf auch diesem falschen Grund das Fundament zerbröselt. Wer selbst böse geworden war – vielleicht schon immer war? -, konnte sich dauerhaft nicht auf die Gegnerschaft zum Bösen berufen. Schlicht eine moralische Contradictio in adiectio.
Wilde Diskussionen schlossen sich an. Die Linke selbst auf der Anklagebank. Haben „wir“, die Westlinken, Anteil am Ende des Sozialismus oder hat das mit „uns“ nichts zu tun? Die Äquivalenz der Fragen zu heute sticht ins Auge. Und meine Antwort – damals wie heute – ist klar. Man HAT damit zu tun.
Somit meine Frage: Könnte das nicht eine der Ursachen für die tektonische Dynamik innerhalb der linken Diskurse gewesen sein? Eine durch 1990 narzisstisch gekränkte Linke suchte ein neues Betätigungsfeld und fand es in den bürgerlichen Brüchen der Identität? Was ja auch nicht unberechtigt war. Und zunächst fruchtbare Ergebnisse erzielte. Jedoch eines Tags, und der Tag der war blau…
3
Ja, eines schlönen, blauen Tages musste doch selbst der hartgesottenste linke Diskursler erkennen, das da irgend etwas nicht so ganz nach Plan lief mit seinen „Diskursen“. Denn ebenfalls äquivalent zu 1968 sah man auch nun im kulturell explorierten Umfeld allüberall den Faschismus sprießen, auch da, wo er objektiv nicht anwesend war. Da reichte dann der Verzicht auf Gender-Suffixe und ein bischen Schweinefleischverzehr, um durch eine Diskurspolizei außerhalb menschlicher Zusammenhänge gestellt zu werden. Ich erspare mir wie den Lesern eine Aufzählung der teilweise grotesken Fälle. Eine polemische Übertreibung, sicher, aber so falsch?

Und noch eine Äquivalenz zu 1990 fällt auf: Die damals zu beobachtende Verachtung der DDR-Bevölkerung durch Westlinke (Die haben unseren sozialistischen Traum kaputt gemacht!) hat eine heutige Entsprechung. Das Sachsen-Bashing.

Wie es weiter geht, weiß niemand. Diese gegenseitige Verachtung Stadt versus Land, Ost versus West zurückzuschrauben, dauert Jahre. Ein zutiefst gespaltenes Land. Eine falsch justierte Einheit. Mit falschen Justierungen links wie rechts (zu rechts siehe hier). Derweil nehmen ganz andere Gegner diese Demokratie ins Visier. Gefährliche Gegner, das neue Böse. Und machen den Keil, den auch wir (ohne Anführungszeichen) geschlagen haben, zum Hebel.

Als ich als blutjunger Mann 1990 erlebte, las ich Heiner Müller. Der sagte damals: Das Ende der BRD werde er nicht mehr erleben. Ich war mir sicher, dass ich das auch für meine Lebensspanne sagen konnte. Ein historischer Umsturz reicht. Imperfekt: Ich war mir sicher…

wurst

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s