Legende vom Schiffbruch

Ein Schiffbruch zwang einst die Überlebenden auf eine einsame Insel. Auf dieser Insel war alles Notwendige in Hülle und Fülle vorhanden, Nahrung und Süßwasser. Dennoch kam des nachts das Heimweh und bohrte sich in die Gehirnwindungen hinein wie die Muschel in die Planken, nistete dort und gab wohldosiert seine Wirkstoffe ab.
Man gestand sich gegenseitig das Heimweh und einigte sich darauf, gemeinsam die Flucht vorzubereiten. Als hilfreich erwies sich das Überleben des Schiffszimmermanns. Und zugleich war ein geretteter Passagier ein Schiffsbauingenieur, so dass zum Bau eines Schiffes mehr als ausreichende Fachkompetenz vorhanden war. Alles ging zunächst gut vonstatten. Der Rumpf lag auf, wurde beplankt.
Aber die Neigung des Menschen zur Spekulation war auch auf der Insel nicht verkümmert. Und so bildete sich bald eine Gegenbewegung zum Schiffbauer, zur „übertrieben“ rationalen Sicht auf das Ganze: Federführend war der „Philosoph“ Schrieschrie. Er hatte in tiefer Versenkung erfahren, dass man genauso gut in einer Vollmandnacht nach Osten die Hüften schwingen könne, dann werde der Geist der Hoffnung kommen und alle heimwärts reiten. Freiheit gegen die Diktatur des Ingenieurs, so Schrieschrie im Kreis seiner Jünger.
Ein zwischenzeitliches Stocken der Arbeit – etwas, was immer passieren kann und was keineswegs ein Scheitern des Gesamtprojekts bewies – verstärkte diese „Lehre des Schrieschrie“, galt sofort als deren Beleg. Intellektuelle fanden sich, die von konkurrierenden, gleichwertigen „Narrativen der Wirklichkeit“ redeten. Der Ingenieur habe seine Sicht zu belegen und die absolute Sicherheit der Heimkehr zu garantieren. Als er nur von Wahrscheinlichkeiten sprach
Garantieren kann ich nichts. In der Wissenschaft gibt es Wahrscheinlichkeiten keine Garantien
, war es vollends vorbei mit der Einigkeit. Wahrscheinlichkeiten biete Schrieschrie auch. So die postmoderne Behauptung. Was sei schon Wirklichkeit, wenn die Möglichkeit winke. Und: Es gäbe „alternative Wirklichkeiten“, „gefühlte Wahrheiten“, deren Plausiblitäten nicht hinter Ingenieursrationalitäten zurück stünden. Zwei konkurrierende Metaphern der Wirklichkeit stünden zur Wahl, nichts anderes. Kein Grund, das eine wahrer zu nennen als das andere – so diese Intellektuellen ganz ohne Not oder Notwendigkeit. Und sie erhielten Beifall… Schließlich würfelten manche sogar aus, wie sie sich entscheiden sollten. 2, 4, 6 der Ingenieur – 1. 3, 5 Schrieschrie.

Wie die Geschichte ausging? Vielleicht so: Der Ingenieur und seine Truppe kamen nicht durch, das Schiff sank, diesmal war keine gnädige Insel in der Nähe. Und Schrieschries Gemeinde wurde gerettet, aber nicht aufgrund der vollmondlichen Hüftschwunggebete sondern durch die Kriegsmarine. Was den Geretteten zum Anlass wurde, Ingenieursweisheit zu verspotten und sich sowohl intellektuell als auch in lebenspraktischer Hinsicht überlegen zu fühlen. So stumpft die Reflexion das Denken.

flomed

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4 Gedanken zu „Legende vom Schiffbruch

  1. summacumlaude, Du vergisst aber diese eine besondere Sekte unter den Schrieschrei – ich erlaube mir diese Umbenennung – Anhängern, die natürlich dessen Interpretation, dass alles Interpretation sei, zwar anerkannten, dann jedoch – far out! – eine sehr abwegige, aber nicht vollständig unplausible Interpretation der Welt zu unterbreiten sich anheischig machten, ganz wild:

    Die Metapher der Wirklichkeit lasse sich stimmig als solche, wie sie sie von alten Erzählungen des Kapitäns her kannten, und Mythen eines triftigen Urasche-Wirkugs-Verhältnisses, weitererzählen. Selbst die wunderbare Rettung durch die Kavellerie würde als eben jene Geschichte weitererzählt werden können.

    Und so sitzen sie immernoch – ich bin dabei gewesen – an Lagerfeuern, und erzählen sich jene Geschichte von der Wirklichkeit und der Unumkehrbarkeit des Ursache-Wirkungs-Verhältnisses.

    Du wirst es nicht glauben, aber einige jener Heranwachsenden, die mit großen Augen lauschten, ja, die begannen an diese seltsame Geschichte zu glauben. It happend, believe me !!!

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    • Ich glaube jede Geschichte, solange sie GUT erzählt ist.
      Aber: Ich glaube weder an die absolute Erkenntnis noch an die absolute Relation. Es gibt Näherungen. Damit müssen wir uns abfinden. Und ich denke doch, dass in diesem Fall der Ingenieur bei der eingegrenzten Fragestellung: Wie kommen wir nach Hause? ganz profan gesagt einfach „näher dran“ ist.

      „AH, Herr Ingenieure!“ so Settembrini zu Hans Castorp, der ja auch ein Ing. war. Und ein „Sorgenkind des Lebens“.Wie auch Musil z.B.. Ingenieur und Melancholie, das passt nämlich durchaus.

      Mich nahm mal – es waren noch meine Tramperzeiten – ein Ing. im schicken BMW mit von Berlin nach Hamburg. Er erzählte, von Bulgakow, von Scholochow. Und fragte dann, ob ich noch Zeit hätte, in die Pilze zu gehen. Er kenne da vor Schwarzenbeck eine vorzügliche Stelle…
      Das nächste Mal nahmen mich Revoluzzer mit, mit Che-Mütze und einer deutschsprachigen, cubanischen Zeitung. Die redeten die ganze Fahrt über von Fidel Castro.
      Rate mal, welche Fahrt spannender war? Der Segeltörn oder der Hüftschwung zur Vollmondnacht?

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      • kommt auf die Pilze an. Dieselben zu nehmen mit selbstgerechten und Che-Mützen-Bewehren und ihrer Rechthaberei hätte ich jedenfalls unter allen Umstände vermieden. Horror-Trip vorprogrammiert. Aber so gesehen ist der Horror-Trip immer vorprogrammiert. Also immer zu vermeiden.

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