Essayistische Anmerkung

Die historische Schuld ihrer Altvorderen abzustreifen war eine der dominanten Antriebskräfte der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg. Das geht vom Wirtschaftswunder/West resp. Aufbau des Sozialismus/Ost über das Jahr 1968 zum unfreflektierten Philosemitismus im Einheitsjahrzehnt 1990ff – bis hin zu Höcke.
Die Reaktionen auf die schwere Schuld könnten unterschiedlicher nicht sein, das Motiv ist allerdings immer dasselbe: Die Schuld loszuwerden. Irgendwie. Egal wie.

Neuerdings glauben einige, den Freispruch ganz anders erlangen zu können: Via Hirnforschung! Das Gehirn wars, das mich schuldig werden ließ. Dieser Satz ist aus Sicht eines biologischen Naturalisten ein logisches Eigentor. Denn wenn auch das Ich und das Gewissen stofflicher Grundlage ist, kann man formal logisch die Verantwortung für Handlungen nicht auf das Stoffliche, auf das Organ, in dem das Gewissen stattfindet, wegprojezieren. Ein solches Denken würde ja bedeuten, dass es neben dem Gehirn und dessen Ausdruck – Bewußtsein genannt – noch ein ganz anderes, unschuldiges Ich gibt. Kurzum Gehirn und menschliches Bewußtsein wären zweierlei.

Auch bestreitet dieses Denken das, was man als Plastizität, Formbarkeit oder Lernfähigkeit des Gehirns sehr wohl kennt; übrigens auch eine Erkenntnis der Hirnforschung. Dem Gehirn diese Lernfähigkeit abzusprechen ist schon biologischer, teleologischer Unsinn, wenn schon nur diese Ebene gültig sein darf. Freilich bedeutet das natürlich auch, dass das Gehirn in beide Richtungen verformbar ist. „Wir können, wenn wir nicht über ihn wachen / ihn uns über Nacht auch zum Mörder machen.“ Hier ist das Geheimnis des Bösen schon eher versteckt. Das Gehirn kann eben auch ins Böse gependelt, gemeißelt, manipuliert werden.

Summa summarum: Auch dieser Versuch, die Schuld zu entsorgen, verfängt nicht. Das böse Gehirn als Verantwortungsort des an sich guten Menschen, des guten Deutschen – das ist die biologistische Variante des „patriotischen“ Traumtänzers Höcke.

schuld

Bildnachweis: Heinrich-Böll-Stiftung

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