Essay 5

Opferpathos, Widerstand und Freiheitswille der Neuen Rechten

„…und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.” (Thomas Mann 1930, „Deutsche Ansprache”)

1

Eines der irritierensten Phänomene der Neuen Rechten ist die Tatsache, dass sie selbst sich als Opfer eines orwellschen „Wahrheitsministeriums”, also einer Diktatur sehen. Dieses Ministerium ist natürlich keine tatsächlich greifbare Entität. Gemeint ist vielmehr eine quasi-diktatorische, öffentliche Stimmung, die in jahrzehntelanger, links-liberaler Medienhegomonie entstanden sein soll. Diese linksliberale Medienhegomonie produziere Sprechverbote und wirke normativ gegen ein normales bürgerliches Leben und für das Leben von Außenseitern. Die normale Mitte – was immer das ist – werde nicht mehr wahr genommen, komme in gesellschaftlichen Debatten nicht mehr vor. So in etwa der Kritikpunkt der Neuen Rechten. Und  wie bei allen gesellschaftlichen Regungen ist in dieser Hegomoniebehauptung auch eine gewisse, „relative Wahrheit” (Thomas Mann 1930 über die Wahlerfolge der NSDAP) zu finden, denn die diktatorische Diskurskultur der letzen Jahre war in der Tat mehr als kritikwürdig. Aber hier schon beginnt die Analogie der Neuen Rechten zu den Linksradikalen: Aus der zutreffenden Einzelbeobachtung leiten sie das Bild einer linksautoritär dominierten Gesellschaft ab, mit Sprechverboten, Unterdrückung und Unfreiheit. Die konzeptionelle Ähnlichkeit zur linksradikalen Behauptung, die Bundesrepublik sei ein „faschistischer Staat“ ist evident.

So sehen sich die Neuen Rechten im Widerstand, und entnehmen aus der Ikonografie des Antifaschismus einen Teil ihrer Embleme. Auf der Website Halleleaks sieht man unglaublicherweise ein Bildnis von Hans und Sophie Scholl, worunter steht: „Hans und Sophie wären heute bei uns!“ Dass das Bildnis der Beiden von einer DDR-Briefmarke abkopiert worden ist, also eine Verbindung zum insgeheim bei den Neuen Rechten bewunderten, autoritären Staat DDR besteht, ist nur vordergründig ein Zufall. „Wir marschieren, der nationale Widerstand!“ skandierten Neonazis u.a. des sog. Thüringer Heimatschutzes schon in den 90er Jahren. Widerstandsrethorik. Auch die kommt ursprünglich von links.

Und weiter nicht unerwähnt bleiben kann das Selbstbild der Neuen Rechten als die „Juden von heute”. Eine alberne und stümperhaft gebosselte Aktion eines Werbefuzzys (#keingeldfürrechts) wird dann mit den Boykottaufrufen der NSDAP gegen die Juden verglichen. Auch diese Maßlosigkeit in den historischen Vergleichen, eine eigentlich linke Spezialität, ist nun also rechtsaußen aufgeschlagen.

In der Summe sind damit die Neuen Rechten genau da gelandet, wo sich sonst die Linken aufhielten: In der Opferfalle! Ich bin ein Opfer des Systems und leiste Widerstand, schallt der Ruf nun von rechts, wo genau derselbe Ruf doch vormals von links kam…

