Die Provinzlesung

Paselke hatte sich Jahr um Jahr wie alle anderen auch den Untiefen des Alltags gestellt, ist Tag um Tag aufgestanden, um zunächst Vaterpflichten nachzukommen, noch bevor die Mühle des Arbeitslebens ihn durchschüttelte wie ein Astronautentraining. Nun endlich nach über einem Jahrzehnt Abstinenz war seine literarische Neigung wieder hinter der Alltagsfirniß hervorgekrochen und wollte in die Welt. Dazu hatte er – gewissermaßen als warmup – über Freunde eine Lesung in der brandenburgischen Provinz organisiert. Er sollte zusammen mit einem anderen Doppelkollegen, Schriftsteller und Arzt, lesen. Dazu lockerte ein Gitarrist die formal gestrengen Herren und deren Publikum auf. Den Kollegen konnte man als Lokalmatador bezeichnen, es war ein dort ansässiger, älterer Internist, und Paselke witzelte vom Auswärtsspiel, bei dem die Tore doppelt zählten.

Die Lesung verlief wie er es von früher kannte, mit einer Phase des Warmlaufens, der ersten Unsicherheit, aber als die ersten Pointen saßen, rutschte der Rest von alleine durch das Nadelöhr. Er erzählte von Patienten, die auf die Fragen des Arztes ihrer leeren Colaflasche eine Antwort gaben und dann über den Flaschenhals ein amphorisches Geräusch bliesen, um ihre Visionen zu bekräftigen; er erzählte dem Provinzpublikum von einer Limousine, deren wie durch Zauberhand geschehenes Einparken er vom Aufenthaltsraum der Intensivstation aus beobachtet hatte. Und dann stieg auf der Fahrerseite eine Muslima mit tailliertem Mantel und Kopftuch aus und vom Beifahrersitz offenbar ihre Tochter mit pupertär genervtem Blick und einem nabelfreien Top. Magnetisch folgte sie ihrer Mutter zur Rettungsstelle und später erfuhr Paselkes literarisches Ego in der Geschichte, dass sie dort wegen Unterleibsschmerzen vorstellig geworden und ambulant geblieben war. Harnwegsinfekt, diese typische Entzündung pupertär bekleideter Citygirls kennt keine kulturellen Unterschiede. Und er erzählte von einer Kindheit an der Ostsee wie dort in den 70er Jahren Oberschenkelamputierte mit den damals noch gebräuchlichen Achselstützen ans Wasser krückten, diese in den Sand einwühlten, um dann einbeinig die letzten Meter ins Wasser zu hoppeln. Und wie Paselkes Ego dann später daran denken musste, als seine Geschichtslehrerin von den vielen Krüppeln nach dem Krieg erzählte

man sah viele Krüppel, es ist ein fürchterliches Wort, nicht wahr!

so die Lehrerin und dann schwieg auch sie gerade so wie ihre Schüler. Der einbeinige Kriegskrüppel wird in der Geschichte nicht wieder auftauchen, verschluckt von de Ostsee, in finaler Erwartung

torpedoblauer Haifische

die es in der Ostsee gar nicht gab. Das triviale Ersaufen ersetzte den Heldentod. Auf die „torpedoblauen Haifische” war der Hobbykünstler Paris Paselke besonders stolz gewesen im Erwachen der Erkenntnis nach dem Schöpfungsakt, als ihm klar wurde, welches Sprachbild er gerade erschaffen hatte…

Ja, und dann natürlich sein damaliger, erzählerischer Höhepunkt, die Erzählung von einer klinischen Sektion, die die Suche nach einem Sepsisherd zum Auftrag gehabt hatte und die ihn auch fand: Ein alter Granatsplitter war es gewesen, der den Tod herbeigeführt hatte. Also doch in Stalingrad gestorben. Paselke las und las sich in den Rampenrausach – und war dann fertig. Freundlicher Applaus, kurz und milde, ein Hut wurde gereicht.

Es war niemand von den speziell Eingeladenen erschienen, die man Im Rahmen der sozialen Medien „Freunde“ nennt, nun, der Weg war eben sehr weit, was solls. Wenn auch ein wenig Unterstützung im Auswärtsspiel sicher gut getan hätte. Vielleicht kommt ja aus dem Publikum noch die eine oder andere Nachfrage. Vielleicht hat man doch den Einen oder die Andere angeregt zur Reflexion, in sensitive Unruhe versetzt. Und richtig, da eine Zuhörerin ging geradewegs auf ihn zu. Was wird sie fragen? Ist es die aktuellere Geschichte, die sie zu ihm trieb oder doch die gewaltigeren, den ungeheurlichen Ausschlägen der deutschen Geschichte verpflichteten? Fragt sie gar nach der Möglichkeit eines Bucherwerbs? Paselke beugte sich vor…

Herr Doktor, mein Mann, der hat nämlich Diabetes und ich wollte mal fragen, gerade weil Sie da sind, ob er richtig therapiert wird, ich meine gestern, da ging es ihm schlecht, nur so allgemein…

Paselke blieb natürlich höflich und erledigte diese völlig überflüssige Angehörigenfrage routiniert wie es sich für einen alten, klinischen Hasen gehört. Eines wurde ihm aber erst später klar: Eine Rose mag manchmal gar keine Rose sein, aber ein Arzt bleibt immer ein Arzt, den Menschen von Anbeginn bis zum Ende ins  Bett gelegt wie ein Stofftier und wie eine Grabbeilage.

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