2

Neben der Opferbehauptung, die ja bekanntlich immer mit einer Opfernotwendigkeit einher geht, – es ist nur zu fragen, wer das zukünftige Opfer sein wird! – neben dieser Opferbehauptung also kommt noch ein zweiter Erzählstrang hinzu, der den Neuen Rechten ihren Empörungstreibstoff liefert. Die Behauptung der Unfreiheit! Dieser zweite Erzählstrang ist wie in jedem guten Roman nichts anderes als eine Variante des ersten. Ja sie fühlen sich unwohl im eigenen Land , unfrei, okkupiert (aber von wem bloß?) also als (s.o.) Opfer und gehen deswegen in den unnatürlichsten Zustand über, in den eigentlich konservativ Gesinnte geraten können. In den Zustand der Revolte. Groteskester Ausdruck dieser Revolte sind sicherlich die sog. Reichsbürger. Es ist eine Revolte gegen Chimären, von Menschen, die in keinem psychometrischen Test irgendwie auffällige Ergebnisse zeigen würden. Unfreiheit wittern, wo gar keine ist. Und aus der Fehlwahrnehmung eine Notwendigkeit zur Revolte ableiten. Ich wüsste nichts, was gefährlicher wäre.

Bereits ein Nazilied, dessen dritte und vierte Zeile jeder kennt, hat diese gefühlte Unfreiheit zum Thema: „Freiheit das Ziel/Sieg das Panier. Führer befiel/wir folgen dir.” Gemeint war dieser Blödsinn als Befreiung von allen Werten, die den Bedürfnissen der damaligen Völkischen entgegen standen. Diese als volksfremd behaupteten Werte – westlich, demokratisch – spielte seinerzeit in etwa dieselbe Rolle wie heute die political correctness, nämlich die Rolle des „Volksunterdrückers”. Und diesen Unterdrücker, also die Republik galt es mit allen Mitteln zu bekämpfen, so das damalige, völkische Narrativ. Da half nur die permanente Revolte, das permanente Inganghalten der demagogischen Drehorgel, die permanente Gewalt – also: Die freche Installierung und anschließende, vorwürfliche Behauptung eines permanenten Ausnahmezustands als politische Waffe! Ist es heute so anders? Thomas Mann jedenfalls erkannte 1930 schon die Eigentümlichkeit dieses völkischen Freiheitsbegriffs, der sich endlich im Austoben von Gewalt auslebt, ohne „unfrei” machende Fesseln der „westlichen” Vernunft.

„… Die Gewalt beweist sich selbst damit, sonst nichts, und das ist auch nicht nötig, denn alle Rücksichten außer ihr sind gefallen, die Menschheit glaubt nicht mehr an solche und ist also ‚frei’ zu ausgelassener Gemeinheit.”

und über den politischen, gegendemokratischen Politikstil seiner Zeit:

„Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase. Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.”

Wir wollen hoffen, dass diese Politik des „Massenopiats”, der „epileptischen Ekstase”, also des Wutbürgers nicht mehrheitlich mit Freiheit verwechselt wird. Und dass die Lächerlichkeit des völkischen Widerstandspathos immer mehr Deutschen aufgeht. Ich kann diesem Land, diesem Volk – ja richtig gelesen -, dieser Bevölkerung, uns allen und damit zuletzt auch mir selbst nur wünschen, dass wir uns von den unfrei machenden Fesseln des Völkischen befreien. Ein Befreien ganz ohne Anführungszeichen. Denn Freiheit gibt es nur jenseits des völkischen Wahns.

deutsche-ansprache

Advertisements

2 Gedanken zu „Essay 5

  1. Die These von der Diktatur der Gutmenschen ist natürlich haarsträubender Unsinn, hat aber einen wahren Kern. Wenn Teile der Linken in der Sprache und Alltagskultur der Arbeiterklasse die Ursachen aller Übel sehen, kann sich die AfD zum Sprecher der einfachen Leute aufschwingen.

    Gefällt mir

    • Ja, den wahren Kern sehe ich auch so.

      Ich sprach immer vom „Anteil“, den diese merkwürdige Diskurskultur am Hochkommen der Neuen Rechten hat. Woraus manche wieder die Behauptung sogen, ich und meinesgleichen würden z.B. die Genderforscher alleine „schuldig“ sprechen. Das hat im Ernst niemand behauptet, kann aber eben leichter „widerlegt“ werden. Weswegen es ja auch behauptet wird…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s